{"id":13621,"date":"2023-09-24T16:47:34","date_gmt":"2023-09-24T14:47:34","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=13621"},"modified":"2023-09-24T16:47:35","modified_gmt":"2023-09-24T14:47:35","slug":"der-globale-wald-yasuni","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=13621","title":{"rendered":"<strong>Der globale Wald Yasun\u00ed<\/strong>"},"content":{"rendered":"<p><em>Albert Denk. <\/em><strong>59 Prozent der W\u00e4hler stimmten am 20. August daf\u00fcr, dass im Nationalpark Yasun\u00ed die weitere \u00d6lf\u00f6rderung verboten wird. Die Entscheidung gegen die \u00d6lf\u00f6rderung im Yasun\u00ed-Regenwald ist deutlich mehr als eine lokale Abstimmung.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Gibt es \u00fcberhaupt noch Orte und Menschen auf dieser Welt, die nicht globalisiert sind? Im ecuadorianischen Yasun\u00ed-Regenwald sind zumindest einzelne Gruppen bekannt, die den Kontakt zur Au\u00dfenwelt vermeiden. Noch. Denn durch die globale Nachfrage nach \u00d6l und Holz sind die weitestgehend isolierten Indigenen der Huaorani vom Aussterben bedroht. Diese Gruppen haben den Inkas und den spanischen Konquistadoren getrotzt. Ihren Kampf gegen den globalen Kapitalismus schienen sie hingegen bis vor kurzem noch zu verlieren. Ein Referendum am 20. August 2023 hat dies nun ge\u00e4ndert.<\/p>\n<p>Bei der ecuadorianischen Parlaments- und Pr\u00e4sidentenwahl stimmte die Bev\u00f6lkerung auch \u00fcber die \u00d6lf\u00f6rderung im Yasun\u00ed ab. Dabei handelte es sich um die erste Volksabstimmung Ecuadors, die durch eine soziale Bewegung initiiert wurde. Im Ergebnis hat sich eine Mehrheit mit rund 60 Prozent der Stimmen f\u00fcr das Ende der weiteren \u00d6lf\u00f6rderung im Yasun\u00ed entschieden. Bereits im Vorfeld \u00fcberschatteten mehrere Morde durch Drogenkartelle den Wahlkampf. Deutlich wurde dabei, dass die lokale Andenregion grundlegend durch globale Prozesse wie die, zuletzt massiv zunehmende Nachfrage nach Kokain im Globalen Norden beeinflusst wird.<\/p>\n<p>Der Yasun\u00ed ist im Speziellen ein Paradebeispiel zum Verstehen der Globalisierung. Die offenen Adern Lateinamerikas sind dabei zum gefl\u00fcgelten Wort f\u00fcr jahrhundertelange Ausbeutungsprozesse und einer globalen Arbeitsteilung zwischen dem geopolitischen S\u00fcden und Norden geworden. In der Folge entstand eine bis heute fortwirkende, strukturelle Abh\u00e4ngigkeit zwischen den Prim\u00e4rg\u00fcter-exportierenden L\u00e4ndern und den industrialisierten, globalen Zentren.<\/p>\n<p>Ecuador stand knapp 300 Jahre lang unter der Kolonialherrschaft von Spanien. Sp\u00e4testens seit Beginn des 20. Jahrhunderts ist es ein bedeutendes Exportland aufgrund seiner Plantagenwirtschaft von etwa Bananen, Kaffee und Kakao. Global betrachtet, kommt heute beispielsweise fast jede dritte Banane aus Ecuador. Die \u00f6konomische Macht des Bananenhandels wird auch darin deutlich, dass mit Daniel Noboa der Sohn eines millionenschweren Bananenunternehmers in die nun folgende Stichwahl zum Pr\u00e4sidenten im Oktober geht. Mit Blick auf das ungleiche Tauschgesch\u00e4ft wird jedoch auch deutlich, dass es ohne Kinderarbeit, Gesundheitssch\u00e4den wie Pestizidvergiftungen durch etwa in der EU verbotene Giftstoffe und ein Verlust der Artenvielfalt durch den Monokulturanbau kaum derart rentabel w\u00e4re.<\/p>\n<p>Wohlstand, wie ihn die Familie Noboa genie\u00dft, ist jedoch selten in Ecuador. Denn die hohen Gewinne geh\u00f6ren dem ungleichen Tausch entgegen meist den Unternehmen des globalen Nordens. Diese bedienen sich an Lateinamerika aufgrund dessen reichen Bodensch\u00e4tzen, klimatisch vorteilhaften Anbaubedingungen, niedrigen Arbeitskosten sowie den geringen Arbeits- und Umweltschutzregelungen.<\/p>\n<p>Beim Yasun\u00ed-Referendum am 20. August 2023 ging es nun um den Rohstoff Erd\u00f6l. Wieder einmal, weil Erd\u00f6l aus Lateinamerika f\u00fcr den Verbrauch im globalen Norden eine lange Tradition aufweist. Allen voran sind hier der venezolanische Maracaibo-See und die F\u00f6rdergebiete um das mexikanische Tampico hervorzuheben, die seit dem fr\u00fchen 20. Jahrhundert als Quelle der \u00d6lausbeutung dienten. Davon profitierte in besonderen Ma\u00dfen das von der US-amerikanischen Rockefeller-Dynastie betriebene Unternehmen Standard Oil, welches heute besser bekannt in Form seiner unterteilten Nachfolgeunternehmen wie BP, Exxon, Shell oder Unilever ist.<\/p>\n<p>Das Erd\u00f6l sei der am meisten monopolisierte Reichtum des gesamten kapitalistischen Systems, schrieb bereits 1970 Eduardo Galeano, der Autor der offenen Adern. Keine anderen Unternehmer verf\u00fcgten \u00fcber so viel politische Macht auf internationaler Ebene wie die gro\u00dfen \u00d6lgesellschaften. Von den elf Dollar, die mit Derivaten einer Tonne Erd\u00f6l erwirtschaftet wurden, erhielten die Exportl\u00e4nder gerade einen Dollar. \u00dcber 50 Jahre sp\u00e4ter ist dieses Modell der Wertsch\u00f6pfung nicht gerechter geworden. Die Rohstoffe werden dem S\u00fcden entnommen und im Norden wertgesch\u00f6pft sowie dort als Treibstoff f\u00fcr einen konsum-exzessiven Lebensstil vernutzt.<\/p>\n<p>Sei es beispielsweise das Benzin f\u00fcr Autos, das Kerosin f\u00fcr Flugzeuge, das Heiz\u00f6l zur W\u00e4rmeerzeugung sowie Kunststoffe f\u00fcr Kleidung und Verpackungen &#8211; Erd\u00f6l ist auch in Deutschland allgegenw\u00e4rtig. Fieberhaft konsumieren die Menschen im globalen Norden den wertvollen wie klimasch\u00e4dlichen Rohstoff Erd\u00f6l. Dies geschieht pro Kopf in etwa 10-mal so h\u00e4ufig wie in China oder Indien. Nun sollen sich hunderte Millionen Barrel davon unter Yasun\u00ed befinden. Dies weckt die Begierde insbesondere auf der Nachfrageseite in energieintensiven L\u00e4ndern ohne eigene \u00d6lf\u00f6rderung, die durch im Norden lokalisierte Unternehmen gestillt wird.<\/p>\n<p>Fest steht, dass mit diesem Referendum etwas auf lokaler Ebene gewonnen wurde, was f\u00fcr die Weltgesellschaft gar nicht mit Geld auszudr\u00fccken ist. Der Yasun\u00ed hat alleine durch seine Artenvielfalt einen global-historischen Wert. Diese \u00fcbertrifft bereits auf der Fl\u00e4che eines Hektars die ganz Nordamerikas. Der 20. August ist somit ein wichtiges Datum f\u00fcr den globalen Umweltschutz. Die Entscheidung gegen die \u00d6lf\u00f6rderung im Yasun\u00ed-Regenwald ist somit deutlich mehr als eine lokale Abstimmung. Es k\u00f6nnte gar einen Wendepunkt bisheriger Globalisierungsprozesse symbolisieren. Denn die Mehrheit der ecuadorianischen Bev\u00f6lkerung hat sich mit dem Referendum gegen das globale Wirtschaftsmodell basierend auf Rohstoffexporten ausgesprochen, bei dem sich die Konkurrenzlogik zwischen Einzelstaaten oder Weltregionen sch\u00e4dlich f\u00fcr Menschen und ihre nat\u00fcrliche Umwelt auswirkt.<\/p>\n<p>Das Referendum ist besonders durch kritische Stimmen in Globalen S\u00fcden mit Hilfe von Justiz, Medien, Wissenschaft und Zivilgesellschaft vorangetrieben und umgesetzt worden. Das Ergebnis ist dabei eine starke Botschaft an die eigne Regierung und den globalen Norden: Wir m\u00fcssen uns vor euch sch\u00fctzen. Entscheidend zum Erfolg waren dabei besonders die beiden Mittel eines Verfassungsgerichtes und eines Volksentscheides.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich ist daraus eine weitere wichtige Lehre zu ziehen. Denn eine derart fundamentale Transformation hin zu sozial-\u00f6kologischer Gerechtigkeit wird offensichtlich nicht durch die handlungsm\u00e4chtigen Gesellschaften im Globalen Norden gestaltet. 2007 hatten die Staaten der Welt bereits die M\u00f6glichkeit, die \u00d6lf\u00f6rderung in Ecuador zu stoppen. Dabei h\u00e4tten sie knapp 4 Milliarden Dollar in einen, von den Vereinten Nationen initiierten Treuhand-Fond \u00fcberweisen m\u00fcssen. Dieses Angebot der damaligen ecuadorianischen Regierung wurde auch von Deutschland ausgeschlagen. Yasun\u00ed kann ein polit-\u00f6konomischer Wendepunkt globalen Ma\u00dfstabs sein, denn dies ist letztlich auch eine Absage an die zwischenstaatliche Ebene, auf der zuvor keine L\u00f6sung gefunden wurde. Der globale Wald Yasun\u00ed ist kein Projekt von Staaten, der Wirtschaftsorganisation Mercorsur oder der Vereinten Nationen, sondern der breiten Bev\u00f6lkerung und ihren transnationalen Netzwerken. Die Bev\u00f6lkerung fordert selbstorganisiert ihre Rechte ein. Dies ist zweifelsohne auch ein Modell f\u00fcr andernorts.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/amerika21.de\/blog\/2023\/09\/265655\/der-globale-wald-yasuni\"><em>amerika21.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 24. September 2023 <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Albert Denk. 59 Prozent der W\u00e4hler stimmten am 20. August daf\u00fcr, dass im Nationalpark Yasun\u00ed die weitere \u00d6lf\u00f6rderung verboten wird. 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