{"id":13628,"date":"2023-09-26T17:15:32","date_gmt":"2023-09-26T15:15:32","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=13628"},"modified":"2023-09-26T17:15:33","modified_gmt":"2023-09-26T15:15:33","slug":"wer-schuetzt-denn-nun-die-menschen-in-nagorni-karabach","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=13628","title":{"rendered":"<strong>Wer sch\u00fctzt denn nun die Menschen in Nagorni-Karabach?<\/strong>"},"content":{"rendered":"<p><em>Ulrich Heyden. <\/em>Russland, das seit 1991 eine neutrale Position im Karabach-Konflikt eingenommen hat und seit 2020 mit einer 2.000 Mann starken Friedenstruppe in Karabach vertreten ist, hat nicht viele Mittel, um die humanit\u00e4re Situation in \u201eArzach\u201c zu verbessern. Die armenische F\u00fchrung hat sich trotz \u00fcber hundert Jahre w\u00e4hrender guter Beziehungen von Moskau abgewendet und sucht ihr Heil jetzt<!--more--> beim \u201ekollektiven Westen\u201c, ohne dass dieser Armenien Versprechungen wirtschaftlicher oder milit\u00e4rischer Art gemacht hat.<\/p>\n<p>Seit dem Angriff der Armee Aserbaidschans auf die international nicht anerkannte \u201eRepublik Nagorni-Karabach\u201c am 19. September leben 120.000 Menschen \u2013 darunter 30.000 Kinder \u2013 in der \u201eBergrepublik\u201c unter \u201eh\u00f6chstem Risiko\u201c, <a href=\"https:\/\/www.ng.ru\/cis\/2023-09-24\/1_8834_karabakh.html\">erkl\u00e4rte<\/a> der ehemalige Ministerpr\u00e4sident von Karabach, Ruben Bardanjan. Die Hauptstadt Stepanakert ist seit zehn Monaten von aserbaidschanischen Truppen blockiert. Vor der Blockade seien t\u00e4glich 400 Laster mit Waren nach Stepanakert gekommen, jetzt k\u00e4men t\u00e4glich nur noch zwei. 13.550 Karabach-Einwohner wurden nach Angaben der armenischen Regierung nach Armenien <a href=\"https:\/\/t.me\/SputnikARM\/61393\">evakuiert<\/a> und in provisorischen Unterk\u00fcnften untergebracht (<a href=\"https:\/\/t.me\/SputnikARM\/61389\">Video vom Kulturzentrum der armenischen Stadt Goris<\/a>).<\/p>\n<p>Die Regierung von Aserbaidschan verspricht die \u201eReintegration\u201c der Bev\u00f6lkerung von Karabach. Doch ob die Armenier in Karabach ihre Sprache und Kultur weiter pflegen k\u00f6nnen, ist mehr als ungewiss. Denn die Beziehungen zwischen Armeniern und Aserbaidschanern sind seit den Pogromen an Armeniern 1988 im aserbaidschanischen Sumgait gespannt. 1991 erkl\u00e4rte sich Berg-Karabach, dass nur durch einen Korridor mit Armenien verbunden ist (Karte: <a href=\"https:\/\/ru.wikipedia.org\/wiki\/%25D0%259D%25D0%25B0%25D0%25B3%25D0%25BE%25D1%2580%25D0%25BD%25D0%25BE-%25D0%259A%25D0%25B0%25D1%2580%25D0%25B0%25D0%25B1%25D0%25B0%25D1%2585%25D1%2581%25D0%25BA%25D0%25B0%25D1%258F_%25D0%25A0%25D0%25B5%25D1%2581%25D0%25BF%25D1%2583%25D0%25B1%25D0%25BB%25D0%25B8%25D0%25BA%25D0%25B0#\/media\/%25D0%25A4%25D0%25B0%25D0%25B9%25D0%25BB:Artsakh_Republic_1994-2020.svg\">Artsakh Republic 1994-2020 \u2013 \u041d\u0430\u0433\u043e\u0440\u043d\u043e-\u041a\u0430\u0440\u0430\u0431\u0430\u0445\u0441\u043a\u0430\u044f \u0420\u0435\u0441\u043f\u0443\u0431\u043b\u0438\u043a\u0430 \u2014 \u0412\u0438\u043a\u0438\u043f\u0435\u0434\u0438\u044f (wikipedia.org)<\/a>), f\u00fcr unabh\u00e4ngig von Aserbaidschan.<\/p>\n<p><strong>Tote in Karabach<\/strong><\/p>\n<p>Baku bezeichnete den Angriff seiner Truppen auf Karabach am 19. September als \u201eantiterroristische Operation\u201c zur \u201eWiederherstellung der verfassungsm\u00e4\u00dfigen Ordnung\u201c. Der Angriff dauerte nur einen Tag. Bereits einen Tag sp\u00e4ter begannen Kapitulationsverhandlungen mit den Vertretern von Karabach.<\/p>\n<p>Mit seinem Angriff, an dem 60.000 aserbaidschanische Soldaten teilnahmen, brach Baku den Waffenstillstand mit Karabach, der nach dem Angriff der aserbaidschanischen Armee im Herbst 2020 mit Hilfe von Moskau <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=66734\">ausgehandelt worden war<\/a>.<\/p>\n<p>Bei dem mit Artillerie und Luftwaffe durchgef\u00fchrten Angriff wurden nach russischen Medienberichten 31 Menschen in Karabach get\u00f6tet. Es gab zahlreiche Verletzte und eine unbekannte Zahl von Zivilisten gilt als vermisst. Au\u00dferdem wurden sechs Soldaten der russischen Friedenstruppe get\u00f6tet, die den im Herbst 2020 geschlossenen Waffenstillstand zwischen Karabach und Aserbaidschan \u00fcberwachte.<\/p>\n<p>Der Pr\u00e4sident von Aserbaidschan, Ilham Alijew, entschuldigte sich bei Wladimir Putin pers\u00f6nlich f\u00fcr den Tod der russischen Soldaten. Alijew versicherte Putin, f\u00fcr die Sicherheit der Bev\u00f6lkerung von Karabach werde in Zusammenarbeit mit der russischen Friedenstruppe gesorgt.<\/p>\n<p>Doch es kam zu weiteren Trag\u00f6dien. Am 26. September explodierte in Karabach ein Benzin-Depot. Nach Angaben von <a href=\"https:\/\/t.me\/SputnikARM\/61397\">Sputnik-News<\/a> wurden 275 Menschen verletzt. Sieben Menschen starben.<\/p>\n<p><strong>Kapitulation nach \u201eAntiterroristischer Operation\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Am 20. September \u2013 nur einen Tag nach Kriegsbeginn \u2013 fuhr eine Delegation von Karabach in die aserbaidschanische Stadt Jewlach, wo von ihr eine Kapitulationserkl\u00e4rung unterschrieben wurde.<\/p>\n<p>Die Vertreter von Karabach verpflichteten sich, die 2.500 Mann starke Karabach-Armee aufzul\u00f6sen. 1.000 Karabach-Soldaten waren bei dem aserbaidschanischen Angriff bereits gefallen oder verwundet worden. Der Karabach-Armee war au\u00dferdem <a href=\"https:\/\/lenta.ru\/news\/2023\/09\/20\/karabah\/?ysclid=ln01zcdiyj11960505\">die Munition ausgegangen<\/a>.<\/p>\n<p>Es wurde ein Waffenstillstand und die vollst\u00e4ndige Entwaffnung der \u201eArzach\u201c-Streitkr\u00e4fte vereinbart. Die \u00dcbergabe von Panzern und Schusswaffen der Karabach-Einheiten wird von der russischen Friedenstruppe \u00fcberwacht. Aserbaidschanische Beh\u00f6rden ver\u00f6ffentlichten <a href=\"https:\/\/az.sputniknews.ru\/20230925\/minoborony-ar-opublikovalo-spisok-konfiskovannogo-u-armyanskikh-separatistov-oruzhiya-458978563.html\">Fotos<\/a> von beschlagnahmten Waffen der Karabach-Streitkr\u00e4fte.<\/p>\n<p>Die russische Friedenstruppe \u00fcbernahm die Versorgung der Einwohner Karabachs mit Lebensmitteln. Aserbaidschan behauptet, es liefere ebenfalls Lebensmittel an die Bev\u00f6lkerung, doch Beweise f\u00fcr diese Behauptung wurden bisher nicht vorgelegt.<\/p>\n<p><strong>Russischer Kommentator: \u201eRussland kann nicht armenischer sein als die Armenier selbst\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Baku nutzte f\u00fcr den Angriff auf die \u201eBergrepublik\u201c einen juristischen \u201eR\u00fcckzieher\u201c von Jerewan: Der Pr\u00e4sident Armeniens, Nikol Paschinjan, der 2018 im Laufe einer \u201ebunten Revolution\u201c an die Macht gekommen war, hatte im Oktober 2022 in Prag erkl\u00e4rt, dass Nagorni-Karabach zum Territorium von Aserbaidschan geh\u00f6rt. Bis 2022 hatte Paschinjan erkl\u00e4rt, Karabach geh\u00f6re nicht zu Aserbaidschan.<\/p>\n<p>Als nach dem Angriff von Aserbaidschan Vorw\u00fcrfe aus Jerewan kamen, Russland h\u00e4tte nichts zum Schutz der Menschen in Karabach getan, erkl\u00e4rte der Kreml-Sprecher Dmitri Peskow, Jerewan selbst h\u00e4tte erkl\u00e4rt, dass Karabach zu Aserbaidschan geh\u00f6re.<\/p>\n<p>Russland hatte immer die Position vertreten, dass Karabach Teil von Aserbaidschan ist. Moskau hatte aber in den Friedensverhandlungen der letzten Jahrzehnte immer eine neutrale Position eingenommen, die dem Ziel diente, eine humane L\u00f6sung f\u00fcr die Bev\u00f6lkerung von Karabach auszuhandeln. Zu einem Kompromiss war aber Jerewan bis 2022 nicht bereit.<\/p>\n<p>In Teilen der politisierten russischen Bev\u00f6lkerung kam es angesichts des zur\u00fcckhaltenden Kurses des Kreml im Konflikt um Karabach zu Unmuts\u00e4u\u00dferungen. Zu diesem Unmut erkl\u00e4rte im russischen Radio-Sender \u201eGoworit Moskwa\u201c ein Sprecher, \u201eRussland kann nicht armenischer sein als die Armenier selber\u201c.<\/p>\n<p><strong>Zunehmende Spannungen zwischen Jerewan und Moskau<\/strong><\/p>\n<p>Die F\u00fchrung Armeniens ist in den letzten Wochen demonstrativ auf Distanz zu Russland gegangen. Kennzeichnend daf\u00fcr waren zwei Ereignisse.<\/p>\n<p>Am 7. September wurden in Armenien der prorussische Blogger Mikael Badaljan und der Journalist des russischen Portals \u201eSputnik\u201c, Aschot Geworkjan, festgenommen. Dem Sputnik-Journalisten warf man Waffenhandel vor. Das russische Au\u00dfenministerium reagierte auf die Verhaftung mit scharfem Protest.<\/p>\n<p>Vom 11. bis 20. September f\u00fchrten die armenischen Streitkr\u00e4fte zusammen mit US-Streitkr\u00e4ften das Man\u00f6ver \u201eEagle Partner 2023\u201c durch.<\/p>\n<p><strong>Stra\u00dfenproteste in Jerewan<\/strong><\/p>\n<p>In Jerewan gibt es seit der Kapitulation der Streitkr\u00e4fte von Karabach t\u00e4glich <a href=\"https:\/\/t.me\/SputnikARM\/61382\">Proteste und Stra\u00dfenblockaden<\/a>. Die Demonstranten werfen dem armenischen Pr\u00e4sidenten Paschinjan \u201eVerrat\u201c vor. Die armenische Polizei nimmt t\u00e4glich <a href=\"https:\/\/t.me\/SputnikARM\/61392\">Protestierende fest<\/a>.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Bev\u00f6lkerung von Armenien ist die erneute Niederlage in Karabach nur schwer zu verkraften, denn im Krieg 2020, als Aserbaidschan Karabach mit S\u00f6ldnern aus Syrien und t\u00fcrkischen Bayraktar-Drohnen angriff, k\u00e4mpften viele B\u00fcrger Armeniens auf Seiten der Streitkr\u00e4fte von Nagorni-Karabach. Tausende Armenier fielen 2020 im Kampf. Zu der Stimmung in Karabach und Armenien 2020 siehe auch meine <a href=\"https:\/\/youtu.be\/O9MHg6p6Z1c\">Videoreportage<\/a>, die ich vor Orte drehte.<\/p>\n<p><strong>Blitzableiter Russland<\/strong><\/p>\n<p>Den Vorwurf des \u201eVerrats\u201c versuchte der armenische Pr\u00e4sident Paschinjan am 24. September mit scharfen Angriffen gegen Russland <a href=\"https:\/\/vz.ru\/world\/2023\/9\/24\/1231859.html\">abzuwehren<\/a>. Die Analyse der Situation habe gezeigt, so Paschinjan, \u201edass das Sicherheitssystem und die Verb\u00fcndeten, auf die wir lange hofften, es sich zur Aufgabe gemacht haben, unsere Verletzlichkeit zu zeigen und die Unm\u00f6glichkeit Armeniens ein unabh\u00e4ngiger Staat zu sein.\u201c Man wolle Armenien zu einer Kolonie machen. Mit \u201eman\u201c war Russland gemeint.<\/p>\n<p>Armenien ist seit dem Ende der Sowjetunion mit Russland \u00fcber das Verteidigungsb\u00fcndnis ODKB und die eurasische Wirtschaftsgemeinschaft verbunden.<\/p>\n<p>Armenien m\u00fcsse seine Au\u00dfenpolitik jetzt neu ausrichten, erkl\u00e4rte Paschinjan. Armenien verst\u00e4rkt jetzt seine Kontakte zum \u201ekollektiven Westen\u201c, der schon seit langem mit seinen Beratern in Armenien aktiv ist.<\/p>\n<p>Doch was kann der Westen Armenien anbieten, <a href=\"https:\/\/ria.ru\/20230926\/armeniya-1898576110.html\">fragt<\/a> der russische Kommentator Pjotr Akopow. Der Westen k\u00f6nne Armenien nicht aus seiner wirtschaftlichen Dauerkrise heraushelfen. Und die Verbindung zu Russland k\u00f6nne Jerewan nicht kappen, da in Russland mehr Armenier leben als in Armenien selbst.<\/p>\n<p>Russische Kommentatoren weisen au\u00dferdem darauf hin, dass Karabach von Armenien nie als Subjekt des V\u00f6lkerrechts anerkannt wurde. Auch haben westliche Staaten eine Anerkennung von Karabach als Subjekt des V\u00f6lkerrechts nicht in Aussicht gestellt.<\/p>\n<p>Vertreter Russlands argumentieren, man habe Jerewan in der Karabach-Frage nicht unterst\u00fctzen k\u00f6nnen, da der armenische Pr\u00e4sident selbst erkl\u00e4rt hat, dass Karabach zu Aserbaidschan geh\u00f6rt.<\/p>\n<p>Russland ist an Stabilit\u00e4t an seiner S\u00fcdgrenze interessiert. Diese Stabilit\u00e4t garantiert zurzeit der t\u00fcrkische Pr\u00e4sident Erdogan, der, um Putin zu treffen, vor kurzem sogar nach Sotschi flog. Dass Armenien unter Paschinjan immer mehr in den Einflussbereich westlicher Think Tanks und Milit\u00e4rs r\u00fcckt und Russland seinen Einfluss im Kaukasus vollends zu verlieren droht, ist f\u00fcr die F\u00fchrung in Moskau ein viel gr\u00f6\u00dferes Problem als die milit\u00e4rischen Operationen von Aserbaidschan gegen Nagorni-Karabach, die Russland nicht direkt betreffen.<\/p>\n<p><strong>Treffen der Pr\u00e4sidenten in Granada<\/strong><\/p>\n<p>Nach russischen Medienberichten ist f\u00fcr den 5. Oktober ein Treffen zwischen den Pr\u00e4sidenten von Aserbaidschan und Armenien in der spanischen Stadt Granada geplant. Auf diesem Treffen wolle Jeweran die Frage der Sicherheit f\u00fcr die Menschen in Karabach in den Mittelpunkt stellen. Der Pr\u00e4sident Armeniens erkl\u00e4rte, wenn die Bem\u00fchungen scheitern, mit internationaler Hilfe f\u00fcr die Sicherheit der Menschen in Karabach zu sorgen, werde die Regierung von Armenien \u201edie Aufgabe \u00fcbernehmen, die Br\u00fcder und Schwestern aus Nagorni-Karabach in Armenien aufzunehmen\u201c. Paschinjan brachte auch die Entsendung einer UNO-Friedenstruppe ins Gespr\u00e4ch.<\/p>\n<p>Es stellt sich die Frage, warum der Pr\u00e4sident Armeniens nicht eher \u00fcber eine L\u00f6sung f\u00fcr die Bev\u00f6lkerung von Karabach nachgedacht hat und die Menschen jetzt im Hauruck-Verfahren in Behelfsunterk\u00fcnften untergebracht werden m\u00fcssen. Wollte er Russland medienwirksam vorf\u00fchren?<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=104388\"><em>nachdenkseiten.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 26. September 2023<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ulrich Heyden. 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