{"id":13721,"date":"2023-10-12T10:38:18","date_gmt":"2023-10-12T08:38:18","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=13721"},"modified":"2023-10-12T10:38:19","modified_gmt":"2023-10-12T08:38:19","slug":"das-pulverfass-balkan-und-die-historischen-hintergruende","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=13721","title":{"rendered":"<strong>Das Pulverfass Balkan und die historischen Hintergr\u00fcnde<\/strong>"},"content":{"rendered":"<p><em>Alexander S. Neu. <\/em><strong>Der post-jugoslawische Raum, auch als West-Balkan (hier plus Albanien) bezeichnet, kommt nicht zur Ruhe. Vor wenigen Tagen kam es erneut zu einer blutigen Auseinandersetzung zwischen Kosovo-Albanern und Serben im Kosovo. Vier Menschen kamen im Laufe der Feuergefechte ums Leben. Das Kosovo ist und bleibt einer der zentralen<\/strong><!--more--> <strong>Z\u00fcndschn\u00fcre in dem balkanischen Pulverfass. Dass die Situation zwischen Serben und Albanern, zwischen Serbien und der abtr\u00fcnnigen Provinz Kosovo nicht nur weiter schwelt, sondern auch wieder dabei ist zu explodieren, ist auch auf die geopolitische Gro\u00dfwetterlage zur\u00fcckzuf\u00fchren. <\/strong><\/p>\n<p>Auch der Balkan steht, wie eigentlich seit Jahrhunderten, im Visier des Kampfes um die Einflusszonen der Gro\u00dfm\u00e4chte. In der Phase des gegenw\u00e4rtigen globalen Interregnums, der instabilen, ja geradezu gef\u00e4hrlichen \u00dcbergangsphase von der unipolaren westlichen hin zur multipolaren Weltordnung w\u00e4chst der Druck auf das neutrale Serbien durch die rivalisierenden Gro\u00dfm\u00e4chte (der Westen einerseits und Russland und China andererseits) immens. Die s\u00fcdserbische Provinz Kosovo spielt hierbei erneut eine explosive Rolle.<\/p>\n<p>Was aber ist der zentrale Grund f\u00fcr den \u201eUnwillen\u201c der s\u00fcdslawischen V\u00f6lker zu einer umfassenden Integration hin zu einem gemeinsamen Staat sowie einer gemeinsamen s\u00fcdslawischen Identit\u00e4t? Verk\u00fcrzt formuliert: Sie sind es \u2013 historisch betrachtet \u2013 nicht gewohnt, in einem gr\u00f6\u00dferen Identit\u00e4tsrahmen gemeinsam zu leben, sich als gleichberechtigt zu betrachten und Interessenkonflikte ausschlie\u00dflich durch Verhandlungen zu l\u00f6sen. Denn: Der Balkan war und ist das europ\u00e4ische Schachbrett imperialistischer Gro\u00dfm\u00e4chte. Diese Gro\u00dfm\u00e4chte respektive Besatzungsm\u00e4chte haben in ihrer langen Geschichte auf dem Balkan eine eigenst\u00e4ndige gemeinsame Identit\u00e4tsbildung als Grundlage einer gemeinsamen Staats- und Nationenbildung erheblich erschwert oder sogar verhindert.<\/p>\n<p><strong>Der Balkan im Fadenkreuz der Gro\u00dfm\u00e4chte<\/strong><\/p>\n<p>Die Stadt Konstantinopel (seit 1930 Istanbul) wurde 330 n. Chr. von Kaiser Konstantin gegr\u00fcndet. Das riesige R\u00f6mische Reich erhielt damit zwei Zentren: Neben Rom, das das westr\u00f6mische Reich darstellte, wurde die Stadt am Bosporus \u2013 Konstantinopel \u2013 zum Machtzentrum des ostr\u00f6mischen Reiches. Die V\u00f6lker zwischen Konstantinopel und der Adria wurden somit dem R\u00f6mischen Reich unterworfen.<\/p>\n<p>Mit der gewaltsamen Expansion des Osmanischen Reiches auf den Balkan bis vor die Tore Wiens (Schlacht auf dem Kosovo Polje 1389 in Serbien und Eroberung Konstantinopels 1453) war das staatliche und auch nationale Schicksal der Balkanv\u00f6lker f\u00fcr viele Jahrhunderte besiegelt: Neben der politischen und \u00f6konomischen Besatzung wurde der Balkan auch mit einer au\u00dfereurop\u00e4ischen fremden Kultur und Religion, dem Islam, konfrontiert. Die slawischen Muslime in Kroatien, Bosnien, Serbien, Makedonien und Bulgarien sowie die \u00fcberwiegend zum Islam konvertierten Albaner oder auch manche Rum\u00e4nen und Moldawier bzw. dort sesshaft verbliebene T\u00fcrken sind das Erbe des Osmanischen Reiches. Zwar praktizierte das Osmanische Reich keine Zwangskonvertierung der christlichen Balkanv\u00f6lker, aber in manchen Regionen der oben genannten L\u00e4nder konvertierte die Bev\u00f6lkerung gruppenweise zum Islam, womit sie dann als Teil der islamischen Gemeinschaft gegen\u00fcber den christlich verbliebenen V\u00f6lkern privilegiert waren. Insbesondere im urbanen Bereich fand dieser \u00dcbertritt vom Christentum zum Islam statt, weshalb in Bosnien beispielsweise die muslimische Bev\u00f6lkerung eher in den St\u00e4dten, die kroatische und serbische eher im l\u00e4ndlichen Raum lebt(e). Und genau genommen handelt es sich bei den muslimischen Volksgruppen eben nicht um ein anderes Volk oder eine andere Ethnie, sondern lediglich um eine andere Religionsgruppe. Daher ist die s\u00fcdslawische Sprache bei allen mehr oder minder ausgepr\u00e4gten Dialektunterschieden eben eine Sprachfamilie.<\/p>\n<p>Angesichts der schrittweisen r\u00e4umlichen Zur\u00fcckdr\u00e4ngung des Osmanischen Reiches durch \u00d6sterreich und sp\u00e4ter die habsburgische Doppelmonarchie (K.-u.-K.-Monarchie \u00d6sterreich-Ungarn) bekamen der Balkan und Teile Osteuropas bis in die Westukraine neben dem Osmanischen Reich eine neue, eine zweite, aber zumindest kulturell nahestehende \u201eOrdnungsmacht\u201c. Aber auch diese erschwerte die nationale Identit\u00e4tsbildung, wenn diese auch nicht mehr g\u00e4nzlich zu unterdr\u00fccken war. Mit der Niederlage des Osmanischen Reiches in den beiden Balkan-Kriegen 1912 und 1913 verschwand diese \u201eOrdnungsmacht\u201c vom Balkan. Kurz darauf f\u00fchrte auch die Niederlage des Deutschen Reiches und der K.-u.-K.-Monarchie im Ersten Weltkrieg zur Aufl\u00f6sung der K.-u.-K.-Monarchie. Das nationale Bewusstsein der unterdr\u00fcckten V\u00f6lker der beiden kollabierenden \u201eOrdnungsm\u00e4chte\u201c konnte sich buchst\u00e4blich \u00fcber Nacht frei entfalten. Im Ergebnis kam es zu einer gewaltigen Ver\u00e4nderung der Landkarte Osteuropas und vor allem S\u00fcdosteuropas. Die ost- und s\u00fcdosteurop\u00e4ischen V\u00f6lker, die seit dem 19. Jahrhundert zunehmend ihre eigene nationale Identit\u00e4t aufzubauen begannen, schufen sich aus der Erbmasse der K.-u.-K.-Monarchie und des Osmanischen Reichs ihre eigenen Staaten.<\/p>\n<p><strong>Jugoslawien \u2013 zwischen State-building, Nation-building und regionalem Nationalismus<\/strong><\/p>\n<p>So wurde auch das s\u00fcdslawische \u201eK\u00f6nigreich der Serben, Kroaten und Slowenen\u201c 1918 ausgerufen. Anders, als die Bezeichnung zun\u00e4chst nahelegt, waren auch Montenegro und Bosnien-Herzegowina Teil dieses Staates. Das heutige Makedonien geh\u00f6rte zu Serbien. Im Jahre 1929 wurde der Staat in das \u201eK\u00f6nigreich Jugoslawien\u201c umbenannt. Der Begriff Jugoslawien bedeutet nichts anderes als S\u00fcdslawien, der Staat der S\u00fcdslawen von Slowenien bis Makedonien. Bulgarien blieb allerdings hierbei au\u00dfen vor. Erstmals fanden die slawischen V\u00f6lker im westlichen Balkan zu einem eigenen souver\u00e4nen Staat zusammen und befreiten sich von \u00e4u\u00dferen Einflussm\u00e4chten. Das, was sie verband \u2013 weitgehend gemeinsame Sprache und Geschichte sowie die kulturelle N\u00e4he bei allen kleineren Unterschieden im Einzelnen \u2013, wurde fortan auch staatlich institutionalisiert. Allerdings wirkte sich der serbische Dominanzanspruch negativ auf den staatlichen Aufbau aus. Orientierten die Serben auf einen unitaristischen Staat mit einem serbischen Monarchen an der Spitze, so favorisierten die Kroaten und Slowenen eher eine f\u00f6derale Staatsstruktur. Anstatt diesen Widerspruch durch lange Verhandlungen und auch durch friedlichen Widerstand im Rahmen des gemeinsamen jugoslawischen Gesamtstaates zu Gunsten f\u00f6deraler Strukturen aufzul\u00f6sen, festigte er sich und wurde zur Zeitbombe der jugoslawischen Staatlichkeit.<\/p>\n<p>Anti-jugoslawistisch gestimmte slowenische, kroatische und bosnische nationalistische Gruppierungen erhielten Zulauf. Schlimmer noch: Die slawischen Volksgruppen orientierten sich an ihren fr\u00fcheren Bestatzungsm\u00e4chten. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Land kurzerhand vom Deutschen Reich zerschlagen. Der kroatische Faschist Ante Pavelic f\u00fchrte durch Gnaden Adolf Hitlers den \u201eUnabh\u00e4ngigen Staat Kroatien\u201c, dem auch Bosnien-Herzegowina und Teile der serbischen Vojvodina zugeordnet waren. Unter seiner Herrschaft wurden Serben, Juden, Roma, oppositionelle Kroaten und Muslime ins KZ Jasenovac verbracht und get\u00f6tet. Der serbisch-kroatische Brudermord sollte auch den Neustart Jugoslawiens unter Tito latent belasten. Die Vorbehalte wurden in den sp\u00e4ten 1980er-Jahren wieder gesch\u00fcrt und traten Ende der 1980er, Anfang der 1990er erneut offen zutage \u2013 wieder mit Brudermord und Zerst\u00f6rung.<\/p>\n<p><strong>Kosovo \u2013 Der Anfang vom Ende Tito-Jugoslawiens<\/strong><\/p>\n<p>Das Ende Jugoslawiens begann in der s\u00fcdserbischen Provinz Kosovo in den fr\u00fchen 1980er-Jahren mit einem nationalistischen Aufstand der Albaner 1981 \u2013 ein Jahr nach Titos Tod \u2013 in Pristina, der Hauptstadt der serbischen Provinz. Der Aufstand wurde letztlich durch die jugoslawischen und serbischen Sicherheitskr\u00e4fte beendet. Infolgedessen verlor das Kosovo einen Gro\u00dfteil seiner durch die Verfassungsreform 1974 gewonnenen Autonomie an die serbische Mutterrepublik. Belgrad erkannte, dass die politische Autonomie des Kosovo den institutionellen Embryo f\u00fcr den albanischen Nationalismus und Irredentismus darstellte. Erschwerend f\u00fcr das Zusammenleben kommt hinzu, dass die Albaner im Gegensatz zu den \u00fcbrigen V\u00f6lkern Jugoslawiens keine Slawen sind und somit keine gemeinsame kulturelle Grundlage vorhanden ist. (Zwar gibt es auch eine nicht-slawische ungarische Minderheit, diese war und ist jedoch weitgehend aufgrund ihrer kulturellen N\u00e4he integriert.) Von Slowenien bis Makedonien, ja bis Bulgarien dominieren die Slawen die Balkanhalbinsel \u2013 sprachlich, kulturell und ethnisch miteinander eng verbunden. Die Albaner hingegen wollten faktisch nicht in den jugoslawischen Staat integriert werden. Sie spielten in der Selbstwahrnehmung immer eine Sonderrolle und wurden auch von den slawischen Jugoslawen als \u201eFremdk\u00f6rper\u201c betrachtet.<\/p>\n<p><strong>Die Verfassungsreform von 1974 als Sargnagel Jugoslawiens<\/strong><\/p>\n<p>Die Reform der jugoslawischen Verfassung aus dem Jahre 1974 sollte den jugoslawischen Staat und die gemeinsame Identit\u00e4t durch ein H\u00f6chstma\u00df an interner Souver\u00e4nit\u00e4t der jugoslawischen Teilrepubliken festigen. Aber genau das Gegenteil geschah. Der f\u00f6deral strukturierte Gesamtstaat wurde durch die Verfassungsreform \u00fcberf\u00f6deralisiert. Die Gliedstaaten, mithin die jugoslawischen Republiken, erhielten eine Qualit\u00e4t an interner Souver\u00e4nit\u00e4t, die faktisch die Bundesorgane schw\u00e4chte und somit den institutionellen Zusammenhalt des jugoslawischen Gesamtstaates korrodieren lie\u00df und dar\u00fcber hinaus die gemeinsame jugoslawische Identit\u00e4tsbildung eher schw\u00e4chte als st\u00e4rkte. Regional-nationalistische Egoismen dominierten zunehmend \u00fcber den gesamtjugoslawischen Einheitsgedanken bis in die kommunistischen Parteien der Teilrepubliken. Die Nationalisten der diversen slawischen Volksgruppen versteckten sich gewisserma\u00dfen hinter dem albanischen Irredentismus, in dem sie die Serben mit der Aufl\u00f6sung der politischen Autonomie des Kosovos als Unterdr\u00fccker der Albaner bezichtigten. Tats\u00e4chlich ging es ihnen weniger um die Albaner des Kosovo als um ihre eigenen nationalistisch-sezessionistischen Ambitionen. Mit der Verfassungsreform wurden also dem sp\u00e4teren Sezessionismus der Teilrepubliken T\u00fcr und Tor ge\u00f6ffnet \u2013 sie war der Sargnagel Jugoslawiens. Man k\u00f6nnte auch sagen: gut gemeint, aber schlecht gelaufen.<\/p>\n<p><strong>Jugoslawien und seine Erbmasse als Schachbrett geopolitischer Interessen<\/strong><\/p>\n<p>Die Zerschlagung des sozialistischen Jugoslawiens 1991\/92 fand erneut in Anlehnung der jeweiligen nationalistischen Kr\u00e4fte an ihre Gro\u00dfm\u00e4chte statt, die in ihrer Geschichte bereits \u00fcber die Region geherrscht hatten: Slowenische und kroatische Nationalisten suchten im Westen (\u00d6sterreich, Deutschland und den USA) erfolgreich nach Unterst\u00fctzung, die bosnischen Muslime sahen in der T\u00fcrkei ihren Verb\u00fcndeten, und die Serben sowie die jugoslawistischen Kr\u00e4fte schauten nach Moskau. Wobei die Serben nicht auf den starken Partner Moskau setzen konnten, da die Sowjetunion sich selbst im Aufl\u00f6sungsprozess befand. Jedenfalls hielten die Serben mehrheitlich l\u00e4nger an dem jugoslawischen Gesamtstaat fest als die \u00fcbrigen \u201eVolksgruppen\u201c \u2013 auch weil sie am meisten durch den staatlichen Zerfall zu verlieren hatten. In fast allen jugoslawischen Teilrepubliken lebten mehr oder minder gro\u00dfe serbische Bev\u00f6lkerungsteile, denen das Schicksal drohte, am n\u00e4chsten Tag in einem fremden Land aufzuwachen und dort angesichts des jeweiligen Nationalismus nicht erw\u00fcnscht zu sein. W\u00e4hrend das State-building im ersten Jugoslawien zun\u00e4chst gelang, scheiterte das Nation-building an der serbischen Dominanz und der brutalen Reaktion nationalistisch-faschistischer Kroaten. Im zweiten Jugoslawien, dem Tito-Jugoslawien, machte zwar das Nation-building erhebliche Fortschritte, aber die Zeit von 1945 bis 1990 reichte offenbar nicht aus, die gemeinsame Identit\u00e4tsbildung hin zu einer jugoslawischen Nation unumkehrbar zu festigen. So nahm die Zerschlagung Jugoslawiens durch die Regionalnationalisten und bef\u00f6rdert durch ihre \u00e4u\u00dferen Unterst\u00fctzer seine menschliche und zivilisatorische Trag\u00f6die \u2013 einschlie\u00dflich der Massaker, die von allen Konfliktseiten in unterschiedlichen Ausma\u00dfen zu verantworten waren. Zweifellos stellte das Massaker von Srebrenica 1995, ver\u00fcbt von bosnischen Serben an Muslimen, den zivilisatorischen Tiefpunkt in dem Bruderkrieg dar.<\/p>\n<p><strong>Interessenkonvergenz \u2013 Regionalnationalisten und Gro\u00dfm\u00e4chte<\/strong><\/p>\n<p>Die \u00e4u\u00dferen M\u00e4chte unterst\u00fctzten die Zerschlagung des jugoslawischen Gesamtstaates bis hin zum v\u00f6lkerrechtswidrigen NATO-Angriffskrieg auf die Bundesrepublik Jugoslawien, um nach dem Ende des Kalten Krieges auch in S\u00fcdosteuropa ihren Einfluss (wieder)herzustellen. Zwischen den Regionalnationalisten und den Gro\u00dfm\u00e4chten gab es eine Interessen\u00fcbereinstimmung: Die Atomisierung des s\u00fcdslawischen Staates unter der missbr\u00e4uchlichen Verwendung des Selbstbestimmungsrechts \u2013 \u201eteile und herrsche\u201c war also die politische Maxime. Denn: Der jugoslawische Staat war zwischen 1918 bis zu seiner ersten Zerschlagung 1941 und ab 1945 bis 1990 nicht nur formal, sondern auch politisch ein souver\u00e4ner Staat \u2013 ein Staat, der tats\u00e4chlich Subjekt und nicht Objekt der internationalen Politik gewesen ist. Diesen Status, den genau genommen nur Gro\u00dfm\u00e4chte f\u00fcr sich faktisch beanspruchen k\u00f6nnen, war der klugen Neutralit\u00e4tspolitik der jugoslawischen F\u00fchrung unter Tito zu verdanken. Titos Jugoslawien geh\u00f6rte zu den Gr\u00fcndungsmitgliedern der Organisation der \u201eBewegung der Blockfreien Staaten\u201c. Auch das heutige Serbien, der Rechtsnachfolger Jugoslawiens, versucht durch eine Neutralit\u00e4ts- und Schaukelpolitik zwischen dem Westen einerseits und Russland und China andererseits seine Souver\u00e4nit\u00e4t so weit wie m\u00f6glich abzusichern. Der Druck auf Serbien, sich in den euro-atlantischen Machtblock einzuordnen, hat mit dem Krieg in der Ukraine nochmals zugenommen. So lehnt Serbien bis heute, obschon EU-Aspirant und trotz wachsenden Drucks aus Washington und Br\u00fcssel, die Verh\u00e4ngung von Sanktionen gegen Russland ab. Alle post-jugoslawischen Teilrepubliken, bis auf Serbien und den Sonderfall Bosnien-Herzegowina, haben sich bzw. wurden euroatlantisch orientiert. Damit haben sie im Vergleich zu Serbien ihre souver\u00e4nen Handlungsf\u00e4higkeiten in erheblichem Ma\u00dfe eingeb\u00fc\u00dft, zumal sie angesichts ihrer staatlichen Gr\u00f6\u00dfe (Staatsfl\u00e4che, Einwohnerzahl und Wirtschaftsleistung) ohnehin nicht zu den Global Playern, ja nicht einmal zu den europ\u00e4ischen Playern z\u00e4hlen \u2013 im Gegensatz zum fr\u00fcheren Jugoslawien.<\/p>\n<p>Bis heute bestimmt das fatale paternalistische Denken, wonach externe Gro\u00dfm\u00e4chte als Paten regional-ethnischer Entit\u00e4ten und deren Partikularinteressen fungieren sollen, die Politik der post-jugoslawischen V\u00f6lker \u2013 ganz so, als ob diese Gro\u00dfm\u00e4chte ihre Machtprojektion in die Region kostenlos zur Verf\u00fcgung stellten. Nat\u00fcrlich tun sie das nicht. Solch ein Denken bedeutet nichts anderes als die selbst verschuldete, ja geradezu freiwillige Unterwerfung bzw. die freiwillige Unm\u00fcndigkeit aus Mangel an Mut, selbstbestimmt zu handeln. Man k\u00f6nnte es auch in Anlehnung an Immanuel Kant als eine Absage an \u201eSapere aude\u201c (\u201eHabe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen\u201c) bezeichnen.<\/p>\n<p><strong>(West-)Balkan \u2013 ein geopolitischer und geokultureller Raum sui generis<\/strong><\/p>\n<p>Die M\u00f6glichkeit, den West-Balkan in irgendeiner Weise zu reintegrieren, die Handlungssouver\u00e4nit\u00e4t und Unabh\u00e4ngigkeit der Staaten zumindest ein St\u00fcck weit zur\u00fcckzuerlangen, erscheint diesem paternalistischem Gedankenkonstrukt fremd. Der Gedanke, dass der postjugoslawische Raum und dar\u00fcber hinaus der Balkanraum weder Westen noch Orient noch eindeutig Osten sind, sondern ein Ph\u00e4nomen sui generis, also eine eigene Kategorie bildend, wurde und wird weder politisch noch wissenschaftlich oder medial bei uns im Westen, aber auch nicht im Balkanraum selbst ernsthaft in Betracht gezogen. Dabei verk\u00f6rperte der jugoslawische Staat genau dieses Ph\u00e4nomen sui generis. Kritiker des jugoslawischen Staates wenden ein, er sei gescheitert, da er ein k\u00fcnstliches Konstrukt sei. Nun, dass er gescheitert ist, ist offensichtlich. Aber das Argument eines \u201ek\u00fcnstlichen Konstruktes\u201c als Ursache des Scheiterns zu benennen, ist abenteuerlich. Und wenn Jugoslawien ein k\u00fcnstlicher Staat und aufgrund dessen nicht \u00fcberlebensf\u00e4hig gewesen sein soll, dann tr\u00e4fe diese Diagnose nicht minder auf Bosnien-Herzegowina, das \u201eJugoslawien im Kleinen\u201c, zu. Im \u00dcbrigen ist jeder Staat ein soziales und somit von Menschen geschaffenes, mithin k\u00fcnstliches Produkt.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich ist Jugoslawien an internen und externen Faktoren gescheitert, die ich oben ansatzweise ausgef\u00fchrt habe. Aber auch die westlichen Staatsprojekte Bosnien-Herzegowina und das Kosovo sind faktisch gescheitert, weil die Interessengegens\u00e4tze nicht ausger\u00e4umt wurden. Vielmehr wurden diese durch die westliche Intervention sogar verfestigt, indem die Bev\u00f6lkerungsgruppen, die sich an den Westen anlehn(t)en, ihre Interessen weitgehend verfolgen k\u00f6nnen, w\u00e4hrend serbische Interessen missachtet werden. Der Westen l\u00e4sst sich seine beiden k\u00fcnstlich am Leben erhaltenen Protektorate einiges kosten \u2013 mit westlichen Subventionen (Steuergeldern) und milit\u00e4rischer Pr\u00e4senz. Die westliche Parteilichkeit ist wesentlich entscheidend daf\u00fcr, dass Serbien sich nicht wirklich dem Westen ann\u00e4hert. Eine kluge westliche Politik w\u00fcrde anders vorgehen \u2013 eine kluge, wohlgemerkt.<\/p>\n<p><strong>Reintegration des (West-)Balkans<\/strong><\/p>\n<p>Ein Neuanfang, ein politisch und wirtschaftlich integrierter Balkanraum, wie auch immer die Integrationsdichte aussehen mag, w\u00e4re eine Option, diese Ecke Europas zu stabilisieren. Und auch f\u00fcr die EU w\u00e4re ein integrierter, stabiler und produktiver (West-)Balkan einem atomisierten Balkan mit Rentierstaateneigenschaften vorzuziehen. Denn die wirklichen Herausforderungen, wie die Bek\u00e4mpfung der Klimakatastrophe und der damit verbundenen Zerst\u00f6rung ganzer Regionen auf der Welt, sind f\u00fcr Europa und den Globus objektiv gesehen wichtiger, als sich dem Bruderzwist auf dem Balkan zu widmen oder gar gewollt oder ungewollt zu bef\u00f6rdern, um fragw\u00fcrde geopolitische Sandkastenspielchen zu pflegen.<\/p>\n<p>Dass es bei einem wie auch immer gearteten Reintegrationsprojekt des westlichen Balkans nicht ohne Interessenkonflikte gehen wird, liegt in der Natur der Sache. Aber genau diese m\u00fcssen per Verhandlungen moderiert und aufgel\u00f6st, zumindest aber eingehegt werden \u2013 von diesen Akteuren f\u00fcr diese Akteure. Das ist eben Staatskunst. Auf diese Weise werden die Interessendivergenzen zwischen den deutschen Bundesl\u00e4ndern ebenso wie die Interessenkonflikte in der EU moderiert. Und niemand k\u00e4me auf die Idee, zu behaupten, die Interessenkonflikte zwischen Bayern und NRW bewiesen, der deutsche Gesamtstaat sei nicht funktionst\u00fcchtig. Und der Interessenausgleich in der f\u00f6deralen Struktur Deutschlands geschieht ganz ohne Einflussnahme externer \u201eOrdnungsm\u00e4chte\u201c.<\/p>\n<p>Dass Gro\u00dfm\u00e4chte gerne ihre \u201eUnterst\u00fctzung\u201c leisten wollen, entspricht ihrem Machtanspruch, eine Gro\u00dfregion oder den Globus gem\u00e4\u00df ihren Interessen \u201egestalten\u201c zu wollen bzw. die kleineren Staaten in ihre Abh\u00e4ngigkeit zu bringen. Dass aber die Volksgruppen und Kleinstaaten diese Einmischung in dem naiven Glauben, davon zu profitieren, einfordern \u2013 sich mithin auf dem Silbertablett als Objekt der internationalen Machtpolitik pr\u00e4sentieren \u2013 ist das eigentliche Problem. Es bringt die Menschen auf dem Balkan mittel- und langfristig indessen nicht weiter, sondern festigt ihre selbstverschuldete und dauerhafte Unm\u00fcndigkeit. Es degradiert sie nur weiterhin zum Spielball externer Akteure.<\/p>\n<p>Auch Deutschland fand durch einen langen und nicht immer konfliktfreien Prozess 1871 seine Staatlichkeit. Die deutsche Kleinstaaterei hatte ausgedient.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=104995\"><em>nachdenkseiten.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 12. Oktober 2023<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Alexander S. Neu. Der post-jugoslawische Raum, auch als West-Balkan (hier plus Albanien) bezeichnet, kommt nicht zur Ruhe. Vor wenigen Tagen kam es erneut zu einer blutigen Auseinandersetzung zwischen Kosovo-Albanern und Serben im Kosovo. 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