{"id":13728,"date":"2023-10-14T10:50:05","date_gmt":"2023-10-14T08:50:05","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=13728"},"modified":"2023-10-14T10:50:07","modified_gmt":"2023-10-14T08:50:07","slug":"eine-kurze-geschichte-der-hamas","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=13728","title":{"rendered":"<strong>Eine kurze Geschichte der Hamas<\/strong>"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die Hamas wird von deutschen Medien gerne in die N\u00e4he der Nazis ger\u00fcckt. Doch mit Antisemitismus ist ihr Aufstieg nicht zu erkl\u00e4ren \u2013 durch die israelische Politik schon.<\/strong><\/p>\n<p>Der Ausbruch der Intifada im Dezember 1987 bedeutete den ersten allgemeinen Aufstand der Bev\u00f6lkerung in den von Israel seit 1967 besetzten Gebieten. Erstmals<!--more--> war der Kampf gegen die <a href=\"https:\/\/www.marx21.de\/widerstand-gegen-die-anhaltende-vertreibung-in-palaestina\/\">Besatzung<\/a> nicht beschr\u00e4nkt auf bewaffnete Gruppen wie die Fatah von Jassir Arafat. Die Bewegung erfasste die gesamte pal\u00e4stinensische Bev\u00f6lkerung. Volkskomitees wurden zur Koordinierung der Proteste gegr\u00fcndet, Hunderttausende beteiligten sich an Demos und Blockaden, die pal\u00e4stinensischen Arbeiter:innen in Israel streikten. Die alten Konflikte zwischen den verschiedenen pal\u00e4stinensischen Str\u00f6mungen gerieten in den Hintergrund.<\/p>\n<p><strong>Die Hamas wird gegr\u00fcndet<\/strong><\/p>\n<p>In dieser Stimmung befand die F\u00fchrung des Ablegers der \u00e4gyptischen Muslimbruderschaft in Gaza, der 1979 von Israel anerkannten Mujama al-Islamiya, dass es an der Zeit f\u00fcr einen Strategiewechsel war. Bis dahin war ihre Politik auf die \u00bbIslamisierung\u00ab der Gesellschaft durch Erziehungsarbeit und Wohlfahrt ausgerichtet \u2013 diese Innenorientierung war es, die sie unter \u00bbJihad\u00ab (heiliger Krieg) verstanden. Damit verbunden war das Argument, dass der inneren Befreiung durch den Glauben irgendwann auch die \u00e4u\u00dfere Befreiung von der Besatzung folgen w\u00fcrde. Aber die Stimmung des Aufstandes erfasste auch die Mitglieder der Mujama und die Organisation erkannte, dass sie jeglichen Einfluss verlieren w\u00fcrde, wenn sie sich nicht anpasste. So wurde ein politischer Arm gegr\u00fcndet: die Hamas. Der Name ist ein Akronym f\u00fcr das arabische \u1e24arakat al-Muq\u0101wamah al-\u02beIsl\u0101miyyah, was Islamische Widerstandsbewegung bedeutet.<\/p>\n<p>Die Hamas lehnte die weltlichen pal\u00e4stinensischen Parteien unter dem Dach der PLO ab und betonte die Religion. In ihrer Sprache wurde der nationale Konflikt zu einem religi\u00f6sen Konflikt. Damit brach die Hamas absichtlich mit den Traditionen des pal\u00e4stinensischen Widerstands, um sich von der PLO abzusetzen. Zugleich bekam dadurch der Widerstand gegen die Besatzung in der Diktion von Teilen der Hamas einen antij\u00fcdischen Charakter, der in der sp\u00e4ter von der F\u00fchrung verworfenen Gr\u00fcndungscharta zum Beispiel durch Bezugnahme auf das antisemitische Machwerk der russischen Geheimpolizei, \u00bbDie Protokolle der Weisen von Zion\u00ab, deutlich wird.<\/p>\n<p><strong>Der Nahostkonflikt ist kein religi\u00f6ser<\/strong><\/p>\n<p>Aber anders als im europ\u00e4ischen Antisemitismus hat die Hamas keine unterdr\u00fcckte Minderheit zu einem S\u00fcndenbock konstruiert, sondern den Fehler gemacht, den viele Unterdr\u00fcckte machen: die Propaganda ihres Gegners f\u00fcr bare M\u00fcnze zu nehmen. Die Pal\u00e4stinenser:innen sind Opfer einer Politik, die behauptet, im Namen aller j\u00fcdischen Menschen zu handeln. Sie sind mit einem Staat konfrontiert, der sich selbst als \u00bbj\u00fcdisch\u00ab bezeichnet. Der Nahostkonflikt ist jedoch kein religi\u00f6ser, sondern ein politischer Konflikt um die Kontrolle \u00fcber Land und Ressourcen.<\/p>\n<p><strong>Wendejahr 1993: Die Intifada ist beendet<\/strong><\/p>\n<p>Israel hatte seit der Besetzung des zum Gro\u00dfteil von pal\u00e4stinensischen Fl\u00fcchtlingen bewohnten Gazastreifens 1967 bis zum Ausbruch der Intifada die Aktivit\u00e4ten der Mujama mit Wohlwollen behandelt. Die Mujama war explizit apolitisch. Sie bildeten ein Gegengewicht zur Linken und den s\u00e4kularen nationalistischen Kr\u00e4ften, die den Widerstand vor der Intifada dominierten. Anders als die Organisationen der PLO wurde die Mujama nie und die Hamas erst 1989 verboten. So konnte die Hamas in Gaza auf die breite Infrastruktur der Mujama zur\u00fcckgreifen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der Intifada konnte die Hamas keine gro\u00dfe Anh\u00e4ngerschaft gewinnen, vor allem wegen ihres religi\u00f6s-spaltenden Ansatzes. 1993 wurde aber zu einem Wendejahr. Die Fatah handelte mit Israel in Oslo die \u00bbPrinzipienerkl\u00e4rung\u00ab aus. Sie erm\u00f6glichte es Arafat und seinen Gefolgsleuten, aus dem Exil in die besetzten Gebiete zur\u00fcckzukehren und dort eine Verwaltung von Israels Gnaden aufzubauen. Zuerst war die gro\u00dfe Mehrheit der Pal\u00e4stinenser:innen begeistert und hoffte auf den Verhandlungsweg. Die Intifada wurde beendet und alle, die die Osloer Vertr\u00e4ge als Irrweg bezeichneten, waren isoliert. Das betraf sowohl die <a href=\"https:\/\/www.marx21.de\/israels-linke-palaestinafrage-zionismus\/\">linken<\/a> Kritiker:innen als auch die Hamas.<\/p>\n<p><strong>Hamas erwarb Ruf als unbestechliche K\u00e4mpferin<\/strong><\/p>\n<p>Aber schnell wurde deutlich, dass der Siedlungsbau weiterging und eine Einigung nicht in Sicht war. Die Hamas, die sofort nach Beendigung der Intifada mit milit\u00e4rischen Aktionen gegen die Besatzungsarmee begann, erwarb sich in den besetzen Gebieten den Ruf als unbestechliche K\u00e4mpferin f\u00fcr die Befreiung der Pal\u00e4stinenser:innen. Aber das Kr\u00e4fteungleichgewicht war erdr\u00fcckend und so waren die Aktionen der Hamas nie mehr als ein Ausdruck der eigenen Ohnmacht.<\/p>\n<p>Nach der Ermordung von 29 Menschen in einer Moschee in Hebron im Februar 1994 durch einen rechten Israeli, begann die Hamas mit Selbstmordanschl\u00e4gen auf israelische Zivilist:innen, die sie als Vergeltung bezeichnete. Angesichts der milit\u00e4rischen Wirkungslosigkeit und politischen Sch\u00e4dlichkeit erkl\u00e4rte die Hamas im Februar 2005, Selbstmordanschl\u00e4ge zu unterlassen, wenngleich sie Selbstmordanschl\u00e4ge anderer Organisationen weiterhin rechtfertigte.<\/p>\n<p><strong>Sieg bei den Wahlen 2006<\/strong><\/p>\n<p>Bei den freien Wahlen im Jahr 2006 <a href=\"https:\/\/www.kas.de\/c\/document_library\/get_file?uuid=ec0408f5-48e1-34d8-563e-c68cf0737df1&amp;groupId=252038\">gewann die Hamas die absolute Mehrheit<\/a> im besetzten Pal\u00e4stina, also in Gaza und dem Westjordanland. Dieser Erfolg der Hamas war das Ergebnis der letzten zw\u00f6lf Jahre seit der Unterzeichnung der Osloer Vertr\u00e4ge. Die Vertr\u00e4ge f\u00fchrten die Korruptheit der Fatah den Pal\u00e4stinenser:innen immer wieder vor Augen. Vor allem aber erwies sich der von Fatah propagierte Weg, \u00fcber Verhandlungen zu einer Zweistaatenl\u00f6sung zu kommen, die die Belange der Pal\u00e4stinenser:innen auch im Exil und in Jerusalem ber\u00fccksichtigt, als Sackgasse. Die Hamas hingegen schien Erfolg gehabt zu haben. Ihrer Strategie des fortgesetzten Widerstands im Gazastreifen, trieb die Kosten der Besatzung so weit in die H\u00f6he, dass die israelische Regierung 2005 die Siedler:innen aus Gaza abzog. Den Siedlungsbau konzentrierte sie fortan auf das Westjordanland und Jerusalem.<\/p>\n<p>Doch f\u00fcr den Wahlsieg der Hamas im Jahre 2006 wurden die Pal\u00e4stinenser:innen hart bestraft. Israel verhinderte, dass das neu gew\u00e4hlte Parlament zusammentreten konnte, und verhaftete siebzehn Abgeordnete. Danach versuchte die von der <a href=\"https:\/\/www.marx21.de\/30-05-11-palaestina\/\">Fatah<\/a> gef\u00fchrte Autonomiebeh\u00f6rde, ermutigt von der israelischen Regierung und den USA, die Strukturen der Hamas in deren Hochburg im Gazastreifen mit einem Putsch zu zerst\u00f6ren. Sie setzte mit Mohammed Dahlan einen gef\u00fcrchteten Geheimpolizeichef als Gouverneur ein, der eng mit der israelischen Armee zusammenarbeitete. Die Hamas wehrte sich dagegen und ihre Milizen entwaffneten die Polizeieinheiten der Autonomiebeh\u00f6rde. Israels Reaktion war die Verh\u00e4ngung der Blockade \u00fcber den Gazastreifen, die bis heute anh\u00e4lt, und an der \u00e4gyptischen Grenze von der \u00e4gyptischen Armee durchgesetzt wird.<\/p>\n<p><strong>Die Eliten bauten protzig<\/strong><\/p>\n<p>Die Hamas an der Regierung konnte die Lage in Gaza in den Jahren darauf nicht verbessern, ihre eigene Lage hingegen schon: Auch die Hamas-Eliten sicherten sich Privilegien, wie sie die Funktion\u00e4r:innen der Fatah und der PLO im Westjordanland f\u00fcr sich geschaffen hatten. Sie bauten sich protzige H\u00e4user und kauften teure Autos. F\u00fcr die meisten Menschen in Gaza wurden G\u00fcter des t\u00e4glichen Bedarfs hingegen zunehmend unerschwinglich. W\u00e4hrend die offiziellen Grenzen dicht waren, bis auf f\u00fcr wenige ausgew\u00e4hlte G\u00fcter, f\u00fcr deren Abfertigung die israelische Armee eine hohe Geb\u00fchr verlangte, kontrollierte die Hamas die Tunnel nach \u00c4gypten und erhob ihrerseits hohe Steuern auf alle Waren, die \u00fcber diesen Weg nach Gaza kamen.<\/p>\n<p>Die Opposition gegen dieses Regime wurde unbarmherzig bek\u00e4mpft, Todesstrafen wurden verh\u00e4ngt und es wurde eine immer rigidere Sittenordnung durchgesetzt. Aus diesen Gr\u00fcnden verlor die Hamas an Unterst\u00fctzung. Die Menschen hatten sie wegen ihrer Reputation als Widerstandsbewegung gew\u00e4hlt. Doch sie waren tief entt\u00e4uscht, als diese sich wie eine Art zweite Autonomiebeh\u00f6rde \u2013 auch als Fatah II bezeichnet \u2013 benahm. Die Hamas bereicherte sich und behinderte den Widerstand. Zum Beispiel l\u00f6sten Sicherheitskr\u00e4fte der Hamas im November 2011 mit brutaler Gewalt das Jugendforum Sharek in Gaza auf. Daraufhin ver\u00f6ffentlichten Jugendliche aus Gaza ihr <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/GazaYBO\/info\">Manifest<\/a>, das mit den Worten \u00bbFuck Israel. Fuck Hamas. Fuck Fatah\u00ab die allgemeine Wut \u00fcber die politische Korruption und die israelische Besatzung ausdr\u00fcckte.<\/p>\n<p><strong>Eine international isolierte Hamas<\/strong><\/p>\n<p>Israels wiederholte Bombardierungen zerst\u00f6rten die \u00f6ffentliche Infrastruktur <a href=\"https:\/\/www.marx21.de\/israels-politik-palaestina-netanjahu-widerstand-callinicos\/\">Gazas<\/a>. Betroffen waren und sind Krankenh\u00e4user, Kl\u00e4ranlagen, Wasser, Strom, der Flughafen, Stra\u00dfen, Schulen, UN-Einrichtungen und der Hafen. Schlie\u00dflich konnte die Hamas wegen der erbarmungslosen Blockade Gazas die grundlegenden Funktionen des Gemeinwesens \u2013 Bildung, Ern\u00e4hrung, Sicherheit, Gesundheitsversorgung \u2013 nicht mehr erf\u00fcllen. Die Menschen in Gaza wurden immer unzufriedener. Die Illusion, die Hamas k\u00f6nne die Lage der Pal\u00e4stinenser:innen verbessern, war gr\u00fcndlich entt\u00e4uscht worden.<\/p>\n<p>In dieser Situation schien eine Einheitsregierung gemeinsam mit der Fatah einen Ausweg zu bieten. Nach einigem Hin und Her stimmten alle Fraktionen der Hamas \u2013 das Politb\u00fcro in Katar, die Kassam-Brigaden und die Verwaltung in Gaza \u2013 diesem Fahrplan zu. Im Rahmen der Einheitsregierung lie\u00df sich die Hamas auch auf drei Bedingungen ein. Die USA und EU hatte diese f\u00fcr ihre Bereitschaft mit der Hamas zu verhandeln gestellt: 1. Israel w\u00fcrde anerkannt, 2. der bewaffnete Kampf w\u00fcrde eingestellt und 3. bereits bestehende Abkommen w\u00fcrden eingehalten.<\/p>\n<p>Bei dem Gedanken, dass die Hamas als Verhandlungspartner international anerkannt werden k\u00f6nnte, schrillten in der Regierung Benjamin Netanjahus die Alarmglocken. Am 17. Juli 2014 startete das israelische Milit\u00e4r die gr\u00f6\u00dfte Invasion seit mehr als zehn Jahren. Ziel war es, die \u00bbEinheitsregierung\u00ab von Hamas und Fatah zu verhindern und die Strukturen der Hamas im Westjordanland zu zerst\u00f6ren. Die Hamas antwortete erstmals seit dem Waffenstillstand 2012 wieder mit dem Beschuss israelischer Ziele. Es folgte ein furchtbares Bombardement der seit Jahren eingeschlossenen Bev\u00f6lkerung Gazas.<\/p>\n<p><strong>Widerstand bleibt popul\u00e4r<\/strong><\/p>\n<p>Zwar hat die Hamas wegen ihrer Politik in Gaza an Popularit\u00e4t eingeb\u00fc\u00dft, ihr Widerstand aber hat sehr gro\u00dfe Unterst\u00fctzung. Mahmud Abbas, Chef der Fatah, wei\u00df das. Er f\u00fcrchtet, dass auch seine Pal\u00e4stinensische Autonomiebeh\u00f6rde als Agentur der israelischen Besatzung wahrgenommen und angegriffen wird. Die f\u00fcr Mai 2021 angesetzten Wahlen lie\u00dft er unter einem Vorwand absagen. Es trieb ihn die Angst, die ersten Wahlen seit 15 Jahren zu verlieren. Nicht die St\u00e4rke der Hamas, sondern die Schw\u00e4che von Abbas, dessen Fatah mit gleich mehreren Abspaltungen konfrontiert ist, bewog ihn zu diesem Schritt. Mit der erneuten Eskalation in Jerusalem durch den ebenfalls mit dem R\u00fccken zur Wand stehenden Netanjahu und dem darauffolgenden Raketenbeschuss seitens der Hamas und der Bombardierung Gazas durch Israel ist es jedoch wieder die Hamas, welche als Speerspitze des pal\u00e4stinensischen Widerstands dasteht.<\/p>\n<p>Durch die j\u00fcngsten Vorst\u00f6\u00dfe der israelischen Regierung und Armee in Jerusalem, im Westjordanland und in pal\u00e4stinensisch bev\u00f6lkerten St\u00e4dten in Israel selbst verteidigte die Hamas diesen Ruf auch \u00fcber den belagerten Gazastreifen hinaus. Nichts k\u00f6nnte ihre schwindende Popularit\u00e4t besser aufpolieren als der aggressive Kurs der israelischen Politik.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.marx21.de\/eine-kurze-geschichte-der-hamas\/\"><em>marx21.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 14. Oktober 2023<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Hamas wird von deutschen Medien gerne in die N\u00e4he der Nazis ger\u00fcckt. 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