{"id":13782,"date":"2023-10-22T09:07:14","date_gmt":"2023-10-22T07:07:14","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=13782"},"modified":"2023-10-22T09:07:15","modified_gmt":"2023-10-22T07:07:15","slug":"gaza-krieg-wer-hat-angefangen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=13782","title":{"rendered":"<strong>Gaza-Krieg: Wer hat angefangen?<\/strong>"},"content":{"rendered":"<p><em>Moshe Zuckermann. <\/em><strong>Bei der Beantwortung dieser Frage darf man keiner optischen T\u00e4uschung verfallen. Es geht um die Okkupation.<\/strong><\/p>\n<p>Was am 7. Oktober in den israelischen Siedlungen am Gazastreifen geschah, ist kaum zu beschreiben. Es fehlen die Worte, um die Monstrosit\u00e4t, die von Mordlust, Blutrausch, Sadismus und<!--more--> Zerst\u00f6rungswut angetriebenen Hamas-Terroristen verbrochen haben, darzustellen. Neben gro\u00dfes Entsetzen entfachte das Grauen des Geschehenen ein unb\u00e4ndiges Bed\u00fcrfnis nach Rache und Vergeltung. Das war denn auch schnell genug die fast einhellige Kollektivreaktion in Israel.<\/p>\n<p>So verbreitete sich in den etablierten Medien sogleich eine martialische Rhetorik, die \u2013 von ehemaligen Gener\u00e4len, Milit\u00e4rexperten und sonstigen Beobachtern und Kommentatoren getragen \u2013 das \u201cnun Anstehende\u201d mit konsensueller Aggressivit\u00e4t debattierte. Die seit vielen Monaten dysfunktionale Regierung und das Milit\u00e4r, das versagt hatte und dessen Reaktion nun gefordert war, sahen sich durch die allgemeine Stimmung legitimiert (zumal das Entsetzen in der westlichen Welt eine spontane Solidarit\u00e4t mit Israel generierte), \u201cdas Hamas-Problem\u201d diesmal ein f\u00fcr allemal zu l\u00f6sen.<\/p>\n<p>Die Slogans einer sich zunehmenden faschisierenden Polemik kannten nun keinen Halt mehr: Gaza m\u00fcsse \u201cdem Erdboden gleich gemacht\u201d werden; die Hamas geh\u00f6re \u201causgemerzt\u201d; man d\u00fcrfe nun endlich beweisen, dass \u201cauch wir barbarisch werden k\u00f6nnen\u201d. Und man ging sogleich ans Werk. Zum Zeitpunkt der Niederschrift dieser Zeilen sind bereits Tausende Bewohner aus dem Gazastreifen durch Bombardements der israelischen Luftwaffe zu Tode gekommen, unter ihnen viele hunderte Kinder und Frauen. Eine humanit\u00e4re Katastrophe ist bereits entstanden, und sie bildet erst der Anfang.<\/p>\n<p>Dass humanit\u00e4re Hilfe angesichts des gro\u00dfen Elends zugelassen werde, wie von Pr\u00e4sident Biden w\u00e4hrend seines Israel-Besuchs gefordert, wird von den allermeisten Israelis in Rage abgeschmettert. Den \u201cTiermenschen\u201d geb\u00fchre kein Mitleid, geschweige denn materielle Unterst\u00fctzung. Sie wird dennoch gew\u00e4hrt werden m\u00fcssen \u2013 zu viele Zivilisten sind betroffen. Die Hilfe ist auch (so Biden) Voraussetzung daf\u00fcr, dass Israel mit der begonnenen Milit\u00e4raktion unerbittlich brachial fortfahren darf. Schlimmstes steht noch beiden Seiten bevor.<\/p>\n<p>Und wieder einmal wird die Frage gestellt: Wer hat angefangen? Das h\u00f6rt sich merkw\u00fcrdig an, wenn man die totale \u00dcberraschung, mit der der bestialische Angriff der Hamas am 7. Oktober auf israelischer Seite erlebt wurde, bedenkt. In fr\u00fcheren Zeiten pflegte man \u2013 teils juristisch, teils moralisch bewegt \u2013 klar und deutlich festzustellen, wer der Aggressor und wer das Opfer der Aggression bei einem (milit\u00e4rischen) Gewaltakt sei. Dem Aggressor wurde Verantwortung und Schuld beigemessen, und entsprechend wurde er verurteilt. Dies hat sich in den letzten Jahrzehnten verw\u00e4ssert, als sich herausstellte, dass sich gro\u00dfe M\u00e4chte herausnahmen, von ihnen begangene Aggressionsakte mit moralischer Notwendigkeit zu begr\u00fcnden. Nicht nur bestimmten sie dabei, was als moralisch zu gelten habe, sondern sie durften sich gewiss sein, dass ihnen die \u201cVerurteilung\u201d durch andere nichts anhaben, ihnen mithin egal bleiben konnte. Und doch lohnt es sich, \u00fcber die Frage \u201cWer hat angefangen?\u201d einiges zu sagen.<\/p>\n<p>Im vorliegenden Fall reicht es nicht aus festzustellen, wer am 7. Oktober den Angriff gestartet hat. Denn der Angriff hat auch einen Kontext. Es geht hier nicht darum, die Hamas zu verteidigen bzw. die Monstrosit\u00e4t ihrer Taten zu relativieren. Bei der Hamas handelt es sich um eine fundamentalistisch-religi\u00f6se Bewegung, die sich durch islamistische Radikalit\u00e4t auszeichnet; wer sich mit ihr identifiziert, legt ein Bekenntnis ab. Aber Hamas ist auch die Institution, die den Gazastreifen verwaltet, sich also um die Versorgung der Bev\u00f6lkerung in diesem Landstrich zu k\u00fcmmern hat. Hamas versteht sich auch als eine pal\u00e4stinensische Milit\u00e4rformation, die Israel Widerstand leistet.<\/p>\n<p>Abgesehen davon, dass Israel die zwischen der Hamas und der PLO seit vielen Jahren herrschende Feindschaft instrumentalisiert hat, um die Ambitionen der PLO, einen pal\u00e4stinensischen Staat zu gr\u00fcnden, in Schach zu halten bzw. ganz zu neutralisieren, also eine Art <em>tacit agreement<\/em> mit dem erbitterten Feind eingegangen ist (Israel hat die Gr\u00fcndung der Hamas gef\u00f6rdert, und gerade Netanjahu hat immer daf\u00fcr gesorgt, dass die Herrschaft der Hamas im Gazastreifen nicht so ersch\u00fcttert wird, dass die Hamas st\u00fcrzt), hat Israel die Kontrolle \u00fcber den Gazastreifen nie aufgegeben. Der Gazastreifen ist \u00f6konomisch, in der Wasser- und Elektrizit\u00e4tsversorgung und auch in der Erm\u00f6glichung der Finanzierung durch Katar von Israel vollkommen abh\u00e4ngig; Israel hat bestimmt, dass der Gazastreifen keinen Hafen und keinen Flughafen habe darf. Nicht von ungef\u00e4hr redet man von Gaza als dem \u201cgr\u00f6\u00dften Gef\u00e4ngnis der Welt\u201d. Israel hat die unmittelbare Besatzung von Gaza im Jahre 2005 zwar aufgegeben und sich aus diesem Gebiet zur\u00fcckgezogen. Zugleich hat es aber die urspr\u00fcngliche Funktion des Gef\u00e4ngnisw\u00e4rters nie aufgegeben.<\/p>\n<p>Nicht unerw\u00e4hnt mag auch bleiben, dass sich Hamas immer wieder gegen\u00fcber der PLO zu profilieren trachtet. Dies geschah in den letzten 15 Jahren vor allem durch Eskalation der Gewalt gegen Israel, die entweder in beschr\u00e4nkte milit\u00e4rische Operationen oder auch einen (begrenzten) Krieg m\u00fcndete, wobei man, wie gesagt, von israelischer Seite darauf achtete, Hamas nicht zu st\u00fcrzen. Die Leiderfahrung der Bewohner Gazas (wie auch die der Bewohner der israelischen Ortschaften an der Grenze des Gazastreifens) wurde stillschweigend in Kauf genommen. Es war stets die unausweichlich entstehende humanit\u00e4re Krise bei den pal\u00e4stinensischen Bewohnern Gazas, die der jeweiligen Gewaltrunde, bewirkt durch Druck der Welt\u00f6ffentlichkeit, ein Ende setzte. Was sich aber \u00fcber Jahre anstauen musste, war ein gewaltiger Hass auf Israel, der durch die religi\u00f6se Emphase eine zus\u00e4tzliche Fundierung erfuhr. Man bedenke zudem, dass viele Gaza-Bewohner der Generation der im 1948er Krieg (der Nakba) aus Pal\u00e4stina Vertriebenen entstammen.<\/p>\n<p>Es wird noch lange dauern, bis man die monstr\u00f6sen Gewaltexzesse der Terroristen am 7. Oktober wird begreifen k\u00f6nnen. Aber mit einer systematischen Entmenschlichung der T\u00e4ter wird man ihnen nicht beikommen. Das Reden von \u201cTiermenschen\u201d hat etwas mit israelischen Bed\u00fcrfnissen zu tun, so auch opportune Vergleiche mit den Nazis in der Shoah. Es verweist eher auf die Unf\u00e4higkeit der Israelis, die ihnen widerfahrene Katastrophe anders, als durch die Dehumanisierung der Gaza-Bewohner zu rezipieren und einzuordnen. Die Dehumanisierung gerinnt dabei zur Wesensbestimmung: das sei sie nun einmal, die Hamas, die aber auch immer mehr mit Gaza insgesamt und seinen Bewohnern gleichgesetzt wird.<\/p>\n<p>Das ist eine alte rhetorische Praxis in Israel: Kein anderer als Israels Premier Menachem Begin nannte die Pal\u00e4stinenser w\u00e4hrend des Libanonkrieges von 1982 (in der Knesset!) \u201czweibeinige Tiere\u201d; der ehemalige Generalstabschef der IDF Rafael Eitan bezog sich auf die Araber insgesamt als \u201czugedr\u00f6hnte K\u00fcchenschaben in einer Flasche\u201d; die verbalen Hemmungslosigkeiten der Stra\u00dfe seien hier ausgespart.<\/p>\n<p>Was dabei v\u00f6llig zugrunde geht, ist die F\u00e4higkeit, auch Unschuldige als solche anzuerkennen, geschweige denn, zu bemitleiden. Wenn die massenhafte T\u00f6tung von Kindern im Gaza damit abgetan wird, dass sie eben den Preis f\u00fcr die Untaten der Hamas zahlen (im noch g\u00e4ngigen Fall) bzw. aber am besten <em>alle<\/em> get\u00f6tet werden sollten, \u201csolange sie noch klein sind\u201d (im nicht seltenen extremen Fall), dann hat die Verrohung auch auf israelischer Seite Einzug gehalten. Die ist freilich nicht neu \u2013 die Bombardierung der Zivilbev\u00f6lkerung Gazas hat Tradition; freilich nehmen sich Kampfjets und die Anonymisierung der Opfer eleganter aus, als der direkte physische Terrorakt. Das h\u00e4lt man sich als Menschlichkeit zugute.<\/p>\n<p>\u201cWer hat angefangen?\u201d ist also keine Frage des partikularen Moments im fortlaufenden Prozess. Es ist eine Frage, die eine historisch entstandene Struktur belangt. Wer von der kontextuellen Struktur nicht reden will, der sollte auch von ihren unausweichlichen immanenten Folgen schweigen. Ohne Beendigung der Okkupation haben weder Pal\u00e4stinenser noch Israelis eine Zukunft in dieser Region.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/overton-magazin.de\/top-story\/gaza-krieg-wer-hat-angefangen\/\"><em>overton-magazin.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 22. Oktober 2023<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Moshe Zuckermann. Bei der Beantwortung dieser Frage darf man keiner optischen T\u00e4uschung verfallen. Es geht um die Okkupation.<br \/>\nWas am 7. Oktober in den israelischen Siedlungen am Gazastreifen geschah, ist kaum zu beschreiben. 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