{"id":13794,"date":"2023-10-23T17:48:01","date_gmt":"2023-10-23T15:48:01","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=13794"},"modified":"2023-10-23T17:48:02","modified_gmt":"2023-10-23T15:48:02","slug":"gaza-oktober-2023-von-terroristen-und-geistern-die-man-rief","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=13794","title":{"rendered":"<strong>Gaza, Oktober 2023: Von Terroristen und Geistern, die man rief<\/strong>"},"content":{"rendered":"<p><em>Heiner Biewer. <\/em>Die vielfach bedingungs- wie bedenkenlose Unterst\u00fctzung Israels durch den Westen gr\u00fcndet unter anderem darauf, m\u00f6glichst jeden R\u00fcckgriff auf Gewalt seitens der Pal\u00e4stinenser als Terror zu bezeichnen. Damit macht man es sich sehr einfach: W\u00e4hrend Gewalt gegen Zivilisten das humanit\u00e4re V\u00f6lkerrecht auch im reinen Verteidigungsfall verletzt, ist die Gewaltanwendung nicht<!--more--> per se illegitim.[<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=105683#foot_1\">1<\/a>] Die unl\u00f6sbare Verkn\u00fcpfung von Terror und seiner entschiedenen Verurteilung f\u00fchrt uns zudem auf eine absolute moralische Ebene, auf der einerseits eine Einengung des Diskurses und in der Folge des diplomatischen Handlungsspielraumes stattfindet, andererseits jede (milit\u00e4rische) Antwort als gerechtfertigt bezeichnet werden kann. Wer spricht und sprach wann von Terror, wer hat ihn angewendet, wer oder was hat den Terrorismus bef\u00f6rdert, was ist aus \u201eden Terroristen\u201c geworden? Nachdenken \u00fcber ein Schlagwort und seine Verwendung auf der Basis von Zitaten.<\/p>\n<p><strong>Terroristen oder Freiheitsk\u00e4mpfer?<\/strong><\/p>\n<p><em>Es war in einem besonders schlimmen Sommer: Am 6. Juli z\u00fcndete ein Mann auf einem Markt in Haifa eine Bombe; 23 Menschen wurden get\u00f6tet, 75 verletzt, \u00fcberwiegend Frauen und Kinder. Am 15. Juli starben bei einem Anschlag in Jerusalem 10 Menschen, 29 wurden verwundet. Zehn Tage sp\u00e4ter explodierte wiederum in Haifa eine Bombe, es gab 39 Tote. S\u00e4mtliche Opfer waren arabische Zivilisten. Es war der Sommer 1938. Zu den Anschl\u00e4gen bekannte sich die Irgun,[<\/em><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=105683#foot_2\"><em>2<\/em><\/a><em>] der bewaffnete Arm der \u201erevisionistischen Zionisten\u201c um Wladimir Jabotinsky. Aus der Irgun gingen zwei israelische Ministerpr\u00e4sidenten hervor: Menachem Begin[<\/em><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=105683#foot_3\"><em>3<\/em><\/a><em>] und Jitzchak Schamir.[<\/em><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=105683#foot_4\"><em>4<\/em><\/a><em>]<\/em><\/p>\n<p><em>Widerstandsk\u00e4mpfer? Freiheitsk\u00e4mpfer? Kriminelle? Barbaren? Bekanntlich sind \u201eTerroristen\u201c immer die anderen, niemals \u201eunsere\u201c K\u00e4mpfer. Die Geschichte lehrt uns, dass die Terroristen von gestern die politischen Amtstr\u00e4ger von morgen sein k\u00f6nnen. <\/em><\/p>\n<p>(Alain Gresh, \u201e<a href=\"https:\/\/monde-diplomatique.de\/artikel\/!200140\">Terroristen oder Freiheitsk\u00e4mpfer<\/a>\u201c, April 2015)<\/p>\n<p>Die israelische Luftwaffe (IAF) bombardiert in diesen Tagen Ziele im Gaza-Streifen. Das <a href=\"https:\/\/www.wsj.com\/livecoverage\/israel-hamas-war-gaza-strip\/card\/israeli-air-force-says-it-has-dropped-6-000-bombs-on-gaza-QK1aSnupiGqytMVO86PU\"><em>Wall Street Journal<\/em><\/a> zitierte vor wenigen Tagen das pal\u00e4stinensische Gesundheitsministerium in Gaza:<\/p>\n<p><em>\u201eDie israelischen Luftangriffe verursachten in mehreren Stadtvierteln des Gazastreifens erhebliche Sch\u00e4den und t\u00f6teten mehr als 1.500 Pal\u00e4stinenser, von denen fast die H\u00e4lfte Frauen und Kinder waren.\u201c <\/em><\/p>\n<p>Besitzen Terroristen Flugzeuge? Alain Gresh verweist im oben zitierten Artikel auf die Diskrepanz der Mittel:<\/p>\n<p><em>Larbi Ben M\u2019hidi, brillanter Kopf der algerischen Revolution und Kommandant der autonomen Region Algier, wurde 1957 von der franz\u00f6sischen Armee festgenommen. Auf die Frage, warum die Nationale Befreiungsfront (FLN) in Babytragetaschen versteckte Bomben in Caf\u00e9s und an anderen \u00f6ffentlichen Orten platzierte, antwortete er seinen Folterern: \u201eGebt uns eure Flugzeuge, dann geben wir euch unsere Tragetaschen.\u201c <\/em><\/p>\n<p><em>[\u2026]<\/em><\/p>\n<p><em>Die Diskrepanz der Mittel zwischen einer Guerilla und einer regul\u00e4ren Armee hat eine Diskrepanz bei der Zahl der Opfer zur Folge. Wenn die Hamas und ihre Verb\u00fcndeten als \u201eTerroristen\u201c gelten, weil sie w\u00e4hrend des Gazakriegs im Sommer 2014 f\u00fcnf Zivilisten get\u00f6tet haben, was ist dann die richtige Bezeichnung f\u00fcr den Staat Israel, der nach zur\u00fcckhaltenden Sch\u00e4tzungen \u2013 Sch\u00e4tzungen der israelischen Armee \u2013 zwischen 800 und 1\u2009000 Zivilisten auf dem Gewissen hat, darunter mehrere hundert Kinder? <\/em><\/p>\n<p><strong>Ein Brief an die New York Times<\/strong><\/p>\n<p>Kehren wir zur\u00fcck zu Menachem Begin. Nach Aufl\u00f6sung der Irgun gr\u00fcndete Begin die Cherut-Partei[<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=105683#foot_5\">5<\/a>] (\u201eFreiheitsbewegung\u201c) und reiste Ende 1948 in die USA, um dort um Unterst\u00fctzung zu werben. Dies veranlasste Albert Einstein, Hannah Arendt und weitere 24 Pers\u00f6nlichkeiten zu einem <a href=\"https:\/\/archive.org\/details\/AlbertEinsteinLetterToTheNewYorkTimes.December41948\">Brief an die Redaktion der <em>New York Times<\/em><\/a>:<\/p>\n<p><em>Zu den beunruhigendsten politischen Ph\u00e4nomenen unserer Zeit geh\u00f6rt das Auftauchen der \u201eFreiheitspartei\u201c (Tnuat Haherut) im neu geschaffenen Staat Israel, einer politischen Partei, die in ihrer Organisation, ihren Methoden, ihrer politischen Philosophie und ihrer sozialen Anziehungskraft den nazistischen und faschistischen Parteien sehr \u00e4hnlich ist. Sie ist aus den Mitgliedern und Anh\u00e4ngern der ehemaligen Irgun Zvai Leumi entstanden, einer terroristischen, rechtsgerichteten, chauvinistischen Organisation in Pal\u00e4stina. [\u2026]<\/em><\/p>\n<p><em>Die \u00f6ffentlichen Bekenntnisse von Begins Partei sind kein Hinweis auf ihren tats\u00e4chlichen Charakter. Heute spricht sie von Freiheit, Demokratie und Antiimperialismus, w\u00e4hrend sie bis vor kurzem noch offen die Doktrin des faschistischen Staates predigte. [\u2026]<\/em><\/p>\n<p><em>Ein schockierendes Beispiel war ihr Verhalten in dem arabischen Dorf <\/em><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Massaker_von_Deir_Yasin\"><em>Deir Yassin<\/em><\/a><em>. Dieses Dorf, das abseits der Hauptstra\u00dfen liegt und von j\u00fcdischem Land umgeben ist, hatte sich nicht am Krieg beteiligt und sogar arabische Banden abgewehrt, die das Dorf als St\u00fctzpunkt nutzen wollten. Am 9. April griffen Terrorbanden dieses friedliche Dorf an, das kein milit\u00e4risches Ziel in den K\u00e4mpfen war, t\u00f6teten die meisten seiner Bewohner (240 M\u00e4nner, Frauen und Kinder) und lie\u00dfen einige von ihnen am Leben, um sie als Gefangene durch die Stra\u00dfen Jerusalems zu f\u00fchren. [\u2026]<\/em><\/p>\n<p><em>Der Vorfall von Deir Yassin ist ein Beispiel f\u00fcr den Charakter und die Handlungen der Freiheitspartei.<\/em><\/p>\n<p><em>Innerhalb der j\u00fcdischen Gemeinschaft hat sie eine Mischung aus Ultranationalismus, religi\u00f6sem Mystizismus und rassischer \u00dcberlegenheit gepredigt. <\/em><\/p>\n<p>Die komplette \u00dcbersetzung des Briefes mit den Namen aller Unterzeichner <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/pdf\/231023-Einstein-Arendt-Brief-NYT-1948.pdf\">habe ich beigef\u00fcgt<\/a>.<\/p>\n<p><strong>Die Geister, die man rief<\/strong><\/p>\n<p>Am 5. M\u00e4rz 2015 hielt die pal\u00e4stinensische Schriftstellerin Sahar Khalifa bei einer Konferenz am Zentrum f\u00fcr Pal\u00e4stinastudien an der \u201eSchool of Oriental and African Studies\u201c (SOAS) der Universit\u00e4t London einen Vortrag, in dem sie aus feministischer wie allgemein muslimischer (respektive pal\u00e4stinensischer) Perspektive auf die St\u00e4rkung von Islamisten durch die USA bzw. Israel hinwies:<\/p>\n<p><em>Die Entwicklungen w\u00e4hrend der 1970er und 1980er Jahre in unserer Region gleichen denen in Afghanistan, als die USA die Islamisten unterst\u00fctzten, um die kommunistische Regierung zu st\u00fcrzen. Jahrelang wurden sie geh\u00e4tschelt und aufgep\u00e4ppelt, als Mudschaheddin und \u201eFreiheitsk\u00e4mpfer\u201c bezeichnet, um dann \u2013 erst von den Amerikanern, dann auch von den brav folgenden Europ\u00e4ern \u2013 als \u201eTerroristen\u201c klassifiziert zu werden.<\/em><\/p>\n<p><em>In Pal\u00e4stina kopierte Israel das US-amerikanische Modell. Man ermutigte die Islamisten, gegen die nationalistischen und sozialistischen Kr\u00e4fte in der PLO aufzubegehren. W\u00e4hrend linke und liberale Wortf\u00fchrer und Aktivisten gejagt, drangsaliert und ermordet wurden, hatten die Islamisten freie Hand. In den Schulen wurden sie von den Israelis bevorzugt als Lehrer eingesetzt. Zu Hunderten, sp\u00e4ter zu Tausenden infiltrierten islamistisch orientierte M\u00e4nner und Frauen das pal\u00e4stinensische Bildungssystem. Sobald sich die Islamisten ihres R\u00fcckhalts in der Bev\u00f6lkerung sicher waren und als neue Macht etabliert hatten, wandten sie sich gegen Israel und den Westen. <\/em><\/p>\n<p>(siehe \u201e<a href=\"https:\/\/monde-diplomatique.de\/artikel\/!5228243\">Ich war die f\u00fcnfte Entt\u00e4uschung<\/a>\u201c, September 2015)<\/p>\n<p>Und weiter:<\/p>\n<p><em>Unmittelbar nach der Niederlage im Krieg gegen Israel 1967 verb\u00fcndeten sich die von den USA unterst\u00fctzten antisozialistischen und antiliberalen arabischen Diktaturen mit islamisch-fundamentalistischen Gruppen und finanzierten sie gro\u00dfz\u00fcgig. <\/em><\/p>\n<p><em>[\u2026]<\/em><\/p>\n<p><em>So absurd es war: Die USA und ihre Verb\u00fcndeten wurden sich der Gefahr dieser Strategie erst bewusst, als der Zauberlehrling sich bereits gegen den Zauberer wandte und die islamisch-fundamentalistischen Organisationen eine streng islamistische Gesellschaftsordnung einzurichten drohten, die gegen den Westen opponierte.<\/em><\/p>\n<p><em>[\u2026]<\/em><\/p>\n<p><em>Die Menschen im Westen neigen mittlerweile zu dem Glauben, dass alle Araber und alle Muslime so rigide, fanatisch und geistig verbohrt seien wie islamische Fundamentalisten, und vergessen oder leugnen dabei, dass diese Bewegung, die gegen unsere demokratischen, s\u00e4kularen und wissenschaftlichen \u00dcberzeugungen und nicht zuletzt gegen uns Frauen zu Felde zieht, urspr\u00fcnglich ein Kind des Westens und seiner reaktion\u00e4ren Verb\u00fcndeten war. <\/em><\/p>\n<p>Khalifa beklagt in ihrem Vortrag Entwicklungen, ohne n\u00e4her auf einzelne Organisationen einzugehen. Der Telegramkanal Slavyangrad stellte vor wenigen Tagen eine <a href=\"https:\/\/t.me\/Slavyangrad\/67503\">kleine Sammlung von Zitaten<\/a> israelischer Pers\u00f6nlichkeiten zusammen, die explizit auf die Schaffung bzw. F\u00f6rderung der Hamas und Israels Rolle dabei eingehen:<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Jitzchak_Rabin\"><em>Yitzhak Rabin<\/em><\/a><em>:[<\/em><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=105683#foot_6\"><em>6<\/em><\/a><em>] \u201eDie Unterst\u00fctzung und Schaffung der Hamas war Israels fataler Fehler.\u201c<\/em><\/p>\n<p><em>Yitzhak Segev , ehemaliger Gaza-Kommandant Brigadegeneral, NYT-Interview: \u201eDie Regierung gab mir Geld f\u00fcr die Unterst\u00fctzung der Islamisten in Gaza, um den wachsenden Einfluss der Fatah und der Kommunisten zu verhindern.\u201c <\/em><\/p>\n<p>Das Statement von Segev wird von der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Hamas\">deutschen Wikipedia<\/a> in ihrem Eintrag \u00fcber die Hamas best\u00e4tigt:<\/p>\n<p><em>In einem Gespr\u00e4ch mit <\/em><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/w\/index.php?title=David_Shipler&amp;action=edit&amp;redlink=1\"><em>David Shipler<\/em><\/a><em>, dem fr\u00fcheren Nahostkorrespondenten der New York Times, erz\u00e4hlte der damalige israelische Milit\u00e4rgouverneur des Gazastreifens, Brigadegeneral <\/em><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/w\/index.php?title=Yitzhak_Segev&amp;action=edit&amp;redlink=1\"><em>Yitzhak Segev<\/em><\/a><em>, dass er die Hamas als Gegenspieler der PLO und der Kommunisten finanziell unterst\u00fctzt habe: \u201eDie israelische Regierung gab mir ein Budget, und die Milit\u00e4rregierung \u00fcbergab sie an die Moscheen.\u201c Shipler erg\u00e4nzte im Jahr 2002: \u201eDiese fr\u00fche Finanzierung s\u00e4te die Saat von Hamas und anderen islamischen Bewegungen, die mit Terrorismus den israelisch-pal\u00e4stinensischen Friedensprozess untergruben.\u201c <\/em><\/p>\n<p>Zur\u00fcck zur Zitatesammlung des Telegram-Kanals:<\/p>\n<p><em>Oberst David Hakam: \u201eIsraels Unterst\u00fctzung f\u00fcr Extremisten wie Jassin (Gr\u00fcnder der Hamas) ist eine Erbs\u00fcnde, aber damals dachte niemand an die Folgen.\u201c<\/em><\/p>\n<p><em>Rabbi Avner Cohen, der 20 Jahre lang f\u00fcr religi\u00f6se Angelegenheiten in Gaza zust\u00e4ndig war: \u201eDie Hamas ist zu meinem gro\u00dfen Bedauern eine Sch\u00f6pfung Israels.\u201c<\/em><\/p>\n<p><em>In den 1980er Jahren erstellte er einen ganzen Bericht f\u00fcr die israelische Regierung, der mit einer Warnung vor der Bedrohung durch eine islamistische Terrorzelle und der dringenden Empfehlung schloss, das Spiel \u201eTeile und herrsche\u201c in Gaza sofort einzustellen. Eines seiner Zitate zu diesem Thema: \u201eH\u00f6ren Sie auf, dieses Monster zu unterst\u00fctzen, bevor Sie die schrecklichen Folgen zu sp\u00fcren bekommen.\u201c <\/em><\/p>\n<p>Die Aussagen von Rabbi Avner Cohen sind einem Artikel im <em>Wall Street Journal<\/em> vom Januar 2009 entnommen (langsamer Link zu dem <a href=\"https:\/\/web.archive.org\/web\/20090926212507\/http:\/online.wsj.com\/article\/SB123275572295011847.html\">archivierten Artikel<\/a>).<\/p>\n<p><strong>Allianz der Extremisten<\/strong><\/p>\n<p>Wo k\u00f6nnen wir den aktuellen Ministerpr\u00e4sidenten Benjamin Netanjahu[<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=105683#foot_7\">7<\/a>] in dieser Geschichte verorten? In der liberalen israelischen Tageszeitung <em>Haaretz<\/em> erschien im Mai 2021 ein Kommentar der Politikerin Stav Shaffir, Angeh\u00f6rige der Partei <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Awoda\">Awoda<\/a>, die als zionistische Partei der linken Mitte der Opposition zuzurechnen ist \u2013 \u201e<a href=\"https:\/\/web.archive.org\/web\/20220715223137\/https:\/www.haaretz.com\/opinion\/2021-05-20\/ty-article-opinion\/.premium\/there-is-only-one-war-the-extremists-vs-the-moderates\/0000017f-f466-d5bd-a17f-f67e4f940000\">Es gibt nur einen Krieg: Die Extremisten gegen die Moderaten<\/a>\u201c (ein ebenfalls langsamer Link zum Webarchiv). Zu dieser Zeit fand der Israel-Gaza-Konflikt 2021 statt, der am 10. Mai begann und am 21. Mai mit einer Waffenruhe endete.<\/p>\n<p><em>Mehr denn je wurde in dieser Woche deutlich, dass wir eine Allianz der Vern\u00fcnftigen eingehen m\u00fcssen, und zwar schnell, denn hinter unserem R\u00fccken hat sich l\u00e4ngst eine Allianz der Extremisten gebildet. Die Extremisten, Juden wie Araber, brauchen sich gegenseitig. Sie arbeiten zusammen, um Friedensabkommen zu verhindern und unsere Chancen auf ein normales Leben zu sabotieren. Sie hassen sich gegenseitig, aber sie brauchen einander dringend, denn ohne einen Feind werden sie sich aufl\u00f6sen. <\/em><\/p>\n<p>Sie sieht eine gezielte Zweifrontenstrategie zur Verhinderung der Zweistaatenl\u00f6sung:<\/p>\n<p><em>Die erste ist eine innere Front: der Transfer von Geldern an Siedlergruppen, die neben der Entwicklung von Siedlungen auch zum Aufbau einer Streitmacht vor Ort verwendet wurden. [\u2026] Die Siedlerkomitees in Samaria [\u2026] und Bewegungen wie die rechtsextreme Lehava sind nicht ohne Grund so stark geworden. [\u2026] <\/em><\/p>\n<p><em>Die zweite Front wurde von Premierminister Benjamin Netanjahu offen gef\u00f6rdert und erschuf eine \u00e4u\u00dfere Bedrohung. Im Jahr 2019 gab er zu: \u201eJeder, der die Gr\u00fcndung eines pal\u00e4stinensischen Staates vereiteln will, muss Geld nach Gaza schicken. Das ist Teil unserer Strategie \u2013 die Pal\u00e4stinenser in Gaza von Jud\u00e4a und Samaria zu trennen.\u201c Der rechte Generalmajor (a.D.) Gershon Hacohen erkl\u00e4rte, dass Netanjahu, um die Zweistaatenl\u00f6sung zu verhindern, \u201edie Hamas zu seinem engsten Partner gemacht hat.\u201c [\u2026]<\/em><\/p>\n<p><em>Somit bedrohen uns zwei terroristische Bewegungen gleichzeitig, eine von innen und eine von au\u00dfen. <\/em><\/p>\n<p><strong>L\u00f6sungsperspektiven oder Denk- und Sprechverbote?<\/strong><\/p>\n<p>Im Hinblick auf eine m\u00f6gliche L\u00f6sung des israelisch-pal\u00e4stinensischen Konfliktes ist die Behauptung von Terror, die Zuschreibung des Terrorismus an den Gegner\/Feind \u00e4u\u00dferst relevant, denn eine echte L\u00f6sung erfordert einen Dialog, dieser wiederum setzt Dialogf\u00e4higkeit voraus, welche den \u201eTerroristen\u201c pauschal abgesprochen wird.<\/p>\n<p>Wie wir jedoch gesehen haben, wurden zwei Mitglieder von Organisationen, die Wikipedia als terroristisch einstuft, sp\u00e4ter Ministerpr\u00e4sidenten von Israel, n\u00e4mlich Menachem Begin und Jitzchak Schamir. Begin erhielt sogar 1978 zusammen mit Anwar al-Sadat den Friedensnobelpreis.<\/p>\n<p>Nelson Mandela wurde gemeinsam mit anderen Vertretern des ANC von der US-amerikanischen Regierung unter Ronald Reagan als Terrorist auf eine Watch List gesetzt, auch die britische Premierministerin Margaret Thatcher hat ihn 1987 einen Terroristen genannt (<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Nelson_Mandela\">vgl. Mandelas Wiki-Eintrag<\/a>). Selbst die Nazis verorteten den Terror anderswo, wie <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Raymond_Aubrac\">Raymond Aubrac<\/a>, f\u00fchrendes Mitglied der franz\u00f6sischen R\u00e9sistance, 2003 <a href=\"https:\/\/www.cairn.info\/revue-topique-2003-2-page-7.htm\">berichtete<\/a>:<\/p>\n<p><em>Es stimmt, dass unsere Gegner, die Nazis und ihre franz\u00f6sischen Verb\u00fcndeten, uns in allen Propagandamitteln, Plakaten, Zeitungen und Radiosendern, die sie kontrollierten, als Terroristen bezeichneten. <\/em><\/p>\n<p>Im R\u00fcckblick mag man dies als absurd bewerten \u2013 wer ein Terrorist und damit nicht dialogf\u00e4hig ist, liegt allerdings im Auge des Betrachters, der wiederum Konfliktpartei oder ihr Unterst\u00fctzer sein kann.<\/p>\n<p>Alain Gresh hat wiederholt, zuletzt auf <a href=\"https:\/\/orientxxi.info\/magazine\/gaza-palestine-the-right-to-resist-oppression,6792\"><em>OrientXXI<\/em><\/a>, betont:<\/p>\n<p><em>Ich m\u00f6chte noch einmal daran erinnern, dass viele terroristische Organisationen, die im Laufe der j\u00fcngeren Geschichte als solche an den Pranger gestellt wurden, inzwischen keine Parias mehr sind und zu legitimen Gespr\u00e4chspartnern geworden sind. Die Irisch-Republikanische Armee (IRA), die Algerische Nationale Befreiungsfront, der Afrikanische Nationalkongress (ANC) und viele andere wurden abwechselnd als \u201eTerroristen\u201c bezeichnet, ein Wort, das dazu dient, ihren Kampf zu entpolitisieren und ihn als eine Konfrontation zwischen Gut und B\u00f6se darzustellen. <\/em><\/p>\n<p>Um eine dauerhaft tragf\u00e4hige L\u00f6sung zu erreichen, wird \u201eman\u201c (der Westen) mit Vertretern der Pal\u00e4stinenser reden m\u00fcssen. Und wenn man die Hamas f\u00fcr \u201eunverbesserlich\u201c h\u00e4lt, k\u00f6nnte man dann die angesprochene Allianz der Extremisten schw\u00e4chen, indem man der Hamas (oder ihren extremistischen Elementen) den N\u00e4hrboden entzieht? In einem <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/international\/world\/interview-with-former-israeli-security-chief-yuval-diskin-a-982094.html\"><em>Spiegel<\/em>-Interview von 2014<\/a> beschrieb Yuval Diskin, fr\u00fcherer Direktor des israelischen Inlandsgeheimdienstes Shin Bet, den Gleichklang der \u201eInteressen\u201c zwischen der Hamas und der Bev\u00f6lkerung von Gaza:<\/p>\n<p><em>Der Hamas ist es egal, ob die Bev\u00f6lkerung unter den Angriffen leidet oder nicht, denn die Bev\u00f6lkerung leidet ohnehin. [\u2026] Die Menschen im Gaza-Streifen haben im Moment nichts zu verlieren, genau wie die Hamas. Und genau das ist das Problem. <\/em><\/p>\n<p>Die Blockade des Gazastreifens, deren Urspr\u00fcnge bis in die 1990er Jahre zur\u00fcckreichen und die in diesen Tagen total geworden ist (oder droht, es zu werden), verhindert jede wirtschaftliche Entwicklung und damit von Perspektiven f\u00fcr die Menschen in Gaza. Sie hat nicht dazu gef\u00fchrt, dass die Menschen sich gegen die Hamas wenden. Und welchen Nutzen hat die Rede vom Terrorismus? Dazu schrieb der <a href=\"https:\/\/www.legrandsoir.info\/catalyse-totalitaire.html\">franz\u00f6sische \u00d6konom und Philosoph Fr\u00e9d\u00e9ric Lordon<\/a> vor wenigen Tagen:<\/p>\n<p><em>Sollte \u201eTerrorismus\u201c [\u2026] der Ausgangspunkt der \u00f6ffentlichen Debatte sein? Nein, er ist nicht einmal der Endpunkt der Debatte, sondern nur eine Sackgasse. [\u2026]. \u201eTerrorismus\u201c ist eine Kategorie, die aus der Politik herausf\u00fchrt. Sie wurde geschaffen, um seine Ausrottung als einzige Perspektive zu etablieren und jede politische Analyse zu verhindern. [\u2026]. \u201eTerrorismus\u201c zu sagen, bedeutet, zu verneinen, dass das, was in Israel-Pal\u00e4stina geschieht, zutiefst politisch ist. [\u2026]<\/em><\/p>\n<p><em>Man ben\u00f6tigt den \u201eTerrorismus\u201c nicht, um das Ausma\u00df des Schreckens zu beschreiben; \u201eKrieg\u201c und \u201eKriegsverbrechen\u201c reichen leider v\u00f6llig aus [\u2026] Verbrechen, die Verbrechen nach sich ziehen \u2013 Verbrechen, die Verbrechen vorausgegangen sind. Die Verbissenheit, von \u201eTerrorismus\u201c zu sprechen, befriedigt nur emotionale Bed\u00fcrfnisse [\u2026]<\/em><\/p>\n<p><em>Aber f\u00fcr diejenigen, die den \u201eTerrorismus\u201c in der aktuellen Situation zu einem Punkt der Abschw\u00f6rung gemacht haben, hat er eine unersetzliche Tugend: die Behauptung sinnloser Gewalt, ohne jede Ursache. Reine Gewalt, die aus dem Nichts kommt und streng genommen keine andere Antwort erfordert als ihre Ausrottung, vielleicht in der Form eines Kreuzzugs; der Zusammenprall der Zivilisationen; die Achse des Guten, der keine Fragen gestellt werden d\u00fcrfen. <\/em><\/p>\n<p>Titelbild: Civilization &amp; Barbarism \/ Ren\u00e9 Georges Hermann-Paul<\/p>\n<p>[<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=105683#note_1\">\u00ab1<\/a>] Die Generalversammlung der Vereinten Nationen hat mit der <a href=\"http:\/\/un-documents.net\/a29r3314.htm\">Resolution 3314<\/a> von 1974 das Recht von V\u00f6lkern bekr\u00e4ftigt, f\u00fcr Selbstbestimmung, Freiheit und Unabh\u00e4ngigkeit zu k\u00e4mpfen und Unterst\u00fctzung zu suchen, so sie unter kolonialen und rassistischen Regimen oder anderen Formen der Fremdherrschaft stehen. In der <a href=\"https:\/\/digitallibrary.un.org\/record\/40572\">Resolution 37\/43<\/a> von 1982 hei\u00dft es: <em>\u201eDie Generalversammlung \u2026 bekr\u00e4ftigt die Legitimit\u00e4t des Kampfes der V\u00f6lker f\u00fcr Unabh\u00e4ngigkeit, territoriale Integrit\u00e4t, nationale Einheit und Befreiung von kolonialer und fremder Herrschaft und ausl\u00e4ndischer Fremdherrschaft und Fremdbesetzung mit allen verf\u00fcgbaren Mitteln, einschlie\u00dflich des bewaffneten Kampfes\u201c<\/em> und <em>\u201ebekr\u00e4ftigt das unver\u00e4u\u00dferliche Recht \u2026 des pal\u00e4stinensischen Volkes .. auf Selbstbestimmung, nationale Unabh\u00e4ngigkeit, territoriale Integrit\u00e4t, nationale Einheit und Souver\u00e4nit\u00e4t\u201c<\/em>.<\/p>\n<p>[<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=105683#note_2\">\u00ab2<\/a>] Aus der deutschen <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Irgun_Zwai_Leumi\">Wikipedia<\/a>: eine \u201e<em>zionistische paramilit\u00e4rische Untergrundorganisation<\/em>\u201c, die \u201e<em>terroristische Anschl\u00e4ge<\/em>\u201c ver\u00fcbte und nach Ausrufung der Unabh\u00e4ngigkeit Israels 1948 durch die Regierung aufgel\u00f6st und zum gr\u00f6\u00dften Teil in die israelische Armee integriert wurde.<\/p>\n<p>[<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=105683#note_3\">\u00ab3<\/a>] Begin war von 1977 bis 1983 Ministerpr\u00e4sident. Begin war verantwortlich f\u00fcr den Sprengstoffanschlag auf das <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/King_David_Hotel\">King David Hotel<\/a> 1946 in Jerusalem, bei dem 91 Menschen ums Leben kamen.<\/p>\n<p>[<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=105683#note_4\">\u00ab4<\/a>] Schamir war von 1986 bis 1992 Ministerpr\u00e4sident. Er schloss sich 1940 der Stern-Bewegung an, einer radikalen (!) Splittergruppe der Irgun.<\/p>\n<p>[<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=105683#note_5\">\u00ab5<\/a>] Die Partei schloss 1965 sich zun\u00e4chst in einem losen Block mit der Liberalen Partei zusammen. 1973 wurde daraus mit weiteren kleinen Parteien das Wahlb\u00fcndnis Likud, das sich 1988 zu einer Partei vereinigte. Likud stellt seit 1977 in mehr als 30 Jahren den israelischen Ministerpr\u00e4sidenten. Die ersten beiden, Begin und Schamir, belegen den dominierenden Status der Cherut. Ariel Scharon (2001-2005) kam aus der liberalen Partei und trat Ende 2005 aus der Likud aus. Der derzeitige Ministerpr\u00e4sident Netanjahu geh\u00f6rte keiner der Vorg\u00e4ngerparteien an.<\/p>\n<p>[<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=105683#note_6\">\u00ab6<\/a>] Ministerpr\u00e4sident von 1974 bis 1977 und von 1992 bis zu seiner Ermordung im Jahre 1995<\/p>\n<p>[<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=105683#note_7\">\u00ab7<\/a>] f\u00fcnfmaliger Premier Israels, derzeit seit November 2022 im Amt<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=105683\"><em>nachdenkseiten.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 23. Oktober 2023<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heiner Biewer. Die vielfach bedingungs- wie bedenkenlose Unterst\u00fctzung Israels durch den Westen gr\u00fcndet unter anderem darauf, m\u00f6glichst jeden R\u00fcckgriff auf Gewalt seitens der Pal\u00e4stinenser als Terror zu bezeichnen. 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