{"id":1397,"date":"2016-08-04T08:59:48","date_gmt":"2016-08-04T06:59:48","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=1397"},"modified":"2016-10-13T11:45:51","modified_gmt":"2016-10-13T09:45:51","slug":"1397","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=1397","title":{"rendered":"Goldhagens antideutsche Metaphysik statt Marx"},"content":{"rendered":"<p><em>Susann Witt-Stahl.<\/em> <strong>Vor 20 Jahren l<\/strong><strong>\u00e4<\/strong><strong>uteten Goldhagen und seine Anh<\/strong><strong>\u00e4<\/strong><strong>nger eine Revision marxistischer Faschismustheorien ein. Damit ebneten sie den Weg f<\/strong><strong>\u00fc<\/strong><strong>r Legitimationsideologien <\/strong><strong>\u00bb<\/strong><strong>deutscher L<\/strong><strong>\u00f6<\/strong><strong>sungen<\/strong><strong>\u00ab<\/strong><strong> in der Au<\/strong><strong>\u00df<\/strong><strong>enpolitik.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p><strong>Vor 20 Jahren, im Sommer 1996, erschien Daniel Goldhagens Buch <\/strong><strong>\u00bb<\/strong><strong>Hitler<\/strong><strong>\u2019<\/strong><strong>s Willing Executioners. Ordinary Germans and the Holocaust<\/strong><strong>\u00ab<\/strong><strong> in deutscher Sprache unter dem Titel <\/strong><strong>\u00bb<\/strong><strong>Hitlers willige Vollstrecker<\/strong><strong>\u00ab<\/strong><strong>. Die Monographie hatte bereits im April desselben Jahres einen Streit unter deutschen Historikern ausgel<\/strong><strong>\u00f6<\/strong><strong>st, als ein Vorabdruck in der <em>Zeit<\/em> erschienen war. Auch innerhalb der Linken wurde Goldhagens Studie heftig diskutiert. Zu dieser Debatte ver\u00f6ffentlichen wir einen Meinungsbeitrag der Musikjournalistin Susann Witt-Stahl. (<em>jW<\/em>) <\/strong><\/p>\n<p>Daniel Goldhagen wurde 1996 f\u00fcr \u00bbHitlers willige Vollstrecker\u00ab vom deutschen Publikum gefeiert wie ein Popstar. Das Buch ist unwissenschaftlich, enth\u00e4lt viele historiographische Fehler und ist rei\u00dferisch geschrieben \u2013 stellenweise ein billiges Kulturindustrieprodukt. Ganz sicher ist es keine ernstzunehmende Abhandlung \u00fcber den NS-Faschismus und den deutschen V\u00f6lkermord an den europ\u00e4ischen Juden. Mit seiner \u00bbhaneb\u00fcchenen\u00ab Behauptung eines vom Vernichtungsantisemitismus beseelten deutschen Wesens, das nach dem Untergang des Hitlerfaschismus geheilt wurde, ist es, wie Moshe Zuckermann befand (siehe <em>jW<\/em> vom 12.4.2016), ein schlechtes Buch und h\u00e4tte unter anderen historischen Vorzeichen ein Ladenh\u00fcterdasein gefristet.<\/p>\n<p>Es wurde aber zum Bestseller mit \u00bbspektakul\u00e4rer Resonanz\u00ab (<em>FAZ<\/em>) und ist hochbrisant. Nicht zuletzt weil der 750-Seiten-W\u00e4lzer und noch mehr seine Rezeption sich als Affirmation der seit Adenauer verfolgten Agenda deutscher Au\u00dfenpolitik erweisen, ebenso als Indikator des Einschwenkens dominanter Str\u00f6mungen der antikapitalistischen Linken auf deren verst\u00e4rkt aggressiven Kurs, was verbunden ist mit einem Abschied vom friedenspolitischen Konsens und Antifaschismus \u2013 sogar von wesentlichen Erkenntnissen des historischen Materialismus.<\/p>\n<p>Die Exekutoren der als \u00bbsicherheitspolitisches Engagement\u00ab camouflierten imperialistischen Aggressionen lassen heute ausgerechnet im Namen der Millionen bomben und pl\u00fcndern, die Opfer der Radikalisierung deutschen Hegemonialstrebens bis hin zum F\u00fchren von \u00bbVernichtungskriegen\u00ab geworden waren. Seit der Rechtsnachfolger des NS-Staates, gef\u00fchrt von einer rot-gr\u00fcnen Bundesregierung, 1999 in Jugoslawien die \u00dcberschreitung seines historischen Rubikons wagte \u2013 sie war bereits in den \u00bbVerteidigungspolitischen Richtlinien\u00ab von 1992 geplant \u2013, dient \u00bbwegen Auschwitz\u00ab bis hinein in die Linke als Totschlagargument.<\/p>\n<p>Diese Umkehr des objektiv aus dem vorwiegend von deutschen T\u00e4tern ver\u00fcbten Menschheitsverbrechen resultierenden neuen welthistorischen Imperativs (dass Auschwitz sich nicht wiederhole, nichts \u00e4hnliches geschehe) war bereits in der \u00adExistenz einer postfaschistischen und in den NATO-imperialistischen Machtblock integrierten BRD und ihrer philosemitischen politischen Kultur angelegt. Das hei\u00dft in einer dezidiert nicht antifaschistischen und nicht auf Beseitigung des Antisemitismus, sondern blo\u00df auf die positive Umdeutung seiner Ideologeme zielenden Gesellschaftsordnung sind die Bedingungen der M\u00f6glichkeit weiterer Katastrophen gut, in Krisenzeiten besser.<\/p>\n<p><strong>\u00bb<\/strong><strong>Der j<\/strong><strong>\u00fc<\/strong><strong>dische Freund<\/strong><strong>\u00ab<\/strong><\/p>\n<p>Wie der Historiker Frank Stern betont, hatte der Philosemitismus im Westdeutschland der Nachkriegszeit eine \u00bbdoppelte Dimension\u00ab und kann daher nicht nur \u00bbals einfache Verkehrung des Antisemitismus oder als Nebenprodukt der Reeducation\u00ab betrachtet werden: Zun\u00e4chst beruhte Philosemitismus nicht selten auf einer tats\u00e4chlichen Ver\u00e4nderung des Denkens und Verhaltens. Als sich aber abzeichnete, dass die BRD im Kalten Krieg die Rolle des Frontstaats \u00fcbernehmen w\u00fcrde, \u00fcberwog die instrumentell-philosemitische Denkform und avancierte zur Ideologie. \u00bbDie Tabula antisemitica wurde mit der Tabula philosemitica ordentlich \u00fcberdeckt\u00ab, beschreibt Stern in seiner Abhandlung \u00bbIm Anfang war Auschwitz\u00ab von 1991 die neue Devise.<\/p>\n<p>1965 betonte Konrad Adenauer, damals bereits Altkanzler, die Notwendigkeit der Anerkennung deutscher Schuld. Und er verteidigte das bereits 1953 abgeschlossene \u00bbWiedergutmachungs\u00ab-Abkommen mit Israel, das der junge j\u00fcdische Staat dringend zur Existenzsicherung ben\u00f6tigte. \u00bbDie Macht der Juden auch heute noch, insbesondere in Amerika, soll man nicht untersch\u00e4tzen\u00ab, lautete ein Argument Adenauers f\u00fcr den alternativen deutschen Weg zur L\u00f6sung der \u00bbJudenfrage\u00ab. Derart offen antisemitische Atavismen bildeten die Ausnahme, es galt vielmehr, die Zeichen der Zeit zu erkennen: \u00bbJeder\u00ab, so Stern, \u00bbhatte jetzt einen j\u00fcdischen Freund gehabt.\u00ab<\/p>\n<p>Eines \u00bbj\u00fcdischen Freundes\u00ab, der seine Hand f\u00fcr das westgebundene Deutschland ins Feuer legte, bedurften vor allem die neu-alten \u00f6konomischen Eliten, um langfristig wieder auf der Weltb\u00fchne in der ersten Reihe agieren zu k\u00f6nnen. Der war in dem engen NATO-Alliierten Israel gefunden. Denn \u00bbIsrael erkl\u00e4rte sich zum Erben der Opfer, zu ihrem alleinigen offiziellen Vertreter in der Welt und ernannte sich zum Sprecher der ermordeten Millionen. Wir b\u00fcrgerten sechs Millionen Tote ein\u00ab, beschreibt der ehemalige Knesset-Sprecher Avraham Burg einen Prozess, den Moshe Zuckermann als \u00bbZionisierung des Holocausts\u00ab bezeichnete. F\u00fcr die Bundesrepublik eine willkommene Interessenslage. \u00bbDer gewaltige Betrag von 1,5 Milliarden Dollar f\u00fcr die materielle Wiedergutmachung soll auch politische Dividenden abwerfen\u00ab, bemerkte Adenauer-Biograph Hans-Peter Schwarz.<\/p>\n<p>Israel fungierte f\u00fcr das restaurierte Westdeutschland als identit\u00e4tsstiftendes Vorbild \u2013 sp\u00e4testens nach dem Sechstagekrieg: \u00bbErfolg und H\u00e4rte des israelischen Vormarsches l\u00f6sten einen Blutrausch aus, Blitzkriegtheorien schossen ins Kraut, <em>Bild<\/em> gewann in Sinai endlich, nach 25 Jahren, doch noch die Schlacht von Stalingrad\u00ab, bemerkte Ulrike Meinhof im Juli 1967. \u00bbH\u00e4tte man die Juden, statt sie zu vergasen, mit an den Ural genommen, der Zweite Weltkrieg w\u00e4re anders ausgegangen, die Fehler der Vergangenheit wurden als solche erkannt, der Antisemitismus bereut, die L\u00e4uterung fand statt, der neue deutsche Faschismus hat aus den alten Fehlern gelernt, nicht gegen \u2014 mit den Juden f\u00fchrt Antikommunismus zum Sieg.\u00ab<\/p>\n<p>Rund ein Vierteljahrhundert sp\u00e4ter hatte der Kapitalismus die Macht, sich f\u00fcr alternativlos zu erkl\u00e4ren. Innerhalb k\u00fcrzester Zeit mutierten ungez\u00e4hlte Linke zu Post-, Ex- und Antikommunisten, liefen mit fliegenden Fahnen zum vorl\u00e4ufigen Sieger \u00fcber. Viele von ihnen in das in den USA entstandene Lager der Neokonservativen, die in der westlichen Welt den machiavellistischen \u00dcberbau f\u00fcr die Durchsetzung der neoliberalen Agenda stellten.<\/p>\n<p>Mit \u00bbNie wieder Deutschland\u00ab auf den Lippen zogen die, die Klassenkampf und Antiimperialismus hinter sich gelassen hatten und sich dabei aufgekl\u00e4rt vorkamen, nur noch gegen die Berliner Republik als potentielles \u00bbViertes Reich\u00ab, nicht aber gegen Deutschland als zunehmend interventionistische Mittelmacht im US-gef\u00fchrten westlichen Imperium. F\u00fcr diese Quadratur des Kreises mussten deutsche Linke sich in den Zustand der Amnesie versetzen und geopolitische Wahrheiten vergessen \u2013 Meinhof hatte sie noch ausgesprochen: \u00bbDie Politik der Vereinigten Staaten zielt nicht nur auf die Erhaltung Israels f\u00fcr die Israelis, sondern ebenso auf die Erhaltung des arabischen \u00d6ls f\u00fcr die amerikanische Wirtschaft.\u00ab Ebenso wie der deutsche Imperialismus den \u00bbj\u00fcdischen Freund\u00ab im Nahen Osten und den zur Fetischformel mutilierten neuen welthistorischen Imperativ bem\u00fcht, um seine Expansionsbestrebungen ideologisch zu legitimieren, bedurften dieser Instrumente alle Linken, die damit ihren Frieden geschlossen haben.<\/p>\n<p><strong>Mit Fichte gegen Marx <\/strong><\/p>\n<p>Daniel Goldhagen lieferte nahezu alles, was f\u00fcr einen radikalen Bruch mit historisch-materialistischer (Geschichts-)Wissenschaft und ein Ende kapitalismuskritischer Aufarbeitung deutscher Vergangenheit n\u00f6tig war: eine \u00bbganz einfache\u00ab Argumentationskette mit den Stichworten \u00bbDeutsche \u2013 Antisemitismus \u2013 Hass \u2013 Brutalit\u00e4t\u00ab, wie der Historiker Raul Hilberg schrieb. \u00bbGoldhagen hat uns das Bild eines quasi mittelalterlichen Incubus hinterlassen, eines im deutschen Geist stets latent vorhandenen D\u00e4mons, der nur auf die Gelegenheit zum Losschlagen gewartet hatte.\u00ab In der Tat konstruierte er ein Erkl\u00e4rungsmodell, das auf ein aus der Nebelregion des b\u00fcrgerlichen Idealismus auftauchendes deutsches B\u00f6ses fokussierte. Es katapultierte die Antisemitismusforschung zur\u00fcck in die Finsternis der \u2013 scheinbar negativ gewendeten \u2013 Fichteschen Philosophie vom \u00bbdeutschen Wesen\u00ab und war sogar in der \u00bbN\u00e4he zum v\u00f6lkischen Nationalismus\u00ab angesiedelt, wie Reinhard K\u00fchnl 1996 in <em>jW<\/em> monierte. Mit seiner Herleitung des NS-Faschismus aus dem als \u00bbkognitives Muster\u00ab begriffenen Judenhass blendete Goldhagen die komplexe \u00bbKausalbeziehung zwischen kapitalistischen Eigentumsverfassung und kapitalistischen Herrschafts- und Expansionsinteressen einerseits und dem Faschismus als Ideologie und Herrschaftsform andererseits\u00ab nahezu komplett aus, kritisierte K\u00fchnl weiter.<\/p>\n<p>\u00bbOhne die Zusammenarbeit der deutschen Industrie und der Nazipartei h\u00e4tten Hitler und seine Parteigenossen niemals die Macht in Deutschland ergreifen und festigen k\u00f6nnen\u00ab, erg\u00e4nzte der Kommunist und ehemalige Widerstandsk\u00e4mpfer Emil Carlebach mit einem Zitat des Hauptankl\u00e4gers der N\u00fcrnberger Prozesse und machte darauf aufmerksam, dass Goldhagens Gerede \u00fcber \u00bbdeutsche Charaktereigenschaften\u00ab vor allem f\u00fcr eines geeignet sei: \u00bbvon der Erkenntnis abzulenken\u00ab, wer \u00bbhinter den Verbrechen Hitlerdeutschlands stand\u00ab.<\/p>\n<p><strong>Antisemitische <\/strong><strong>\u00bb<\/strong><strong>Einheitsfront<\/strong><strong>\u00ab<\/strong><strong>? <\/strong><\/p>\n<p>Die idealistische Pr\u00e4misse der Studie des US-amerikanischen Soziologen (\u00bbIm Gegensatz zu Marx\u2019 bekanntem Diktum geht sie davon aus, dass das Bewusstsein das Sein bestimmt\u00ab) und die Aussicht auf Faschismus- und Antisemitismusanalysen mit viel Moralin und Metaphysik und frei von Marx euphorisierte einige Anh\u00e4nger offenbar so sehr, dass sie einen regelrechten Goldhagen-Hype entfalteten. Die Zeitschrift <em>Konkret<\/em> lockte neue Leser in spe mit \u00bbHitlers willige Voll\u00adstrecker\u00ab als Abopr\u00e4mie. Andere starteten Kampagnen gegen Linke, die nicht mit Goldhagen die j\u00fcdische Katastrophe als \u00bbdeutsches nationales Projekt\u00ab interpretierten und sich weigerten, sich in der Schuldfrage auf die Masse \u00bbder Deutschen\u00ab zu konzentrieren und damit \u2013 zumindest objektiv \u2013 den Unterschied zwischen gro\u00dfkalibrigen Akteuren und Profiteuren des NS-Terrors wie etwa I.G.-Farben-Managern und Mitl\u00e4ufern wie regimetreuen Flie\u00dfbandarbeitern einzuebnen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend von der \u00bbWiedervereinigung\u00ab Deutschlands und von \u00bbSchlussstrich\u00ab-Mentalit\u00e4t befl\u00fcgelte rechte Gegner Goldhagens, gemessen an ihren Falschbehauptungen (allen voran, dass er von einer \u00bbdeutschen Kollektivschuld\u00ab ausgehe), glimpflich davonkamen, wurden die linken wahlweise als \u00bbAntisemiten\u00ab oder als NS-T\u00e4ter-Sch\u00fctzer ausgemacht. Es reichte, dass der Politikwissenschaftler Ekkehart Krippendorff \u00bbHitlers willige Vollstrecker\u00ab als \u00bbpublizistisch hochgespielte Dissertation\u00ab bezeichnete, um von einer \u00bb8.-Mai-Gruppe\u00ab gleichzeitig \u00bbantisemitischer Verschw\u00f6rungstheorien\u00ab und der Mitgliedschaft in einer \u00bbEinheitsfront gegen Goldhagen\u00ab bezichtigt zu werden. Einen ausgepr\u00e4gten Jagdinstinkt entwickelten Goldhagen-Apologeten besonders gegen\u00fcber \u00bblinken Koryph\u00e4en der Arbeiterbewegung\u00ab, wie Reinhard K\u00fchnl und Emil Carlebach ironisch-ver\u00e4chtlich bezeichnet wurden. Letzterer hatte es gewagt, vor einer \u00bb\u203aantideutschen\u2039 Sto\u00dfrichtung\u00ab zu warnen. Die Beobachtung \u00fcber die deutsche \u00bbNation als Klammer des Vernichtungsprogramms macht Goldhagen marxistischer als K\u00fchnl und Co.\u00ab, verk\u00fcndete J\u00fcrgen Els\u00e4sser in <em>jW. <\/em><\/p>\n<p>Erst recht kein Pardon durften j\u00fcdische Linke erwarten: \u00bbViele, aber nicht alle Antizionisten werden leider leicht zu Antisemiten\u00ab, etikettierte der Historiker Wolfgang Wippermann Norman Finkelstein, der sich nicht nur herausgenommen hatte, Goldhagen wegen dessen \u00bbahistorischer monokausaler Lesart der Vergangenheit\u00ab, sondern auch den Klassenchauvinismus j\u00fcdischer b\u00fcrgerlicher Rechter zu kritisieren: \u00bbEs ist gerade sein Selbstverst\u00e4ndnis als linker amerikanischer Jude, das ihn anf\u00e4llig macht\u00ab, lautete Wippermanns steile These \u00fcber Finkelstein, die immerhin sein eigenes reichhaltiges Ressentiment-Repertoire offenbarte.<\/p>\n<p><strong>Eine <\/strong><strong>\u00bb<\/strong><strong>deutsche L<\/strong><strong>\u00f6<\/strong><strong>sung<\/strong><strong>\u00ab<\/strong><strong> f<\/strong><strong>\u00fc<\/strong><strong>r Serbien <\/strong><\/p>\n<p>\u00bbGoldhagen amnestiert die Bourgeoisie von Auschwitz sowohl f\u00fcr ihre fr\u00fcheren als auch f\u00fcr ihre jetzigen Verbrechen; er gibt die Schuld f\u00fcr das Grauen des Dritten Reichs nicht den imperialistischen Herrschern, sondern der gesamten deutschen Bev\u00f6lkerung, und er stimmt in den Chor derjenigen ein, die das \u203ademokratische\u2039 Vierte Reich hochjubeln\u00ab, brachte eine trotzkistische Postille polemisch zugespitzt auf den Punkt, was Goldhagen f\u00fcr deutsche, bald auch f\u00fcr \u00bbantideutsche\u00ab und \u00bbantinationale\u00ab NATO-Patrioten so unwiderstehlich machte.<\/p>\n<p>Wer die \u00bbNationalsozialisten\u00ab nicht als Reaktion\u00e4re, sondern \u00bbgr\u00fcndlichste Revolution\u00e4re der Moderne\u00ab begreift, die b\u00fcrgerliche Gesellschaft nicht als kontingente Basis f\u00fcr immer neue Erscheinungsformen des Faschismus erkennt, sondern als dessen Antidot verkl\u00e4rt, wer die Klassenfraktur des NS-Staates ignoriert und die Westintegration und \u00bbReeducation\u00ab ausgerechnet durch die USA \u2013 Initiator und Unterst\u00fctzer zahlreicher autorit\u00e4rer Regimes \u2013 als historische Errungenschaft betrachtet, der muss unweigerlich f\u00fcr \u00bbMenschenrechts\u00ab-Imperialismus zu begeistern sein.<\/p>\n<p>Nur konsequent Goldhagens in der britischen Tageszeitung <em>The Guardian<\/em> ver\u00f6ffentlichte Forderung vom April 1999 die Bombardierungen Jugoslawiens sollten nicht aufh\u00f6ren, bevor eine \u00bbdeutsche L\u00f6sung\u00ab durchgesetzt sei: Der Unterschied zwischen Hitler und Milosevic bestehe lediglich in der \u00bbGr\u00f6\u00dfenordnung\u00ab ihrer Verbrechen, meinte er. \u00bbW\u00e4ren die Albaner, Bosnier, Kroaten, Europ\u00e4er, Nordamerikaner und selbst die Serben besser dran, wenn Serbien von einem Saddam Hussein oder von einem Konrad Adenauer regiert werden w\u00fcrde?\u00ab, lautete Goldhagens rhetorische Frage, auf die er selbst die Antwort gab: \u00bbUm das V\u00f6lkermorden zu beenden, muss die NATO Serbien besiegen, besetzen und umerziehen.\u00ab<\/p>\n<p>Damals erntete Goldhagen u.\u2009a. daf\u00fcr noch eine Menge Kritik aus der deutschen Linken. Viele versuchten aber auch mit allerlei ideologischen Verrenkungen zu trennen, was zusammengeh\u00f6rte: Goldhagens nur scheinbar radikal \u00bbantideutsche\u00ab Holocaust-Analysen und seinen Mythos von den neuen gerechten Kriegen der gel\u00e4uterten Deutschen.<\/p>\n<p>Sp\u00e4testens nach einer von der Heinrich-B\u00f6ll-Stiftung \u2013 begleitend zum Kosovo-Krieg \u2013 organisierten Konferenz f\u00fcr Goldhagen war klar, dass es nicht zuletzt um eine Abrechnung mit dem ging, was Sympathisanten wie Gerhard Scheit unter \u00bbabgehalfterter DKP-DDR-Geschichtsschreibung\u00ab verstanden. Aber die Faschismusforschung sollte nicht nur von Dimitroff ges\u00e4ubert werden. Auch von Elementen der Kritischen Theorie, deren Antisemitismusanalysen durch \u00bb\u00d6konomismus\u00ab, den dringenden Verdacht, die Auftraggeber der NS-Verbrechen seien unter den wirtschaftlichen Eliten auszumachen, sowie die Hervorhebung des Klassencharakters Nazideutschlands unangenehm aufgefallen waren. Kurz: Man sah sie als einer \u00bbunguten Tradition des Marxismus verhaftet\u00ab an, wie der Konferenzteilnehmer und Chefankl\u00e4ger Matthias K\u00fcntzel betonte. K\u00fcntzel entbl\u00f6dete sich auch nicht, Franz Neumann, Autor von \u00bbBehemoth\u00ab, einer der bedeutendsten Faschismusanalysen, und den \u00bboffiziellen Vertretern des sozialistischen und kommunistischen deutschen Exils\u00ab ein \u00bbUrvertrauen in die deutschen Arbeiter\u00ab anzudichten und ihnen vorzuwerfen, \u00bbnational\u00ab zu denken.<\/p>\n<p>In derartigen Besudelungen von Antifaschisten, f\u00fcr die seinerzeit noch genuine Rechte verantwortlich zeichneten, hatte Reinhard Opitz bereits 1980 eine qualitativ neue \u00bbneoliberale Variante antikommunistischer Demagogie mit totalitarismustheoretisch konstruiertem Feindbild\u00ab erkannt: \u00bbEinst im Zeichen des Sozialismus gegen den wirklichen Sozialismus und alle demokratischen Kr\u00e4fte; heute im Zeichen des \u203aAntifaschismus\u2039 gegen alle wirklichen Antifaschisten, abermals die wirklichen Sozialisten und wirklichen Demokraten.\u00ab<\/p>\n<p><strong>Tautologie statt Theorie <\/strong><\/p>\n<p>Der Goldhagen-Komplex lieferte revisionistischen deutschen Linken zur rechten Zeit die perfekte Exitstrategie. Mit \u00bbHitlers willigen Helfern\u00ab waren sie gut ger\u00fcstet f\u00fcr ihren nicht mehr langen Marsch in den Abgrund des NATO-Korporatismus, der 1989\/90 unausgesprochen beschlossene Sache, sp\u00e4testens seit der Entdeckung von \u00bbHitlers Widerg\u00e4nger\u00ab am Tigris 1991 Factum brutum war und mit 9\/11 auf heuchlerischste Weise ideologisch legitimiert wurde.<\/p>\n<p>\u00bbDie Goldhagen-Debatte war f\u00fcr alle spannend und hatte eine Art Initiationscharakter\u00ab, res\u00fcmierte eine Redakteurin der <em>Jungle World<\/em> bereits 2000. Das Organ geh\u00f6rte zu den treibenden Kr\u00e4ften, die rund ein Jahr sp\u00e4ter ungeniert im Namen von sechs Millionen ermordeten Juden die kapitalistische \u00bbZivilisation\u00ab (dieselbe, die rund 50 Jahre vorher die Verdinglichung des Individuums zum Exemplar und dessen b\u00fcrokratisch verwaltete Entsorgung in Todesfabriken gezeitigt hatte) zum Kreuzzug gegen den \u00bbIslamfaschismus\u00ab, \u00bbUmma-Sozialismus\u00ab, bald auch gegen den \u00bbArbeiterbewegungsmarxismus\u00ab aufriefen \u2013 einhergehend mit einer politischen Kriminalisierung aller Linken, die sich dem NATO-Imperialismus in den Weg gestellt hatten.<\/p>\n<p>2003 stellten Thomas Ebermann, Hermann Gremliza und Volker Wei\u00df in dem Gespr\u00e4chsband \u00bbZweierlei Israel?\u00ab die Gleichung \u00bbJuden = Kapitalismus = Demokratie\u00ab auf, die sich gegen die 68er richtete. Das \u00bbantideutsch\u00ab-\u00bbantinationale\u00ab Trio attestierte der Bewegung, die gegen das gro\u00dfe Schweigen zur deutschen T\u00e4tervergangenheit und den Vietnamkrieg auf die Stra\u00dfe gegangen war, dass sie Nazis in den eigenen Reihen und die Vision einer \u00bbantiwestlichen Front, das hei\u00dft die Vorstellung, mit der Roten Armee hinter die Oder zur\u00fcckzufliehen und von dort den Kampf gegen die j\u00fcdische Demokratie aufzunehmen\u00ab, nicht \u00bbals st\u00f6rend empfunden\u00ab habe. Und sie entlarvten ganz unbeschwert, als h\u00e4tte es die Hetze gegen den \u00bbj\u00fcdischen Bolschewisten\u00ab niemals gegeben, Antikapitalismus als Antisemitismus: \u00bbDer Antisemit guckt nach oben, und oben ist das Kapital.\u00ab Wenn es um die Verteidigung der \u00bbwestlichen Moderne\u00ab geht (ein Derivat aus der seit Adenauer zur Routine geronnenen Praxis, \u00bbden Juden\u00ab zwecks Immunisierung des Kapitalismus gegen Kritik vor den Karren der \u00bbwestlichen Wertegemeinschaft\u00ab zu spannen), dann sind auf sie eingeschworene Linke l\u00e4ngst nicht mehr mit Adorno und Horkheimer der Meinung, dass der Kapitalist der \u00bbwahre Shylock\u00ab ist, sondern Shylock ist wieder der wahre Kapitalist.<\/p>\n<p>Der auf b\u00fcrgerliche Ideologie (inklusive philosemitisch gewendeten Antisemitismus) getrimmte, postmodern zugerichtete \u00bbAntifaschismus\u00ab, der die historisch-materialistische Geschichtswissenschaft von den F\u00fc\u00dfen auf den Kopf stellt, erhebt keine Einw\u00e4nde mehr \u00bbgegen die Besitzverh\u00e4ltnisse, welche die Barbarei erzeugen\u00ab (Bert Brecht). Er richtet sich bestenfalls gegen die Barbarei, die von der Barbarei kommt, und ersetzt Kritische Theorie durch Tautologie: \u00bbHinter dem Faschismus stehen \u00fcberzeugte Faschisten \u2013 mithin also eine faschistische Ideologie, nicht das Kapital\u00ab, gab eine Gruppe Hamburger \u00bbAntinationaler\u00ab unl\u00e4ngst zum besten.<\/p>\n<p>Vor allem gegen das \u00bbbarbarische sozialistische Kollektiv\u00ab besinnt man sich auf die gute alte Zeit des Kalten Krieges: W\u00e4hrend \u00bbin der Bundesrepublik die Pr\u00e4senz der Westalliierten die Westbindung Konrad Adenauers forcierte, wurde in der nestwarmen Nischengesellschaft der DDR jener unheimliche Gemeinschaftsgeist konserviert und weiter kultiviert, der auch schon den Nationalsozialismus zur Massenbewegung werden lie\u00df\u00ab, war von einem \u00bbantideutschen\u00ab Publizisten zu erfahren, der den \u00bbNationalsozialistischen Untergrund\u00ab als \u00bborigin\u00e4res Erbe der DDR\u00ab identifizierte.<\/p>\n<p><strong>Bekenntnis zur deutschen Staatsr<\/strong><strong>\u00e4<\/strong><strong>son <\/strong><\/p>\n<p>Der \u00bbantideutsche\u00ab Circulus vitiosus schlie\u00dft sich am Honigtopf der Regierungsbeteiligung. Mit der im \u00bbReformer\u00ab-Lager der Partei Die Linke bejubelten Rede von Gregor Gysi 2008 f\u00fcr die Abkehr von Antiimperialismus und radikaler Israelkritik wurde deutlich: Wo ein instrumenteller Umgang mit der j\u00fcdischen Katastrophe herrscht, da ist das Bekenntnis zu NATO-Deutschland nicht weit. So forderte Gysi mit Angela Merkel \u00bbSolidarit\u00e4t mit Israel\u00ab als Teil der \u00bbdeutschen Staatsr\u00e4son\u00ab wegen der \u00bbdeutschen Verantwortung\u00ab und stellte in Aussicht, dass f\u00fcr den Verzicht auf \u00c4nderung von wesentlichen \u00bbWirklichkeitselementen\u00ab der Berliner Republik die Befriedigung des \u00bbInteresses an politischer Mitgestaltung\u00ab als Belohnung winkt. In diesem auf Tauschwertlogik basierenden Verst\u00e4ndnis von \u00bbIsrael-Solidarit\u00e4t\u00ab und Aufarbeitung deutscher Vergangenheit offenbart sich das neu-alte machtpolitische Kalk\u00fcl von Adenauers \u00bbWiedergutmachungs\u00ab-Politik, die Joseph Fischer mit einem deutschen Angriffskrieg kr\u00f6nte und ein von \u00bbantideutschen\u00ab Wendeh\u00e4lsen als Messias gehandelter Daniel Goldhagen f\u00fcr linken Aufkl\u00e4rungsverrat und rechte \u00bbdeutsche L\u00f6sungen\u00ab ideologisch aufbereitet hatte.<\/p>\n<p>Damit ist der Weg f\u00fcr eine emanzipative Solidarit\u00e4t mit Israel nicht als zionistischem, sondern demokratischem Staat aller seiner B\u00fcrger auf lange Sicht verbaut. Allemal f\u00fcr die wahrhafte Beseitigung des Antisemitismus in einer befreiten Gesellschaft, die ohne Klassenkampf und -bewusstsein, dass es ein (antisemitisches) \u00bbdeutsches Wesen\u00ab ebensowenig gibt wie eine \u00bbj\u00fcdische Lobby\u00ab, nicht zu haben sein wird. \u00bbDer j\u00fcdische Kapitalist opfert vor der Gewalt ebenso wie sein \u203aarischer\u2039 Klassenkollege zuerst den eigenen Aberglauben, dann das Leben anderer und ganz zuletzt sein Kapital\u00ab, notierte Max Horkheimer in der \u00bbD\u00e4mmerung\u00ab des deutschen Faschismus. \u00bbDer j\u00fcdische Revolution\u00e4r setzt in Deutschland wie der \u203aarische\u2039 f\u00fcr die Befreiung der Menschen das eigene Leben ein.\u00ab Dass diese Erkenntnis heute verdr\u00e4ngt wird, geh\u00f6rt zu den zweifelhaften Verdiensten von Goldhagen. Seine Thesen m\u00fcssen nicht mehr zitiert werden \u2013 sie sind l\u00e4ngst von hegemonialen Kreisen innerhalb der Linken internalisiert worden. Raul Hilberg hat recht behalten mit seiner d\u00fcsteren Prognose: Die \u00bbWolke, die Goldhagen geschaffenen hat\u00ab, schrieb er 1997, \u00bbsie wird sich nicht so bald aufl\u00f6sen.\u00ab<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"http:\/\/www.jungewelt.de\/2016\/08-04\/055.php\"><em>Junge Welt&#8230;<\/em><\/a> vom 4. August 2016<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Susann Witt-Stahl. Vor 20 Jahren l\u00e4uteten Goldhagen und seine Anh\u00e4nger eine Revision marxistischer Faschismustheorien ein. 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