{"id":13978,"date":"2023-11-29T16:00:58","date_gmt":"2023-11-29T14:00:58","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=13978"},"modified":"2023-11-29T16:01:00","modified_gmt":"2023-11-29T14:01:00","slug":"die-zweite-phase-des-krieges-in-gaza-und-ihre-widersprueche","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=13978","title":{"rendered":"<strong>Die \u201ezweite Phase\u201c des Krieges in Gaza und ihre Widerspr\u00fcche<\/strong>"},"content":{"rendered":"<p><em>Nathan Deas.<\/em> Nach Wochen des Blutvergie\u00dfens in Nord-Gaza haben Israel und die Hamas einen Waffenstillstand vereinbart. Eine Vereinbarung, die jedoch keineswegs das Ende des Krieges in Gaza bedeutet, der wieder aufflammen und sich in den S\u00fcden der Enklave verlagern d\u00fcrfte.<!--more--><\/p>\n<p>Vergangene Woche wurde von der israelischen Regierung ein Abkommen gebilligt, das die Freilassung von 50 von der Hamas festgehaltenen Geiseln gegen einen viert\u00e4gigen Waffenstillstand vorsah. Bisher sind 74 israelische Geiseln freigekommen; zuletzt wurden gestern Nacht elf Geiseln freigelassen. Die Kampfpause wurde <a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/ausland\/asien\/nahost-feuerpause-verlaengerung-100.html\">um zwei Tage bis Donnerstagfr\u00fch verl\u00e4ngert<\/a>. Dieses Abkommen bedeutet jedoch nicht das Ende des Krieges in Gaza. So kam es <a href=\"https:\/\/www.bbc.com\/news\/live\/world-middle-east-67539313\">heute Mittag<\/a> zu Zusammenst\u00f6\u00dfen im Norden des Gazastreifens. Die israelische Armee behauptete, mit Sprengs\u00e4tzen und Beschuss angegriffen worden zu sein, und meldete leicht verletzte Soldat:innen. Die Hamas erkl\u00e4rte, die \u201eReibungen\u201c seien durch eine klare Verletzung des Abkommens durch Israel zustande gekommen. Auch <a href=\"https:\/\/www.jungewelt.de\/artikel\/463947.krieg-gegen-gaza-br%C3%BCchige-waffenruhe.html\">am Wochenende gab es mehrere Angriffe<\/a>.<\/p>\n<p>Noch vor Inkrafttreten der Feuerpause hatte der israelische Verteidigungsminister Yoav Gallant gewarnt, er wolle eine schnelle Wiederaufnahme der Operationen \u201emit voller Kraft\u201c, um \u201edie Hamas zu besiegen\u201c und \u201edie Bedingungen zu schaffen, um weitere Geiseln nach Hause zu bringen\u201c. Mehr als vier Wochen nach dem Beginn der Bodenoffensive in Gaza stellt sich die Frage: Wohin f\u00fchren der Krieg in Pal\u00e4stina und die Bodenoffensive der IDF?<\/p>\n<p><strong>\u201eErste Phase\u201c: Ein unbestreitbarer Fortschritt am Boden, aber mit hohen politischen Kosten<\/strong><\/p>\n<p>In der \u201eersten Phase\u201c ihrer Bodenoperation konzentrierte sich die Strategie der israelischen Armee im Wesentlichen darauf, den Gazastreifen in zwei H\u00e4lften zu teilen und Gaza-Stadt sowie die n\u00f6rdliche Region des K\u00fcstenstreifens zu isolieren. Weit entfernt von der Blitzoffensive, die Netanjahu urspr\u00fcnglich bef\u00fcrwortete, erwies sich der Ansatz als \u201esystematisch\u201c, indem er \u201esehr langsam, einige hundert Meter pro Tag, vorr\u00fcckte, mit dem vorrangigen Ziel, seine Truppen zu sch\u00fctzen\u201c, <a href=\"https:\/\/www.lopinion.fr\/international\/gaza-la-pause-pour-les-otages-ne-signifie-pas-la-fin-de-la-guerre\">wie <em>L\u2019Opinion<\/em> berichtete<\/a>. Diese Strategie wurde auf Druck der USA, die einen regionalen Fl\u00e4chenbrand bef\u00fcrchteten, eingef\u00fchrt und erm\u00f6glichte es, die Schwierigkeiten zu minimieren, die mit einem gro\u00df angelegten Bodenangriff auf eine verschanzte Verteidigung in einem st\u00e4dtischen Umfeld verbunden sind.<\/p>\n<p>Die erste \u201ePhase\u201c der israelischen Offensive konzentrierte sich auf die Luftoffensive mit systematischen Bombardierungskampagnen und nicht auf die Methode des Block-f\u00fcr-Block-Angriffs. Damit unterschied sie sich von der Strategie, die die US-Streitkr\u00e4fte in der ersten und zweiten Schlacht um Falludscha w\u00e4hrend des Irakkriegs 2004 anwandten. In der Praxis gingen dem Vormarsch der israelischen Truppen nach Gaza-Stadt rollende Stra\u00dfensperren mit sehr intensiven Luftangriffen voraus, gefolgt vom Einsatz gepanzerter Bulldozer, die gro\u00dfe Landstriche f\u00fcr die Einrichtung r\u00fcckw\u00e4rtiger Milit\u00e4rst\u00fctzpunkte kl\u00e4rten.<\/p>\n<p>Diese Strategie machte den kolossalen technologischen und milit\u00e4rischen Unterschied zwischen der Hamas und der IDF deutlich und erm\u00f6glichte es der israelischen Armee, relativ schnell auf ihr erstes Ziel zuzusteuern: das Zentrum von Gaza-Stadt und das al-Shifa-Krankenhaus. Unter diesem Gesichtspunkt erschien die Gegenwehr der Hamas recht begrenzt, obwohl sie den Besatzungstruppen die H\u00f6lle auf Erden versprach und ihre hochentwickelten Waffen (insbesondere die vom Iran gelieferten modernen Panzerabwehrlenkraketen) und ihr ausgedehntes Tunnelnetz (\u00fcber 500 Kilometer laut einem ihrer Anf\u00fchrer im Jahr 2021) hervorhoben.<\/p>\n<p>In diesem Zusammenhang ist die relativ geringe Anzahl von Bodenk\u00e4mpfen (au\u00dfer in der Umgebung des Gefl\u00fcchtetenlagers Al-Shati und im Viertel des Al-Shifa-Krankenhauses) und die Unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigkeit der eingesetzten Kr\u00e4fte und Mittel, aber auch der Verluste, zu erw\u00e4hnen. Am 44. Tag des Krieges verloren nach Angaben der israelischen Armee 64 IDF-Soldaten ihr Leben. Auf Seiten der Hamas sind die Zahlen unm\u00f6glich zu messen. Wenn man sich jedoch an die israelische Strategie und ihre Weigerung h\u00e4lt, zwischen zivilen und milit\u00e4rischen Zielen zu unterscheiden, bel\u00e4uft sich die Zahl der Toten auf <a href=\"https:\/\/de.statista.com\/statistik\/daten\/studie\/1417316\/umfrage\/opferzahlen-im-terrorkrieg-der-hamas-gegen-israel\/\">\u00fcber 14.800<\/a>, darunter mehr als 6.000 Kinder und 4.000 Frauen.<\/p>\n<p>Das Blutvergie\u00dfen und die Demonstration von St\u00e4rke verdecken jedoch nur schlecht die Schwierigkeiten der IDF, bestimmte milit\u00e4rische Ziele zu erf\u00fcllen. Anfang letzter Woche behauptete eine Milit\u00e4rquelle gegen\u00fcber der BBC, dass etwa 10 Prozent der Hamas-K\u00e4mpfer get\u00f6tet worden seien (d.h. zwischen 3000 und 4000 Personen, entsprechend der unterschiedlichen Sch\u00e4tzungen \u00fcber die St\u00e4rke der Hamas). Diese Information l\u00e4sst sich nicht \u00fcberpr\u00fcfen, zumal aus anderen Quellen beunruhigendere Meldungen kommen. Anfang des Monats, einige Tage nach dem Massaker von Dschabaliya, betonte eine dieser Quellen gegen\u00fcber <em>Le Monde<\/em> die Schwierigkeiten der IDF angesichts eines extrem komplexen milit\u00e4rischen Terrains und der Verflechtung von milit\u00e4rischen und zivilen Zielen und sch\u00e4tzte die Zahl der get\u00f6teten hochrangigen Hamas-Funktion\u00e4re auf <a href=\"https:\/\/www.lemonde.fr\/international\/article\/2023\/11\/02\/frapper-le-hamas-parmi-la-population-civile-l-impossible-strategie-de-l-armee-israelienne-a-gaza_6197857_3210.html\">\u201ezwischen zw\u00f6lf und f\u00fcnfzehn\u201c<\/a>.<\/p>\n<p>Zusammenfassend l\u00e4sst sich sagen, dass die \u201eerste Phase\u201c zwar einen unbestreitbaren territorialen Fortschritt f\u00fcr die IDF darstellt, dass es aber derzeit schwierig ist, eine entscheidende milit\u00e4rische L\u00f6sung der Konfrontation zu signalisieren. Die Regierung ist nicht nur weit davon entfernt, die Hamas \u201eausgerottet\u201c zu haben. Sie hat auch keine Symbole erobert, die es ihr erlauben w\u00fcrden, am Ende dieser ersten Phase des Krieges einen ersten milit\u00e4rischen Sieg zu beanspruchen: Kein wichtiges f\u00fchrendes Mitglied der Hamas wurde gefangengenommen oder get\u00f6tet, die meisten Tunnel wurden nicht zerst\u00f6rt, sondern lediglich verschlossen. Vor allem aber wurde keine wichtige milit\u00e4rische Infrastruktur aufgedeckt oder zerst\u00f6rt.<\/p>\n<p>Schlimmer noch: Obwohl das <a href=\"https:\/\/www.revolutionpermanente.fr\/Attaque-de-l-hopital-Al-Shifa-un-nouveau-symbole-des-crimes-de-l-armee-israelienne-a-Gaza\">Al-Shifa-Krankenhaus als strategischer Kommandoposten der Hamas angepriesen<\/a> wurde, hat die Eroberung des Krankenhauses noch keinen einzigen bedeutenden Beweis daf\u00fcr erbracht, dass sich dort ein operatives Zentrum der Hamas oder auch nur K\u00e4mpfer befanden. Dieser Misserfolg k\u00f6nnte ein weiteres Versagen des israelischen Geheimdienstes bedeuten, aber auch des amerikanischen Verb\u00fcndeten, der noch am Tag vor der Offensive versicherte, dass die Hamas und der Islamische Dschihad \u00fcber ein <a href=\"https:\/\/fr.euronews.com\/2023\/11\/14\/plus-de-11-300-gazaouis-morts-dans-les-bombardements-israeliens-selon-le-hamas\">\u201eKommando- und Kontrollzentrum im Al-Shifa-Krankenhaus\u201c<\/a> verf\u00fcgten.<\/p>\n<p>Diese Problematik gewinnt auf internationaler Ebene zunehmend an Gewicht. \u201eUm die internationale \u00d6ffentlichkeit zu \u00fcberzeugen, m\u00fcssten wir dort das Versteck des B\u00f6sewichts von James Bond entdecken\u201c, <a href=\"https:\/\/www.lopinion.fr\/international\/gaza-la-pause-pour-les-otages-ne-signifie-pas-la-fin-de-la-guerre\">so eine israelische Quelle laut <em>L\u2019Opinion<\/em><\/a>. Man muss also feststellen, dass die relativen milit\u00e4rischen Fortschritte der IDF nur um den Preis sehr hoher politischer Kosten und der Erosion des Ansehens, \u00fcber das Israel am Tag nach dem Angriff vom 7. Oktober verf\u00fcgte, erreicht wurden. Mit anderen Worten: Was am Ende dieser \u201eersten Phase\u201c bleibt, ist nicht das Abkommen \u00fcber die Freilassung der Geiseln, sondern im Wesentlichen die Bilder des Massakers und einer gro\u00dfen humanit\u00e4ren Krise.<\/p>\n<p><strong>Operation im S\u00fcden: Das Schlimmste kommt erst noch<\/strong><\/p>\n<p>Der Gaza-Krieg scheint nun in eine neue Phase einzutreten, nachdem die IDF am Mittwoch im S\u00fcden der Enklave Flugbl\u00e4tter abgeworfen hatte, in denen Zivilisten zur Evakuierung und \u201ezum Aufsuchen bekannter Unterk\u00fcnfte\u201c aufgefordert wurden. Wenn die IDF heute eine Offensive im S\u00fcden vorbereitet, so wahrscheinlich deshalb, weil sie dort strategische Ziele identifiziert hat. Es handelt sich aber auch um einen Versuch, auf die Vertreibung zahlreicher Hamas-K\u00e4mpfer zu reagieren. In dieser Hinsicht ist diese \u201ezweite Phase\u201c untrennbar mit den Schwierigkeiten im Norden verbunden.<\/p>\n<p>Sobald der Waffenstillstand endet, k\u00f6nnte es sehr schnell zu einer Beschleunigung der Offensive im S\u00fcden kommen, was die Aussagen des Verteidigungsministers im Milit\u00e4rradio am Dienstag, den 14. November, best\u00e4tigen. \u201eDas Man\u00f6ver wird mehrere Monate dauern und sowohl den Norden als auch den S\u00fcden betreffen\u201c, sagte Yoav Gallant dort. \u201eWir werden die Hamas zerschlagen, wo auch immer sie sich befindet.\u201c Obwohl im S\u00fcden bereits Bombenangriffe stattgefunden haben \u2013 Anfang des Monats k\u00fcndigte die BBC an, israelische Angriffe in \u201esicheren Gebieten\u201c zu untersuchen, siehe Bild 1 und Bild 2 \u2013 versprechen die kommenden Wochen einen bisher unbekannten Ausbruch von Gewalt in diesem Teil des Gazastreifens.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><a href=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Bild1-3.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"720\" height=\"570\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Bild1-3.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-13979\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Bild1-3.jpg 720w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Bild1-3-300x238.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 720px) 100vw, 720px\" \/><\/a><\/figure>\n<p>links: 8. Oktober: Die IDF-Karte r\u00e4t, nach Rafah zu gehen.<\/p>\n<p>rechts: 11. Oktober: Anschlag im Zentrum von Rafah<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><a href=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Bild1-4.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"720\" height=\"594\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Bild1-4.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-13980\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Bild1-4.jpg 720w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Bild1-4-300x248.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 720px) 100vw, 720px\" \/><\/a><\/figure>\n<p>links: 17. Oktober: Die IDF-Karte r\u00e4t den Menschen in Gaza, in das Gebiet s\u00fcdlich von Wadi Gaza zu gehen<\/p>\n<p>rechts: 19. Oktober: Anschlag im Zentrum von Khan Yunis<\/p>\n<p>Auf diesem Weg k\u00f6nnte Israel auf eine Reihe neuer Schwierigkeiten sto\u00dfen. Die wichtigste betrifft die Widerspr\u00fcche im Zusammenhang mit einem Problem, auf das die IDF bereits im Norden gesto\u00dfen war, wenn auch in weniger akuter Form: die Bev\u00f6lkerungsdichte. Die ersten drei Wochen der Bodenoffensive in der pal\u00e4stinensischen Enklave brachten nach Berechnungen von Corey Schef vom Graduate Center der City University of New York und Jamon Van von der Oregon State University die Zerst\u00f6rung von mehr als 50 Prozent der Infrastruktur im Norden von Gaza mit sich.<\/p>\n<p>Eine \u00e4hnliche Strategie, angewandt auf Khan Yunis und Rafah, kleine St\u00e4dte mit einer Fl\u00e4che von weniger als 45 Quadratkilometer, die versprechen, die Brennpunkte der \u201ezweiten Phase\u201c zu werden, w\u00fcrde nicht Zehntausende von Toten, sondern wahrscheinlich Hunderttausende von Opfern verursachen. Dies gilt umso mehr, als die Bev\u00f6lkerungskonzentration, die bereits vor Beginn des Krieges betr\u00e4chtlich war, mit fast 2 Millionen Vertriebenen nunmehr gigantisch ist.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus spielt die Zeit nicht zu Gunsten Israels. Wie <a href=\"https:\/\/worldview.stratfor.com\/situation-report\/israel-gaza-israel-captures-government-buildings-stalemate-shifa-hospital-continues\"><em>Stratfor<\/em><\/a> feststellt, k\u00f6nnte eine neue Welle von Massakern \u201edie USA dazu veranlassen, den diplomatischen Druck auf Israel zu erh\u00f6hen, damit es seinen Feldzug beendet und\/oder seine Ziele \u00e4ndert\u201c, was Israel daran hindern w\u00fcrde, \u201ekurzfristig die Kontrolle \u00fcber Gaza zu erlangen\u201c. Diese Feststellung muss zwar relativiert werden, da Israel eine radikale Offensive in Gaza voll und ganz zu verantworten scheint und seine Minister k\u00fcrzlich die Idee einer neuen <a href=\"https:\/\/www.revolutionpermanente.fr\/Un-ministre-israelien-confirme-qu-une-nouvelle-Nakba-est-en-cours\">\u201eNakba\u201c<\/a> forderten, aber sie bleibt dennoch aktuell.<\/p>\n<p>Zwei aktuelle Ereignisse verdeutlichen die Schw\u00e4chung der relativen Position Israels in den letzten Wochen. W\u00e4hrend die Solidarit\u00e4tsbewegung f\u00fcr Pal\u00e4stina international weiter w\u00e4chst, steigt der Druck auf die wichtigsten imperialistischen Unterst\u00fctzer Israels. <a href=\"https:\/\/www.revolutionpermanente.fr\/Royaume-Uni-la-ministre-de-l-Interieur-limogee-suite-a-la-manifestation-massive-en-soutien-a-la\">In Gro\u00dfbritannien<\/a> wurde die Innenministerin Sully Braverman bereits zum R\u00fccktritt gezwungen, da die Massenmobilisierungen zur Unterst\u00fctzung Pal\u00e4stinas eine politische Krise ausgel\u00f6st haben. Auf der anderen Seite des Atlantiks sehen Umfragen Joe Biden weniger als ein Jahr vor den n\u00e4chsten Wahlen zum ersten Mal als Verlierer.<\/p>\n<p>Abgesehen von den politischen Herausforderungen stellt die Frage der Dauer auch eine zus\u00e4tzliche Schwierigkeit auf milit\u00e4rischem Gebiet dar. Anfang letzter Woche sch\u00e4tzte eine israelische Quelle, dass die IDF t\u00e4glich mehr als 100 neue Ziele identifiziert. Diese Propaganda verdeckt jedoch eine sehr konkrete Realit\u00e4t: Je l\u00e4nger der Konflikt dauert, desto mehr muss sich die IDF auf ihre Bodentruppen verlassen, um \u201eHamas-Verstecke\u201c zu identifizieren und zu eliminieren. Eine Realit\u00e4t, die den Charakter des Konflikts ver\u00e4ndern k\u00f6nnte. Bisher scheinen sich die Nahk\u00e4mpfe auf dem Boden in Grenzen gehalten zu haben und der aktuelle Konflikt hat wenig mit dem Krieg zwischen Russland und der Ukraine oder den Belagerungen von Mossul oder Bachmut zu tun. Die n\u00e4chsten Wochen k\u00f6nnten sich dem noch weiter ann\u00e4hern.<\/p>\n<p><strong>Ein strategischer Sieg r\u00fcckt in weite Ferne<\/strong><\/p>\n<p>Auch wenn das Schlimmste noch bevorsteht, bleibt festzuhalten, dass es aus rein milit\u00e4rischer Sicht und wie die \u201eerste Phase\u201c gezeigt hat, h\u00f6chst unwahrscheinlich erscheint, dass die IDF besiegt wird, obwohl die letzten Niederlagen der US-Armee in Vietnam, aber auch das Ausbleiben klarer Siege im Libanon, in Somalia, in Haiti und noch mehr in Afghanistan und im Irak ein differenzierteres Szenario erwarten lassen. Allerdings kann das Konzept des Sieges im aktuellen Krieg nicht einfach in den Koordinaten eines klassischen Konflikts analysiert werden.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst einmal muss der milit\u00e4rische Sieg an den milit\u00e4rischen Zielen gemessen werden, die sich Israel zu Beginn des Krieges gesetzt hat, n\u00e4mlich \u201edie Ausrottung der Hamas\u201c. Dieses fast unerreichbare Ziel zwingt Netanjahu, der derzeit um sein politisches \u00dcberleben k\u00e4mpft, den Krieg so lange wie m\u00f6glich fortzusetzen, wie seine Erkl\u00e4rungen zeigen, mit denen er sich auf eine m\u00f6gliche \u00dcbernahme der <a href=\"https:\/\/www.revolutionpermanente.fr\/Apres-la-guerre-Netanyahu-ouvre-la-voie-a-l-occupation-militaire-de-Gaza\">\u201eGesamtverantwortung f\u00fcr die Sicherheit\u201c des Gazastreifens<\/a> durch Israel vorbereiten will. Eine solche Option kann jedoch die Widerspr\u00fcche auf politischer und internationaler Ebene nur versch\u00e4rfen.<\/p>\n<p>Zum anderen ist trotz der Demonstration milit\u00e4rischer St\u00e4rke ein strategischer Sieg vorerst in weite Ferne ger\u00fcckt. Die Verschlechterung des Ansehens Israels in der \u00d6ffentlichkeit wird nicht ohne Folgen bleiben, in erster Linie in der arabischen Welt. In dieser Hinsicht ist es schwer, sich eine dauerhafte L\u00f6sung f\u00fcr Israel ohne die Mitwirkung der arabischen Bourgeoisie vorzustellen. Wenn die arabischen F\u00fchrungen eher versuchen, <a href=\"https:\/\/www.revolutionpermanente.fr\/Etats-arabes-entre-rhetorique-pro-palestinienne-et-compromission-avec-Israel\">die Massen hinter einer pro-pal\u00e4stinensischen Rhetorik zu kanalisieren, als die Beziehungen zu Israel wirklich zu ver\u00e4ndern<\/a>, d\u00fcrfte der aktuelle Krieg auf lange Sicht dem Normalisierungsprozess, der im Abraham-Abkommen festgeschrieben ist, einen schweren Schlag versetzen.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus beginnen die wirtschaftlichen Kosten des Krieges die israelischen Finanzen stark zu belasten. Nach ersten Sch\u00e4tzungen des israelischen Finanzministeriums werden sich die Kosten des Krieges gegen die Hamas auf mindestens <a href=\"https:\/\/www.revolutionpermanente.fr\/Etats-arabes-entre-rhetorique-pro-palestinienne-et-compromission-avec-Israel\">50 Milliarden US-Dollar<\/a> belaufen. Diese wirtschaftlichen Kosten k\u00f6nnten internationale Auswirkungen haben. Ende Oktober warnte die Weltbank vor einem m\u00f6glichen Schock, der mit dem arabischen \u00d6lembargo von 1973 vergleichbar w\u00e4re, falls der Konflikt an den Grenzen Israels aufflammen w\u00fcrde. Diese Situation w\u00fcrde die Auswirkungen der restriktiven Politik der von Russland unterst\u00fctzten Organisation erd\u00f6lexportierender L\u00e4nder (OPEC) und die Auswirkungen des Krieges in der Ukraine, der zum heftigsten Schock der letzten 50 Jahre auf den Rohstoffm\u00e4rkten gef\u00fchrt hat, noch verst\u00e4rken.<\/p>\n<p>Im Moment scheinen Israel, die USA, die Hisbollah und der Iran eine Ausbreitung des Konflikts in der Region vermeiden zu wollen. Doch diese M\u00f6glichkeit ist nicht auszuschlie\u00dfen, wie die Intensivierung der Luftangriffe an der libanesischen Grenze in der vergangenen Woche gezeigt hat. In dem Ma\u00dfe, in dem sich die Widerspr\u00fcche f\u00fcr die Hisbollah vertiefen, die im Falle einer zu gro\u00dfen Niederlage der Hamas bef\u00fcrchtet, zum Hauptfeind Israels zu werden, aber auch vor dem Hintergrund wachsender Schwierigkeiten mit ihrer Basis, werden die Bedingungen f\u00fcr eine ungewollte Eskalation immer klarer. Dies zeigte sich insbesondere daran, dass die Huthi-Rebellen am 19. November im Roten Meer einen Frachter gekapert haben.<\/p>\n<p>Die Situation k\u00f6nnte schlie\u00dflich dazu beitragen, die Unterst\u00fctzung der imperialistischen L\u00e4nder f\u00fcr Israel in dem aktuellen Konflikt zu schw\u00e4chen, allen voran der USA. Der Druck auf Joe Biden im eigenen Land w\u00e4chst. Er ist gezwungen, einen Weg zu beschreiten, der noch auswegloser ist, da die USA aufgrund ihrer schwindenden Hegemonie auf internationaler Ebene ihre Bem\u00fchungen, China im Indopazifik einzud\u00e4mmen, verst\u00e4rken wollen. In den letzten Jahren hatte sich die USA in der Region relativ zur\u00fcckgezogen: eine Politik, die durch den laufenden Krieg in Mitleidenschaft gezogen wird, aber zur Vertiefung der Widerspr\u00fcche in Israel beitr\u00e4gt. Kurz gesagt: Die Schlinge zieht sich immer enger zu.<\/p>\n<p><em>#Titelbild: Zerst\u00f6rte Geb\u00e4ude in Gaza-Stadt nach einem israelischen Luftschlag Anfang Oktober. Bild: Wafa \/ <\/em><a href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/3.0\/deed.en\"><em>CC BY-SA 3.0 DEED<\/em><\/a><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/bodenoffensive-in-gaza-die-zweite-phase-des-krieges-und-ihre-widersprueche\/\"><em>klassegegenklasse.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 29. November 2023<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nathan Deas. Nach Wochen des Blutvergie\u00dfens in Nord-Gaza haben Israel und die Hamas einen Waffenstillstand vereinbart. Eine Vereinbarung, die jedoch keineswegs das Ende des Krieges in Gaza bedeutet, der wieder aufflammen und sich in den &#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":13981,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2],"tags":[18,35,46,17,33],"class_list":["post-13978","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-debatte","tag-imperialismus","tag-palaestina","tag-usa","tag-widerstand","tag-zionismus"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/13978","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=13978"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/13978\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":13982,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/13978\/revisions\/13982"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/13981"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=13978"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=13978"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=13978"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}