{"id":13986,"date":"2023-11-30T16:09:32","date_gmt":"2023-11-30T14:09:32","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=13986"},"modified":"2023-11-30T16:09:33","modified_gmt":"2023-11-30T14:09:33","slug":"die-klimabewegung-vergisst-die-arbeiterinnen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=13986","title":{"rendered":"<strong>Die Klimabewegung vergisst die Arbeiter*innen<\/strong>"},"content":{"rendered":"<p><em>Stefanie H\u00fcrtgen.<\/em><strong> Die kapitalistische Produktionsweise beutet in ihrem rastlosen Selbstzweck nicht nur die Natur, sondern auch die Lebenskraft der Arbeiter*innen aus. Die gegenw\u00e4rtige Klimabewegung blendet diesen Umstand weitgehend aus. Entsprechend hat sie den Arbeiter*innen wenig anzubieten. <\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Wie halten wir es mit (Lohn-)Arbeit und Klassenkampf in der sozial\u00f6kologischen Transformation? Diese Frage ist in der aktuellen Klimaschutzdebatte alles andere als hip. Arbeiter*innen und Gewerkschaften werden vielmehr verd\u00e4chtigt, sich mit ihren Lohnforderungen eine Logik des Wirtschaftswachstums zu eigen zu machen und sich an Arbeitspl\u00e4tze zu klammern. In der (radikaleren) \u00f6kologischen Linken wiederum dominiert ein Verst\u00e4ndnis von Kapitalismus als Enteignung, Vertreibung und Repression von Indigenen und B\u00e4uer*innen des Globalen S\u00fcdens, die dann auch eher als revolution\u00e4re Subjekte imaginiert werden als die Arbeiterklasse. Eine Auseinandersetzung mit dem kapitalistischen Arbeits- und Produktionsprozess erscheint nachrangig, gerade die vermeintlich \u201aprivilegierten wei\u00dfen\u2018 Arbeiter*innen des Globalen Nordens werden gemeinhin als integrierte Langweiler*innen, wenn nicht Reaktion\u00e4r*innen angesehen, die lediglich ihr H\u00e4uschen, Familie und Urlaubsreisen im Sinn haben und oft auch noch rechts w\u00e4hlen. Und umgekehrt scheint von Arbeiter*innen-Seite die \u00d6kologie-Frage eher abgewehrt zu werden: Die Gr\u00fcnen gelten vielen Arbeiter*innen als Hauptfeind, erkl\u00e4rte der Soziologe Klaus D\u00f6rre in der Wochenzeitschrift Freitag 25\/2023.<\/p>\n<p>Wer sich in dieser Gemengelage seitens der \u00d6ko-Linken \u00fcberhaupt auf wei\u00dfe Arbeiter*innen bezieht, bem\u00fcht meist den offiziellen Gewerkschaftsdiskurs: Der \u00f6kologische Umbau m\u00fcsse sozial ausgewogen stattfinden und die Arbeiter*innen mitnehmen. Daf\u00fcr br\u00e4uchte es Alternativarbeitspl\u00e4tze sowie entsprechende Umschulungen f\u00fcr die Besch\u00e4ftigten der Kohle- und Stahl-, Chemie- und Autoindustrie. Diese wohlmeinende Versorgungserz\u00e4hlung ist allerdings nicht nur eigent\u00fcmlich paternalistisch, sondern greift vor allem viel zu kurz.<\/p>\n<p>Ausgeblendet wird dabei, dass man in dem Kampf f\u00fcr eine andere (Re-)Produktionsweise immer auch die Frage nach der Arbeit und damit auch nach den Arbeitssubjekten und ihrer gesellschaftlichen Rolle mitdenken muss. Wie und durch wen soll denn eine neue, nicht-warenf\u00f6rmige Art von gesellschaftlichem Reichtum erarbeitet werden? Selbstverwaltete Kommunen, autonome Landgemeinden und \u00d6ko-Genossenschaften sind als \u00bbHalbinseln\u00ab, wie es Friederike Habermann nennt, gegen den Strom kapitalistischer Zurichtung enorm wichtig. Aber wir sollten nicht der Illusion erliegen, dass sich mit ihnen der Kapitalismus allm\u00e4hlich einhegen und austrocknen l\u00e4sst. Die Geschichte zeigt eindr\u00fccklich, dass er sich das aufgrund seiner expansiven Logiken nicht gefallen l\u00e4sst. Entsprechend braucht es eine Auseinandersetzung mit der \u2013 \u00fcbrigens auch im Globalen S\u00fcden zentralen \u2013 (Lohn-)Arbeit und eine Kapitalismuskritik, die Klassenauseinandersetzungen als \u00dcberwindung dieser lohnf\u00f6rmigen Arbeit im Sinne von neuen Formen der Produktion des gesellschaftlichen Reichtums denkt.<\/p>\n<p><strong>Klassenkampf ist mehr als Umverteilung<\/strong><\/p>\n<p>F\u00fcr eine antikapitalistische Perspektive braucht es ein sozial\u00f6kologisches und damit ein <em>qualitatives<\/em> Verst\u00e4ndnis des Klassenwiderspruchs. Es reicht nicht aus, das Kapital-Arbeit-Verh\u00e4ltnis in der klassischen, traditionsmarxistischen Form als das Abpressen von Mehrarbeit f\u00fcr den Profit des Kapitals zu beschreiben. Solche Darstellungen verfangen sich in quantitativen Betrachtungen von steigenden oder fallenden Profitraten, l\u00e4ngeren oder k\u00fcrzeren Arbeitszeiten, h\u00f6heren oder niedrigeren L\u00f6hnen oder etwa den Ausgaben f\u00fcr Arbeitsschutz. Bei aller Wichtigkeit dieser Fragen verfehlen sie das Wesentliche: Dass die Profitmaximierung auf eine an sich komplett nutzlose, <em>tote<\/em> Form von Reichtum ausgerichtet ist \u2013 das Geld, beziehungsweise dessen Vermehrung \u2013 w\u00e4hrend die Menschen das gesellschaftliche Leben durch ihre <em>lebendige Arbeit <\/em>hervorbringen.<\/p>\n<p>Jeder Arbeitsprozess, auch der kapitalistische, ist eine Auseinandersetzung mit und ein Sich-Einschreiben in die Natur, ihre Stoffe, Kr\u00e4fte und Reproduktionszyklen, und zwar durch die Menschen als gesellschaftliche Naturwesen selbst: Menschliche Arbeit ist an die Leiblichkeit der Arbeiter*innen gebunden, also an ihre Kraft und Ausdauer, an menschlichen Willen und Kreativit\u00e4t, aber auch an Verletzlichkeit und Verg\u00e4nglichkeit. Die arbeitenden Menschen sind in diesem Sinne selbst Naturkraft und setzen sich sowohl in arbeitsteilig-kooperativer Weise in Beziehung zu anderen Menschen wie auch zur \u00e4u\u00dferen Natur, die ihrerseits dann als vielfach umgeformte Natur von Arbeitsmaterialien, Fabrikhallen oder Luftverschmutzungen auftritt. Jeder Arbeitsprozess ist (sozialer) <em>Stoffwechsel <\/em>mit der Natur, egal, ob es um Stahlschmelze, Palm\u00f6lgewinnung oder Bildschirmarbeit geht.<\/p>\n<p>Sozial\u00f6kologisch ist das Klassenverh\u00e4ltnis die herrschaftlich durchgesetzte, einzig auf Geldmehrung ausgerichtete Form kapitalistischer Reichtumsproduktion, die allerdings auf den Ressourcen von Mensch und Natur beruht, sich diese aneignet, und \u2013 gibt es keinen Widerstand \u2013 in der \u00bbrastlosen Bewegung des Gewinnens\u00ab (Karl Marx) strukturell sorglos zurichtet, vernutzt, verst\u00fcmmelt und im Zweifel abt\u00f6tet. \u00bbKapital gegen Leben\u00ab lautet auf eine Kurzformel gebracht die Analyseperspektive einer qualitativen Betrachtung des Klassenwiderspruchs.<\/p>\n<p><strong>Gegen die Abspaltung des Sozialen<\/strong><\/p>\n<p>Mit diesem qualitativen, sozial\u00f6kologischen Begriff von Klassenwiderspruch und Ausbeutung wird klar, warum sich Arbeiter*innen bislang f\u00fcr K\u00e4mpfe um \u00f6kologische Transformation nicht gerade massenhaft begeistern: Ihre lebendige Arbeit kommt darin nicht vor. Wenn \u00fcberhaupt, dann sind sie als Arbeitsplatzbesitzer*innen adressiert, die versorgt werden m\u00fcssen. Dass ihre lebendige Arbeit Teil der \u00d6kologie-Frage ist, hat sich in den meisten \u201aUmwelt\u2018-Bewegungen als Problematik verfl\u00fcchtigt. Stattdessen findet, was etwa Nancy Fraser als liberales Herrschaftsprojekt attackiert, eine Abspaltung der Umwelt-Problematik von der sozialen statt. Seitens der Ausgebeuteten, Unterdr\u00fcckten und Enteigneten, so Fraser, lassen sich die Widerst\u00e4nde und K\u00e4mpfe f\u00fcr den Schutz von Natur nicht von anderen K\u00e4mpfen abtrennen: um soziale Reproduktion, Arbeit und politische Autonomie. Gleichzeitig entsteht in der liberal-kolonialen \u00c4ra das Herrschaftsprojekt einer \u201aVerteidigung der Natur\u2018, verstanden als \u201aSchutz der Wildnis\u2018, was losgel\u00f6st von den sozial\u00f6kologischen und politischen Abgr\u00fcnden des realexistierenden Kapitalismus betrachtet wird.<\/p>\n<p>Es geht hier nicht darum, die offensichtliche Verstrickung etablierter Gewerkschaften und selbstredend auch der Arbeiter*innen in Profitmaxime und fortgesetzte Vernutzung fossiler Energien zu verteidigen. Aber eine Umwelt(!)-Bewegung, die die sozialleibliche Umwelt, also die Unterdr\u00fcckung und das damit verbundene Leiden in der (Lohn-)Arbeit nicht betrachtet, wird von Arbeiter*innen v\u00f6llig zu Recht als \u00e4u\u00dfere, sie negierende Zumutung verstanden und in Teilen entsprechend angefeindet.<\/p>\n<p><strong>Bis zur Ersch\u00f6pfung<\/strong><\/p>\n<p>Diese Engf\u00fchrung ist umso fataler, als viele \u00d6ko-Bewegte kaum einen Begriff davon haben, wie sich die (Lohn-)Arbeitswelt auch in \u201areichen L\u00e4ndern\u2018 wie Deutschland in den letzten Jahrzehnten ge\u00e4ndert hat. Nicht nur im Bereich Pflege oder Schule arbeiten Besch\u00e4ftigte bis zur Ersch\u00f6pfung, um angesichts knapper Mittel, extremer Personaleinsparung und immer neuer Reformen den Betrieb noch halbwegs sinnvoll aufrecht zu erhalten.<\/p>\n<p>Im Globalen S\u00fcden ebenso wie im Norden herrscht der permanente Ausnahmezustand. Denn in einer schlanken Fabrik, die ohne Puffer \u2013 und damit auch ohne personelle Reserven \u2013 funktionieren und sich permanent dem Markt anpassen soll, wird die Lebendigkeit der Arbeiter*innen selbst zur Knautschzone des st\u00e4ndigen, \u201aoptimierenden\u2018 Umbaus gemacht. Neben massiver Prekarisierung und Fragmentierung der Arbeiter*innen entstehen daraus extrem flexibilisierte Arbeitsbedingungen und eine weitreichende Ersch\u00f6pfung der Arbeiter*innen. Wer meint, der nun gro\u00df angek\u00fcndigte \u00f6kologische Umbau vieler Unternehmen h\u00e4tte ein menschlicheres Gesicht, hat die Logik kapitalistischer Ausbeutung nicht verstanden. V\u00f6llig zu Recht nehmen die Besch\u00e4ftigten die nun angek\u00fcndigte \u00f6kologische Wende als eine weitere Runde noch ma\u00dfloserer Profitsteigerung auf ihrem R\u00fccken wahr. Die Welt spricht von der Ersch\u00f6pfung der Naturressourcen \u2013 w\u00e4hrend die Ersch\u00f6pfung ihrer sozialen Lebenskraft schlichtweg kein Thema ist, sie vielmehr als \u201aPrivilegierte\u2018 und \u201a\u00dcberkonsumierende\u2018, wenn nicht gleich direkt als fleisch(fr)essende Unterklassen adressiert werden.<\/p>\n<p>Dagegen gilt: Wenn wir den sozial-\u00f6kologischen Umbau demokratisch denken wollen, dann ist das ohne die Arbeiter*innen nicht zu machen. Denn sie sind es, die als gesellschaftliche Arbeitssubjekte mit ihrer lebendigen, kreativen Leiblichkeit eine sozial und \u00f6kologisch verantwortungsvolle Arbeit leisten und eine andere Produktionsweise hervorbringen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.linksnet.de\/artikel\/48720\"><em>linksnet.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 30. November 2023<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Stefanie H\u00fcrtgen. 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