{"id":13996,"date":"2023-12-02T10:51:38","date_gmt":"2023-12-02T08:51:38","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=13996"},"modified":"2023-12-02T10:51:39","modified_gmt":"2023-12-02T08:51:39","slug":"warum-die-rechten-angriffe-auf-den-roman-eine-nebensache-von-adania-shibli","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=13996","title":{"rendered":"<strong>Warum die rechten Angriffe auf den Roman \u201eEine Nebensache\u201c von Adania Shibli<\/strong>"},"content":{"rendered":"<p><em>Bernd Reinhardt. <\/em>Der international ausgezeichnete Kurzroman \u201eEine Nebensache\u201c (2017) der israelisch-arabischen Schriftstellerin Adania Shibli wurde auch in Deutschland bei seinem Erscheinen 2022 hochgelobt. Nach Ausbruch des pal\u00e4stinensischen Aufstands entdeckten Kritiker pl\u00f6tzlich Antisemitismus und erkl\u00e4rten Shibli zur BDS-Aktivistin. Die f\u00fcr Oktober auf der Frankfurter Buchmesse<!--more--> geplante Preisverleihung des mit dem LiBeratur-Preis ausgezeichneten Romans wurde deshalb kurzfristig abgesagt. Worum geht es in dem Roman?<\/p>\n<p>Der erste Teil berichtet \u00fcber ein reales Verbrechen israelischer Soldaten, das sich 1949 zugetragen hat. Nach Ende des ersten israelisch-arabischen Krieges bauen sie in der Negev-W\u00fcste einen Milit\u00e4rst\u00fctzpunkt, um die Grenzgegend vor \u00c4gypten von \u201everbliebenen Arabern zu s\u00e4ubern\u201c. Eine Patrouille st\u00f6\u00dft auf \u201eEindringlinge\u201c. Die Beduinen, die an einer von der Karte nicht erfassten Quelle siedeln, werden erschossen, nur ein M\u00e4dchen wird verschont.<\/p>\n<p>Der milit\u00e4rische Erfolg wird mit einem Festessen gefeiert. Der Kommandeur h\u00e4lt eine Rede, lobt die Soldaten, die \u201emithalfen, diese Gegend zu verteidigen und zu besch\u00fctzen\u201c, und l\u00e4sst sie zu fortgeschrittener Stunde \u00fcber das weitere Schicksal des M\u00e4dchens abstimmen. F\u00fcr die beschlossene Gruppenvergewaltigung wird ein penibler Drei-Tage-Plan ausgearbeitet. Am Ende wird das M\u00e4dchen in der W\u00fcste erschossen und verscharrt.<\/p>\n<p>Die Rede, die Araber zu kulturlosen Barbaren erkl\u00e4rt, ist eine der pr\u00e4gnantesten Stellen des Romans. Es gehe nicht an, \u201esolch weite Landschaften, die geeignet sind, Tausende unseres Volkes aufzunehmen, die noch im Exil weilen, sich selbst zu \u00fcberlassen. (\u2026) Niemand hat mehr Anrecht auf dieses Land als wir, nachdem die Araber es \u00fcber Jahrhunderte so verkommen haben lassen, dass heute nur noch Beduinen und ihre Herden hier leben. Wir d\u00fcrfen sie nicht dulden; ja es ist unsere Pflicht, sie ein f\u00fcr alle Mal von hier zu vertreiben.\u201c<\/p>\n<p>Es ist eine klassische Kolonialrede, die aus der Zeit der Indianerkriege in Amerika, der Kolonialkriege in Afrika oder der Nazi-Besetzung Polens und der UdSSR stammen k\u00f6nnte. Zynisch endet sie mit dem Satz, den Siedler als Inschrift auf einer im letzten Krieg halb zerschossenen Mauer im jetzigen Milit\u00e4rst\u00fctzpunkt hinterlie\u00dfen: \u201eNicht Kanonen werden siegen, sondern Menschen.\u201c<\/p>\n<p>Der zweite, fiktive Romanteil spielt in einer nicht ganz klar umrissenen Gegenwart. Eine pal\u00e4stinensische Journalistin aus Ramallah im Westjordanland, geb. 1974 wie Shibli, st\u00f6\u00dft auf einen Artikel \u00fcber den Vorfall von 1949. Er weckt ihr Interesse, weil das M\u00e4dchen genau zum Zeitpunkt ihrer Geburt, 25 Jahre fr\u00fcher, ermordet wurde.<\/p>\n<p>Um mehr \u00fcber sie zu erfahren, f\u00e4hrt die Journalistin zum Museum der israelischen Armee nach Jaffa, dann in den S\u00fcdwesten an den Ort der Tat. Von offizieller Seite erf\u00e4hrt sie keine Antwort. Sie besichtigt Waffen, Uniformen, alte Essbestecke und sieht zionistische Propagandafilme aus den 30er und 40er Jahren, die junge j\u00fcdische Migranten aus Europa bei genossenschaftlicher Landarbeit zeigen. Ein Film zeigt den Aufbau eines Kibbuz, eine Wehrsiedlung, wie der Wachturm verr\u00e4t.<\/p>\n<p>Zu sp\u00e4t erkennt sie, dass sie die normalen Menschen vor Ort fragen muss, die alten Leute mit ihren Erinnerungen. Am Ende wird sie dort, wo 1949 das Beduinenm\u00e4dchen ermordet wurde, von israelischen Soldaten niedergeschossen. Zuf\u00e4llig war sie hierher geraten und hatte, die Gef\u00e4hrlichkeit der Situation untersch\u00e4tzend, das milit\u00e4rische Sperrgebiet nicht beachtet.<\/p>\n<p>Situationen, Grenzen erkennen, das war ihr schon immer schwergefallen.<\/p>\n<p>Shiblis Blick gilt in dem Roman den kleinen \u201eNebensachen\u201c, nicht dem \u201eGem\u00e4lde\u201c. Die Art des Sehens teilt sie mit dem Schriftsteller Peter Handke, dessen Roman \u201eUnter Tr\u00e4nen fragend\u201c (2000) die Nerven zerr\u00fcttenden Grenzen in dem zerst\u00fcckelten Gebilde beschrieb, das einmal der Vielv\u00f6lkerstaat Jugoslawien gewesen war. Seit er die Nato-Bombardierung Serbiens 1999 verurteilt hatte, galt er pl\u00f6tzlich als Anh\u00e4nger des \u201ezweiten Hitler\u201c Milosevic.<\/p>\n<p>Shiblis Roman zeigt, wie sich die Zerst\u00fcckelung Pal\u00e4stinas und die israelische Besatzung in die Psyche der Bewohner eingebrannt hat. Die Journalistin hat st\u00e4ndig Angst, das Falsche zu tun. Pl\u00f6tzlich ist der Zugang zur Arbeitsstelle Sperrgebiet. Israelische Soldaten belagern das Nachbarhaus (obwohl Ramallah pal\u00e4stinensisch verwaltet wird). Sie nimmt einen Schleichpfad, ohne Zeit f\u00fcr \u00dcberlegungen, ob es gef\u00e4hrlich ist. Sie muss zur Arbeit.<\/p>\n<p>Darf sie als Bewohnerin von Zone A \u00fcberhaupt nach Jaffa fahren, weit au\u00dferhalb von Zone C? Viele Menschen passieren aus Angst nicht einmal den \u00dcbergang von Zone A zu B, den Kontrollpunkt Qualandia. Ihre arabische Arbeitskollegin leiht ihr ihren israelischen Pass mit den beruhigenden Worten, die Soldaten w\u00fcrden ihr aus Verachtung eh nicht ins Gesicht sehen. Auch die Beschaffung des Leihwagens gelingt ihr nur mit Trick und Hilfe.<\/p>\n<p>Kurz hinter Ramallah ist sie orientierungslos. Die trostlose Betonmauer entlang des Flughafens, wo fr\u00fcher \u201enur\u201c Stacheldraht war, neue Siedlungen statt Pal\u00e4stinenserd\u00f6rfer, neue Namen und Verweise. Darf man hier lang oder muss man einen Umweg fahren? Vor dem Checkpoint stauen sich Autos, Leute, die zur Arbeit wollen oder auf den Markt. Auch der Leser verliert die Orientierung. Auf welcher Seite der Mauer ist man eigentlich?<\/p>\n<p>Der Vorwurf, der Roman zeige plakativ anonyme Vergewaltiger und Killer statt Charaktere, den Staat Israel selbst als \u201eMordmaschine\u201c, hat einen durchschaubaren Hintergrund. Schon als 2005 die israelische Zeitung <em>Haaretz<\/em> das erste Mal \u00fcber das Verbrechen von 1949 berichtete, beeilten sich milit\u00e4rische Zeitzeugen, dies als furchtbare Entgleisung abzutun.<\/p>\n<p>Die aktuelle Forderung nach Soldaten-Charakteren dient derselben Relativierung.<\/p>\n<p>Shiblis beil\u00e4ufige Schilderungen einer Milit\u00e4rdiktatur, in der Soldaten einfach Soldaten sind, die einen staatlichem Auftrag erf\u00fcllen, erregte erst \u00f6ffentlichen Widerspruch, als die Pal\u00e4stinenser sich gegen ihre jahrzehntelange Unterdr\u00fcckung massiv zur Wehr setzten. Im Grunde genommen schildert das Buch die vielen \u201eNebensachen\u201c, die den Aufstand sehr nachvollziehbar machen.<\/p>\n<p>In der n\u00fcchternen Darstellung der unhaltbaren Zust\u00e4nde, die im Roman richtig als Fortsetzung dessen erscheinen, was in den Jahren um die Gr\u00fcndungszeit Israels begann, besteht seine St\u00e4rke, nicht in seinen existentialistisch gepr\u00e4gten pessimistischen Spekulationen \u00fcber menschliche Kontrolle und Grenzen als solche.<\/p>\n<p>Welcher Leser erinnert sich angesichts der Gleichsetzung von Arabern mit Tieren durch den israelischen Verteidigungsminister nicht an die Gleichsetzung von Arabern mit Ungeziefer durch den fiebernden Kommandeur 1949 im Roman. Seine Truppenansprache k\u00f6nnte auch Biden oder ein anderer, heutiger Gro\u00dfmachtpolitiker gehalten haben. Die rasante Entwicklung des Militarismus und Neokolonialismus dr\u00e4ngt historische Vergleiche geradezu auf.<\/p>\n<p>Eine gelungene Metapher f\u00fcr die durchl\u00e4ssige Grenze zwischen Gestern und Heute sind im Roman die Hunde. Ihr Heulen und Bellen ist allgegenw\u00e4rtig. Sie waren \u00fcberall dabei, sind Zeitzeugen und Mahner gegen das Vergessen. Nach dem Tod des Beduinenm\u00e4dchens, n\u00e4hert sich ihr Hund dem Bett des kranken Offiziers und beschnuppert seine Hand. Wird er die Hand bei\u00dfen oder lecken?<\/p>\n<p>Letzteres verlangen die rechten Kritiker des lesenswerten Buches von der seit 75 Jahren im Gazastreifen und der Westbank unterdr\u00fcckten pal\u00e4stinensischen Bev\u00f6lkerung. Auf der inzwischen restaurierten Mauer des einstigen Tatortes von 1949, der zu den ersten pal\u00e4stinensischen Angriffszielen geh\u00f6rte, prangt wie zum Hohn immer noch die Inschrift: \u201eNicht Panzer werden siegen \u2026\u201c<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2023\/11\/20\/shib-n20.html\"><em>wsws.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 2. Dezember 2023<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bernd Reinhardt. Der international ausgezeichnete Kurzroman \u201eEine Nebensache\u201c (2017) der israelisch-arabischen Schriftstellerin Adania Shibli wurde auch in Deutschland bei seinem Erscheinen 2022 hochgelobt. Nach Ausbruch des pal\u00e4stinensischen Aufstands entdeckten Kritiker pl\u00f6tzlich Antisemitismus und erkl\u00e4rten Shibli &#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":13997,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,6],"tags":[39,18,113,35,49,46,17,33],"class_list":["post-13996","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-debatte","category-geschichte-und-theorie","tag-deutschland","tag-imperialismus","tag-kultur","tag-palaestina","tag-repression","tag-usa","tag-widerstand","tag-zionismus"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/13996","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=13996"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/13996\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":13998,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/13996\/revisions\/13998"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/13997"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=13996"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=13996"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=13996"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}