{"id":13999,"date":"2023-12-02T11:01:26","date_gmt":"2023-12-02T09:01:26","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=13999"},"modified":"2023-12-02T11:01:28","modified_gmt":"2023-12-02T09:01:28","slug":"vom-niedergang-der-kritischen-theorie-am-beispiel-palaestinas","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=13999","title":{"rendered":"<strong>Vom Niedergang der \u201eKritischen\u201c Theorie am Beispiel Pal\u00e4stinas<\/strong>"},"content":{"rendered":"<p><em>Max Freitag. <\/em><strong>Unter dem Titel \u201eGrunds\u00e4tze der Solidarit\u00e4t\u201c ver\u00f6ffentlichten die \u00dcberbleibsel der einst prominenten Kritischen Theorie vor Kurzem ihre Stellungnahme zur aktuellen Situation im Nahostkonflikt. Einseitig, realit\u00e4tsfern und wohl kaum dialektisch vollenden sie damit die Degeneration ihrer Theoriestr\u00f6mung.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p><em>Die derzeitige Situation, die durch den an Grausamkeit nicht zu \u00fcberbietenden Angriff der Hamas und Israels Reaktion darauf geschaffen wurde, hat zu einer Kaskade von moralisch-politischen Stellungnahmen und Demonstrationen gef\u00fchrt. Wir sind der Auffassung, dass bei all den widerstreitenden Sichtweisen, die ge\u00e4u\u00dfert werden, einige Grunds\u00e4tze festzuhalten sind, die nicht bestritten werden sollten. Sie liegen der recht verstandenen Solidarit\u00e4t mit Israel und J\u00fcdinnen und Juden in Deutschland zugrunde.<\/em><\/p>\n<p>Mit diesem Absatz beginnen die Autor:innen des am 13. November <a href=\"https:\/\/www.normativeorders.net\/2023\/grundsatze-der-solidaritat\/\">ver\u00f6ffentlichten Statements<\/a> ihre Intervention in den deutschen Nahost-Diskurs im Kontext der derzeit stattfindenden Kriegsverbrechen des israelischen Staates gegen die Bev\u00f6lkerung Gazas. Eine Einleitung, die durchaus eine kritische Auseinandersetzung mit der Thematik erwarten l\u00e4sst \u2013 doch weit gefehlt. Was wir im Folgenden zu lesen bekommen, ist nur die n\u00e4chste Anpassungsstufe der selbsternannten \u201ekritischen\u201c Theoretiker:innen an die deutsche Staatsr\u00e4son und damit einhergehend die n\u00e4chste Stufe im Niedergang der einst so radikal anmutenden Frankfurter Schule.<\/p>\n<p>Die urspr\u00fcngliche Kritische Theorie gr\u00fcndete sich 1924 am Frankfurter Institut f\u00fcr Sozialforschung. Ihre im Laufe der n\u00e4chsten Jahrzehnte an akademischen und gesellschaftlichen Ruhm gewinnenden Vertreter:innen waren, unter anderen, Theodor W. Adorno, Max Horkheimer, Erich Fromm, Walter Benjamin und Herbert Marcuse, sp\u00e4ter J\u00fcrgen Habermas, und letztlich Axel Honneth, Rahel Jaeggi und Robin Celikates. Werke wie Adornos und Horkheimers <em>Dialektik der Aufkl\u00e4rung<\/em> oder Marcuses <em>Der Eindimensionale Mensch<\/em> geh\u00f6ren zum Basiswissen jeder sich als links verstehenden Person, wie auch zur Pflichtlekt\u00fcre eines jeden Philosophiestudiums. Freilich, wie \u201ekritisch\u201c und letztendlich revolution\u00e4r-\u00fcberwindend die Ausarbeitungen der Frankfurter Schule schon damals waren, ist sicher von Person zu Person unterschiedlich zu beurteilen und auch insgesamt in Frage zu stellen. Schon damals machte zum Beispiel die Figur Adorno Schlagzeilen mit seinem Elitismus und seiner Feindschaft gegen\u00fcber linken Bewegungen, und auch Horkheimer <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=npDU_Plntc4&amp;t=646s\">lie\u00df bekanntlich verlauten<\/a>: \u201eDenn ich wollte nicht, dass man meine Schriften als revolution\u00e4re Propaganda benutzt. Kritik der Gesellschaft, ja. Aber Aufforderung zur Revolution, keineswegs!\u201c. Und doch ist nicht zu leugnen, dass die hier genannten Denker ihr theoretisches Fundament im Marxismus gefunden haben, wenn auch in einer kritischen Auseinandersetzung mit diesem.<\/p>\n<p>Dass sich eine Degeneration jener Theorie-Richtung vollzogen hat, so der heutige Konsens, ist klar ersichtlich an der Person J\u00fcrgen Habermas, dem prominentesten Unterzeichner der Stellungnahme. Habermas, der mit seiner <em>Theorie des Kommunikativen Handelns<\/em> zwar ein beachtliches Werk geschrieben hat, l\u00e4sst sich wohl kaum noch als Marxist bezeichnen, nicht mal im entferntesten Sinne. Sp\u00e4ter gewisserma\u00dfen zu einem \u00f6ffentlichen Intellektuellen entwickelt, ist er wohl heute nur noch als der ulkige Opa der deutschen Philosophie bekannt. Bei den restlichen Unterzeichner:innen des Textes handelt es sich um die Politikwissenschaftlerin Nicole Deitelhoff, den politischen Theoretiker Rainer Forst und den Juristen Klaus G\u00fcnther \u2013 allesamt an der Goethe-Universit\u00e4t Frankfurt angestellt.<\/p>\n<p><strong>Eine \u201ekritische\u201c Theorie \u201egerechtfertigter Gegenschl\u00e4ge\u201c von Kolonialstaaten?<\/strong><\/p>\n<p>Im Text liest sich weiter:<\/p>\n<p><em>Das Massaker der Hamas in der erkl\u00e4rten Absicht, j\u00fcdisches Leben generell zu vernichten, hat Israel zu einem Gegenschlag veranlasst. Wie dieser prinzipiell gerechtfertigte Gegenschlag gef\u00fchrt wird, wird kontrovers diskutiert; Grunds\u00e4tze der Verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigkeit, der Vermeidung ziviler Opfer und der F\u00fchrung eines Krieges mit der Aussicht auf k\u00fcnftigen Frieden m\u00fcssen dabei leitend sein.<\/em><\/p>\n<p>Immerhin: Verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigkeit und das Nicht-T\u00f6ten von Zivilist:innen sollen Teil \u201ekontroverser Debatte\u201c bleiben d\u00fcrfen. Ansonsten l\u00e4sst sich diesem Musterbeispiel kommunikativen Handelns nicht viel abgewinnen. An erster Stelle stehen hier, dem zionistischen und b\u00fcrgerlichen Narrativ folgend, die schrecklichen Verbrechen der Hamas vom 7. Oktober \u2013 eine Vorgeschichte israelischer Besatzung, Apartheid und Siedlerkolonialismus scheint es nicht zu geben. Stattdessen wird der Blick einseitig auf die Untaten der Hamas gelenkt, die einen Gegenschlag Israels \u201eprinzipiell\u201c \u2013 also im Grundsatz undiskutierbar \u2013 rechtfertigen. Dass es sich hierbei um den \u201eGegenschlag\u201c einer vom westlichen Imperialismus unterst\u00fctzten Kolonialmacht handelt, bleibt unerw\u00e4hnt. Wie die UN-Sonderberichterstatterin f\u00fcr die besetzten pal\u00e4stinensischen Territorien und Menschenrechtsanw\u00e4ltin Francesca Albanese <a href=\"https:\/\/www.theguardian.com\/world\/2023\/nov\/14\/australia-and-other-western-governments-paralysed-in-response-to-gaza-conflict-says-un-expert\">klarstellt<\/a>: Israel \u201ekann nicht das Recht auf Selbstverteidigung gegen eine Bedrohung beanspruchen, die von dem von ihm besetzten Gebiet ausgeht \u2013 von einem Gebiet, das unter kriegerischer Besetzung gehalten wird.\u201c<\/p>\n<p>Wir d\u00fcrfen also \u00fcber Proportionalit\u00e4t (im Rahmen eines prinzipiell gerechtfertigten \u201eGegenschlages\u201c) diskutieren, aber: \u201eBei aller Sorge um das Schicksal der pal\u00e4stinensischen Bev\u00f6lkerung verrutschen die Ma\u00dfst\u00e4be der Beurteilung jedoch vollends, wenn dem israelischen Vorgehen genozidale Absichten zugeschrieben werden.\u201c In anderen Worten: Sorge um ermordete Kinder (5.500 an der Zahl, <a href=\"https:\/\/www.hrw.org\/news\/2023\/11\/22\/israel\/gaza-hostilities-take-horrific-toll-children\">Stand 22. November<\/a>) hin oder her, wenn wir das Handeln des israelischen Staates (in ihren Augen) falsch kategorisieren \u2013 da ziehen die \u201ekritischen\u201c Theoretiker:innen eine Grenze. Der Universalismus kommunikativen Handelns hat scheinbar das Spezifikum zur Vorbedingung, dass der israelische Staat zum V\u00f6lkermord grunds\u00e4tzlich nicht f\u00e4hig ist \u2013 jede solche Anschuldigung disqualifiziert die Diskutant:innen.<\/p>\n<p>Was schon l\u00e4cherlich klingt, wird noch aberwitziger, wenn wir \u00fcberlegen, gegen wen sich dieser Satz richtet. Denn nicht nur verblendete Linksradikale oder Islamist:innen bezeichnen das Vorgehen Israels als (potentiellen) Genozid, sondern auch die Vereinten Nationen, unter vielen anderen. In einer <a href=\"https:\/\/www.un.org\/unispal\/document\/gaza-un-experts-decry-bombing-of-hospitals-and-schools-as-crimes-against-humanity-call-for-prevention-of-genocide\/\">Pressemitteilung<\/a> lassen diese verlauten:<\/p>\n<p><em>Wir schlagen Alarm: Es gibt eine laufende Kampagne Israels, die zu Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Gaza f\u00fchrt. In Anbetracht der \u00c4u\u00dferungen f\u00fchrender israelischer Politiker und ihrer Verb\u00fcndeten, die von Milit\u00e4raktionen im Gazastreifen und einer Eskalation der Verhaftungen und T\u00f6tungen im Westjordanland begleitet werden, besteht auch die Gefahr eines V\u00f6lkermords am pal\u00e4stinensischen Volk. [eigene \u00dcbersetzung]<\/em><\/p>\n<p>Menschenrechtsorganisationen kritisieren die Lage in Pal\u00e4stina seit Langem, so auch in der derzeitigen Eskalation. Die Menschenrechtsorganisationen <em>Al-Haq, Al Mezan<\/em>, und das <em>Palestinian Centre for Human Rights<\/em> stellten am 9. November <a href=\"https:\/\/www.aljazeera.com\/news\/2023\/11\/9\/three-rights-groups-file-icc-lawsuit-against-israel-over-gaza-genocide\">Anzeige vor dem Internationalen Strafgerichtshof<\/a>, in der sie die israelischen Verbrechen gegen die Menschlichkeit, n\u00e4mlich Apartheid und Genozid, anprangern. Am 13. November <a href=\"https:\/\/www.theguardian.com\/us-news\/2023\/nov\/13\/biden-lawsuit-alleged-failure-prevent-genocide-israel-palestine\">verklagte<\/a> das US-amerikanische <em>Center for Constitutional Rights<\/em> den US-Pr\u00e4sidenten Joe Biden wegen Duldung und Beihilfe zum Genozid. Auch unz\u00e4hlige Akademiker:innen schlie\u00dfen sich diesen Warnungen an, so etwa <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=4mZMkNJYr-0&amp;t=2s\">der israelische Historiker Omer Bartov<\/a>, weltweit anerkannt f\u00fcr seine Studien zum Holocaust und zu Genozid. Der israelische Historiker <a href=\"https:\/\/jewishcurrents.org\/a-textbook-case-of-genocide\">Raz Segal spricht<\/a> von einem \u201e<em>textbook case of genocide<\/em>\u201c (\u201eLehrbuchbeispiel von Genozid\u201c). Doch diese Stimmen haben keinen Platz im Kommunikationsideal von Habermas und Co.<\/p>\n<p><strong>\u201eDiejenigen in unserem Land\u201d<\/strong><\/p>\n<p>Aber noch nicht genug. Der letzte Teil der Stellungnahme liest sich wie eine Seite aus dem Textbuch der deutschen Staatsr\u00e4son. Zu Recht weisen die Autor:innen auf die Gefahren eines steigenden Antisemitismus hin, der sich zuletzt beispielsweise in <a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/befreiungskampf-geht-nur-zusammen-gegen-antisemitismus-und-zionismus\/\">Schmierereien in Berlin<\/a> offenbarte. Nat\u00fcrlich, Antisemitismus ist in voller H\u00e4rte zu verurteilen und zu bek\u00e4mpfen. Antisemitismus ist und bleibt ein ur-deutsches Ph\u00e4nomen: <a href=\"https:\/\/www.bmi.bund.de\/SharedDocs\/pressemitteilungen\/DE\/2023\/05\/pmk2022.html\">Straftaten gegen J\u00fcd:innen werden zu 84 Prozent von Rechtsradikalen<\/a> begangen. Doch auf diesen Antisemitismus haben die \u201ekritischen\u201c Denker:innen es wohl nicht prim\u00e4r abgesehen.<\/p>\n<p>Was dar\u00fcber hinaus unerw\u00e4hnt bleibt: Was ist mit den pal\u00e4stinensisch, arabisch oder muslimisch-gelesenen Menschen, die ebenso eine Zunahme an Hass, Rassismus und Gewalt f\u00fcrchten m\u00fcssen? Um nur ein <a href=\"https:\/\/www.theguardian.com\/us-news\/2023\/oct\/15\/plainfield-illinois-plainfield-six-year-old-muslim-boy-mother-murder-hate-crime\">Extrembeispiel<\/a> zu nennen: Vor kurzem wurde der sechsj\u00e4hrige Sohn pal\u00e4stinensischer Migrant:innen im US-Bundesstaat Illinois vom Vermieter der Familie erstochen. Das Motiv der Tat lag laut den Sicherheitsbeh\u00f6rden selbst klar begr\u00fcndet im Angriff der Hamas und eines daraus resultierenden Rassismus. Der T\u00e4ter soll gebr\u00fcllt haben: \u201eYou Muslims must die!\u201c (\u201eIhr Muslime m\u00fcsst sterben!\u201c). Erst vor wenigen Tagen wurden <a href=\"https:\/\/www.leftvoice.org\/the-three-palestinians-shot-in-burlington-are-victims-of-rising-islamophobia\/\">drei Pal\u00e4stinenser im US-Bundestaat Vermont angeschossen<\/a>. Auch in Deutschland m\u00fcssen so gelesene Personen aktuell mit einer beispiellosen Welle von polizeilicher Repression, medialer Hetze und rassistischen Anfeindungen leben: Etwa, wenn sich Betroffene und solidarische Menschen auf Pal\u00e4stina-Demos zusammenfinden und dort festgenommen und nachtr\u00e4glich diffamiert werden; etwa, wenn Moscheen <a href=\"https:\/\/www.berliner-zeitung.de\/news\/berlin-moscheen-erhalten-hasstiraden-per-brief-polizei-ermittelt-li.2162196\">Hassnachrichten und Hundekot per Brief<\/a> erhalten; etwa, wenn ein Sch\u00fcler des Berliner Ernst-Abbe-Gymnasiums <a href=\"https:\/\/www.instagram.com\/p\/CyNfgr2sB40\/\">von einem Lehrer geschlagen<\/a> wird, weil er auf dem Schulhof mit einer Pal\u00e4stinafahne heruml\u00e4uft, oder aber wenn ein <a href=\"https:\/\/www.berliner-zeitung.de\/news\/gewalt-schule-berlin-maedchen-wegen-allah-kette-von-mitschuelerinnen-krankenhausreif-gepruegelt-li.2162353\">M\u00e4dchen von mehreren Mitsch\u00fcler:innen krankenhausreif gepr\u00fcgelt<\/a> wird, weil sie eine Kette mit arabischen Schriftzug tr\u00e4gt. Doch diese Fakten auszulassen, um ein einseitiges Narrativ zu befeuern, ist inzwischen nichts Neues. Aber dass die \u201ekritische\u201c Theorie nur auf bestimmte Menschengruppen anwendbar ist, ist zumindest in dieser Form ein Novum.<\/p>\n<p>Nachdem die Unterzeichner:innen nun die Verbrechen der NS-Zeit ins Spiel bringen, um f\u00fcr das Existenzrecht Israels zu argumentieren, lassen sie verlauten:<\/p>\n<p><em>Die elementaren Rechte auf Freiheit und k\u00f6rperliche Unversehrtheit sowie auf Schutz vor rassistischer Diffamierung sind unteilbar und gelten gleicherma\u00dfen f\u00fcr alle. Daran m\u00fcssen sich auch diejenigen in unserem Land halten, die antisemitische Affekte und \u00dcberzeugungen hinter allerlei Vorw\u00e4nden kultiviert haben und jetzt eine willkommene Gelegenheit sehen, sie ungehemmt auszusprechen. [eigene Hervorhebung]<\/em><\/p>\n<p>Wer \u201ediejenigen in unserem Land\u201c wohl sein k\u00f6nnten, ist im derzeitigen Diskurs nicht schwer zu erraten: Hier wird auf den Mythos des \u201eimportierten Antisemitismus\u201c angespielt, der besagt, dass der Antisemitismus ein aus muslimischen L\u00e4ndern zugewandertes Ph\u00e4nomen sei. Oder warum w\u00fcrde man sonst eine solche, nach rechts offene Formulierung w\u00e4hlen, wenn man alternativ auch einfach von \u201eallen\u201c sprechen k\u00f6nnte. Die \u201eunteilbaren\u201c Rechte auf Freiheit, k\u00f6rperliche Unversehrtheit und Schutz vor Rassismus scheinen, so die Konsequenz der Andeutung, nicht f\u00fcr pal\u00e4stinensische, arabische und muslimische Menschen zu gelten.<\/p>\n<p>Als jene Linke, die wir den tats\u00e4chlichen Sinn des Wortes \u201ekritisch\u201c noch nicht vergessen haben, stehen wir ganz klar auf Seite der Unterdr\u00fcckten und Kolonisierten, hierzulande wie in Pal\u00e4stina und Israel. Wir stellen uns gegen die falschen, rassistischen Erz\u00e4hlungen vom \u201eimportierten Antisemitismus\u201c und gegen die Mobilisierung der deutschen NS-Vergangenheit zur Rechtfertigung genozidaler Bestrebungen jeglicher Art. Und nat\u00fcrlich stellen wir uns gegen das Existenzrecht Israels: Nicht gegen das Existenzrecht des israelischen Volkes, an dessen Seite wir gegen Unterdr\u00fcckung, Kapitalismus und Krieg k\u00e4mpfen; sondern gegen die Existenz des b\u00fcrgerlichen Staates Israel, wie er aktuell unterdr\u00fcckt, ausbeutet und mordet. Unsere Perspektive ist die eines freien, laizistischen und sozialistischen Pal\u00e4stinas.<\/p>\n<p><strong>Die hoffentlich letzte Generation der \u201ekritischen\u201c Theorie<\/strong><\/p>\n<p>Das, was Marxist:innen unter dem Begriff der Dialektik kennen, war einst das \u2013 selbsternannte \u2013 Steckenpferd der fr\u00fchen Frankfurt Schule. Horkheimer schreibt in <em>Traditionelle und Kritische Theorie<\/em>: \u201eDas Wort ist nicht so sehr im Sinne der idealistischen Kritik der reinen Vernunft als in dem der dialektischen Kritik der politischen \u00d6konomie gemeint. Es bezeichnet eine wesentliche Eigenschaft der dialektischen Theorie der Gesellschaft.\u201c<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/vom-niedergang-der-kritischen-theorie-am-beispiel-palaestinas\/#f1\"><sup>1<\/sup><\/a> Man muss allerdings nicht in die Tiefen der Dialektik abtauchen, um zu erkennen: Was die \u201ekritischen\u201c Denker:innen dieser Stellungnahme hier fabriziert haben, ist wohl so weit vom dialektischen Denken entfernt, wie etwas nur sein kann. Dialektik bedeutet, einzelne Momente immer im Kontext ihres Prozesses zu verstehen. Dialektik bedeutet, das Konkrete immer mit dem Allgemeinen in Verbindung zu bringen. Werden hingegen, unter Ausschluss der Gesamtzusammenh\u00e4nge, nur diejenigen Momente fokussiert, die der Ausbeutung und Unterdr\u00fcckung zutr\u00e4glich sind, so haben wir es mit einer ideologischen, d.h. verk\u00fcrzten und herrschaftstragenden Darstellung zu tun. Stuart Hall beschreibt das folgenderma\u00dfen:<\/p>\n<p><em>Wenn wir bei unserer Erkl\u00e4rung nur ein Moment bevorzugen und das differenzierte Ganze oder \u201aEnsemble\u2018, von dem es ein Teil ist, nicht ber\u00fccksichtigen; oder wenn wir Kategorien des Denkens verwenden, die nur einem solchen Moment angemessen sind, um den gesamten Prozess zu erkl\u00e4ren, dann laufen wir Gefahr, eine \u201aeinseitige\u2018 Erkl\u00e4rung abzugeben, wie Marx es (nach Hegel) genannt h\u00e4tte. Einseitige Erkl\u00e4rungen sind immer eine Verzerrung. Nicht in dem Sinne, dass sie eine L\u00fcge \u00fcber das System w\u00e4ren, sondern in dem Sinne, dass eine \u201aHalbwahrheit\u2018 nicht die ganze Wahrheit \u00fcber irgendetwas sein kann.<\/em><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/vom-niedergang-der-kritischen-theorie-am-beispiel-palaestinas\/#f2\"><em><sup>2<\/sup><\/em><\/a><\/p>\n<p>Der russische Revolution\u00e4r Leo Trotzki <a href=\"https:\/\/www.marxists.org\/deutsch\/archiv\/trotzki\/1939\/12\/vdm-kboswp.html\">veranschaulicht<\/a>:<\/p>\n<p><em>Dialektisches Denken steht zum \u00fcblichen Denken im gleichen Verh\u00e4ltnis wie der Film zur bewegungslosen Fotografie. Der Film macht nicht die bewegungslose Fotografie wertlos, sondern verbindet eine Reihe von ihnen gem\u00e4\u00df den Gesetzen der Bewegung.<\/em><\/p>\n<p>Selbstverst\u00e4ndlich sind solche simplen Einsichten relevant f\u00fcr jeden kritischen Geist, ob er sich nun marxistisch nennt oder nicht. Doch selbst dieser grundlegenden Dimension kritischen Denkens verschlie\u00dft sich die Stellungnahme von Habermas und Co. V\u00f6llig einseitig und in kompletter Ausblendung gr\u00f6\u00dferer Zusammenh\u00e4nge, seien es die Vorgeschichte der seit nunmehr 75 Jahren andauernden Landnahme und Vertreibung, die imperialistischen Interessen westlicher Gro\u00dfm\u00e4chte in der Region, oder der blo\u00dfe Klassencharakter des israelischen Staates, sprechen die Unterzeichner:innen eine Bekundung zum Kolonialstaat Israel aus, dessen \u201eGegenwehr\u201c in ihren Augen \u201eprinzipiell gerechtfertigt\u201c ist \u2013 egal, was der Kontext ist.<\/p>\n<p>Diese Unf\u00e4higkeit, strukturelle Zusammenh\u00e4nge und ihre historische Komplexit\u00e4t ausreichend zu greifen; stattdessen eine Momentaufnahme als Grundlage f\u00fcr jegliche weitere Argumentation anzunehmen, das w\u00e4re vom herrschenden Diskurs durchaus zu erwarten. Dass nun diese selbsternannten \u201ekritischen\u201c Theoretiker:innen in die gleiche Kerbe schlagen, ist ein eindeutiger Ausdruck des Niedergangs ihrer Theoriestr\u00f6mung. Denn durch die Demonstration, dass sie selbst dialektische Grundlagen nicht mehr anwenden k\u00f6nnen, dass sie grundlegende Zusammenh\u00e4nge nicht mehr zu greifen verm\u00f6gen, wird auch fraglich, inwiefern sich die \u201ekritische\u201c Theorie \u00fcberhaupt noch von jenen Mainstream-Wissenschaften abhebt, in dessen Opposition sie sich einst gegr\u00fcndet hatten. Was bei\u00a0Horkheimer schon \u201eKritik ja, Revolution nein\u201c war, ist heute vermutlich zu \u201eForschungsgelder ja, Kritik nein, Revolution auf gar keinen Fall\u201c verkommen. So k\u00f6nnen wir heute wohl nur noch hoffen, dass es sich bei der aktuellen Generation um die letzte Generation der \u201ekritischen\u201c Theorie handeln wird.<\/p>\n<p><strong>Fu\u00dfnoten<\/strong><\/p>\n<ol>\n<li><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/vom-niedergang-der-kritischen-theorie-am-beispiel-palaestinas\/#f1_text\">1<\/a>. Max Horkheimer: Traditionelle und kritische Theorie, in: Ders.: Gesammelte Schriften, Band 4, Schriften 1936\u20131941, Fischer, Frankfurt am Main 1988, S. 162\u2013216, hier: S. 180.<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/vom-niedergang-der-kritischen-theorie-am-beispiel-palaestinas\/#f2_text\">2<\/a>. Stuart Hall: Selected Writings on the Question of Marxism, Duke University Press, Durham 2021, S. 147, eigene \u00dcbersetzung.<\/li>\n<\/ol>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/vom-niedergang-der-kritischen-theorie-am-beispiel-palaestinas\/\"><em>klassegegenklasse.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 2. Dezember 2023<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Max Freitag. Unter dem Titel \u201eGrunds\u00e4tze der Solidarit\u00e4t\u201c ver\u00f6ffentlichten die \u00dcberbleibsel der einst prominenten Kritischen Theorie vor Kurzem ihre Stellungnahme zur aktuellen Situation im Nahostkonflikt. 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