{"id":14030,"date":"2023-12-11T15:06:27","date_gmt":"2023-12-11T13:06:27","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=14030"},"modified":"2023-12-11T15:06:28","modified_gmt":"2023-12-11T13:06:28","slug":"ein-gigantischer-rachefeldzug-vergesst-sie-vergesst-alles","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=14030","title":{"rendered":"<strong>Ein gigantischer Rachefeldzug: Vergesst sie, vergesst alles<\/strong>"},"content":{"rendered":"<p>Eine fl\u00e4chendeckende national-identit\u00e4re Ideologie hindert die meisten Deutschen, wenn es um Israel-Pal\u00e4stina geht, selbst\u00e4ndig zu denken, d.h. \u00fcberhaupt zu denken. Und Empathie zu empfinden.<\/p>\n<p>Israel\/Pal\u00e4stina, \u201eder Nahostkonflikt\u201c verschwindet kaum jemals ganz aus den Nachrichten in Deutschland, und da gibt es Konstanten, konstant wiederkehrende Formulierungen:<!--more--> \u201edie beiden Seiten\u201c, \u201ekompliziert\u201c, \u201eTerror\u201c, \u201eExistenzrecht\u201c, \u201ebesondere Verantwortung Deutschlands\u201c, \u201egegen jeden Antisemitismus\u201c \u2026<\/p>\n<p>Zwei Autoren, die f\u00fchrend beitragen zu diesem groben Gewebe von mechanisch wiederholten Argumentationsfetzen fragen sich und ihre Leser*innen in ihrem j\u00fcngsten Werki suggestiv, warum wohl die Pal\u00e4stinenser*innen bzw. ihre Unterst\u00fctzer*innen st\u00e4ndig ein solches Aufhebens um diesen Konflikt und die pal\u00e4stinensischen Opfer machten.<\/p>\n<p>In einer Fussnote stellen sie die Zahl der bei der Milit\u00e4roperation Israels von 2008\/09, \u201eGegossenes Blei\u201c, gegen den Gazastreifen zu Tode Gekommenen \u2013 \u201eknapp \u00fcber 1000\u201c &#8211; der erheblich h\u00f6heren Opferzahl \u2013 800 000 bis 1 Million \u2013 beim V\u00f6lkermord in Ruanda (1995) und in anderen Kriegen bzw. \u201eLagen\u201c anderswo, bei denen es zu Menschenrechtsverletzungen gekommen sei. Diese Dramen f\u00e4nden ungleich weniger Aufmerksamkeit als jene knapp \u00fcber 1000 2008\/09 zu Tode gekommenen Pal\u00e4stinenser*innen (laut israelischen Angaben waren es \u00fcbrigens 1116 Menschen, laut denen der pal\u00e4stinensischen Menschenrechtsorganisation PCHR 1417 \u2013 so viel zur Qualifikation \u201eknapp\u201c).<\/p>\n<p>Was suggerieren sie, da sie im selben Text auch auf die 3-D-Theorie eines israelischen Politikers verweisen? \u2013 Das eine der 3 Ds dieser \u201eTheorie\u201c, die seit Jahren in Deutschland als Grundlage zur Unterscheidung von legitimer Kritik an der israelischen Politik und Antisemitismus gilt, bezieht sich auf den \u201eDoppelstandard\u201c. Wenn Israel an anderen, d.h. h\u00f6heren, strengeren Massst\u00e4ben gemessen werde, als sie an andere Staaten und deren Politik angelegt w\u00fcrden, so handle es sich laut Herrn Sharansky um Antisemitismus (Was Aussagen \u00fcber die Politik eines Staates mit einer Form gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit zu tun haben k\u00f6nnten, fragt sich ein mitdenkender Mensch \u2013 und sobald dieser mitdenkende Mensch sich dazu verleiten l\u00e4sst, die Sharansky\u2019sche 3 D-Brille aufzusetzen, wird er Kopfschmerzen bekommen. Sie soll ihm dennoch nicht vorenthalten werden.ii) Das also wollen unsere Vordenker in Sachen \u201eisraelbezogener Antisemitismus\u201c durch ihre zynischen Zahlenspielchen suggerieren: Pal\u00e4stinenser*innen und ihre Anh\u00e4nger*innen machen nur deshalb so ein Tamtam um pal\u00e4stinensische Opfer, weil sie \u2013 tendenziell \u2013 Antisemit*innen sind.<\/p>\n<p>In diesen Tagen und Wochen nach Beginn des Krieges gegen die Bev\u00f6lkerung von Gaza, der bisher (11.12.2023) deutlich ann\u00e4hernd 18 000 (Zivilist*innen) gefordert hat \u2013 und kein Ende abzusehen \u2013 frage ich mich, ob die aktuellen Totenzahlen den Autoren des inzwischen von der Bundeszentrale f\u00fcr politische Bildung verbreiteten Werks bemerkenswert genug erscheinen, um davon ein gewisses Aufhebens machen zu d\u00fcrfen, zumindest seitens der pal\u00e4stinensischen Community in Deutschland: ca. 200 000 teils lebenslang staatenlos \u201eZwischengelagerte\u201ciii, wie es der israelische Anthropologe\/Aktivist Jeff Halper formuliert, teils hier Geborene und Aufgewachsene und mit deutschem Pass Ausgestattete \u2013 jedoch immer verd\u00e4chtigt, selbstverst\u00e4ndlich, des Antisemitismus. Weshalb \u2013 deutsche Verantwortung f\u00fcr unsere Verbrechen verpflichtet \u2013 man diesen Passinhaber*innen eventuell ein Bekenntnis zum Existenzrecht Israels abverlangen sollte.<\/p>\n<p>Es ist merkw\u00fcrdig, dass in Deutschland Menschen, die alle M\u00f6glichkeiten einer guten Bildung geniessen, sich vermittels seri\u00f6ser Medien informieren und sich f\u00fcr kritische B\u00fcrger*innen halten, die sehr naheliegenden Gr\u00fcnde f\u00fcr die engen Beziehungen zwischen Israel und Deutschland nicht in den Blick bekommen. Dass sie somit auch nicht auf die ganz trivialen Motive der deutschen Politik kommen, mit Israel besonders enge Beziehungen zu pflegen, was selbstverst\u00e4ndlich einschliesst, schwerwiegende Probleme des befreundeten Staates mit zu schultern: in diesem Fall das Problem, das Israel mit den Pal\u00e4stinenser*innen hat, die immer noch nicht verschwunden sind und immer noch nicht bereit sind, auf ihre Rechte zu verzichten.<\/p>\n<p>Es gibt tats\u00e4chlich ganz banale Gr\u00fcnde, weshalb Israel (und sein grosses ungel\u00f6stes Problem) nie ganz aus der aktuellen Berichterstattung und der politischen Aufmerksamkeit in Deutschland verschwindet. Ottfried Nassauer schrieb dazu einen bemerkenswerten Beitrag zu einem Buch mit dem Titel \u201eBedingungslos f\u00fcr Israel?\u201civ. Demnach wurden sich schon Ben Gurion und Konrad Adenauer sehr schnell einig, im beiderseitigen Interesse, Jahre vor der Aufnahme diplomatischer Beziehungen, inoffiziell eng zu kooperieren, wobei es im Wesentlichen um die wirtschaftliche und milit\u00e4rische Kooperation zwischen den beiden jungen Staaten ging und die BRD vor allem lieferte, w\u00e4hrend Israel zu einer weniger materiellen Gegenleistung bereit war.<\/p>\n<p>Grossz\u00fcgig sah es \u00fcber die ebenfalls aus pragmatischen Erw\u00e4gungen heraus guten Beziehungen der jungen Bundesrepublik zu den arabischen Staaten, den Feinden Israels, hinweg. Vor allem aber stand es dem um Anerkennung ringenden westdeutschen Staat auf dem internationalen Parkett bei, indem es ihm f\u00fcr k\u00fcrzlich vom peinlichen Vorg\u00e4ngerstaat begangene S\u00fcnden die Absolution erteilte. Der Anfang einer wunderbaren Freundschaft mit dem stabilen Fundament gemeinsamer Interessen.<\/p>\n<p>Wie bei allen zwischenstaatlichen Beziehungen sind es solche pragmatischen Erw\u00e4gungen, die das entscheidende Motiv darstellen, weshalb man sich nah oder auch spinnefeind ist. Im Fall der deutsch-israelischen Beziehungen ist das nicht anders.<\/p>\n<p>Meist wird das Pragmatische mit irgendeinem identit\u00e4ren Kitsch verbr\u00e4mt, um die Herzen der Bev\u00f6lkerungen, die schliesslich mitgenommen werden sollen, h\u00f6her schlagen zu lassen. Aus der von vielen Deutschen tats\u00e4chlich empfundenen Scham und dem Entsetzen angesichts der von ihnen oder ihren unmittelbaren Vorfahren begangenen Verbrechen wurde, insbesondere nachdem Deutschland wieder zur Supermacht avanciert war, eine staatstragende Ideologie, hermetisch, formelhaft, immun gegen Reflexion oder Kritik. Ein brutaler Kitsch &#8211; immun auch gegen Empathie. Nicht nur pal\u00e4stinensische Freund*innen, die in Deutschland zu Hause sind, auch israelische zeigen sich in diesen Tagen erschrocken \u00fcber die Empathielosigkeit ihrer deutschen Umgebung. Kaum jemand kommt auf die Idee zu fragen: \u201eUnd wie geht es dir, deiner Familie? Ist jemand dir Nahes betroffen?\u201c<\/p>\n<p>Eine Gedanken wie Emotionen einebnende Ideologie wie die deutsche der bedingungslosen Solidarit\u00e4t mit Israel (Solidarit\u00e4t mit einem Staat?) ist etwas anderes als die auch in anderen Staaten und Gesellschaften mehr oder weniger treue Gefolgschaft mancher oder vieler Menschen gegen\u00fcber der Hasbara, der israelischen Propaganda: Teile der US-Gesellschaft und -Politik, Teile der franz\u00f6sischen Gesellschaft und Politik etc. entscheiden sich f\u00fcr die israelische PR. Sie entscheiden sich, gewisse Annahmen und Behauptungen in diesem Kontext zu \u00fcbernehmen; andere entscheiden sich dagegen und sehen genauer hin.<\/p>\n<p>Ich kenne einige J\u00fcdinnen und Juden, die mit gewissen zionistischen Grundannahmen aufgewachsen sind und daraufhin mit grossen Erwartungen nach Israel reisten. Weil sie Menschen sind mit Empathief\u00e4higkeit, Offenheit und, um es mit Kant zu sagen, \u201eder Entschliessung\u201c und dem \u201eMut\u201c, \u201eohne Leitung eines anderen\u201c zu denken, entgeht es ihnen in Israel\/Pal\u00e4stina nicht, was die Jahrzehnte andauernde Vertreibung und widerrechtliche Besatzung f\u00fcr Generationen von Pal\u00e4stinenser*innen und jede*n einzelne*n von ihnen bedeutet. Es gibt nat\u00fcrlich auch j\u00fcdische Menschen, die das nicht sehen, nicht an sich herankommen lassen wollen.<\/p>\n<p>Fast der gesamten deutschen Gesellschaft, den Medien, den Intellektuellen, der Politik, d.h. allen Parteien von ganz Rechts bis ganz Links mangelt es an dieser Entschliessung und diesem Mut. Sie haben sich vielmehr f\u00fcr die selbstverschuldete Unm\u00fcndigkeit entschieden. Sie folgen mit verz\u00fcckt geschlossenen Augen, in lustvollem vorauseilendem Gehorsam, in grandios-gen\u00fcsslicher Rechthaberei jener nationalen Ideologie, laut der wir die moralische Supermacht schlechthin sind, allen anderen \u00fcberlegen.<\/p>\n<p>Als solche moralische Supermacht k\u00f6nnen, nein, m\u00fcssen wir fordern, erbarmungslos, bedingungslos: Bombardiert sie! Vernichtet sie! Die Barbaren, die Antisemiten! Und selbstverst\u00e4ndlich, wir sind ja keine Unmenschen, selbstverst\u00e4ndlich soll es auch da f\u00fcr Frauen und Kinder, f\u00fcr unschuldige Zivilist*innen, die als menschliche Schutzschilde missbraucht werden, humanit\u00e4re Korridore geben.<\/p>\n<p>\u201eHumanit\u00e4re Korridore\u201c diesem Begriff sollte man einen Moment lang nachlauschen \u2026 vielleicht sich, zusammen mit vielen anderen in solch einem zeit-r\u00e4umlichen schmalen Gang eingezw\u00e4ngt vorstellen mit der Angst, nicht zu wissen, in welchen Abgrund er f\u00fchrt, der Angst im Nacken und dem Schrecken vor Augen, der Ausweglosigkeit &#8230; Nur einen kurzen Moment lang sich hineinversetzen.<\/p>\n<p>Jetzt aber weiter im Programm: Dem humanit\u00e4ren V\u00f6lkerrecht soll Rechnung getragen werden, damit das, was leider erbarmungslos von unserem Verb\u00fcndeten zu seiner Verteidigung sein muss, auch sein kann, von uns bedingungslos mitgetragen. Uneingeschr\u00e4nkt, jedoch selbstverst\u00e4ndlich humanit\u00e4r eingerahmt, abgefedert.<\/p>\n<p>Das israelische Milit\u00e4r l\u00e4sst sich schon lange von Expert*innen des Internationalen Rechts beraten, ehe es zuschl\u00e4gt. So war es beispielsweise auch schon 2008\/09, als die Besatzungsmacht Israel die Bev\u00f6lkerung des Gazastreifens bombardierte \u2013 nicht ohne kurz zuvor Flugbl\u00e4tter auf die dicht besiedelten Gegenden rieseln zu lassen, um die Menschen zu warnen, dass ein Bombardement unmittelbar bevorstand, sie m\u00f6gen also umgehend ihre H\u00e4user verlassen.v Nur \u2026 wohin, wenn es in der ganzen Gegend erst Flugbl\u00e4tter, dann, unmittelbar darauf Bomben regnet?<\/p>\n<p>Israel h\u00e4lt sich auch jetzt strikt an das Humanit\u00e4re V\u00f6lkerrecht, indem es die Zivilbev\u00f6lkerung rechtzeitig warnt und auffordert, die unvermeidlich zu bombardierenden Teile des Gazastreifens zu verlassen.<\/p>\n<p>Und nicht wieder zur\u00fcckzukehren.<\/p>\n<p>Lohnt sich diesmal nicht. Der gigantische Rachefeldzug hat im Norden des Streifens nichts \u00fcbrig gelassen, wohin man zur\u00fcckkehren k\u00f6nnte. Es ist alles platt. Weg. Ruinenfelder. Ger\u00f6ll. Darunter begraben: das Spielzeug der Kinder. Die Fotos der bei fr\u00fcheren israelischen Bombardements zu Tode Gekommenen. Die T\u00f6pfe, die Pfannen, die Tassen, die Teller. Die Tabletts, auf denen der duftende Reis und die H\u00fchnchen serviert wurden. Die Toten. Die Teekanne der Grossmutter. Das noch nicht getragene Hochzeitskleid. Und jetzt du und du und du, sinnlos Fliehende. Der Schulranzen vom Schwesterchen. Die B\u00fccher. Die Toten. Die Toten. Die Toten. Vergesst sie. Vergesst alles.<\/p>\n<p>ub<\/p>\n<p><strong>Fussnoten: <\/strong><\/p>\n<p>i <a href=\"https:\/\/www.hamburger-edition.de\/uploads\/tx_aimeos\/files\/6\/2\/626898368d5069aafa598806f71f6f93.pdf\">https:\/\/www.hamburger-edition.de\/uploads\/tx_aimeos\/files\/6\/2\/626898368d5069aafa598806f71f6f93.pdf<\/a>, S.17<\/p>\n<p>ii <a href=\"https:\/\/aish.com\/48892657\/\">https:\/\/aish.com\/48892657\/<\/a><\/p>\n<p>iii <a href=\"https:\/\/icahd.org\/2019\/05\/23\/the-palestinians-warehousing-a-surplus-people\/\">https:\/\/icahd.org\/2019\/05\/23\/the-palestinians-warehousing-a-surplus-people\/<\/a><\/p>\n<p>iv Download des gesamten Buchs, das auch andere wichtige Beitr\u00e4ge enth\u00e4lt: <a href=\"https:\/\/www.neuerispverlag.de\/lipro.php?bereich=kolo\">https:\/\/www.neuerispverlag.de\/lipro.php?bereich=kolo<\/a><\/p>\n<p>v <a href=\"https:\/\/edition-nautilus.de\/programm\/sperrzonen\/\">https:\/\/edition-nautilus.de\/programm\/sperrzonen\/<\/a><\/p>\n<p><em>#Titelbild: Zerst\u00f6rung im Gaza Streifen, Oktober 2023.Foto: <\/em><a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Damage_in_Gaza_Strip_during_the_October_2023_-_29.jpg\"><em>Palestinian News &amp; Information Agency (Wafa) in contract with APAimages<\/em><\/a> <a href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/3.0\/deed.de\"><em>(CC-BY-SA 3.0 unported &#8211; cropped)<\/em><\/a><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch\/politik\/ausland\/ein-gigantischer-rachefeldzug-vergesst-sie-vergesst-alles-8102.html\"><em>untergrund-bl\u00e4ttle.ch&#8230;<\/em><\/a><em> vom 11. Dezember 2023 <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine fl\u00e4chendeckende national-identit\u00e4re Ideologie hindert die meisten Deutschen, wenn es um Israel-Pal\u00e4stina geht, selbst\u00e4ndig zu denken, d.h. \u00fcberhaupt zu denken. 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