{"id":1404,"date":"2016-08-07T12:31:20","date_gmt":"2016-08-07T10:31:20","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=1404"},"modified":"2016-08-07T12:31:20","modified_gmt":"2016-08-07T10:31:20","slug":"hiroshima-schlaf-der-moral","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=1404","title":{"rendered":"Hiroshima: Schlaf der Moral"},"content":{"rendered":"<p><strong>Dieser Tage j<\/strong><strong>\u00e4<\/strong><strong>hren sich die US-amerikanischen Atombombenabw<\/strong><strong>\u00fc<\/strong><strong>rfe auf Hiroshima und Nagasaki. Am 6. bzw. 9. August 1945 wurden die beiden japanischen St<\/strong><strong>\u00e4<\/strong><strong>dte dem Erdboden gleich gemacht, Zehntausende Menschen starben. <\/strong><!--more--><\/p>\n<p><strong>Es waren die beiden ersten und bislang einzigen Eins<\/strong><strong>\u00e4<\/strong><strong>tze von Atomwaffen in einem Krieg. Die US-Journalistin Diana Johnstone erinnert mit einem Beitrag an diese schreckliche Premiere, deren Folgen bis in die Gegenwart reichen.<\/strong> <strong>Im Fr<\/strong><strong>\u00fc<\/strong><strong>hjahr erschien ihr Buch <\/strong><strong>\u00bb<\/strong><strong>Die Chaos-K<\/strong><strong>\u00f6<\/strong><strong>nigin. Hillary Clinton und die Au<\/strong><strong>\u00df<\/strong><strong>enpolitik der einzigen Supermacht<\/strong><strong>\u00ab<\/strong><strong> im Frankfurter Westend-Verlag. Die Originalversion des folgendenTextes erscheint auf der Website <em>counterpunch.org<\/em>. <\/strong><\/p>\n<p><em>Diana Johnstone<\/em>. Bei seinem Besuch in Hiroshima im vergangenen Mai hat sich Obama nicht, wie manche vergeblich hofften, f\u00fcr den Abwurf der Atombombe am 6. August 1945 entschuldigt. Statt dessen hielt er eine hochtrabende Rede gegen den Krieg. Dies tat er, w\u00e4hrend er zur selben Zeit Drohnenkriege gegen wehrlose Feinde in fernen L\u00e4ndern f\u00fchrte und die Aufstockung des Haushalts f\u00fcr das US-Atomwaffenarsenal um eine Billion Dollar bewilligte.<\/p>\n<p>Dabei w\u00e4re eine Entschuldigung ebenso nutzlos gewesen wie seine Rede. Leere Worte \u00e4ndern gar nichts. Aber eine Sache h\u00e4tte es gegeben, die Obama h\u00e4tte sagen k\u00f6nnen, die tats\u00e4chlich Wirkung gezeigt h\u00e4tte: Er h\u00e4tte die Wahrheit sagen k\u00f6nnen. Er h\u00e4tte sagen k\u00f6nnen: \u00bbDie Atombomben wurden nicht auf Hiroshima und Nagasaki geworfen, \u203aum durch die Beendigung des Krieges Leben zu retten\u2039. Das war eine offizielle L\u00fcge. Die Bomben wurden abgeworfen, um zu testen, wie sie funktionieren, und um der Welt zu zeigen, dass die USA unbegrenzte Zerst\u00f6rungskraft besitzen.\u00ab<\/p>\n<p>Es gab keine Chance, dass Obama dies sagen w\u00fcrde. Offiziell hie\u00df es, die Bomben \u00bbretteten Leben\u00ab, und daher war es das wert. So wie wir die vietnamesischen D\u00f6rfer zerst\u00f6rten, um sie zu retten, so wie die unz\u00e4hligen irakischen Kinder, die in Folge der US-Sanktionen starben, bleiben auch Hunderttausende Gemarterter in zwei japanischen St\u00e4dten auf dem Schuldenkonto der USA bei der Menschheit\u00a0\u2013 unbezahlt und unbestraft.<\/p>\n<p>Die Zerst\u00f6rung von Hiroshima und Nagasaki war eine politische, keine milit\u00e4rische Entscheidung. Weder die Ziele waren milit\u00e4risch, noch waren es die Folgen. Die Angriffe wurden entgegen den W\u00fcnschen aller wichtigen Milit\u00e4rf\u00fchrer durchgef\u00fchrt. Admiral William Leahy, der Vorsitzende der Vereinigten Stabschefs, schrieb in seinen Memoiren, dass \u00bbder Einsatz dieser barbarischen Waffe in Hiroshima und Nagasaki in unserem Krieg gegen Japan keine wesentliche Hilfe war. Die Japaner waren schon geschlagen und bereit f\u00fcr die Kapitulation.\u00ab General Eisenhower, General MacArthur und sogar General Hap Arnold, der Kommandeur der US-Luftwaffe, waren dagegen. Japan war schon von Feuerbomben verw\u00fcstet, durch die US-Seeblockade gab es eine Massenhungersnot, durch die Kapitulation ihres deutschen Verb\u00fcndeten waren die Japaner demoralisiert, und sie hatten Angst vor einem drohenden russischen Angriff. In Wirklichkeit war der Krieg vorbei. Alle obersten US-F\u00fchrer wussten, dass Japan geschlagen war und eine Kapitulation anstrebte.<\/p>\n<p>Der Einsatz der Atombombe war eine rein politische Entscheidung, die von zwei Politikern fast allein getroffen wurde: vom Poker spielenden neuen Pr\u00e4sidenten und seinem Mentor, US-Au\u00dfenminister James F. Byrnes.<a href=\"http:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-admin\/post-new.php#_edn1\" name=\"_ednref1\">[i]<\/a><\/p>\n<p><strong>Allmachtstr<\/strong><strong>\u00e4<\/strong><strong>ume<\/strong><\/p>\n<p>Pr\u00e4sident Harry S. Truman traf sich gerade mit Churchill und Stalin am Berliner Stadtrand in Potsdam, als die geheimen Nachrichten eintrafen, dass der Atombombentest in New Mexico ein Erfolg war. Beobachter erinnern sich, dass Truman \u00bbwie ausgewechselt\u00ab war, voller Euphorie \u00fcber so einen Machtbesitz. W\u00e4hrend M\u00e4nner mit ein wenig mehr Gewissen vor den Auswirkungen dieser zerst\u00f6rerischen Kraft erschauderten, war es f\u00fcr Truman und seinen \u00bbintriganten\u00ab Au\u00dfenminister James Byrnes die Botschaft: \u00bbAb jetzt k\u00f6nnen wir uns alles erlauben.\u00ab<\/p>\n<p>Auf dieser Annahme beruhte ihr ganzes weiteres Vorgehen, vor allem in ihren Beziehungen zu Moskau. Als Antwort auf monatelanges Dr\u00e4ngen der USA versprach Stalin in Potsdam, drei Monate nach dem Sieg \u00fcber Nazideutschland, in den asiatischen Krieg einzutreten. Es war wohlbekannt, dass die japanischen Besatzungskr\u00e4fte in China und in der Mandschurei der Roten Armee nicht standhalten w\u00fcrden. Au\u00dferdem war klar, dass zwei Dinge zur sofortigen Kapitulation Japans f\u00fchren w\u00fcrden: wenn Moskau ebenfalls Tokio den Krieg erkl\u00e4rte und die USA gleichzeitig zusicherten, dass die Mitglieder der k\u00f6niglichen Familie nicht als Kriegsverbrecher behandelt w\u00fcrden. Beides geschah in den Tagen direkt nach den Bombenabw\u00fcrfen auf Hiroshima und Nagasaki.<\/p>\n<p>Aber alles wurde von der Atombombe \u00fcberschattet. Und das war so beabsichtigt. Auf diese Weise wurden die US-Atombomben als Ursache f\u00fcr die Beendigung des Krieges gesehen. Aber das ist noch nicht alles.<\/p>\n<p>Der stolz vorgezeigte Besitz einer solchen Waffe gab Truman und Byrnes ein derartiges Machtgef\u00fchl, dass sie fr\u00fchere Versprechen gegen\u00fcber den Russen revidierten und versuchten, Moskau in Europa herumzukommandieren. So gesehen, ermordeten die Bomben auf Hiroshima und Nagasaki nicht nur grundlos Hunderttausende Zivilisten. Sie er\u00f6ffneten auch den Kalten Krieg.<\/p>\n<p>Eine wichtige Beobachtung \u00fcber die Auswirkungen der Atombombe wird General Dwight D. Eisenhower zugeschrieben. Wie sein Sohn erz\u00e4hlte, war er sehr niedergeschlagen, als er vom Last-Minute-Plan des Bombeneinsatzes erfuhr. Kurz nach Hiroshima soll Eisenhower im privaten Kreis gesagt haben:<\/p>\n<p>\u00bbBevor die Bombe eingesetzt wurde, h\u00e4tte ich gesagt, ja, ich sei mir sicher, wir k\u00f6nnten den Frieden mit Russland halten. Jetzt wei\u00df ich es nicht mehr. Bis jetzt h\u00e4tte ich gesagt, wir drei, Gro\u00dfbritannien mit seiner m\u00e4chtigen Flotte, Amerika mit seiner st\u00e4rksten Luftwaffe und Russland mit den st\u00e4rksten Landkr\u00e4ften auf dem Kontinent, wir drei h\u00e4tten den Weltfrieden f\u00fcr eine sehr, sehr lange Zeit garantieren k\u00f6nnen. Aber jetzt bin ich mir da nicht mehr sicher. Die Menschen sind \u00fcberall ver\u00e4ngstigt und verst\u00f6rt. Alle f\u00fchlen sich wieder unsicher.\u00ab<a href=\"http:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-admin\/post-new.php#_edn2\" name=\"_ednref2\">[ii]<\/a><\/p>\n<p>Als oberster Kommandeur der Alliierten in Europa hatte Eisenhower gelernt, dass es m\u00f6glich war, mit den Russen zusammenzuarbeiten. Die jeweiligen wirtschaftlichen und politischen Systeme der USA und der UdSSR waren v\u00f6llig verschieden, aber auf der Weltb\u00fchne konnten sie kooperieren. Ihre Differenzen als Alliierte beruhten zumeist auf Misstrauen, das aber durchaus zu \u00fcberwinden war.<\/p>\n<p>Die siegreiche Sowjetunion war durch den Krieg verw\u00fcstet: St\u00e4dte lagen in Ruinen, es gab ungef\u00e4hr 27 Millionen Tote. Die Russen wollten Hilfe beim Wiederaufbau. Unter Roosevelt war zuvor vereinbart worden, dass die Sowjetunion Reparationszahlungen von Deutschland erhalten w\u00fcrde und dazu noch Kredite von den USA.<\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich stand das nicht mehr auf der Agenda. Als die Nachrichten vom erfolgreichen Atombombentest in New Mexico eintrafen, erkl\u00e4rte Truman: \u00bbDas wird den Russen zeigen, wo ihr Platz ist.\u00ab Weil sie sich pl\u00f6tzlich allm\u00e4chtig f\u00fchlten, entschieden Truman und Byrnes, hart mit den Russen umzugehen.<\/p>\n<p>Stalin wurde mitgeteilt, dass Russland Reparationsleistungen nur aus dem gr\u00f6\u00dftenteils agrarwirtschaftlichen \u00f6stlichen Teil Deutschlands nehmen d\u00fcrfe, der unter Besatzung der Roten Armee war. Dies war der erste Schritt zur Teilung Deutschlands, der Moskau sich eigentlich widersetzte.<\/p>\n<p>Da einige der osteurop\u00e4ischen L\u00e4nder mit Nazideutschland verb\u00fcndet gewesen waren und es dort viele antirussische Elemente gab, war Stalins einzige Bedingung f\u00fcr diese L\u00e4nder (zu der Zeit unter Besatzung der Roten Armee), dass ihre Regierungen sich gegen\u00fcber der UdSSR nicht aktiv feindlich verhielten. Aus diesem Grund bevorzugte Moskau die Formulierung \u00bbVolksdemokratien\u00ab. Damit waren Koalitionen gemeint, die extrem rechte Parteien ausschlossen.<\/p>\n<p><strong>Moskau h<\/strong><strong>\u00e4<\/strong><strong>lt stand<\/strong><\/p>\n<p>In ihrem Allmachtsgef\u00fchl versch\u00e4rften die Vereinigten Staaten ihre Forderungen nach \u00bbfreien Wahlen\u00ab. Sie hofften, damit antikommunistische Regierungen installieren zu k\u00f6nnen. Das ging nach hinten los. Anstatt angesichts der atomaren Bedrohung bedingungslos nachzugeben, beharrte die Sowjetunion auf ihrem Standpunkt. Um nicht die politische Kontrolle \u00fcber Osteuropa zu verlieren, richtete Moskau von kommunistischen Parteien gef\u00fchrte Regierungen ein und beschleunigte sein eigenes Atombombenprogramm. Das nukleare Wettr\u00fcsten hatte begonnen.<\/p>\n<p>John J. McCloy, der von seinem Biographen Kai Bird als der informelle \u00bbVorsitzende des US-Establishments\u00ab beschrieben wurde, erkl\u00e4rte dem US-Kriegsminister Henry Stimson damals: \u00bbIch habe immer die Position bezogen, wir sollten alles auf einmal haben wollen. Wir sollten die Freiheit haben, nach diesem regionalen Arrangement in S\u00fcdamerika vorzugehen, aber gleichzeitig auch jederzeit in Europa intervenieren k\u00f6nnen. Wir sollten beides keinesfalls aufgeben.\u00ab<a href=\"http:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-admin\/post-new.php#_edn3\" name=\"_ednref3\">[iii]<\/a> Stimson antwortete: \u00bbDem stimme ich absolut zu.\u00ab<\/p>\n<p>Kurz, die Vereinigten Staaten sollten ihren durch die Monroe-Doktrin beanspruchten Einflussbereich in der westlichen Hemisph\u00e4re beibehalten, w\u00e4hrend sie Russland seiner Pufferzone beraubten.<\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen hier eine scharfe Unterscheidung zwischen Innen- und Au\u00dfenpolitik treffen. Das innere Regime der Sowjetunion mag durchaus so schlimm gewesen sein, wie es allenthalben gezeichnet wurde, aber im Bereich der Au\u00dfenpolitik hielt sich Stalin pedantisch genau an die Abkommen, die er mit den westlichen Verb\u00fcndeten getroffen hatte. So lie\u00df er zum Beispiel die griechischen Kommunisten im Stich, als sie nach dem Krieg von England und den USA im Lauf des griechischen B\u00fcrgerkriegs dezimiert wurden. Es waren die USA, die die in Jalta getroffenen Vereinbarungen revidierten, die zu diesem Zweck als Ausverkauf an die \u00bbkommunistische Aggression\u00ab stigmatisiert wurden. Stalin hatte absolut nicht den Wunsch, kommunistische Revolutionen in Westeuropa zu f\u00f6rdern, und schon gar nicht wollte er in diese L\u00e4nder einmarschieren. Tats\u00e4chlich war seine Weigerung, die Weltrevolution zu unterst\u00fctzen, die Basis der Kampagne der Trotzkisten gegen den \u00bbStalinismus\u00ab. Nebenbei bemerkt, befanden sich darunter auch solche, deren Ergebenheit gegen\u00fcber der Weltrevolution inzwischen der Werbung f\u00fcr zum Zwecke des \u00bbRegime-Wandels\u00ab angezettelte US-Kriege gewichen ist.<\/p>\n<p>Es gibt im Westen eine Doktrin, die behauptet, Diktaturen w\u00fcrden Kriege anzetteln, w\u00e4hrend Demokratien friedlich seien. Daf\u00fcr gibt es keinerlei Beweis. Diktaturen\u00a0\u2013 man denke etwa an Spanien unter Franco\u00a0\u2013 k\u00f6nnen konservativ und nach innen gerichtet sein. Die bedeutendsten imperialistischen M\u00e4chte, Gro\u00dfbritannien und Frankreich, waren Demokratien. Die demokratischen USA sind alles andere als friedlich.<\/p>\n<p><strong>Wiederkehr der Hybris<\/strong><\/p>\n<p>Nachdem die Sowjetunion ihr eigenes Atomwaffenarsenal entwickelt hatte, konnten die Vereinigten Staaten nicht mehr wirksam in Osteuropa intervenieren und mussten sich an weniger gewichtigen Feinden schadlos halten. Sie st\u00fcrzten die Staatsf\u00fchrungen des Iran und Guatemalas und fuhren sich im Vietnamkrieg fest, all das aufgrund der Theorie, die betreffenden Regierungen seien Statthalter des sowjetischen kommunistischen Feindes. Aber jetzt, wo die Sowjetunion zusammengebrochen ist und Russland seine Pufferzone in Osteuropa aufgegeben hat, scheint es ein erneutes Aufwallen der Zuversicht zu geben, von der einst Truman ergriffen war: die Euphorie der grenzenlosen Macht. Warum sonst sollte das Pentagon ein billionenschweres Programm zur Erneuerung des US-Nuklearwaffenarsenals auflegen, w\u00e4hrend es zugleich Truppen und aggressive Waffensysteme so nah wie m\u00f6glich an der russischen Grenze stationiert?<\/p>\n<p>In seinem 1974 erschienenen Buch \u00fcber seine Beziehungen zu seinem Bruder Dwight, \u00bbThe President Is Calling\u00ab, schrieb Milton Eisenhower: \u00bbUnser Einsatz dieser neuen Waffe in Hiroshima und Nagasaki war eine Provokation erster Ordnung gegen\u00fcber anderen L\u00e4ndern, vor allem der Sowjetunion.\u00ab Und er f\u00fcgte hinzu: \u00bbAuf jeden Fall wird das, was in Hiroshima und Nagasaki geschah, f\u00fcr immer auf dem Gewissen des amerikanischen Volkes lasten.\u00ab<\/p>\n<p>Leider spricht bisher alles gegen diese These. Besorgte Kritiker sind an den Rand gedr\u00e4ngt worden. Die systematischen offiziellen L\u00fcgen \u00fcber die \u00bbNotwendigkeit, amerikanische Leben zu retten\u00ab, haben f\u00fcr ein vollkommen reines amerikanisches Kollektivgewissen gesorgt. Gleichzeitig hat die Macht \u00fcber die Bombe bei den F\u00fchrern des Landes ein nachhaltiges Gef\u00fchl von selbstgerechtem \u00bbExzeptionalismus\u00ab erzeugt. Wir Amerikaner allein d\u00fcrfen Dinge tun, die andern nicht erlaubt sind, weil wir \u00bbfrei\u00ab und \u00bbdemokratisch\u00ab sind und sie\u00a0\u2013 falls wir es so entscheiden\u00a0\u2013 das nicht sind. Da andere L\u00e4nder keine \u00bbDemokratien\u00ab sind, d\u00fcrfen wir sie zerst\u00f6ren, um sie zu befreien. Oder einfach nur zerst\u00f6ren. Das ist die Quintessenz des \u00bbExzeptionalismus\u00ab, der in Washington das \u00bbGewissen des amerikanischen Volkes\u00ab ersetzt, das von Hiroshima nicht erregt, sondern erstickt wurde.<\/p>\n<p>Zu Gast in Hiroshima, erkl\u00e4rte Obama salbungsvoll: \u00bbDie Kriege des modernen Zeitalters lehren uns diese Wahrheit. Hiroshima lehrt uns diese Wahrheit. Technologischer Fortschritt ohne entsprechenden Fortschritt in den menschlichen Institutionen kann uns zum Untergang verdammen. Die wissenschaftliche Revolution, die zur Spaltung des Atoms f\u00fchrte, erfordert von uns auch eine moralische Revolution.\u00ab Das stimmt nat\u00fcrlich, aber eine solche Revolution hat nicht stattgefunden.<\/p>\n<p>\u00bbDie Erinnerung an jenen Morgen des 6. August 1945 darf nie verblassen. Diese Erinnerung erlaubt uns, gegen Selbstzufriedenheit zu k\u00e4mpfen. Sie befl\u00fcgelt unsere moralische Vorstellungskraft. Sie erlaubt uns, uns zu ver\u00e4ndern.\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbVer\u00e4nderung\u00ab ist eine Spezialit\u00e4t Obamas. Aber er hat nichts getan, um unsere Nuklearwaffenpolitik zu ver\u00e4ndern, au\u00dfer sie noch aggressiver zu machen. Es gibt kein Anzeichen \u00bbmoralischer Vorstellungskraft\u00ab, die die Zerst\u00f6rung, zu der diese Politik uns fr\u00fcher oder sp\u00e4ter f\u00fchrt, ins Auge fasst. Keine sch\u00f6pferischen Ideen, wie man eine nukleare Abr\u00fcstung erreichen k\u00f6nnte. Sondern nur Versprechen, die \u00bbB\u00f6sen\u00ab daran zu hindern, sich Atomwaffen zu beschaffen. Sie geh\u00f6ren uns allein.<\/p>\n<p>\u00bbUnd seit diesem schicksalhaften Tag\u00ab, fuhr Obama fort, \u00bbhaben wir Entscheidungen getroffen, die uns Hoffnung geben. Die Vereinigten Staaten und Japan haben nicht nur ein B\u00fcndnis geschmiedet, sondern eine Freundschaft, die unserem Volk viel mehr gegeben hat, als wir durch Krieg h\u00e4tten gewinnen k\u00f6nnen.\u00ab<\/p>\n<p>Dieser Satz ist unheimlich. In Wirklichkeit war gerade Krieg das Mittel, durch das die USA dieses B\u00fcndnis und diese Freundschaft geschmiedet haben\u00a0\u2013 und die Vereinigten Staaten versuchen jetzt, diese Beziehung zu ihrem \u00bbasiatischen Angelpunkt\u00ab zu militarisieren. Der Satz bedeutet, dass die USA zwei Gro\u00dfst\u00e4dte eines Landes mit Atomwaffen ausradieren k\u00f6nnen und danach \u00bbnicht nur ein B\u00fcndnis, sondern eine Freundschaft\u00ab mit diesem Land haben. Warum an diesem Punkt aufh\u00f6ren? Warum sollten wir nicht auf dieselbe Art neue \u00bbFreunde\u00ab gewinnen, zum Beispiel im Iran, einem Land, von dem Hillary Clinton gesagt hat, sie sei bereit, es \u00bbauszul\u00f6schen\u00ab, wenn die Umst\u00e4nde es erforderten?<\/p>\n<p>\u00bbDas ist eine Zukunft, die wir w\u00e4hlen k\u00f6nnen\u00ab, sagte Obama, \u00bbeine Zukunft, in der Hiroshima und Nagasaki nicht als der Anfang der Atomkriegsf\u00fchrung, sondern als Beginn unseres moralischen Erwachens bekannt sind.\u00ab<\/p>\n<p>Aber bisher sind Hiroshima und Nagasaki weit davon entfernt, den \u00bbBeginn unseres moralischen Erwachens\u00ab zu markieren. Ganz im Gegenteil. Die Illusion, im Besitz grenzenloser Macht zu sein, hat jede Notwendigkeit kritischer Selbst\u00fcberpr\u00fcfung beseitigt, jede Notwendigkeit, einen wirklichen Versuch zu machen, andere zu verstehen, die nicht wie wir sind und nicht wie wir sein wollen, aber mit denen wir uns den Planeten friedlich teilen k\u00f6nnten, wenn wir sie in Ruhe lie\u00dfen.<\/p>\n<p>Da wir allm\u00e4chtig sind, sind wir eine Macht f\u00fcr alle Ewigkeit. Tats\u00e4chlich sind wir beides nicht. Aber wir scheinen unf\u00e4hig, die Grenzen unseres \u00bbExzeptionalismus\u00ab zu erkennen.<\/p>\n<p>Die Bomben von Hiroshima und Nagasaki haben die Vereinigten Staaten in einen moralischen Schlaf versetzt, aus dem sie immer noch aufwachen m\u00fcssen.<\/p>\n<p><em>\u00dc<\/em><em>bersetzung: Regina Schwarz und Michael Schiffmann<\/em><\/p>\n<p>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.jungewelt.de\/2016\/08-06\/012.php\">Junge Welt<\/a>\u00a0 vom 6. August 2016<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-admin\/post-new.php#_ednref1\" name=\"_edn1\">[i]<\/a> Das alles ist Experten bekannt. Gar Alperovitz legt in den 870 Seiten seines 1995 erschienenen Buches \u00bbThe Decision to Use the Atom Bomb\u00ab alle Dokumente und Beweise hierf\u00fcr vor. Dennoch \u00fcberdauern die offiziellen L\u00fcgen ihre l\u00e4ngst bewiesene Widerlegung.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-admin\/post-new.php#_ednref2\" name=\"_edn2\">[ii]<\/a> a. a. O., S. 352f<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-admin\/post-new.php#_ednref3\" name=\"_edn3\">[iii]<\/a> a. a. O., S. 254<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dieser Tage j\u00e4hren sich die US-amerikanischen Atombombenabw\u00fcrfe auf Hiroshima und Nagasaki. Am 6. bzw. 9. 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