{"id":14074,"date":"2023-12-27T10:16:42","date_gmt":"2023-12-27T08:16:42","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=14074"},"modified":"2023-12-27T10:16:44","modified_gmt":"2023-12-27T08:16:44","slug":"der-krieg-und-die-linken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=14074","title":{"rendered":"<strong>Der Krieg und die Linken<\/strong>"},"content":{"rendered":"<p><em>Peter Wahl. <\/em><strong>Der Krieg in der Ukraine hat die gesellschaftliche Linke tief gespalten. Inzwischen hat der neue Krieg im Nahen Osten weitere Bruchlinien hervorgerufen, z.T. quer zu jenen beim Ukraine-Krieg. Das trifft die Linke in einer Situation, in der sie ohnehin schon in der Krise steckt. Der Niedergang und die Spaltung der Partei DIE LINKE sind nur die Spitze des Eisbergs. Vieles davon<\/strong><!--more--> <strong>findet sich auch in der au\u00dferparlamentarischen Linken.<\/strong><\/p>\n<p>Dass Krieg die Linke spaltet ist allerdings nicht neu. Das erste gro\u00dfe Trauma kam mit dem Ersten Weltkrieg \u2013 mit welthistorischen Folgen: der Spaltung der Linken in eine sozialdemokratische und eine kommunistische Str\u00f6mung.<\/p>\n<p>Der Sieg der Oktoberrevolution brachte dann die Staatswerdung der kommunistischen Bewegung in Form der Sowjetunion \u2013 und damit einen neuen Typus von Akteur, n\u00e4mlich eine Staatsmacht mit progressivem oder explizit linkem Anspruch. Damit kam aber auch ein neuer Typus von Problemen und spezifischen Widerspr\u00fcchen in die Welt. Denn ein Staat ist kategorial etwas anderes als eine Partei oder soziale Bewegung. Kombiniert mit linkem Anspruch kommt etwas heraus, das sich nicht einfach in die traditionellen Kategorien von Internationalismus, Antimilitarismus und linker Friedenspolitik passt. Mit diesem Problem schl\u00e4gt sich die Linke bei zwischenstaatlichen Kriegen seither herum, vom sog. Hitler-Stalin-Pakt bis zu den Kriegen zwischen Vietnam und Kambodscha 1978\/79 oder den sowjetischen Afghanistan Krieg in den 1980ern.<\/p>\n<p>Die mehr oder minder intensive Parteinahme von Teilen der Linken mit einem Staat f\u00fchrt regelm\u00e4\u00dfig in Dilemmata. So wenn das urspr\u00fcnglich nationalistische <em>\u00bbRight or Wrong my Country\u00ab<\/em> zu <em>\u00bbRight or Wrong my Sowjetunion<\/em>, <em>my DDR<\/em>, <em>my Nicaragua\u00ab <\/em>wird \u00a0\u2013 und bei einigen inzwischen auch zu <em>\u00bbmy Ukraine\u00ab<\/em> und \u00bb<em>my Israel<\/em>\u00ab. Dem Objekt der Identifikation wird eine besondere Legitimit\u00e4t verliehen \u2013 heute zwar nicht mehr als links, aber zumindest als Opfer, wenn nicht sogar als moralisch \u00fcberlegen im Kampf gegen das B\u00f6se, von dem geglaubt wird, es sei in Schurken(staaten) verk\u00f6rpert.<\/p>\n<p>Die Umbr\u00fcche im internationalen System \u2013 Stichwort: Herausbildung einer multipolaren Weltordnung und Ende der 500-j\u00e4hrigen Epoche der Dominanz Europas und seines nordamerikanischen Ablegers \u00fcber den \u201eRest der Welt\u201c \u2013 erfordern eine Erneuerung linker Au\u00dfenpolitik auf der H\u00f6he des 21. Jahrhunderts.<\/p>\n<p>Notwendig daf\u00fcr ist zun\u00e4chst, sich mit dem intellektuellen und affektiven \u00bb<em>Betriebssystem<\/em>\u00ab auseinanderzusetzen, das viele Linke angesichts des Ukraine-Krieges, des Kalten Kriegs 2.0. und des neuen Nahostkriegs antreibt. Wichtige Komponenten dieses <em>Betriebssystems<\/em> sind:<\/p>\n<ul>\n<li>das Fremdeln gegen\u00fcber der machtpolitischen Struktur und Dynamik des Internationalen Systems, also das, was unter den Begriff \u00bbGeopolitik\u00ab f\u00e4llt,<\/li>\n<li>das weitgehende Fehlen einer eigenst\u00e4ndigen Analyse der Eskalationsgeschichte der Konflikte. Die Mehrheit der Linken befassen sich erst seit dem 24. Februar 2022 mit der Ukraine, rsp. dem 7. Oktober 2023 mit dem Nahostkonflikt,<\/li>\n<li>ein \u00dcberschuss an affektgesteuertem, emotionalem und moralbasiertem Umgang mit Krieg,<\/li>\n<li>viel Unkenntnis der inneren Verh\u00e4ltnisse der Ukraine und Russlands, rsp. Israels und der pal\u00e4stinensischen Gebiete, was zur Abh\u00e4ngigkeit von den staatstragenden Medien und interessengeleiteter Experten aus dem Mainstream f\u00fchrt.<\/li>\n<\/ul>\n<p><strong>Die Linken und die Geopolitik<\/strong><\/p>\n<p>Dass die Linke ein distanziertes Verh\u00e4ltnis zu Geopolitik hat, ist insoweit verst\u00e4ndlich, als der Begriff urspr\u00fcnglich aus einer veralteten Theorie der internationalen Beziehung des 19. Jahrhunderts stammt, die das au\u00dfenpolitische Verhalten eines Landes aus seiner geografischen Lage ableitete. Demnach w\u00fcrde z.B. aus der Insellage Englands die Notwendigkeit einer Kriegsflotte folgen. Solche Konstruktionen dienten als Rechtfertigung f\u00fcr imperialistische Au\u00dfenpolitik. Bei den Nazis fand die Theorie Anwendung im Mythos vom \u00bbVolk ohne Raum\u00ab.<a href=\"https:\/\/overton-magazin.de\/top-story\/der-krieg-und-die-linken\/#_ftn1\">[1]<\/a><\/p>\n<p>Heute ist mit dem Begriff <em>Geopolitik<\/em> die Struktur und Dynamik des internationalen Systems in machtpolitischer Perspektive gemeint. Der n\u00fcchterne Umgang mit Machtpolitik und den Ungeheuerlichkeiten von Milit\u00e4rischem und Krieg befremdet allerdings viele, die mit hei\u00dfem Herzen deren \u00dcberwindung wollen. Aber die Trennung von sachlicher Analyse der bestehenden Verh\u00e4ltnisse der Weltordnung einerseits, und der normativen Orientierung zu deren Ver\u00e4nderung andererseits ist eine notwendige \u2013 wenn auch nicht hinreichende -Bedingung erfolgreicher linker Au\u00dfenpolitik.<\/p>\n<p>Wenn die Ausblendung des geopolitischen Kontextes des Krieges beim offiziellen Bellizismus folgerichtig ist \u2013 alles andere w\u00fcrde die Moral an der Heimatfront untergraben \u2013 so ist es eine intellektuelle Bankrotterkl\u00e4rung, wenn Linke das tun. Es ist so, als ob man \u00fcber den <em>Ersten Weltkrieg<\/em> sprechen und \u00fcber die imperialistischen Rivalit\u00e4ten jener Zeit schweigen w\u00fcrde. Die Genese und der geopolitische Kontext der Konflikte werden ausgeblendet, die Sicht auf den Krieg schrumpft zum singul\u00e4ren One-Off Event: den 24. Februar 2022 und f\u00fcr den Nahen Osten der 7. Oktober 2023. Auch wenn es sich bei beidem um einen qualitativen Sprung in der Eskalationsdynamik handelt, bleibt auch danach die Geschichte nicht stehen. In der Ukraine wandelt sich der Krieg durch den massiven Einstieg des Westens vom regionalen zum internationalen Stellvertreterkrieg. Und die israelische Reaktion auf das Massaker der Hamas wird zum Rachefeldzug, der vor allem pal\u00e4stinensische Zivilisten trifft. Der Krieg ist nicht mehr der gleiche, der er am Anfang war.<\/p>\n<p><strong>Affekte, Moral und Kriegsschuld<\/strong><\/p>\n<p>Das Problem der bellizistischen Linken sind aber nicht nur ihre analytischen Defizite, sondern die Reduktion der Komplexit\u00e4t von Konflikt und Krieg auf Affekte und Moral \u2013 sei es, dass es zu mehr bei ihnen selbst nicht reicht, sei es, dass sie Emotionen und Moral skrupellos instrumentalisieren.<\/p>\n<p>Sicher, milit\u00e4rische Gewaltanwendung ist eine extreme Grenz\u00fcberschreitung. Es ist daher v\u00f6llig normal und verst\u00e4ndlich, dass sie heftigste Affekte hervorruft, darunter nicht nur Mitgef\u00fchl mit den Opfern, sondern auch gesteigerte Aggressionsbereitschaft, Kriegsbegeisterung, Hass und Rachegef\u00fchle. Das ist menschlich verst\u00e4ndlich und gilt auch f\u00fcr Linke. Selbst jemand, der sich wie kein Zweiter mit der Psyche des Homo Sapiens auskannte, Sigmund Freud, schrieb zu Beginn des Krieges 1914: \u00bb<em>Meine ganze Libido geh\u00f6rt \u00d6sterreich Ungarn<\/em>\u00bb.<a href=\"https:\/\/overton-magazin.de\/top-story\/der-krieg-und-die-linken\/#_ftn2\">[2]<\/a><\/p>\n<p>Aber linke Friedenspolitik kann nicht auf Wut und Emp\u00f6rung gr\u00fcnden. Hass und Rache rufen wiederum Hass und Rache hervor und schaukeln sich so wechselseitig immer h\u00f6her. Und Hass macht blind. Das gefl\u00fcgelte Wort aus Schillers Wallenstein <em>\u00bbDer Krieg ern\u00e4hrt den Krieg\u00ab<\/em> gilt gerade auch f\u00fcr seine emotionale Seite. Hinzu kommt, dass all diese Emotionen von kriegstreiberischen Interessen und Profiteuren des Militarismus skrupellos benutzt werden \u2013 meist schon vor dem Krieg, wenn Feindbilder \u00fcber Jahre hinweg aufgebaut werden und der Gegner entmenschlicht und d\u00e4monisiert wird.<\/p>\n<p>Demgegen\u00fcber kommt es darauf an, dass ein n\u00fcchterner, rationaler, analytischer Umgang mit Krieg nicht von \u00fcbersch\u00e4umenden Affekten erstickt wird. Schon Gramsci hat sich mit dem Problem besch\u00e4ftigt. F\u00fcr ihn ist es generell Aufgabe linker Politik, vom \u00bb<em>Fu\u0308hlen zum Verstehen, zum Wissen<\/em>\u00ab zu gelangen, um handlungsf\u00e4hig zu werden.<a href=\"https:\/\/overton-magazin.de\/top-story\/der-krieg-und-die-linken\/#_ftn3\">[3]<\/a> Unter den Bedingungen der Vernichtungskraft moderner Milit\u00e4rtechnik und der atomaren Bedrohung hat diese Maxime eine neue Qualit\u00e4t gewonnen. Krieg und Frieden sind eine zu ernste Sache, als dass sie Affekten und der Absolutheit von Moral \u00fcberlassen werden d\u00fcrften.<\/p>\n<p>Um Missverst\u00e4ndnissen vorzubeugen: Es geht hier nicht darum, Moral prinzipiell in Frage zu stellen. Als normative Orientierung, als Kompass f\u00fcr die Richtung, in die politische Praxis entwickelt wird, ist sie nicht nur legitim, sondern unabdingbar. Insofern ist Moral eine notwendige, wenn auch keine hinreichende Bedingung, um die Welt zu verstehen und zu gestalten. In unserem Kontext ist z.B. das Friedensgebot der UN-Charta eine solche Norm, sowie die Verpflichtung, wenn es dennoch zum Krieg gekommen ist, diesen so schnell wie m\u00f6glich durch \u00bb<em>friedliche Beilegung des Konfliktes zwischen der Russischen Fo\u0308deration und der Ukraine durch politischen Dialog, Verhandlungen, Vermittlung und andere friedliche Mittel<\/em>\u00ab zu beenden, wie es in der Resolution der UNO-Vollversammlung vom M\u00e4rz 2022 hei\u00dft, in der 143 Mitgliedsstaaten den russischen Einmarsch verurteilen.<\/p>\n<p>Auch die Bef\u00fcrworter eines Verhandlungsfriedens argumentieren moralisch, wenn sie auf die Opfer des Krieges verweisen. Offenbar haben wir es mit einer Kollision verschiedener moralischer Prinzipien zu tun. Solche Widerspr\u00fcche tauchen in entsprechenden Diskussionen h\u00e4ufig auf, und die Morallehre, die Ethik, kennt unz\u00e4hlige Beispiele daf\u00fcr. Es gibt aber nicht die eine und einzige Moral. In den meisten Konflikten stehen Zielkonflikte zwischen unterschiedlichen moralischen Werten, wobei dann aber die eine Seite der anderen gern Unmoral unterstellt.<\/p>\n<p>Der letztlich entscheidende Grund f\u00fcr das Auftreten moralischer Dilemmata liegt in der Struktur moralischen Denkens, das nur mit zwei grundlegenden Parametern arbeitet: gut und b\u00f6se, Wir und die Anderen, richtig und falsch, schwarz und wei\u00df. So primitiv das klingt, einflussreiche Politiker scheuen sich nicht, so zu reden, etwa wenn der ehem. polnische Regierungschefs sagt: \u00bb<em>Europa muss eine Kathedrale des Guten und eine Universit\u00e4t der Wahrheit sein<\/em>\u00ab,<a href=\"https:\/\/overton-magazin.de\/top-story\/der-krieg-und-die-linken\/#_ftn4\">[4]<\/a> und die ehemalige UN-Botschafterin der USA, Nikki Haley, zum Ukraine-Krieg schlicht meint: \u00bb<em>Es geht um den Unterschied zwischen Gut und Bo\u0308se<\/em>.\u00ab<a href=\"https:\/\/overton-magazin.de\/top-story\/der-krieg-und-die-linken\/#_ftn5\">[5]<\/a> Die Realit\u00e4t ist aber komplexer, eher grau in grau und l\u00e4sst sich meist nicht auf ein bipolares Schema reduzieren.<\/p>\n<p>Nur Moral erspart also eine Analyse der strukturellen und historischen Zusammenh\u00e4nge, aus denen heraus Krieg entsteht. Statt um <em>Kriegsursachen<\/em>, deren Verst\u00e4ndnis erst Friedensl\u00f6sungen erm\u00f6glichen w\u00fcrden, dreht sich alles um <em>Kriegsschuld<\/em>. Der Begriff Schuld kommt aus der Sph\u00e4re der Religion \u2013 \u00bb<em>Herr vergib uns unsere Schuld, wie wir vergeben unseren Schuldigern<\/em>\u00ab -, der Moral und des Rechts, wo ein Richter einen Schuldspruch f\u00e4llt, und ein T\u00e4ter bestraft wird. Das Problem ist allerdings, dass es im internationalen System keinen allgemein anerkannten obersten Gerichtshof gibt. Der UN-Sicherheitsrat, dem urspr\u00fcnglich eine solche Funktion zugedacht war, ist blockiert. Deshalb funktioniert die Regelung von Konflikt und Gewalt im internationalen System nicht so wie innerhalb von Gesellschaften, sondern folgt den machtpolitischen Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnissen. Je m\u00e4chtiger ein Spieler ist, umso mehr neigt er im Zweifelsfall zu der alten Sponti-Parole: \u201e<em>Legal, illegal, schei\u00dfegal!\u201c<\/em> Das gilt auch f\u00fcr jene, die so gern die Parole von der wertebasierten Au\u00dfenpolitik auf den Lippen f\u00fchren.<\/p>\n<p>Moral hat noch einen weiteren Vorteil: Sie verleiht ihren Anh\u00e4ngern ein Gef\u00fchl der \u00dcberlegenheit \u2013 die sprichw\u00f6rtliche moralische \u00dcberlegenheit. Wer sich auf Moral beruft, hat das angenehme Gef\u00fchl der Unangreifbarkeit.<\/p>\n<p>Moral hat aber auch einen gro\u00dfen Nachteil: Sie ist unteilbar. Wer selber immer mal wieder andere L\u00e4nder \u00fcberf\u00e4llt, wird unglaubw\u00fcrdig, wenn er das B\u00f6se nur bei anderen sieht. Moral wird Doppelmoral. Das gilt auch f\u00fcr die Ukraine, die 2003 mit 1.600 Soldaten das sechstgr\u00f6\u00dfte Truppenkontingent (von 36) in George W. Bushs Koalition der Willigen im Irak-Krieg stellte. Im Sound der moralischen Beurteilung der aktuellen Kriege k\u00f6nnte man das \u00bb<em>einen verbrecherischen, menschenverachtenden \u00dcberfall\u00ab <\/em>nennen.<\/p>\n<p>Allerdings trifft der Vorwurf der Doppelmoral in der Regel nicht jene Linken, die sich heute f\u00fcr Waffenlieferungen, einen ukrainischen Siegfrieden und\/oder f\u00fcr Solidarit\u00e4t mit Israel \u201eohne Wenn und Aber\u201c aussprechen. Die meisten von ihnen lehnten die Kriege des Westens in Jugoslawien, im Irak, in Libyen und anderswo ab. Dennoch stellen sich auch f\u00fcr sie moralische Probleme:<\/p>\n<ul>\n<li>Ist es moralisch vertretbar, auf unkalkulierbare Zeit eine unkalkulierbare Zahl von Menschen in der Ukraine in den Tod zu schicken, um die Kriegsziele Kiews oder auch nur eine g\u00fcnstige Verhandlungsposition zu erreichen? Ist es moralisch, den Tod der anderen, von dem Anf\u00fchrer, K\u00f6nige, Herrschende schon immer meinten, dass sie das Recht h\u00e4tten, ihn einfordern zu k\u00f6nnen, f\u00fcr moralisch zu halten? Ist es moralisch vertretbar, den Gaza-Streifen in die Steinzeit zu bombardieren?<\/li>\n<li>Der Absolutheitsanspruch von Moral ist ein Hindernis f\u00fcr Kompromiss und Diplomatie. Werte sind der Moral unantastbar. Sie empfindet es als Kapitulantentum von Maximalzielen abzur\u00fccken, Zugest\u00e4ndnisse zu machen und Kompromisse zu suchen \u2013 alles Tugenden, f\u00fcr die die Demokratie zu Recht ger\u00fchmt wird. Moral wird dann zur <em>Kampfmoral<\/em> an der Front oder der <em>Moral an der Heimatfront,<\/em> f\u00fcr deren Aufrechterhaltung jedes Mittel recht ist.<\/li>\n<\/ul>\n<p><strong>Welche au\u00dfenpolitische Strategie der Linken f\u00fcr das 21. Jahrhundert?<\/strong><\/p>\n<p>Die Linke steht vor der Herausforderung, emanzipatorische Alternativen zur herrschenden Kriegs- und Konfrontationspolitik zu formulieren. Sie kann dabei auf nach wie vor g\u00fcltige Prinzipien zur\u00fcckgreifen: Diplomatie, Entspannung, Kooperation, friedliche Koexistenz, kollektive Sicherheit, politische Konfliktl\u00f6sung. Sie m\u00f6gen so manchem bellizistischen Linken altmodisch vorkommen, aber \u201e<em>das Schlachthaus der Geschichte<\/em>\u201c (Heiner M\u00fcller) ist leider immer noch voll in Betrieb.<\/p>\n<p>Allerdings ist es mit allgemeinen Prinzipien nicht getan. Die Komplexit\u00e4t und Widerspr\u00fcchlichkeit im internationalen System verlangen immer wieder, sich auch zu konkreten Ereignissen zu verhalten. Alternativen hei\u00dft zuallererst, sich deutlich vom derzeitigen Kurs des herrschenden Blocks zu unterscheiden und als eigenst\u00e4ndige Position sichtbar zu sein. F\u00fcr eine autonome Positionierung stehen, ohne Anspruch auf Vollst\u00e4ndigkeit, folgende Fragen auf der Tagesordnung:<\/p>\n<ul>\n<li>Gebraucht wird die kritische Auseinandersetzung mit der Au\u00dfenpolitik der USA. Das hat nichts mit Anti-Amerikanismus zu tun, sondern man kann das internationale System nicht verstehen, wenn man nicht wei\u00df, wie das gr\u00f6\u00dfte und einflussreichste Element darin funktioniert. Die Linke braucht wieder viel mehr USA-Versteher.<\/li>\n<li>\u00c4hnliches Wissen braucht sie \u00fcber China und Russland und ggf. andere gro\u00dfe Spieler. Allerdings ohne in ein schematisches \u00c4quidistanzdenken zu verfallen, in dessen Nacht alle Katzen grau, bzw. alle Gro\u00dfm\u00e4chte b\u00f6se sind, sodass man sich m\u00f6glichst aus deren H\u00e4ndel raush\u00e4lt.<\/li>\n<li>Und da das Gegenteil eines Fehlers meist wieder ein Fehler ist, darf man sich auch nicht schematisch in das eine oder andere geopolitische Lager einordnen.<\/li>\n<li>Was freilich nicht ausschlie\u00dft, nach Einzelfallpr\u00fcfung auch eine Initiative eines Landes oder einer L\u00e4ndergruppe zu unterst\u00fctzen. Die Bem\u00fchungen des t\u00fcrkischen Pr\u00e4sidenten beim Zustandekommen des erste Getreidedeals k\u00f6nnen Linke unterst\u00fctzen, auch wenn man seine Politik gegen\u00fcber den Kurden und der Opposition im Land ablehnt.<\/li>\n<li>Die \u00dcberwindung der US-Dominanz durch eine polyzentrische Weltordnung ist ein Ansatz zur Demokratisierung des internationalen Systems, an den linke Au\u00dfenpolitik andocken kann. Wohlgemerkt: Ansatz. Denn die Verschiebung an der Spitze der globalen Hierarchie muss f\u00fcr sich genommen kein Fortschritt sein, wenn es nur darum ginge, den einen Hegemon durch einen anderen zu ersetzen. Auf was es ankommt, ist die Abflachung der internationalen Hierarchie durch eine progressive, inhaltlich-politische Orientierung zu erg\u00e4nzen. In der Abschlusserkl\u00e4rung des ersten BRICS-Gipfels 2009 wird das durchaus als Ziel formuliert \u00bb<em>eine multipolare Weltordnung, die demokratischer und gerechter ist, basierend auf der Anwendung des V\u00f6lkerrechts, des gegenseitigen Respekts, der Kooperation, gemeinsamen Handelns und kollektiver Entscheidung aller Staaten.\u00ab<\/em><a href=\"https:\/\/overton-magazin.de\/top-story\/der-krieg-und-die-linken\/#_ftn6\"><strong><em>[6]<\/em><\/strong><\/a> Das ist nat\u00fcrlich erst mal nur eine Absichtserkl\u00e4rung. Sollte sie Wirklichkeit werden, w\u00e4re das in der Tat eine neue Weltordnung, die die volle Unterst\u00fctzung der Linken verdient.<\/li>\n<li>Bei der Frage nach strategischer Autonomie der EU, wie u.a. von Macron 2017 in die Diskussion gebracht, kann es nicht darum gehen, die EU als klassische Gro\u00dfmacht neben den USA und China zu etablieren. Nur eine Autonomie, die mit einem anderen Politiktypus einhergeht, der auf Frieden, Koexistenz, Abr\u00fcstung und Kooperation beruht, w\u00e4re auch ein linkes Projekt.<\/li>\n<li>Gleiches gilt f\u00fcr die deutsche Au\u00dfenpolitik. Hier liegt eine besondere Verantwortung der deutschen Linken, die ihr niemand in der Welt abnehmen kann. Ihre Aufgabe ist es, der Militarisierung der Gesellschaft, der Aufr\u00fcstung und den Gro\u00dfmachtambitionen des herrschenden Blocks mit ihren verheerenden Folgen f\u00fcr Soziales, Demokratie und Umwelt entgegenzutreten. Dazu geh\u00f6rt auch, d\u00e4monisierenden Feindbildern entgegenzutreten, die erst Kriegsbereitschaft erzeugen.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Mit einem solchen Profil k\u00f6nnte die Linke eine Alternative zum bellizistischen <em>Highway to Hell<\/em> aufzeigen. Der neue Militarismus ist noch nicht mehrheitsf\u00e4hig, wie Umfragen belegen. Anscheinend ist zumindest eine post-heroische Mentalit\u00e4t recht weit verbreitet, was durchaus als zivilisatorische Errungenschaft gewertet werden kann. Gerade hier liegt ja auch der Grund f\u00fcr die atemberaubende Propagandawalze, die durch die staatstragenden Medien rollt, um Konformismus an der Heimatfront zu erzwingen.<\/p>\n<p>Aber wenn man mit internationalistischem Blick auf die Lage blickt und sich die Positionen des Globalen S\u00fcdens anschaut, dann wird klar, dass konsequente Friedenspolitik f\u00fcr das 21. Jahrhundert keineswegs auf verlorenem Posten steht.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/overton-magazin.de\/top-story\/der-krieg-und-die-linken\/#_ftnref1\">[1]<\/a> Geografie ist auch heute nicht v\u00f6llig bedeutungslos geworden. In Verbindung mit anderen Faktoren spielt sie nach wie vor eine Rolle. So ist es nicht unerheblich, ob man eine Gro\u00dfmacht zum Nachbarn hat. Wenn die Gro\u00dfmacht dann eine quasi kontinentale Insellage hat, wie die USA, dann ist das geopolitisch nat\u00fcrlich sehr viel angenehmer, als wenn man, wie Russland, mehrere Tausend Kilometer Landgrenze mit dem NATO-Gegner hat. Das etabliert Asymmetrien.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/overton-magazin.de\/top-story\/der-krieg-und-die-linken\/#_ftnref2\">[2]<\/a> Sigmund Freud, Briefe 1907\u20131926, Frankfurt a.M. 1965. S. 180.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/overton-magazin.de\/top-story\/der-krieg-und-die-linken\/#_ftnref3\">[3]<\/a> Antonio Gramsci, Gef\u00e4ngnishefte, Band 6, H. 11, \u00a767, herausgegeben von Klaus Bochmann und Wolfgang Fritz Haug. Hamburg 1999.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/overton-magazin.de\/top-story\/der-krieg-und-die-linken\/#_ftnref4\">[4]<\/a> Rede Morawieckis an der Universit\u00e4t Heidelberg, 20.3.2023.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/overton-magazin.de\/top-story\/der-krieg-und-die-linken\/#_ftnref5\">[5]<\/a> <a href=\"http:\/\/www.telepolis.de\/features\/Republikaner-Debatte-Blutbad-ueber-die-Ukraine-und-was-ist-mit-China-9283499.html\">www.telepolis.de\/features\/Republikaner-Debatte-Blutbad-ueber-die-Ukraine-und-was-ist-mit-China-9283499.html<\/a>.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/overton-magazin.de\/top-story\/der-krieg-und-die-linken\/#_ftnref6\">[6]<\/a> BRICS (2009), Joint Statement of the BRIC Countries\u2019 Leaders, June 16, 2009, Yekaterinburg. archive.kremlin.ru\/eng\/text\/docs\/2009\/06\/217963.shtml.<\/p>\n<p><em>#Titelbild: Marinka, Oblast Donezk, vor wenigen Tagen. <\/em><em>Screenshot<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/overton-magazin.de\/top-story\/der-krieg-und-die-linken\/\"><em>overton-magazin.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 27. <\/em><em>Dezember 2023<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Peter Wahl. 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