{"id":14161,"date":"2024-02-04T09:57:45","date_gmt":"2024-02-04T07:57:45","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=14161"},"modified":"2024-02-04T09:57:46","modified_gmt":"2024-02-04T07:57:46","slug":"der-ukraine-krieg-und-der-realitaetsverlust-der-medien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=14161","title":{"rendered":"<strong>Der Ukraine-Krieg und der Realit\u00e4tsverlust der Medien<\/strong>"},"content":{"rendered":"<p><em>Patrik Baab.<\/em><strong>\u00a0 Die etablierten Medien versagen in der Berichterstattung zum Ukraine-Krieg. Das wurde dem Autor nicht nur durch Besuche auf beiden Seiten der Frontlinie bewusst. Genau dies zeigen auch seine Recherchen. Dass er sich an journalistische Standards h\u00e4lt, hat f\u00fcr ihn Folgen: Hierzulande wird er medial diffamiert. In der Ukraine steht er inzwischen auf der Abschussliste des Kiewer Geheimdienstes. <\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Am 25. September 2022 stehe ich am Fenster des Hotels \u201ePark Inn\u201c in Donezk in meinem Zimmer im f\u00fcnften Stock. Ich beobachte, wie eine Artilleriegranate ein Wohnhaus trifft. 800 Meter von mir entfernt kracht ein Teil der Fassade herunter. Etwa zur gleichen Zeit erreicht mich eine Textnachricht von <em>T-Online<\/em>. Der Redakteur Lars Wienand will wissen, ob ich ein Wahlbeobachter bei den Referenden in den von Russland besetzten Gebieten bin. Ich befinde mich auf einer von mehreren Recherche-Reisen in die Ukraine und nach Russland. Ich stelle klar, dass ich einer Journalistengruppe angeh\u00f6re. Offenbar hat er aber nur pro forma angefragt. Denn mein Dementi hat ihn nicht weiter interessiert.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend mein Begleiter und ich im Donbass Milizen, Scharfsch\u00fctzen, Artilleriegranaten und Minen zu entgehen suchen, blasen Sitzredakteure in Deutschland zum publizistischen Angriff. Ein Wahlbeobachter sei ich gewesen bei Putins Scheinreferenden, ein Apologet des Kremls, ein Journalist auf politischen Abwegen. In der Folge k\u00fcndigen die Christian-Albrechts-Universit\u00e4t zu Kiel und die Hochschule f\u00fcr Medien und Kommunikation in Berlin meine Lehrauftr\u00e4ge. Sie fallen auf eine Falschmeldung herein, die fabriziert worden ist, damit jemand darauf hereinf\u00e4llt. Denn solche Denunziationskampagnen, f\u00fcr die <em>T-Online<\/em> bekannt ist, wirken nur, wenn andere mitmachen. Gepr\u00fcft hat niemand.<\/p>\n<p>Das zeigt den Zerfall der \u00f6ffentlichen Debattenkultur und des journalistischen Handwerks. Dass ich daf\u00fcr zwei Lehrauftr\u00e4ge verloren habe, zeigt die Gleichschaltung der Universit\u00e4ten und ihre Unterwerfung unter die Propaganda-Narrative der NATO. Die Vorg\u00e4nge verweisen auf den weitgehenden Realit\u00e4tsverlust der Mainstream-Medien und der bundesdeutschen \u00d6ffentlichkeit. Sie haben sich in die eigene Propaganda verrannt und sind nicht mehr in der Lage, die reale Situation zu begreifen.<\/p>\n<p>F\u00fcr diese Realit\u00e4tsverweigerung der Presse gebe ich zehn Beispiele.<\/p>\n<ol>\n<li><strong> Milit\u00e4rische Blindheit<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Der Krieg ist zu einem Stellungskrieg geworden. Jede Offensive ohne massive Luft- und Artillerie\u00fcberlegenheit kostet viel Blut. Beim Besuch von Au\u00dfenministerin Annalena Baerbock Anfang September 2023 in Kiew sichert der mitreisende Leiter des Sonderstabs Ukraine im Verteidigungsministerium, Brigadegeneral Christian Freuding, bei einer Diskussion der Moderatorin Anne Applebaum zu: \u201eWir wollen die territoriale Integrit\u00e4t der Ukraine wiederherstellen.\u201c \u2013 \u201eIn den Grenzen des Jahres 1991?\u201c \u2013 \u201eExakt.\u201c<\/p>\n<p>Dies wird von den Medien ohne Einordnung transportiert. Der Tagesspiegel am 21. September 2023: \u201eVorsto\u00df an der S\u00fcdfront. Ukraine \u00fcberwindet \u201aSurowikin-Linie\u2018 offenbar erstmals mit schwerem Ger\u00e4t.\u201c Das entspricht aber nicht der realen Lage an der Front. Der Wunsch ist Vater des Gedankens.<\/p>\n<p>Experten sprechen dagegen von einem kolossalen Scheitern der Gegenoffensive, enormen ukrainischen Verlusten, dass es nie eine Chance gegeben habe, die russische Armee zu besiegen und die gesteckten Ziele zu erreichen. Seymour Hersh zitiert einen CIA-Mitarbeiter: \u201eDer Krieg ist vorbei. Russland hat gewonnen. Es gibt keine ukrainische Offensive mehr, aber das Wei\u00dfe Haus und die amerikanischen Medien m\u00fcssen die L\u00fcge aufrechterhalten.\u201c<\/p>\n<p>Auch die Presse in Deutschland folgt der Propaganda. Ohne die \u201eSozialen Medien\u201c und die Alternativpresse w\u00fcssten wir wenig \u00fcber die tats\u00e4chliche Lage. In milit\u00e4rischer Perspektive zeigen die Journalisten einen beeindruckenden Realit\u00e4tsverlust. Der Presse-Rummel um die sogenannte Gegenoffensive stellt Propaganda \u00fcber Journalismus.<\/p>\n<ol start=\"2\">\n<li><strong> Moralisch-ethische Blindheit<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Der Krieg hat f\u00fcr die Menschen im Donbass bereits im M\u00e4rz 2014 begonnen, nicht erst mit dem russischen Angriff 2022. Beim B\u00fcrgerkrieg in der Ostukraine setzt die ukrainische Armee seit Jahren auch international ge\u00e4chtete Streumunition ein, beispielsweise Schmetterlingsminen, die in Kartuschen zu 20 St\u00fcck mit Granaten und Raketen verschossen werden und sich \u00fcber eine gro\u00dfe Fl\u00e4che verbreiten. Es ist seither auch ein Krieg gegen die Zivilbev\u00f6lkerung.<\/p>\n<p>Anfang September 2023 gingen Sch\u00e4tzungen, die sich auf die Zahl der stillgelegten SIM-Karten von Mobilfunkbetreibern st\u00fctzen, von etwa 400.000 get\u00f6teten ukrainischen Soldaten aus. Der Milit\u00e4r-Analyst und fr\u00fchere US-Waffeninspektor Scott Ritter stellte fest: \u201eEs gibt kein Szenario, in dem die Ukraine gewinnt. Sie haben keine ausgebildeten Truppen mehr. Die Zahl der Opfer ist erschreckend. L\u00e4nder, die die Ukraine unterst\u00fctzen, sind f\u00fcr den Tod Hunderttausender M\u00e4nner verantwortlich.\u201c \u00dcber die vielen Toten an der Front berichtet die Presse kaum. Damit verh\u00e4lt sie sich selbst unmoralisch.<\/p>\n<p>1983 hat der Philosoph Peter Sloterdijk vom \u201eInformationszynismus\u201c gesprochen. Gerade hier findet er sich. Aber dieser Informationszynismus hat einen Grund: Der Milit\u00e4r-Analyst Jacques Baud sieht ihn darin, \u201edass wir die Menschen im Donbass als \u201aUntermenschen\u2018 betrachtet haben, die es nicht verdienen, ein normales Leben zu f\u00fchren. Deshalb berichten unsere Medien nie \u00fcber die zivilen Opfer \u2026\u201c.<\/p>\n<p>Die moralisch-ethische Blindheit der Medien zeigt sich in diesem Medien-Zynismus.<\/p>\n<ol start=\"3\">\n<li><strong> Kausalit\u00e4ts-Blindheit<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Zahlreiche Augenzeugen der Proteste auf dem Maidan im Winter 2013\/2014 haben gesehen: Kamerateams, die jeden wegschickten, der sich nicht zustimmend zu den Protesten \u00e4u\u00dferte; Sicherheitskr\u00e4fte, die von Oligarchen bezahlt wurden; scharfe Auswahl an der B\u00fchne; vom Westen bezahlte Nicht-Regierungs-Organisationen, die Winterkleidung, Zelte, Heizk\u00f6rper heranschafften; polnische und litauische Diplomaten, die Geld an Demonstranten verteilten; Westukrainer, die im Raum Lwiw angeheuert und im 14-t\u00e4gigen Wechsel auf den Platz gekarrt wurden; die \u201eOpen Society Foundations\u201c des US-Milliard\u00e4rs George Soros, die gekauften Demonstranten f\u00fcr zwei Wochen mehr bezahlten, als sie in vier Wochen in der Westukraine verdienen konnten; Tech-Camps, bei denen Vertreter der US-Botschaft in Kiew Aktivisten beibrachten, wie man mobilisiert f\u00fcr Proteste.<\/p>\n<p>Dies alles l\u00e4sst sich aus \u00f6ffentlich zug\u00e4nglichen Quellen zusammentragen. Deshalb sehe ich hier den Unwillen, im Weg der Recherche den Dingen auf den Grund zu gehen. Dann n\u00e4mlich h\u00e4tte man herausgefunden, dass seit Ende November 2013 Tag f\u00fcr Tag mehrere hundert bewaffnete Ultranationalisten aus den Gebieten Lwiw, Volyn und Ternopil nach Kiew bef\u00f6rdert wurden. Aus den gepl\u00fcnderten Milit\u00e4r- und Polizeidepots im Westen, vor allem in Lwiw, Ternopil und Iwano-Frankiwsk, stammten massive Mengen an Waffen, die sp\u00e4ter in den Zusammenst\u00f6\u00dfen mit der Polizei in Kiew zum Einsatz kamen.<\/p>\n<p>Die Frage, wer auf dem Maidan geschossen hat, wird zum Kipppunkt. Ein Beitrag im ARD-Magazin \u201eMonitor\u201c vom 10. April 2014 f\u00fchrt den Indizienbeweis, dass die t\u00f6dlichen Sch\u00fcsse auf dem Maidan aus Geb\u00e4uden kamen, die der \u201eRechte Sektor\u201c besetzt hielt. Danach kam nichts mehr. \u00dcber die zentrale Studie von Ivan Katchanovski von der Universit\u00e4t Ottawa wurde in deutschen Medien fast gar nicht mehr berichtet. In einer detaillierten Analyse kommt er zu dem Ergebnis, dass \u201edas Massaker eine Operation unter falscher Flagge war, die wohl\u00fcberlegt, geplant und ausgef\u00fchrt wurde mit dem Ziel, die Regierung zu st\u00fcrzen und die Macht zu \u00fcbernehmen.\u201c<\/p>\n<p>Diese Informationen stammen aus fachlich fundierten Quellen und sind systematischer Recherche zug\u00e4nglich gewesen. Allerdings blieben sie in den Mainstream-Medien unerw\u00e4hnt. Dies zeigt: Die gr\u00f6\u00dfte Gestaltungsmacht von Medien liegt nicht nur im \u201eAgenda Setting\u201c, sondern auch und gerade im \u201eAgenda Cutting\u201c. Die Deutungsmacht der journalistischen Gatekeeper wird hier zum \u201eL\u00fcgen durch Weglassen\u201c.<\/p>\n<p>Dieses \u201eFraming\u201c bedeutet, dass durch sprachliche und bildliche Mittel das Narrativ, also der Bedeutungsinhalt, auf den Kopf gestellt wird: Aus dem Putsch ultranationalistischer Kr\u00e4fte im Bunde mit NATO und EU wird eine demokratische Revolution gemacht. Es ging also darum, vorherrschende Deutungsmuster gezielt zu aktivieren und st\u00f6rende Fakten zu verschweigen. Das \u201estrategische Framing\u201c wirkt wie eine gezielte Irref\u00fchrung der \u00d6ffentlichkeit. Der Realit\u00e4tsverlust der \u00d6ffentlichkeit wurde also bewusst herbeigef\u00fchrt.<\/p>\n<ol start=\"4\">\n<li><strong> Soziale Blindheit<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Ein Freund von mir, Wasja, hat in seinen Transporter sechs Kojen eingebaut. Er stellte vor dem Krieg Bautrupps zusammen, die sich bis nach Moskau oder Frankfurt als Schwarzarbeiter auf Baustellen verdingt haben. Wasja geh\u00f6rt zu den drei Millionen Ukrainern, die als Arbeitsmigranten mehrmals im Jahr ins Ausland pendeln. Dazu kommen noch einmal zwei Millionen, die dauerhaft im Ausland arbeiten. Bereits bis Ende der 1990er Jahre wanderten mehrere hunderttausend Ukrainer nach Russland aus. Dort waren damals zwar die L\u00f6hne auch nicht viel h\u00f6her, aber die Verwestlichung des Lebensstils und die Verteuerung der Lebenshaltungskosten schlugen nicht so durch. Heute verdingen sich allein zwei Millionen Ukrainer in Polen vor allem in schlecht bezahlten Jobs. In Polen bl\u00fchen auch die Gesch\u00e4fte der Vermittlungsagenturen. Die deklarieren Ukrainer zu polnischen Staatsangeh\u00f6rigen und vermitteln sie als h\u00e4usliche Pflegekr\u00e4fte in die Schweiz und nach Deutschland.<\/p>\n<p>Die Bezahlung solcher Jobs ist immer noch viel besser als in ihrer Heimat, wo der Mindestlohn bei der ersten Einf\u00fchrung 2015 ganze 34 Cent pro Stunde betrug. Bis 2021 wurde er dreimal erh\u00f6ht und lag bei 1,21 Euro. Allerdings kommt er beispielsweise in der Textil- und Lederindustrie bei einem Drittel der meist weiblichen Besch\u00e4ftigten nur durch erzwungene und nicht bezahlte \u00dcberstunden zustande.<\/p>\n<p>Auch deshalb schrumpft die Bev\u00f6lkerung der Ukraine. Von 52 Millionen im Jahr 1992 ging die Zahl der Ukrainer auf knapp 37 Millionen im Jahr 2020 zur\u00fcck. Dazu kommen noch einmal ungef\u00e4hr drei Millionen Einwohner im Donbass, Luhansk und auf der Krim. Die Abwanderung geht weiter. Durch den Krieg beschleunigte sich der Schrumpfungsprozess dramatisch: Bis September 2022 gingen mehr als sechseinhalb Millionen Menschen ins Ausland.<\/p>\n<p>Die Mainstream-Medien zeigen sich ignorant gegen\u00fcber den sozialen Missst\u00e4nden in der Ukraine. Sie sind sozial blind und blenden die Lebenswirklichkeit der Menschen aus. Die medial verbreitete Propaganda will uns weismachen, dass im Krieg in der Ukraine unsere Werte verteidigt werden. In Wirklichkeit rechtfertigen die etablierten Medien die Kumpanei mit einem Regime, in dem genau diese Werte mit F\u00fc\u00dfen getreten werden.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.hintergrund.de\/medien\/der-ukraine-krieg-und-der-realitaetsverlust-der-medien\/\"><em>hintergrund.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 4. Februar 2024<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Patrik Baab.\u00a0 Die etablierten Medien versagen in der Berichterstattung zum Ukraine-Krieg. Das wurde dem Autor nicht nur durch Besuche auf beiden Seiten der Frontlinie bewusst. Genau dies zeigen auch seine Recherchen. 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