{"id":14177,"date":"2024-02-07T10:28:38","date_gmt":"2024-02-07T08:28:38","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=14177"},"modified":"2024-02-07T10:28:39","modified_gmt":"2024-02-07T08:28:39","slug":"die-mediale-gleichschaltung-durch-tagesschau-und-talkshows","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=14177","title":{"rendered":"<strong>Die mediale Gleichschaltung durch Tagesschau und Talkshows<\/strong>"},"content":{"rendered":"<p><em>Walter van Rossum. <\/em><strong>Nichts und niemand erf\u00fcllt den urspr\u00fcnglichen Wortsinn von \u201eNachrichten\u201c so professionell wie unsere Tagesschau. Nachrichten im wortgeschichtlichen Sinn bedeuten Informationen, nach denen man sich richten soll. <\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Diese Informationen werden von ausgebildeten Journalisten den Wirren des Realen abgerungen und in Wort und Bild \u00fcbersetzt. Dabei folgen diese Journalisten exakt den pr\u00e4zisen Regeln des Qualit\u00e4tsjournalismus: der Trennung von Nachricht und Meinung. Dass der Fernseher qualmt, wenn die Gesichter des B\u00f6sen erscheinen \u2013 also die gerade Most Wanted Feinde des Wertewestens wie Putin, Erdogan oder Xi und Kim \u2013, ist der Sache geschuldet, nicht der journalistischen Bearbeitung. Beim Anblick solcher Figuren sp\u00fcren wir sofort den Gr\u00f6\u00dfenwahn, sehen Massenm\u00f6rder, Kriegsverbrecher und Kindesentf\u00fchrer. Diese Wirkung kann man mit journalistischen Mitteln nicht einfach neutralisieren. So wie man den Ekel vor dem Schei\u00dfhaufen nicht durch Erkl\u00e4rungen des Stoffwechsels unterdr\u00fcckt.<\/p>\n<p>Die Informationen der <em>Tagesschau<\/em> k\u00f6nnen nicht mehr bieten als ein \u201eDavon habe ich schon mal geh\u00f6rt\u201c \u2013 wie der fr\u00fchere Chefredakteur von <em>ARD-aktuell<\/em>, Kai Gniffke, seine Philosophie des Nachrichtenwesens bescheiden erl\u00e4uterte.<a href=\"https:\/\/www.hintergrund.de\/medien\/die-mediale-gleichschaltung-durch-tagesschau-und-talkshows\/#_edn1\">[1]<\/a> Doch der Tumult des Realen ist kakofon und unermesslich. Es gen\u00fcgt nicht, ihn zu reproduzieren. Damit Nachrichten zu etwas werden, wonach man sich richten kann, muss man eine Auswahl treffen, eine Hierarchie der Bedeutungen schaffen, Kontexte an- oder ausblenden. Und damit was h\u00e4ngen bleibt von dem, wovon man mal was geh\u00f6rt hat, haben sich bin\u00e4re Codierungen als au\u00dferordentlich hilfreich erwiesen: Gut versus B\u00f6se, Wahr versus Falsch, Sch\u00f6n versus H\u00e4sslich.<\/p>\n<p>Doch niemand macht sich Illusionen, diese s\u00e4uberlich sortierte Weltordnung erkl\u00e4re die Welt. Daf\u00fcr brauchen wir die Talkshows. Da werden die Informationen interpretiert, gr\u00f6\u00dfere Zusammenh\u00e4nge er\u00f6rtert und das Spektrum zugelassener Meinungen definiert. Talkshows sind eine Angelegenheit des journalistischen Ernstfalls. Insofern werden sie vor allem von den \u00f6ffentlich-rechtlichen Anstalten produziert. Das Privatfernsehen hat sich dieser Aufgabe mittlerweile weitgehend entledigt. Man erinnert sich vielleicht noch an den Ma\u00dfst\u00e4be setzenden <em>Talk im Turm<\/em> mit dem unvergleichlich brillenschwenkenden Erich B\u00f6hme auf SAT1 gegen Ende des vergangenen Jahrhunderts. Die \u00d6ffentlich-Rechtlichen pflegten damals noch Talkshows als Unterhaltungsgenre zu betrachten. Und aus den reichen T\u00f6pfen der Unterhaltungsabteilungen wurde auch Sabine Christiansen finanziert. Ihre Sendung <em>Sabine Christiansen<\/em> \u2013 Sonntagabend nach dem <em>Tatort<\/em> \u2013 wurde zum Modell und ersetzte nach und nach die klassischen Formen politischer Information im TV. Politmagazine wie <em>Monitor<\/em> wurden gek\u00fcrzt und ins sp\u00e4tere Abendprogramm verbannt. Auf <em>Sabine Christiansen<\/em> (Erstausstrahlung Januar 1998) folgte <em>Anne Will<\/em> und es entstanden etliche \u00e4hnliche Formate, die in gewisser Weise v\u00f6llig austauschbar waren und nur durch den titelgebenden Namen des Moderators und seine Stilperformance unterscheidbar waren: <em>Beckmann<\/em>, <em>G\u00fcnther Jauch<\/em>, <em>Markus Lanz<\/em>, <em>Maybrit Illner<\/em>, <em>Maischberger<\/em>. Allein <em>Hart aber fair<\/em> verzichtete darauf, sich nach dem Namen des Moderators zu benennen. In den dritten Programmen und auf Ph\u00f6nix gesellten sich dann noch ein paar bescheidener produzierte Talkformate dazu.<\/p>\n<p>Seit etwa 25 Jahren behauptet sich die politische Talkshow als Paradepferd der \u00d6ffentlich-Rechtlichen. \u00dcbrigens auch aus finanzieller Sicht. Die meisten Produktionen sind outgesourct und die Sendeminute war zumindest anfangs vergleichsweise billig. Heute soll die ARD pro Ausgabe <em>Anne Will<\/em> etwa 250.000 Euro zahlen.<a href=\"https:\/\/www.hintergrund.de\/medien\/die-mediale-gleichschaltung-durch-tagesschau-und-talkshows\/#_edn2\">[2]<\/a> Die meisten G\u00e4ste kommen gratis oder w\u00fcrden noch daf\u00fcr bezahlen, eingeladen zu werden, die wollen schlie\u00dflich was verkaufen. Die Produktionskosten sind gering und die Redakteure d\u00fcrften weitaus weniger verdienen. Auf der anderen Seite hat dieses Gesch\u00e4ftsmodell eine kleine Riege von hoch bezahlten Starmoderatoren hervorgebracht. Leute wie Maybrit Illner, Sandra Maischberger oder Anne Will d\u00fcrften weit mehr verdienen als der Bundeskanzler und sogar noch mehr als die Intendanten der Anstalten, die sie bezahlen. Das Verm\u00f6gen eines Markus Lanz wird immerhin auf circa zehn Millionen Euro gesch\u00e4tzt.<a href=\"https:\/\/www.hintergrund.de\/medien\/die-mediale-gleichschaltung-durch-tagesschau-und-talkshows\/#_edn3\">[3]<\/a><\/p>\n<p>Auch dem neuen qualit\u00e4tsjournalistischen Selbstverst\u00e4ndnis kommt die Talkerei sehr gelegen. Seit dem Aufkommen des Internets und gegen dessen unkontrollierbares Informationsaufgebot hat man sich zum H\u00fcter der Wahrheit erkl\u00e4rt. Um das Inferno eines grenzenlosen Pluralismus zu kontrollieren, hat man, erstens, die Debattenr\u00e4ume erheblich eingeschr\u00e4nkt und, zweitens, auf einen eigenen journalistischen Blick auf die Lage der Dinge verzichtet. Wo es einen Blick gibt, gibt es auch einen zweiten oder dritten. Die Apostel der Wahrheit haben deshalb die unterschiedlichen Perspektiven und Bewertungen in die Talkrunden ausgelagert, wo man den verschiedenen Lobbygruppen oder Parteien R\u00e4ume f\u00fcr ihre Kontroversen eingerichtet hat. Redaktionen und Talkmaster m\u00fcssen jetzt nur noch \u00fcberwachen, dass G\u00e4ste und Meinungen niemals unkontrolliert den politischen und intellektuellen Radius der parlamentarischen Mitte \u00fcberschreiten.<\/p>\n<p>\u2026<\/p>\n<p><strong>Weiterlesen:<\/strong><\/p>\n<p>Dieser Artikel ist Teil eines l\u00e4ngeren Beitrages von Walter van Rossum aus <strong>Hintergrund \u2013 Das Nachrichtenmagazin 1|2 \/ 2024<\/strong>. Sie k\u00f6nnen das Heft bestellen \u2013 <a href=\"https:\/\/www.hintergrund.de\/abo\/\">HIER<\/a> oder im Handel kaufen \u2013 <a href=\"https:\/\/www.mykiosk.com\/suche\/36099\/hintergrund\">HIER<\/a>.<\/p>\n<p><strong>Walter van Rossum<\/strong> ist Autor, Medienkritiker und Investigativjournalist. Er studierte Romanistik, Philosophie und Geschichte in K\u00f6ln und Paris. Mit einer Arbeit \u00fcber Jean-Paul Sartre wurde er 1989 an der K\u00f6lner Universit\u00e4t promoviert. Seit 1981 arbeitet er als freier Autor.<\/p>\n<p><strong>Quellen<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.hintergrund.de\/medien\/die-mediale-gleichschaltung-durch-tagesschau-und-talkshows\/#_ednref1\">[1]<\/a> Walter van Rossum, <em>Die Tagesshow. Wie man in 15 Minuten die Welt unbegreiflich macht. <\/em>\u00a0K\u00f6ln 2007. S. 54<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.hintergrund.de\/medien\/die-mediale-gleichschaltung-durch-tagesschau-und-talkshows\/#_ednref2\">[2]<\/a> <a href=\"https:\/\/www.t-online.de\/unterhaltung\/tv\/id_100245728\/-anne-will-maischberger-und-co-wo-fliessen-die-ard-millionen-hin-.html\">https:\/\/www.t-online.de\/unterhaltung\/tv\/id_100245728\/-anne-will-maischberger-und-co-wo-fliessen-die-ard-millionen-hin-.html<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.hintergrund.de\/medien\/die-mediale-gleichschaltung-durch-tagesschau-und-talkshows\/#_ednref3\">[3]<\/a> <a href=\"https:\/\/www.vermoegenmagazin.de\/markus-lanz-vermoegen\/\">https:\/\/www.vermoegenmagazin.de\/markus-lanz-vermoegen\/<\/a><\/p>\n<p><em>#Titelbild: \u201cDamit Nachrichten zu etwas werden, wonach man sich richten kann, muss man eine Auswahl treffen, eine Hierarchie der Bedeutungen schaffen.\u201dFoto: <\/em><a href=\"https:\/\/www.flickr.com\/photos\/intpress\/51373903726\/in\/photolist-5BZDbS-7zpfg-7zpcg-2kbxuxm-2mgJFJN-2oYBPAr-2hh6vfr-2hiJTd5-2hkWWoT-2hCmsDE-2i9vjku-QQsfqe-nGGJe9-QQsfCD-2i6GJpx-iFQtS-btetQo-2i9yTVP-2kbgUgj-5dDZJM-nGGL1h-2i9xPtt-2gszZq1-2i9yUTL-nGGwfR-ex6jp-2oRssSH-2oHUB1L-27q8aPz-5LPQ6g-2nXRPnA-2kEkMG7-2naaUfa-i1MQk4-2mVYxer-2ik8KKK-2gsA12b-2iWMRua-nX9B8s-bxcakD-YrZ9vg-4SNPEZ-9oMRdA-jnp5Js-nYTVCB-5dJm7S-N1jdDU-He2E7L-bG9ivi-5F7EBJ\"><em>Jochen Sievert<\/em><\/a><em> Lizenz: <\/em><a href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-nc-nd\/2.0\/\"><em>CC BY-NC-ND 2.0<\/em><\/a><em>, <\/em><a href=\"https:\/\/www.hintergrund.de\/medien\/die-mediale-gleichschaltung-durch-tagesschau-und-talkshows\/attachment\/51373903726_139b913e53_k\/\"><em>Mehr Infos<\/em><\/a><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.hintergrund.de\/medien\/die-mediale-gleichschaltung-durch-tagesschau-und-talkshows\/\"><em>hintergrund.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 7. Februar 2024<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Walter van Rossum. Nichts und niemand erf\u00fcllt den urspr\u00fcnglichen Wortsinn von \u201eNachrichten\u201c so professionell wie unsere Tagesschau. 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