{"id":1418,"date":"2016-08-13T17:55:59","date_gmt":"2016-08-13T15:55:59","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=1418"},"modified":"2016-08-13T17:55:59","modified_gmt":"2016-08-13T15:55:59","slug":"venezuela-ueber-die-these-der-bolibourgeoisie-hinaus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=1418","title":{"rendered":"Venezuela: \u00dcber die These der &#8222;Bolibourgeoisie&#8220; hinaus"},"content":{"rendered":"<p><strong>Eine genauere Analyse der Beziehungen zwischen Regierung und Privatsektor zeigt die komplexe Natur der gegenw<\/strong><strong>\u00e4<\/strong><strong>rtigen Krise in Venezuela. <\/strong><!--more--><\/p>\n<p><strong>Die Gegner des sozialistischen Projekts behaupten: &#8222;Eine neue Kaste regiert jetzt das Land&#8220;<\/strong><\/p>\n<p><em>Steve Ellner.<\/em> &#8222;Nicht \u00d6l ruinierte Venezuelas Volkswirtschaft, sondern der Sozialismus.&#8220; Das <a href=\"http:\/\/theweek.com\/articles\/606693\/oil-didnt-wreck-venezuelas-economy-socialism-did\">schrieb<\/a> Pascal-Emmanuel Gobry vom Washingtoner konservativen Think Tank Ethics and Public Policy Center unl\u00e4ngst in seiner Reflexion \u00fcber Venezuelas gravierender werdende Wirtschaftskrise. Gobry, ein produktiver Schreiber f\u00fcr Forbes, The Wall Street Journal und andere Publikationen, fuhr fort, die venezolanischen Analysten zu kritisieren, welche alles aufs Erd\u00f6l schieben, auch wenn er anerkannte, dass fallende \u00d6lpreise die Schwierigkeiten der Nation versch\u00e4rften. &#8222;Der \u00dcbelt\u00e4ter steht klar und deutllich fest,&#8220; behauptet Gobry. &#8222;Das Problem ist Venezuelas autorit\u00e4rer Sozialismus.&#8220;<\/p>\n<p>Die Verschlechterung der Lebensqualit\u00e4t in Venezuela f\u00fcgt sich ein in Gobrys knallharte Aussagen, wie auch derjenigen der venezolanischen Opposition. Die dr\u00e4ngenden Probleme, vor denen Venezuela steht, von dreistelliger Inflation bis zu stundenlangem Warten in Schlangen, um allt\u00e4gliche Waren zu kaufen \u2013 ganz zu schweigen von den sichtbaren F\u00e4llen der Korruption \u2013 versorgten in der Tat die Opposition des Landes mit Munition zur Diskreditierung des politischen und wirtschaftlichen Projekts der Linken. Ob ausdr\u00fccklich oder zwischen den Zeilen r\u00fchmt diese entstehende Erz\u00e4hlweise den Neoliberalismus auf der Basis der Annahme, dass staatliche Intervention in der Wirtschaft, ein besonderes Merkmal der 14-j\u00e4hrigen Regierung von Hugo Ch\u00e1vez, zum Scheitern verdammt ist \u2013 egal in welcher Form. Gem\u00e4\u00df einiger Kritiker des Chavismus war das unausweichliche Nebenprodukt von Ch\u00e1vez\u2018 wirtschaftspolitischen Ma\u00dfnahmen das Aufbl\u00fchen von Korruption durch die H\u00e4nde von chavistischen B\u00fcrokraten, unter Teilhaberschaft von korrupten chavistischen Gesch\u00e4ftsleuten.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die venezolanische Regierung nicht von ihren schwerwiegenden politischen Fehlern zu entbinden ist, zeigt eine genauere Analyse der Beziehungen zwischen der chavistischen Regierung und dem Privatsektor die komplexe Natur der gegenw\u00e4rtigen Krise. Eine solche Untersuchung dient dazu, die neoliberale Behauptung \u00fcber den innewohnenden Konstruktionsfehler des linken Modells Venezuelas zu entlarven. Sie wirft auch Fragen auf, welche es wert sind, diskutiert zu werden, um Lehren zu ziehen aus der reichhaltigen Erfahrung der chavistischen Regierung.<\/p>\n<p>Eine Hauptschlussfolgerung ist, dass \u00e4u\u00dfere Umst\u00e4nde, einschlie\u00dflich Putschversuchen, die Chavistas zwangen, Zugest\u00e4ndnisse zu machen und taktische B\u00fcndnisse mit wirtschaftlichen Gruppen zu schlie\u00dfen, die nicht die ausgegebenen Ziele der breiteren chavistischen Bewegung teilten. Diese \u00dcbereink\u00fcnfte waren kein Fehler; der Fehler war, nicht genug zu tun, um die einzige Kraft zu st\u00e4rken, die f\u00e4hig ist, Missbr\u00e4uche einzud\u00e4mmen, die man h\u00e4tte vorhersehen m\u00fcssen: Die breite Masse des Chavismus und die sozialen Basisbewegungen des Landes.<\/p>\n<p><strong>Die antisozialistische Erz<\/strong><strong>\u00e4<\/strong><strong>hlweise<\/strong><\/p>\n<p>Konservative in Venezuela sind weitgehend derselben Meinung wie ausl\u00e4ndische Experten wie Gobry. Der Think Tank Cedice mit Sitz in Caracas (ein Partner des Cato Institute) verschmolz Sozialismus und Keynesianismus und kommt auf diese Weise zu \u00e4hnlichen <a href=\"http:\/\/cedice.org.ve\/?portfolio=hugo-faria-socialismo-y-mercantilismo-en-venezuela\">Schlussfolgerungen<\/a> \u00fcber die Gefahren von staatlicher Intervention, was deutlich zum Ausdruck kommt. Cedice-\u00d6konomen schrieben die wirtschaftlichen Schwierigkeiten in Venezuela den &#8222;politischen Ma\u00dfnahmen zu, welche in einem Staat angewandt werden, in welchem totale [staatliche] Kontrolle \u00fcber die Wirtschaft besteht, zusammen mit einer totalen Abwesenheit von Kapitalismus, was somit Armut und Arbeitslosigkeit erzeugt.&#8220; Ein Gro\u00dfteil der organisierten Opposition akzeptiert diese eindeutig neoliberale Linie. Der ehemalige Zentralbank-\u00d6konom Jos\u00e9 Guerra, der jetzt ein Parlamentarier und der Wortf\u00fchrer der Opposition in Wirtschaftsfragen ist, <a href=\"http:\/\/www.lapatilla.com\/site\/2016\/05\/23\/jose-guerra-el-socialismo-del-siglo-xxl-arruino-al-pueblo-venezolano\/\">sagte<\/a> k\u00fcrzlich im Nachrichtenkanal Televen, dass &#8222;der Sozialismus des 21. Jahrhunderts das venezolanische Volk ruiniert hat.&#8220; Einigerma\u00dfen bemerkenswert ist, dass die antisozialistische Erz\u00e4hlweise von Guerra und vielen anderen die Tatsache ignoriert, dass weiterhin \u00fcber <a href=\"http:\/\/victoralvarezrodriguez.blogspot.de\/2011\/09\/la-economia-venezolana-es-cada-vez-mas.html\">70 Prozent<\/a> der venezolanischen Wirtschaft in privater Hand sind.<\/p>\n<p>Der Standpunkt, von dem aus Sozialismus oder sogar Keynesianismus beschuldigt werden f\u00fcr die akute Knappheit von Grundg\u00fctern, welche \u00fcber die letzten beiden Jahre Venezuelas dr\u00e4ngendstes wirtschaftliches Problem war, \u00fcbergeht die tats\u00e4chlichen konkreten Faktoren, die im Spiel sind. Hauptgr\u00fcnde sind der Absturz des internationalen \u00d6lpreises und der gut dokumentierte &#8222;Wirtschaftskrieg&#8220;, bestehend aus politisch verursachter Fehlinvestition im privaten Sektor.<\/p>\n<p>Ein dritter Faktor ist komplizierter. Er umfasst die Ungleichheit zwischen staatlich regulierten Preisen und Schwarzmarktpreisen f\u00fcr G\u00fcter (einschlie\u00dflich Fremdw\u00e4hrungen). Das System der regulierten Preise ist oft eine effektive Ma\u00dfnahme, um populare Sektoren zu bevorzugen. Aber wenn die Schwarzmarktpreise mehr als das Doppelte der offiziellen Preise f\u00fcr stark nachgefragte Produkte betragen, wie es in Venezuela seit Ende 2012 war, werden Korruption und Schmuggel normal. Der ehemalige Planungsminister Jorge Giordani <a href=\"http:\/\/www.aporrea.org\/ideologia\/a190011.html\">sch\u00e4tzt<\/a>, dass allein 2012 Firmen die Regierung um 20 Milliarden US-Dollar durch den Ankauf billiger Dollars von der Zentralbank f\u00fcr vorget\u00e4uschte oder \u00fcberteuerte Importe betrogen haben. Diese Unternehmen konnten dann stattliche Gewinne machen, indem sie die W\u00e4hrung auf dem Schwarzmarkt verkauften.<\/p>\n<p>Oppositionsf\u00fchrer sind vorsichtig, um nicht ihre Verb\u00fcndeten im Privatsektor f\u00fcr diese Art der betr\u00fcgerischen Machenschaften zu beschuldigen. Stattdessen zeigen sie mit den Fingern ausschlie\u00dflich auf die sogenannte &#8222;Bolibourgeoisie&#8220; \u2013 das hei\u00dft, diejenigen venezolanischen Gesch\u00e4ftsleute, welche mit der chavistischen Bewegung in Verbindung gebracht werden, und sich au\u00dferhalb der Gemeinschaft der traditionellen Bourgeoisie befinden. Carlos Tablante, ein fr\u00fcherer Gouverneur und Mitglied der damals linken Bewegung zum Sozialismus (MAS), <a href=\"http:\/\/www.carlostablante.com\/?p=409\">unterstrich<\/a> diese mutma\u00dfliche intime Beziehung zwischen der chavistischen Regierung und &#8222;chavistischen Gesch\u00e4ftsleuten&#8220;, indem er befand &#8222;eine neue Kaste regiert jetzt das Land.&#8220;<\/p>\n<p>Der antichavistische Diskurs, der Sozialismus mit Korruption gleichsetzt, ignoriert jedoch ein paar wichtige Fakten. Zum einen passierten die krassesten Korruptionsskandale in Lateinamerika w\u00e4hrend des vergangenen Jahrhunderts unter neoliberalen Regierungen der 1990er Jahre: Carlos Salinas (Mexiko), Carlos Menem (Argentinien), Alberto Fujimori (Peru), Fernando Collor de Mello (Brasilien) und Carlos Andr\u00e9s P\u00e9rez (Venezuela). Es ist kein Zufall, dass die Korruption unter der Aufsicht von Neoliberalen wucherte. Deregulierung, Freihandel und Laissez-Faire-Politik \u00f6ffnet im Allgemeinen die T\u00fcren f\u00fcr unethische Gesch\u00e4fte. In seinem Buch &#8222;The Political Economy of Latin America&#8220; merkte der Politikwissenschaftler <a href=\"https:\/\/books.google.co.ve\/books?id=P1yRAgAAQBAJ&amp;pg=PA101&amp;lpg=PA101&amp;dq=%22free+trade%22+corruption+carlos+menem&amp;source=bl&amp;ots=BGep67aGoD&amp;sig=4md0okI2Um0X8qjcqYfYpSlpURM&amp;hl=en&amp;sa=X&amp;ved=0ahUKEwjfpf7Q0pTNAhXEpR4KHSu9AGEQ6AEIKzAC#v=onepage&amp;q=%22free%20trade%22%20corruption%20carlos%20menem&amp;f=false\">Peter Kingstone<\/a> an, dass &#8222;obwohl Neoliberale argumentieren, dass die Befreiung von staatlicher Kontrolle die M\u00f6glichkeiten f\u00fcr Korruption einschr\u00e4nken, die Realit\u00e4t ist, dass neue, andere Gelegenheiten geschaffen werden.&#8220;<\/p>\n<p>Das Argument, dass der Sozialismus Korruption z\u00fcchtet, <a href=\"http:\/\/www.rebelion.org\/noticia.php?id=170973\">ignoriert <\/a>auch die Fakten, die durch einige <a href=\"http:\/\/www.aporrea.org\/medios\/n285105.html\">empirische Studien<\/a> \u00fcber den venezolanischen W\u00e4hrungskorruptionsskandal von 2012 zu Tage traten. Gem\u00e4\u00df diesen Untersuchungen waren traditionelle wirtschaftliche B\u00fcndnisse, multinationale Konzerne und aufgestiegene Gesch\u00e4ftsleute alle schuldigen Parteien des 20-Milliarden-Dollar-Betrugs. Aber eine der <a href=\"http:\/\/www.aporrea.org\/ddhh\/a193939.html\">Studien<\/a>, durchgef\u00fchrt vom politischen Analytiker und Aktivisten Luis Enrique Gavazut, schloss, dass &#8222;der L\u00f6wenanteil des Betrugs von 2012 durch gro\u00dfe multinationale Konzerne begangen wurde, die Tochterunternehmen im Land haben.&#8220; Gavazut betont, dass einige der illegalen Aktivit\u00e4ten (mit Dollars) nicht h\u00e4tten durchgef\u00fchrt werden k\u00f6nnen, h\u00e4tten US-Beh\u00f6rden dunkle Kan\u00e4le in Florida und anderen Staaten kontrolliert, wo Dollars letzten Endes deponiert oder investiert wurden.<\/p>\n<p>Demzufolge \u00e4hnelt der 20-Milliarden-Dollar-W\u00e4hrungsskandal Venezuelas auf viele Arten dem Skandal der brasilianischen staatlichen \u00d6lfirma Petrobras. In beiden F\u00e4llen kommen die an unethischen Handlungen Schuldigen aus dem gesamten politischen Spektrum, von rechts bis links. Im Fall Venezuelas sind Gesch\u00e4ftsleute traditioneller Wirtschaftsvereine wie der Unternehmerverband Fedec\u00e1maras (der 2002 zweimal die Bem\u00fchungen anf\u00fchrte, Ch\u00e1vez zu st\u00fcrzen) genauso beteiligt wie Mitglieder einer aufsteigenden Bourgeoisie, von denen sich einige selbst Chavistas nennen.<\/p>\n<p><strong>Wer ist also verantwortlich?<\/strong><\/p>\n<p>Zweifellos tr\u00e4gt die chavistische Regierung, wie jede andere Regierung, die Hauptschuld an Fehlern, die im \u00f6ffentlichen Sektor begangen worden seien. Zuallererst ebneten Regierungsma\u00dfnahmen, die Marktbedingungen ignorierten und einen gro\u00dfen Unterschied zwischen offiziellen und Schwarzmarktpreisen erlaubten, den Weg f\u00fcr weitverbreiteten Schmuggel und Korruption.<\/p>\n<p>Zweitens ging die gegenw\u00e4rtige Regierung von Nicol\u00e1s Maduro nicht so weit, einen Generalangriff gegen die Korruption zu f\u00fchren, auch wenn die Zahl der Anklagen gegen Staatsbeamte (sowohl auf F\u00fchrungsebenen als auch darunter) wegen unethischen Verhaltens den Rekord der etablierten Parteien, seit Ch\u00e1vez 1999 an die Macht kam, weit \u00fcbertrafen.<\/p>\n<p>Drittens tat die chavistische Regierung wenig, um das gaunerhafte und skrupellose System einer willk\u00fcrlichen staatlichen Vergabepraxis zu korrigieren. Ein Prozess, der in Venezuela schon lange vor 1998 institutionalisiert und alldurchdringend geworden war. Dieses System beinhaltet regelm\u00e4\u00dfige Bestechungsgelder f\u00fcr Vertragsabschl\u00fcsse. Es ist in Venezuela wohlbekannt, dass zum Beispiel, wann immer ein Gouverneur oder B\u00fcrgermeister ersetzt wird \u2013 sogar bei einem Nachfolger aus der eigenen Partei \u2013 eine komplett neue Auswahl an Baufirmen den L\u00f6wenanteil der Vertr\u00e4ge einheimst.<\/p>\n<p>Die regierende Partei des Landes, die Vereinte Sozialistische Partei Venezuelas (PSUV), die von chavistischen Ministern, Gouverneuren und B\u00fcrgermeistern gef\u00fchrt wird, hat als Kontrollinstanz f\u00fcr diese Aktivit\u00e4ten versagt. Die PSUV-Basis malt sich ihre Rolle als ein ausgleichendes Gegengewicht zur Parteimaschinerie aus, mit der F\u00e4higkeit, Missst\u00e4nde zu benennen, wo immer sie auftreten. Interne Vorwahlen der Partei, bei denen alle Kandidaten die gleichen Ausgangschancen bekommen \u2013 wie es Ch\u00e1vez einst verlangte \u2013 w\u00fcrden diese Dynamik f\u00f6rdern; in den letzten Jahren wurden die Karten aber so gemischt, dass die Situation f\u00fcr Anw\u00e4rter auf gew\u00e4hlte \u00c4mter, die nicht auf Unterst\u00fctzung von oben hoffen k\u00f6nnen, ung\u00fcnstig ist.<\/p>\n<p><strong>Aufkommende gegen traditionelle Bourgoisie<\/strong><\/p>\n<p>Zugleich \u2013 und kontr\u00e4r zu Behauptungen der Opposition \u2013 sind aufstrebende Gesch\u00e4ftsleute weit davon entfernt gewesen, unbedingte Unterst\u00fctzer der chavistischen Regierung zu sein, noch sind sie eine einheitliche Gruppe. Viele der Gesch\u00e4ftsleute, die von der Opposition als &#8222;Bolibourgeois&#8220; tituliert wurden, haben sich tats\u00e4chlich als alles andere als chavistisch herausgestellt.<\/p>\n<p>Nehmen wir die neuen Eigent\u00fcmer des einst fanatisch anti-chavistischen Fernsehsenders Globovisi\u00f3n. Kurz nach dem Kauf des Senders 2013 <a href=\"http:\/\/egov.ci.miami.fl.us\/Legistarweb\/Attachments\/75797.pdf\">erkl\u00e4rte<\/a> die Stadtverwaltung von Miami Globovisi\u00f3n-Pr\u00e4sident Ra\u00fal Gorr\u00edn und seine Teilhaber zu personas non grata und nannte sie &#8222;reiche Bolibourgeois der venezolanischen Regierung&#8220;. Zur selben Zeit <a href=\"http:\/\/www.elnuevoherald.com\/noticias\/mundo\/america-latina\/venezuela-es\/article2034446.html\">bezog sich <\/a>die Zeitung der Stadt, El Nuevo Herald, auf die Globovisi\u00f3n-Eigent\u00fcmer als &#8222;Freunde des Chavismus&#8220; und behauptete, sie h\u00e4tten Millionen Dollars in Immobilien in S\u00fcdflorida gesteckt und w\u00fcrden in Miami mit teuren Sportwagen herumfahren. Globovisi\u00f3ns neue Leitung passte ins Bild der Bolibourgeoisie. Gorr\u00edn begann seine Karriere mit wenig Verm\u00f6gen und bekleidete urspr\u00fcnglich untergeordnete Positionen in Banken, die Ch\u00e1vez f\u00fcr einen finanziellen Zusammenbruch 2009 verantwortlich machte. (Der damalige Pr\u00e4sident lie\u00df einige der Bankenchefs kurz darauf verhaften.)<\/p>\n<p>Kritiker des neuen Globovisi\u00f3n <a href=\"http:\/\/www.elnuevoherald.com\/noticias\/mundo\/america-latina\/venezuela-es\/article2028265.html\">prophezeiten<\/a>, dass der Sender schnell ein Sprachrohr der Regierung werden w\u00fcrde. Nach seinem Antritt als Pr\u00e4sident schwor Gorr\u00edn Globovisi\u00f3n auf &#8222;Objektivit\u00e4t und Unparteilichkeit&#8220; ein, indem er das Programm durch das Abschw\u00e4chen der aggressiven Tendenz des Kanals gegen die Regierung ver\u00e4nderte. Trotzdem wurde Globovisi\u00f3n zunehmend kritisch, als die Maduro-Regierung an Popularit\u00e4t verlor, speziell in Folge ihrer Niederlage bei den Parlamentswahlen im Dezember 2015. Anfang 2016 <a href=\"http:\/\/globovision.com\/article\/maduro-arriba-al-panteon-nacional-para-conmemorar-dia-de-la-juventud\">sagte <\/a>Maduro: &#8222;Man schaut Globovisi\u00f3n und es ist wieder genau wie am 9. April 2002&#8220;, mit Bezug auf den durch Medien befeuerten Putsch gegen Ch\u00e1vez an jenem Tag.<\/p>\n<p>Noch ein sogenannter chavistischer Gesch\u00e4ftsmann ist Alberto Cudemus, der Fedec\u00e1maras nach zwei vergeblichen Versuchen, sein Pr\u00e4sident zu werden, verlie\u00df. Cudemus verlangte harmonische Beziehungen zwischen Gesch\u00e4ftswelt und Regierung, w\u00e4hrend er zugleich gro\u00dfz\u00fcgige Vertr\u00e4ge bekam, um Schweinefleisch an staatliche Lebensmittell\u00e4den zu liefern. Mit seiner Haltung erzeugte er einen gewissen Grad an Verachtung bei denen, die ihn einen &#8222;sozialistischen Gesch\u00e4ftsmann&#8220; nannten. Aber nachdem Maduro 2013 die Pr\u00e4sidentschaft \u00fcbernahm, <a href=\"http:\/\/www.eluniversal.com\/economia\/140609\/cudemus-senala-que-han-aumentado-las-trabas-para-la-produccion\">wartete<\/a> Cudemus mit einer allumfassenden Kritik an der Wirtschaftspolitik der Regierung auf, die wenig von der von Fedec\u00e1maras abwich. Cudemus prangerte an, dass Maduro umgeben sei von &#8222;unf\u00e4higen Funktion\u00e4ren&#8220;, und dass sein &#8222;\u00f6konomisches Modell&#8220; fehlerhaft sei. Mutma\u00dflich schlecht beratene Politik schlie\u00dft die Deckelung von Profiten durch die Regierung ein, ein Arbeitsmarktgesetz voller Regelungen zum K\u00fcndigungsschutz, exzessives Einbringen von Geld in den Geldkreislauf, ausufernde B\u00fcrokratie, das Nichterf\u00fcllen von Zahlungen an den privaten Sektor und einen Mangel an Input aus der Wirtschaft in die politische Programmatik. Solche Kritikpunkte laufen der medialen Darstellung von den aufstrebenden Gruppen von Gesch\u00e4ftsleuten als direkt im chavistischen Lager verortet zuwider, um das Mindeste zu sagen.<\/p>\n<p>Aufwiegler unter den Rechten werfen auch verschiedenen gutsituierten kapitalistischen Gruppen vor, sie h\u00e4tten sich an die Chavistas &#8222;verkauft&#8220;. Ein Beispiel ist Milliard\u00e4r Gustavo Cisneros, den einige in der Opposition einen \u201eKomplizen\u201c beim angeblichen Wahlbetrug von Ch\u00e1vez beim Anwahlreferendum 2004 <a href=\"https:\/\/books.google.co.ve\/books?id=-M1-RW_Kd08C&amp;pg=PA257&amp;lpg=PA257&amp;dq=gustavo+cisneros+accomplice&amp;source=bl&amp;ots=z3kKdVUKeb&amp;sig=Djgi-hajgskXsJhFznV1Y3j49-Y&amp;hl=en&amp;sa=X&amp;ved=0ahUKEwi4pN3EwpLNAhXKFR4KHTVfA5QQ6AEIOTAD#v=onepage&amp;q=gustavo%20cisneros%20accomplice&amp;f=false\">nennen<\/a>. Cisneros\u2018 Fernsehsender Venevisi\u00f3n entwickelte sich von offener Unterst\u00fctzung f\u00fcr den Putsch im April 2002 zu einer unparteiischen Berichterstattung nach dem Juni 2004, als Jimmy Carter ein Klausurtreffen zwischen Ch\u00e1vez und dem Medienmagnaten arrangierte.<\/p>\n<p>Offensichtlich akzeptierte die Ch\u00e1vez-Regierung die Erneuerung von Venevisi\u00f3ns Konzession im Gegenzug f\u00fcr seinen Verzicht auf Fox-News-artige Berichterstattung. In der Folge weigerte sich die Ch\u00e1vez-Regierung, die Konzession f\u00fcr den Sender Radio Caracas zu verl\u00e4ngern, da er ebenso aktiv den Putsch von 2002 unterst\u00fctzte. (Radio Caracas war der Hauptkonkurrent von Venevisi\u00f3n.) Einige Kommentare aus der Opposition <a href=\"http:\/\/www.soberania.org\/Articulos\/articulo_5503.htm\">unterstellten<\/a>, dass Cisneros beim von Carter vermittelten Treffen seine Seele an den Teufel verkaufte um der gesch\u00e4ftlichen Expansion willen.<\/p>\n<p>Die Linie der venezolanischen Opposition, nach der die Bolibourgeoisie ein chavistisches Ph\u00e4nomen ist, ignoriert, warum Verbindungen zu Gesch\u00e4ftsleuten vor allem eingegangen wurden. Insbesondere hat die Opposition den Fakt ausgel\u00f6scht, dass die Beg\u00fcnstigungspolitik der Regierung zugunsten politisch neutraler Gesch\u00e4ftsleute eine Reaktion auf die Feindseligkeiten von Fedec\u00e1maras war, die 2002 in zwei Versuchen kulminierten, Ch\u00e1vez zu st\u00fcrzen. Die chavistische Strategie, einen bestimmten Teil der Unternehmer zu umarmen, war ein Versuch, eine aggressive Klasse von Gesch\u00e4ftsleuten zu neutralisieren, nicht sie f\u00fcr sich zu gewinnen. Tats\u00e4chlich sammelten sich die Anti-Fedec\u00e1maras-Gesch\u00e4ftsleute hinter der Flagge der politischen Neutralit\u00e4t, und nicht derjenigen der linken Politik.<\/p>\n<p>Gleichzeitig schloss die chavistische F\u00fchrung eine strategische Allianz mit vermeintlich fortschrittlichen Gesch\u00e4ftsleuten aus, die manchmal &#8222;fortschrittliche Bourgoisie&#8220; genannt werden (ein Ausdruck, den die lateinamerikanischen Kommunisten vor einem halben Jahrhundert benutzten). Diese Strategie wurde von Ch\u00e1vez\u2018 rechter Hand Luis Miquilena <a href=\"https:\/\/venezuelanalysis.com\/analysis\/11505\">vertreten<\/a> (der seine politische Karriere als Anh\u00e4nger der kommunistischen Bewegung in den 1940er Jahren startete). Miquilena f\u00f6rderte letztlich jedoch den gescheiterten Putsch gegen Ch\u00e1vez im April 2002.<\/p>\n<p>Bis heute sind die Bindungen zwischen der chavistischen Bewegung und dem Privatsektor, einschlie\u00dflich emporstrebender Gruppen von Gesch\u00e4ftsleuten, bestenfalls zart. Beide, traditionelle und sich entwickelnde Interessensgruppen, stehen Kernpunkten des Anti-Neoliberalismus, wie er von der Maduro-Regierung aufgenommen wurde, wie Begrenzung von Profiten, skeptisch gegen\u00fcber. Vergleichbar dazu behindert die Politik der Wechselkurskontrollen, erstmals eingef\u00fchrt unter Ch\u00e1vez 2003, die F\u00e4higkeit der Gesch\u00e4ftsleute, ihre Profite in Dollars zu wechseln und ins Ausland zu senden, wozu Kapitalisten in der Dritten Welt gerne neigen. Schlie\u00dflich bewirken die chavistische antikapitalistische Rhetorik und die st\u00e4ndigen Attacken auf die Bourgoisie (ein Ausdruck, der von den Chavistas ver\u00e4chtlich benutzt wird), dass Eigent\u00fcmer von Gro\u00dfunternehmen das nicht ohne Unbehagen sehen, ob es nun traditionelle sind oder in j\u00fcngerer Zeit Hervorgekommene.<\/p>\n<p><strong>Die weitergehenden Schlussfolgerungen<\/strong><\/p>\n<p>Die Behauptung der Opposition bez\u00fcglich des Aufstiegs einer neuen herrschenden &#8222;Kaste&#8220; in Form der Bolibourgeoisie best\u00e4rkt erneut die alte Vorstellung, dass der Sozialismus von Haus aus fehlerhaft ist. Die meiste Zeit des zwanzigsten Jahrhunderts deuteten Verfechter des Kapitalismus auf die Sowjetunion als Beweis daf\u00fcr, dass Sozialismus und Demokratie von Natur aus unvereinbar w\u00e4ren. In j\u00fcngster Zeit <a href=\"http:\/\/latinamericanperspectives.com\/gobiernos-progresistas-y-estrategias-de-clase-en-america-latina-politicas-populistas-y-pragmaticas-en-un-contexto-de-mayor-amplitud\/\">behaupten <\/a>Akademiker, welche \u00fcber die Politik Lateinamerikas im 21. Jahrhundert schreiben, dass das Scheitern von linken &#8222;populistischen&#8220; Regierungen, ein hohes Niveau von Produktivit\u00e4t zu erreichen, die eingeschriebene nicht nachhaltige Natur von sozialistischer Politik demonstriert.<\/p>\n<p>Vergleichbar behaupten Bef\u00fcrworter der Bolibourgeoisie-These, eine Beziehung zwischen Korruption und Sozialismus zu dokumentieren. Folglich ist es wichtig, ihre Argumente zu entlarven, indem man zeigt, wie wackelig und instabil die Verbindungen aufstrebender Gesch\u00e4ftsleute mit dem Chavismus sind \u2013 und warum diese Verbindungen zwischen den beiden urspr\u00fcnglich aufgenommen wurden. Die Komplizenschaft von Firmen mit Mitgliedschaft bei Fedec\u00e1maras, als auch der Multinationalen in Korruptionsf\u00e4llen best\u00e4tigt die mangelnde Berechtigung des antisozialistischen Narratives, das momentan in der ganzen Region Gespr\u00e4chsthema ist.<\/p>\n<p>Vor\u00fcbergehende Bindungen zwischen einer sozialistischen Regierung und Wirtschaftsgruppen k\u00f6nnen in jedem l\u00e4ngeren Prozess zur Erreichung des Sozialismus mit demokratischen Mitteln unvermeidbar sein. Eine intern demokratisch gef\u00fchrte Partei mit einem Grad der Autonomie gegen\u00fcber dem Staat ist die beste Garantie, dass solche Bindungen nicht mit der Zeit festwachsen, und dass Korruption in Schach gehalten wird. Es ist f\u00fcr Venezuela wie auch anderswo in Lateinamerika n\u00f6tig, eine solche Partei aufzubauen, um echte Demokratie zu bekommen. Die Demokratisierung der PSUV und st\u00e4rkerer Einfluss durch die Basis sind jetzt zwingender geboten als je f\u00fcr das nackte \u00dcberleben des chavistischen Projekts und den Erfolg seiner Strategie der Ver\u00e4nderung.<\/p>\n<p><em>Steve Ellner lehrt seit 1977 an der Universidad de Oriente in Venezuela Wirtschaftsgeschichte und Politikwissenschaft<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle:<\/em><em>\u00a0<\/em><a href=\"https:\/\/amerika21.de\/analyse\/157127\/these-bolibourgeoisie\"><em>amerika21.de&#8230;<\/em><\/a> vom 13. August 2016<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine genauere Analyse der Beziehungen zwischen Regierung und Privatsektor zeigt die komplexe Natur der gegenw\u00e4rtigen Krise in Venezuela. <\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,7],"tags":[10,18,71,4,36],"class_list":["post-1418","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-debatte","category-international","tag-breite-parteien","tag-imperialismus","tag-lateinamerika","tag-strategie","tag-venzuela"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1418","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1418"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1418\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1419,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1418\/revisions\/1419"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1418"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1418"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1418"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}