{"id":14195,"date":"2024-02-13T10:02:57","date_gmt":"2024-02-13T08:02:57","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=14195"},"modified":"2024-02-13T10:02:59","modified_gmt":"2024-02-13T08:02:59","slug":"angriff-auf-rafah-israel-nimmt-gazas-letzte-zuflucht-ins-visier","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=14195","title":{"rendered":"<strong>Angriff auf Rafah: Israel nimmt Gazas letzte Zuflucht ins Visier<\/strong>"},"content":{"rendered":"<p><em>Ir\u00e8ne Karalis. <\/em>Am Mittwoch befahl Benjamin Netanjahu der israelischen Armee, eine Offensive auf Rafah vorzubereiten. In die Stadt im S\u00fcden des Gazastreifens ist ein Gro\u00dfteil der Pal\u00e4stinenser:innen geflohen, die durch die Bombardierungen im Norden und in Khan Younes vertrieben worden waren.<!--more--><\/p>\n<p>Inmitten der Verhandlungen zwischen der US-Diplomatie und einigen arabischen Regierungen k\u00fcndigte Benjamin Netanjahu am Mittwochabend an, dass er die genozidale Offensive der israelischen Armee (IDF) in der pal\u00e4stinensischen Enklave Gaza ohne Pause fortsetzen werde. Die israelische Armee hat den n\u00f6rdlichen Teil des Gazastreifens dem Erdboden gleichgemacht, die Bewohner:innen in den S\u00fcden vertrieben und die Stadt Khan Younes verw\u00fcstet, in die Hunderttausende Pal\u00e4stinenser:innen geflohen waren. Am Mittwoch erhielt sie nun den Befehl, eine Offensive auf die Stadt Rafah sowie \u201ezwei Fl\u00fcchtlingslager\u201c vorzubereiten, die als \u201eletzte Bastionen der Hamas\u201c betrachtet werden.<\/p>\n<p><strong>Die Offensive bringt ein neues Massaker<\/strong><\/p>\n<p>W\u00e4hrend bereits 27.700 Pal\u00e4stinenser:innen get\u00f6tet und 67.000 verletzt wurden sowie 85 Prozent der Bev\u00f6lkerung des Gazastreifens durch die genozidalen Operationen der IDF zwangsumgesiedelt wurden, wird die Offensive auf Rafah neue Massaker mit sich bringen. So hat die Stadt seit Beginn des Krieges \u00fcber 1,3 Millionen Pal\u00e4stinenser:innen aufgenommen \u2013 60 Prozent der Gesamtbev\u00f6lkerung des Gazastreifens \u2013, was dem F\u00fcnffachen ihrer urspr\u00fcnglichen Bev\u00f6lkerung entspricht. Die Lebensbedingungen der Gefl\u00fcchteten sind dort schrecklich, flie\u00dfendes Wasser ist rar, es gibt nicht gen\u00fcgend sanit\u00e4re Einrichtungen und frische Lebensmittel sind f\u00fcr die meisten zu teuer. Die Bewohner:innen sind haupts\u00e4chlich von den zeitweiligen Lieferungen von Lebensmitteln und Medikamenten abh\u00e4ngig, die dank der humanit\u00e4ren Konvois per LKW transportiert werden.<\/p>\n<p>Gegen\u00fcber dem franz\u00f6sischen Radiosender RFI <a href=\"https:\/\/www.rfi.fr\/fr\/moyen-orient\/20240207-gaza-%C3%A0-rafah-au-c%C5%93ur-de-l-hiver-sous-la-pluie-avec-des-habits-d-%C3%A9t%C3%A9-et-en-sandales\">berichtet Faten<\/a>, eine Pal\u00e4stinenserin aus Khan Younes, die mit ansehen musste, wie eine israelische Bombe ihr Haus zerst\u00f6rte, \u00fcber das Leben in Rafah: \u201eDamit die Kinder duschen k\u00f6nnen, muss man sehr viel Geld bezahlen; damit sie essen k\u00f6nnen, muss man ebenfalls bezahlen. Wir leben am Existenzminimum, \u00fcberall gibt es viele Mikroben und Bakterien. Es gibt nur eine Gemeinschaftstoilette. Wir mussten ein Zelt kaufen. Wir haben sehr, sehr viel daf\u00fcr bezahlt.\u201c Sie f\u00fcgt hinzu: \u201eAls wir von zu Hause weggingen, war es sehr hei\u00df. Jetzt sind wir mitten im Winter, im Regen, mit Sommerkleidung und in Sandalen. Die Kinder leiden unter der K\u00e4lte.\u201c Om Khaled Ashour, eine Mutter von drei Kindern, <a href=\"https:\/\/www.ft.com\/content\/6265f18b-3fba-4110-9b9f-300638e48d4c\">erkl\u00e4rte der <em>Financial Times<\/em><\/a>, dass sie die Fragen ihrer Kinder beantworten musste, ob \u201edie Panzer nach Rafah kommen und sie t\u00f6ten werden, wie sie es im Norden getan haben\u201c.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die humanit\u00e4re Katastrophe in Gaza immer gr\u00f6\u00dfer wird, droht die Offensive auf Rafah die geschundene Bev\u00f6lkerung, deren Lebensbedingungen schon jetzt entsetzlich sind, v\u00f6llig auszul\u00f6schen. Der Generalsekret\u00e4r der Vereinten Nationen, Antonio Guterres, <a href=\"https:\/\/www.lepoint.fr\/monde\/guerre-hamas-israel-netanyahou-annonce-une-offensive-sur-rafah-07-02-2024-2551858_24.php\">warnte<\/a> vor den \u201eunkalkulierbaren regionalen Folgen\u201c der Offensive, die \u201eden humanit\u00e4ren Albtraum exponentiell verst\u00e4rken w\u00fcrde\u201c.<\/p>\n<p><strong>Intensivierung der ethnischen S\u00e4uberung des Gazastreifens<\/strong><\/p>\n<p>Die neue Offensive findet vor dem Hintergrund statt, dass die israelische Armee ihre strategischen Ziele bisher nicht erreicht hat: Die Gewinne aus der Bodenoffensive bleiben begrenzt, die Hamas hat bei weitem nicht alle ihre Kampfressourcen eingeb\u00fc\u00dft und die Regierung Netanjahu steht vor einer schweren Legitimit\u00e4tskrise. Das Portal <a href=\"https:\/\/orientxxi.info\/magazine\/offensive-contre-gaza-premieres-fractures-en-israel,7037\"><em>Orient XXI<\/em> erkl\u00e4rt<\/a> folgenderma\u00dfen, warum die urspr\u00fcnglichen Ziele der IDF nicht erreicht wurden: \u201eDer urspr\u00fcngliche \u201aPlan\u2018 der israelischen Armee sah die vollst\u00e4ndige \u201aoperative Kontrolle\u2018 \u00fcber die drei gro\u00dfen St\u00e4dte des Gazastreifens (Gaza-Stadt, Khan Younes und Rafah) bis Ende Dezember vor. Die Frist wurde um einen Monat \u00fcberschritten und das Ziel nicht erreicht. Es wurde auch bekannt, dass das Tunnelnetz der Hamas-Streitkr\u00e4fte viel gr\u00f6\u00dfer war als bisher angenommen, und dass die Einnahme des Tunnelsystems durch Bodenoperationen viel mehr Opfer fordern w\u00fcrde als bisher angenommen. Vor allem aber enth\u00fcllte das <em>Wall Street Journal<\/em>, dass in mehr als drei Monaten nur 20 Prozent der Tunnel zerst\u00f6rt worden seien.\u201c Innerhalb der Regierung werden oppositionelle Stimmen lauter. \u201eDieser Krieg hat weder ein Ziel noch eine Zukunft, er ist nur ein Mittel f\u00fcr Netanjahu, um die Frage seiner Verantwortung aufzuschieben\u201c, sagte ein Regierungsmitglied der israelischen Zeitung <em>Haaretz<\/em>.<\/p>\n<p>In diesem Zusammenhang w\u00fcrde die Einnahme von Rafah durch die israelische Armee es der Regierung Netanjahu erm\u00f6glichen, die ethnische S\u00e4uberung des Gazastreifens und die Vertreibung der Bewohner:innen der Enklave weiter voranzutreiben. Am 30. Oktober hatte die Website +972 ein <a href=\"https:\/\/www.revolutionpermanente.fr\/Nettoyage-ethnique-a-Gaza-Un-plan-du-renseignement-israelien-revele\">Dokument des israelischen Geheimdienstministeriums<\/a> ver\u00f6ffentlicht, in dem die verschiedenen Optionen f\u00fcr die Zukunft der Bewohner:innen des Gazastreifens aufgelistet wurden. Darin wurde eine erzwungene und dauerhafte Umsiedlung der 2,2 Millionen Einwohner:innen des Gazastreifens in die \u00e4gyptische Sinai-W\u00fcste favorisiert. Dieser \u201eUmsiedlungsplan\u201c sollte in mehreren Schritten umgesetzt werden: Evakuierung der Bev\u00f6lkerung im S\u00fcden, um die Luftangriffe im Norden zu verst\u00e4rken, Ausweitung der Bodeneingriffe und schlie\u00dflich die Besetzung des gesamten Gazastreifens. \u201eDas Dokument empfiehlt Israel, w\u00e4hrend des Krieges \u201adie Zivilbev\u00f6lkerung auf den Sinai zu evakuieren\u2018, Zeltst\u00e4dte und dann dauerhaftere St\u00e4dte im Nordsinai zu errichten, die die vertriebene Bev\u00f6lkerung aufnehmen, und dann \u201aeine kilometerlange unfruchtbare Zone \u2026 innerhalb \u00c4gyptens zu schaffen und die R\u00fcckkehr der Bev\u00f6lkerung zu Aktivit\u00e4ten\/Wohnsitzen in der N\u00e4he der Grenze zu Israel zu verhindern&#8217;\u201c, so +972.<\/p>\n<p>Dieses Ziel wird heute von den extremsten Teilen der Regierung verfolgt und wurde am 29. Januar auf einer \u201eKonferenz f\u00fcr den Sieg Israels\u201c in Jerusalem bekr\u00e4ftigt. Diese Konferenz wurde von der israelischen extremen Rechten als Reaktion auf die Anordnung des Internationalen Gerichtshofs bez\u00fcglich der Klage S\u00fcdafrikas, die den Krieg in Gaza als \u201eV\u00f6lkermordrisiko\u201c bezeichnete, organisiert. Der Anwalt Aviad Visoli erkl\u00e4rte, dass \u201eeine Nakba 2.0 durch die Gesetze des Krieges vollst\u00e4ndig gerechtfertigt\u201c sei, w\u00e4hrend der Siedler Eliahou Libman erkl\u00e4rte, dass \u201ediejenigen, die nicht get\u00f6tet werden, vertrieben werden m\u00fcssen, es gibt keine Unschuldigen\u201c. Der israelische Minister f\u00fcr nationale Sicherheit pl\u00e4dierte hingegen zynisch f\u00fcr eine \u201efreiwillige Auswanderung\u201c der Bewohner:innen Gazas.<\/p>\n<p>Um die Pal\u00e4stinenser:innen in den Sinai abschieben zu k\u00f6nnen, ist jedoch die Kontrolle des Philadelphia-Korridors und des Rafah-Grenz\u00fcbergangs, des Haupt\u00fcbergangs zwischen dem Gazastreifen und \u00c4gypten, von entscheidender Bedeutung. Der Philadelphia-Korridor, ein 14 Kilometer langer und 100 Meter breiter Landstreifen, der die Grenze zwischen \u00c4gypten und Gaza bildet, dient seit dem Friedensabkommen von Camp David aus dem Jahr 1979 als Pufferzone. Seit 2005 unter \u00e4gyptischer Kontrolle, hat die israelische Armee Kairo wiederholt beschuldigt, keine ausreichend effektive Kontrolle \u00fcber den Korridor auszu\u00fcben, was es der Hamas erm\u00f6gliche, Waffen von \u00c4gypten in den Gazastreifen zu schmuggeln. Am 30. Dezember machte Benjamin Netanjahu seine Absichten deutlich: \u201eDer Philadelphia-Korridor muss in unseren H\u00e4nden und unter unserer Kontrolle sein, und jede andere Vereinbarung als diese wird von Israel nicht akzeptiert werden.\u201c Seit der Warnung des \u00e4gyptischen Informationsministers Diaa Rashwan, der Israel vor einer \u201eVerletzung des Friedensvertrags\u201c warnte, steigt die Spannung an der Grenze zunehmend, da \u00c4gypten den pal\u00e4stinensischen Widerstand aufgefordert hat, sich vom Korridor fernzuhalten, um den israelischen Streitkr\u00e4ften keinen Vorwand f\u00fcr ein Eingreifen zu liefern.<\/p>\n<p>Aus diesem Blickwinkel k\u00f6nnte die Offensive gegen Rafah die Deportation der Gaza-Bewohner:innen \u2013 selbst ohne es offiziell \u201ezuzugeben\u201c oder als \u201efreiwillige\u201c Ausreise \u2013 und die Auswirkungen einer immer massiveren Konzentration an der \u00e4gyptischen Grenze beschleunigen, die schlie\u00dflich die Grenzbeamt:innen \u00fcberfordern w\u00fcrde. Eine Situation, die zu einer Versch\u00e4rfung der regionalen Spannungen f\u00fchren w\u00fcrde, da die USA nach dem Tod von drei Soldaten in Jordanien <a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/bombardements-in-irak-syrien-und-jemen-us-eskalation-im-nahen-osten-geht-weiter\/\">immer massiver in der Region intervenieren<\/a> und pro-iranische Milizen in Syrien, im Irak, im Jemen und im Roten Meer angreifen. W\u00e4hrenddessen nehmen auch die Spannungen an der israelisch-libanesischen Grenze zu, wo die Hisbollah die Intensit\u00e4t ihrer Angriffe auf die IDF erh\u00f6ht hat, in der Hoffnung, Israel von einem neuen Krieg abzuhalten. Eine Versch\u00e4rfung der K\u00e4mpfe an der \u00e4gyptischen Grenze k\u00f6nnte noch eine weitere Front er\u00f6ffnen: Der \u00e4gyptische Pr\u00e4sident Abdel Fattah al-Sissi, der kein Interesse daran hat, mehr als zwei Millionen Menschen aufzunehmen und die Folgen eines Konflikts zu tragen, der die Unzufriedenheit des \u00e4gyptischen Volkes sch\u00fcren k\u00f6nnte, hat bereits seinen Widerstand gegen den israelischen Vorschlag zum Ausdruck gebracht.<\/p>\n<p>In diesem Rahmen ist es dringend notwendig, den Aufbau einer internationalen Bewegung der Solidarit\u00e4t mit Pal\u00e4stina fortzusetzen und sich dem laufenden Genozid zu widersetzen. Eine Bewegung, die auf die objektive Komplizenschaft der arabischen Regime mit dem Kolonialstaat hinweisen muss, aber auch auf die immense Verantwortung der imperialistischen M\u00e4chte, die das israelische Regime aufr\u00fcsten und bedingungslos unterst\u00fctzen.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/offensive-auf-rafah-israel-nimmt-die-letzte-zufluchtsstaette-der-bevoelkerung-gazas-ins-visier\/\"><em>klassegegenklasse.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom\u00a0 13. Februar 2024<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ir\u00e8ne Karalis. Am Mittwoch befahl Benjamin Netanjahu der israelischen Armee, eine Offensive auf Rafah vorzubereiten. In die Stadt im S\u00fcden des Gazastreifens ist ein Gro\u00dfteil der Pal\u00e4stinenser:innen geflohen, die durch die Bombardierungen im Norden und &#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":14196,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[7],"tags":[18,35,11,49,33],"class_list":["post-14195","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-international","tag-imperialismus","tag-palaestina","tag-rassismus","tag-repression","tag-zionismus"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/14195","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=14195"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/14195\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":14197,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/14195\/revisions\/14197"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/14196"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=14195"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=14195"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=14195"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}