{"id":1420,"date":"2016-08-14T10:17:40","date_gmt":"2016-08-14T08:17:40","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=1420"},"modified":"2016-08-14T10:17:40","modified_gmt":"2016-08-14T08:17:40","slug":"syrien-der-kampismus-als-totengraeber-der-internationalen-solidaritaet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=1420","title":{"rendered":"Syrien: Der Kampismus als Totengr\u00e4ber der internationalen Solidarit\u00e4t"},"content":{"rendered":"<p><em>Leila Nachawati e Joey Ayoub*. <\/em>In Friedenskonferenzen, internationalen Treffen und L\u00e4ndernalysen wird \u00fcber Syrien gesprochen, ohne dass das syrische Volk angeh\u00f6rt wird. Ebenso ist dieses abwesend, wenn der Teil der Linken \u00fcber Syrien spricht, der sich<!--more--> als \u00abanti-imperialistisch\u00bb bezeichnet. Am 11. Juli wurde bekannt, dass Javier Couso Permuy von der spanischen Izqiuerda Unida sich nach Damaskus begeben hat, zusammen mit Tatiana \u017ddanoka, lettische Europa-Delegierte der Gruppe der Gr\u00fcnen und der Allianz Freies Europa und mit Yana Toom, der estnischen Zentrumspartei. Sie wollten sich mit dem syrischen Dikatator Bashar al-Assad treffen.<\/p>\n<p>Die drei haben dies stolz via Twitter angek\u00fcndigt und haben dabei die Erz\u00e4hlung von Assad \u00abdes Kampfes gegen den Terrorismus\u00bb hervorgestrichen. Kurz danach haben Flugzeuge von Assads Armee, unterst\u00fctzt durch die russische Luftwaffe, verschiedene Quartiere von Aleppo bomardiert und Dutzende von zivilen Opfern zur\u00fcckgelassen, darunter viele Kinder, in einer Stadt, die sich in den letzten Tagen f\u00fcr die Bev\u00f6lkerung \u2013 sofern sie nicht bereits hat fliehen k\u00f6nnen &#8211; in eine Mausefalle verwandelt hat.<\/p>\n<p>Der Besuch dieser Abgeordneten linker Parteien schliesst sich denjenigen von anderen Europa-Delegierten an, die mehrheitlich Parteien der Rechten oder der extremen Rechten angeh\u00f6ren. So etwa \u00abLes R\u00e9publicains\u00bb aus Frankreich, die vom Besuch in Damaskus profitiert haben und gleich noch Selfies mit der extrem rechten Gruppierung \u00abSOS Chr\u00e9tiens d&#8217;Orient\u00bb oder mit Mitgliedern des Front National geschossen haben, der bereits wiederholt seine Unterst\u00fctzung f\u00fcr das Regime von Assad ausgedr\u00fcckt hat.<\/p>\n<p>Die neuesten Sch\u00e4tzungen der UNO gehen von \u00fcber 2\u00b4500 Ertrunkenen im Mittelmeer aus, zur Mehrheit syrische M\u00e4nner, Frauen, Kinder. Diese sind angesichts eines dermassen zerst\u00f6rerischen Konfliktes geflohen, dass seit 2014 auch die UNO aufgeh\u00f6rt hat, die Toten zu z\u00e4hlen. Zur gleichen Zeit als die EU angek\u00fcndigt hat, dass sie Kriegsschiffe der NATO benutzt, um zu verhindern, dass die Fl\u00fcchtlinge aus der T\u00fcrkei hinausgelangen und sich der K\u00fcste der Festung Europa n\u00e4hern, steuern die Europa-Delegierten auf Damaskus zu, um sich mit den Verantwortlichen der Massaker, vor denen die Mehrheit der Fl\u00fcchtigen flieht, zusammenzutun.<\/p>\n<p><strong>Ein Syrien ohne Syrer<\/strong><\/p>\n<p>Der Besuch der europ\u00e4ischen Abgeordneten ist f\u00fcr die Syrer keine \u00dcberraschung. Sie sind sich gewohnt, dass ihr Land international eine polarisierte Wahrnehmung geniesst, dass der Konflikt im Westen reaktion\u00e4re Diskurse ausgel\u00f6st hat. Sie haben sich an die Tatsache gew\u00f6hnt, dass die Zukunft ihres Landes ohne sie entschieden wird.<\/p>\n<p>In Friedenskonferenzen wird unter Ausschluss der Syrer diskutiert, wie sie auch an internationalen Zusammenk\u00fcnften und in den Analysen ihres Landes nicht um ihre Meinung und Absichten gefragt werden. Die Syrer existieren auch nicht im Diskurs des Teiles der Linken, der sich selbst als \u00abanti-imperialistisch\u00bb definiert, obschon sie sich mit den imperialistischen Interessen von M\u00e4chten wie Russland oder Iran verb\u00fcnden. Es gen\u00fcgt, irgendwelche Artikel \u00fcber Syrien zu \u00fcberfliegen, die von irgendwelchen Analytikern verfasst worden sind, um festzustellen, dass der Text keinerlei Bezug nimmt auf syrische Aktivisten, Aktivistinnen oder Intellektuelle.<\/p>\n<p>Eine dermassen starke Weigerung, mit Syrern oder Syrerinnen zu sprechen, ist die Ursache, wie es die pal\u00e4stinensische Intellektuelle Lama Abu Odeh formuliert, dass diese kampistische Linke \u00abunterhalb den Grenzen des Denkens gr\u00e4bt, die zu durchw\u00fchlen ihr vertrauter ist, um es so auszudr\u00fccken, sie stochert in alten politischen Arsenalen herum und klammert sich an seit langem eingelagerte Positionen, um sie dann zu vertreten und so ihre Unterst\u00fctzung f\u00fcr ihr verehrtes politisches Vaterland auszudr\u00fccken\u2026.\u00bb Diese Linke hat sosehr ihren Kurs verloren, dass es welche gibt, die sich Aleppo wie ein neues Guernica vorstellen.<\/p>\n<p>In diesem Zusammenhang erstaunt nicht, dass Couso von der IU von der Notwendigkeit des syrischen Regimes spricht, um \u00abgegen den Terrorismus zu k\u00e4mpfen\u00bb, eine Bezeichnung, die in Damaskus f\u00fcr alle verwendet wird, die sich gegen die Diktatur wenden. W\u00e4hrenddessen ergiesst sich eine Lawine von Dynamit ohne Unterlass auf die Zivilbev\u00f6lkerung. Ebenso wenig erstaunen die \u00c4usserungen von Izquierda Unida \u00fcber die t\u00fcrkische, saudische, [US-amerikanische, Anm. d.\u00dc] oder katarische Einmischung und die Weglassung der russischen oder iranischen, die Erw\u00e4hnung der sektiererischen sunnitischen Milizen und das Schweigen \u00fcber die schiitischen, die \u00fcber die Opfer unter den von Iran zwangsweise rekrutierten Fl\u00fcchtigen aus Afghanistan, dem Irak bis zum Libanon hinweggehen. Es erstaunt auch nicht, dass sich Couso mit dem Gross-Muft\u00ec Syriens zusammensetzt, der vor einem Jahr zu einer Vernichtung all derer aufrief, die sich dem Regime in Aleppo widersetzten. Der Muft\u00ec wandte sich nach alldem mit dieser Botschaft an die Weihnachtsmesse in Syrien, und dies war dann das immer wiederholte Mantra dieser linken Parteien, um ihre Gespr\u00e4che mit ihm zu rechtfertigen.<\/p>\n<p><strong>Was f\u00fcr ein Friede wird gesucht, wenn die Verfolgung der Pazifisten und der Verteidiger der Menschenrechte ignoriert wird?<\/strong><\/p>\n<p>Sind diese Abgeordneten etwa beunruhigt \u00fcber die Tatsache, dass all diejenigen als \u00abSympathisanten der al-Qaida\u00bb etikettiert werden, die sich dem Regime widersetzen, einschliesslich derjenigen mit arabisch-christlichen Wurzeln, wie etwa ich, Joey Ayoub? Ist es f\u00fcr sie wichtig, dass christliche syrische Revolution\u00e4re wie Marcell Shehwaro, Tochter eines Priesters, \u00fcber Jahre sowohl von extremistischen Gruppen wie Daesh, als auch durch das Regime Assads verfolgt wurden? Haben sie etwa ihre Solidarit\u00e4t mit Shehwaro gezeigt, als sie sich entschied, als Akt des Widerstandes Weihnachten zu feiern, obwohl sie im Visier des IS war? Nein, diese Linke nimmt die arabischen Christen nur zur Kenntnis, sofern sie sich in ihre Erz\u00e4hlung einordnen.<\/p>\n<p>In diesem Klima der selektiven Solidarit\u00e4t h\u00f6ren wir Cousa von \u00abFrieden\u00bb reden, w\u00e4hrend er mit dem syrischen Regime zusammensitzt und \u00fcber die anderen Akteure hinwegsieht, wie etwa die lokalen Koordinationskomitees, die in den Kampfgebieten arbeiten. Welchen Frieden sucht man, wenn man von den Verfolgungen der Verfechter der Menschenrechte wegsieht, wie beispielsweise von Bassel Khartabil, den bekannten Erfinder des pal\u00e4stinensisch-syrischen Open Source Kodexes, der seit 2012 in den Kerkern Assads einsitzt? Khartabil, den das Regime im Oktober 2015 verschwinden liess, und dessen Aufenthaltsort unbekannt ist, wurde als Schl\u00fcsselfigur f\u00fcr die Zukunft Syriens angesehen. Es ist genau seine Art der freien Denkungsart und des pazifistischen Engagements, den sowohl das syrische Regime wie auch Gruppen wie Daesh in ihr Hauptziel verwandelt haben. Was sagt denn diese Linke zur Ehefrau von Bassel, Noura Ghazi, die ihm am Valentinstag 2015 einen Brief geschrieben hat, wo steht: \u00abHabe Angst, Bassel! Ich f\u00fcrchte mich um dieses Land, das massakriert, geteilt, ausgeblutet, zerst\u00f6rt wird\u2026. Ach, Bassel. Ich f\u00fcrchte, dass sich unser Traum, die Generation zu sein, die die Freiheit in dieses Land bringen kann, in den Albtraum verwandelt, nun beobachten zu m\u00fcssen, wie es zerst\u00f6rt wird. Bassel, ich habe grosse Angst\u00bb. Kann diese Linke Noura in die Augen blicken und ihr sagen, dass sie f\u00fcr das internationalistische Erbe und f\u00fcr alle unterdr\u00fcckten V\u00f6lker k\u00e4mpft, wo immer dies auch sei?<\/p>\n<p>Wie der Philosoph Santiago Alba Rico ausf\u00fchrt: \u00abDer wirkliche Schaden, den [Couso und andere] anrichten, gilt der Linken und dem Internationalismus im Allgemeinen\u00bb. Dazu gen\u00fcgt nur schon ein Blick in die Reaktionen auf die Kommentare von Alba Rico, um die Konvergenz dieser Linken mit der extremen europ\u00e4ischen Rechten, dieses \u00abB\u00fcndnis der Roten und Braunen\u00bb zu bemerken.<\/p>\n<p>Das vermutlich ohrenbet\u00e4ubendste Todesurteil f\u00fcr den europ\u00e4ischen Internationalismus ergeht jedoch dann, wenn bekannte linke syrische Pers\u00f6nlichkeiten durch das Regime von Assad verurteilt, gefoltert und\/oder ermordet werden, ohne dass irgendeine Reaktion seitens derjenigen erfolgt, die die daf\u00fcr Verantwortlichen unterst\u00fctzen. Pers\u00f6nlichkeiten wie die sehr bekannten Yassin Haj-Saleh und Riad Al-Turk, der 18 Jahre in den Kerkern von Assad zugebracht hat, da er der Kommunistischen Partei \u2013 Opposition angeh\u00f6rt (also nicht diejenige, die von Assad zugelassen ist und mit der sich Couso in Libanon getroffen hat), der heutigen Demokratischen Syrischen Volkspartei, die sich von der Kommunistischen Partei abgespalten hat, da diese den Baathismus unterst\u00fctzt. Haj-Saleh hat ebenfalls 16 Jahre in Gef\u00e4ngnissen verbracht, da er der gleichen Partei angeh\u00f6rt. Beide wurden gefoltert, beide haben Freunde und geliebte Menschen verloren, und beide leben heute im Exil und hoffen nicht auf R\u00fcckkehr. So ohrenbet\u00e4ubend ist das Schweigen dieser Linken, die \u00abbeim Anblick des bei einem Bombenangriff in Homs zusammengest\u00fcrzten Hauses schweigt, das mit seinen Tr\u00fcmmern den Kopf eines Syrers zermalmt hat, zu arm, um noch rechtzeitig fliehen zu k\u00f6nnen\u00bb.<\/p>\n<p>Wie Alba Rico sagt, ist es immer schwieriger geworden, zwischen der Rechten, die die Invasion in den Irak von 2003 feierte und der Linken, die sich heute jeden Sieg Russlands oder des Irans freut zu unterscheiden. Dieser zweiachsigen Weltsicht steht diejenige gegen\u00fcber, die den dogmatischen Visionen misstraut und solidarisch auf das legitime Recht der Selbstbestimmung der V\u00f6lker und deren Freiheit gegen\u00fcber der Unterdr\u00fcckung setzt, komme diese nun von ausl\u00e4ndischen Invasoren oder von nationalen Tyrannen her.<\/p>\n<p><em>Leila Nachawati, Spanisch-Syrerin, ist Dozention f\u00fcr Kommunikation und Joey Ayoub ist libanesischer Schriftsteller, Autor von &#8222;Global Voices&#8220; und &#8222;Hummus for Thought&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.mps-ti.ch\/index.php\/113-archivio-nuovo\/internazionale\/1941-siria-izquierda-unida-con-assad-e-il-collasso-dell-internazionalismo-europeo\"><em>mps-ti.ch&#8230;<\/em><\/a> vom 12. August 2016. \u00dcbersetzung aus dem Italienischen: Redaktion maulwuerfe.ch<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Leila Nachawati e Joey Ayoub*. 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