{"id":14205,"date":"2024-02-16T12:46:07","date_gmt":"2024-02-16T10:46:07","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=14205"},"modified":"2024-02-16T12:46:08","modified_gmt":"2024-02-16T10:46:08","slug":"bist-du-kommunist-dann-lass-uns-ueber-die-imt-reden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=14205","title":{"rendered":"<strong>Bist du Kommunist? Dann lass uns \u00fcber die IMT reden<\/strong>"},"content":{"rendered":"<p><em>Nathaniel Flakin. <\/em><strong>Die Internationale Marxistische Tendenz, angef\u00fchrt von Alan Woods, vermarktet sich neuerdings als \u201edie Kommunisten&#8220;. Ist das ein Schritt nach links? Irgendwie schon. Aber Jahrzehnte opportunistischer Politik verschwinden nicht \u00fcber Nacht. <\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Diesen Monat begann die Internationale Marxistische Tendenz (IMT), angef\u00fchrt von Alan Woods, angek\u00fcndigt, einige ihrer gr\u00f6\u00dften Sektionen umzubenennen. Sie plant, eine Revolution\u00e4re Kommunistische Partei in Gro\u00dfbritannien zu gr\u00fcnden, dasselbe in der Schweiz und in Kanada. Sie verk\u00fcndete gleichfalls, sich selbst in die Revolution\u00e4re Kommunistische Internationale umzubenennen. Im letzten Jahr verteilten Mitglieder der IMT denselben Aufkleber in verschiedenen L\u00e4ndern: \u201eBist du Kommunist? Dann organisier dich!\u201c Ein QR-Code erm\u00f6glicht gleich, der IMT beizutreten und anzufangen, ihr Geld zu schicken.<\/p>\n<p>Die IMT gibt es in ihrer bisherigen Form seit 30 Jahren und nur selten zeigte sie sich mit Hammer und Sichel \u2013 bis jetzt. Schauen wir uns die Geschichte der IMT an, um ihren neuen Kurs zu verstehen.<\/p>\n<p><strong>Die Spaltung des CWI<\/strong><\/p>\n<p>Die IMT wurde 1992 als <a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/die-spaltung-im-cwi-lehren-fuer-trotzkistinnen\/\">Abspaltung vom Komitee f\u00fcr eine Arbeiterinternationale (CWI) <\/a>gegr\u00fcndet \u2013 ihren Namen nahm sie jedoch erst ein Jahrzehnt sp\u00e4ter an. Das CWI war eine trotzkistische Gruppe, die 1974 von Ted Grant gegr\u00fcndet worden war und in deren Zentrum die Militant-Str\u00f6mung in der britischen Labour Party stand.<\/p>\n<p>Grant war ein Anf\u00fchrer der Vierten Internationale, der von Leo Trotzki gegr\u00fcndeten revolution\u00e4ren Organisation, als sie nach dem Zweiten Weltkrieg dem Zentrismus anheimfiel. Nach 1945 war die trotzkistische Bewegung isoliert und desorientiert und einige ihrer Anf\u00fchrer:innen dachten, es w\u00e4re das Beste, in den sozialdemokratischen Parteien zu \u00fcberwintern. Damit verwandelten sie die kurzfristige Taktik des Entrismus in eine langfristige Strategie. Obwohl er diesem \u201eEntrismus sui generis\u201c \u2013 auch \u201eLangzeitentrismus\u201c \u2013 anfangs skeptisch gegen\u00fcberstand, wurde Grant bald einer seiner st\u00e4rksten Anh\u00e4nger.<\/p>\n<p>Als um 1968 eine Welle der Radikalisierung der Jugend begann, sagten sich die meisten Splittergruppen der trotzkistischen Bewegung von der Sozialdemokratie los und gr\u00fcndeten neue, unabh\u00e4ngige revolution\u00e4re Organisationen. Grant hingegen versch\u00e4rfte seine Ausrichtung auf die Labour Party: Er erkl\u00e4rte es zum \u201ehistorischen Gesetz\u201c, dass sich die Massen in Zeiten des Aufruhrs immer zuerst zu ihren \u201etraditionellen Massenorganisationen\u201c hinwenden w\u00fcrden. Das zwinge Marxist:innen dazu, den reformistischen Parteien beizutreten.<\/p>\n<p>Die jahrzehntelange Arbeit in der Labour Party war nat\u00fcrlich unvereinbar mit der Verteidigung eines offen bolschewistischen Programms. Unter Grants F\u00fchrung vertrat der Militant ein zentristisches Programm, das einen Mittelweg zwischen reformistischen und revolution\u00e4ren Positionen verfolgen wollte. Nur die Forderungen, die die \u201edurchschnittlichen\u201c Arbeiter:innen nicht \u201eabschrecken\u201c w\u00fcrden, sollten aufgestellt werden. Militant behauptete zum Beispiel, dass sich der Sozialismus friedlich einf\u00fchren lie\u00dfe, wenn die Labour Party eine Mehrheit im Parlament erringen und ein k\u00fchnes sozialistisches Programm durchsetzen w\u00fcrde. Sie behaupteten auch, Polizist:innen seien \u201eArbeiter:innen in Uniform\u201c und sollten in Gewerkschaften organisiert werden. Als Margaret Thatchers Regierung einen <a href=\"https:\/\/www.leftvoice.org\/forty-years-since-thatchers-war-against-argentina-lessons-for-today\/\">imperialistischen Krieg gegen Argentinien<\/a> vom Zaun brach, lehnte Grant jede Art von antiimperialistischem Widerstand ab, weil dieser \u201edie Marxist:innen in den Augen der Arbeiter:innen diskreditieren w\u00fcrde.\u201c<\/p>\n<p>Mitte der 1980er Jahre erreichte Militant einen gewissen Einfluss, wenngleich Behauptungen, sie habe \u00fcber 8000 Mitglieder gehabt, \u00fcbertrieben sein d\u00fcrften. Schlussendlich entschied die B\u00fcrokratie der Labour Party, die Trotzkist:innen, die Labours Jugendorganisation anf\u00fchrten, loszuwerden. Militant konnte dagegen keinen Widerstand leisten, weil sie auf eine dauerhafte Orientierung auf die Labour Party festgelegt waren. Stattdessen versuchten Grants Anh\u00e4nger:innen, sich noch tiefer einzugraben. Das f\u00fchrte zu Demoralisierung und einem Schwinden der Mitgliederzahlen. Anfang der 1990er entschied die Mehrheit des ausgedehnten Apparates der Organisation unter Peter Taaffe \u2013 mit mehr als 250 Vollzeitbesch\u00e4ftigten \u2013 mit der Labour Party zu brechen, um von Militant zu retten, was zu retten war. Mit diesem \u201eScottish Turn\u201c beschloss die Mehrheit des CWI, nach Jahrzehnten die Sozialdemokratie zu verlassen.<\/p>\n<p>Die Minderheit, angef\u00fchrt von Grant und Woods, die diesen Bruch ablehnte, sollte sp\u00e4ter die IMT werden. Grant erkl\u00e4rte, die Labour Party zu verlassen, hie\u00dfe, Jahrzehnte geduldiger Arbeit in der Partei wegzuwerfen. Die einzige Existenzberechtigung der IMT war also die Absicht, noch l\u00e4nger in der Labour Party, der SPD und anderen reformistischen Arbeiter:innenparteien auszuharren.<\/p>\n<p>Das CWI und sp\u00e4ter die IMT betrieben ihren Langzeitentrismus nicht nur in b\u00fcrgerlichen Arbeiter:innenparteien, sondern auch in rein b\u00fcrgerlichen Parteien wie der Partei der Demokratischen Revolution (PRD) und sp\u00e4ter MORENA in Mexiko oder der Pakistanischen Volkspartei (PPP) des ultrakorrupten Bhutto-Klans. Nur ein einziges Mitglied der IMT wurde jemals in ein nationales Parlament gew\u00e4hlt \u2013 und das war ein Kandidat der PPP, der <a href=\"https:\/\/www.marxist.com\/pakistan-imt-and-manzoor-ahmed.htm\">der IMT selbst zufolge<\/a> genauso korrupt war wie seine Partei.<\/p>\n<p>Auf der Suche nach Subjekten<\/p>\n<p>Nach der Abspaltung vom CWI bestand die IMT \u00fcber Jahrzehnte als \u201edie marxistische Stimme der Sozialdemokratie\u201c. Sie sahen sich jedoch mit den gleichen Schwierigkeiten wie Taffees Unterst\u00fctzer:innen konfrontiert: Die Labour Party, die SPD und \u00e4hnliche Parteien setzten eine brutale neoliberale Politik durch und zogen immer weniger sozialistisch gesinnte Arbeiter:innen und Jugendliche an. Die IMT musste also nach neuen Milieus Ausschau halten, w\u00e4hrend sie formal an ihren entristischen Prinzipien festhielt.<\/p>\n<p>Sie fand ein Thema, das linksgerichtete Jugendliche in den fr\u00fchen und mittleren 2000er Jahren begeisterte: die \u201eRosa Welle\u201c der Regierungen in Lateinamerika. Woods wurde ein Cheerleader des venezolanischen Pr\u00e4sidenten Hugo Ch\u00e1vez. Nachdem der Putsch 2002 durch Massenmobilisierungen gestoppt worden war, \u00e4nderte Ch\u00e1vez seine Rhetorik und erkl\u00e4rte den \u201eSozialismus des 21. Jahrhunderts\u201c zu seinem Ziel.<\/p>\n<p>Wie wir <a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/gab-es-eine-sozialistische-revolution-in-venezuela-chavez-vs-trotzki\/\">an anderer Stelle ausf\u00fchrlich darlegten<\/a>, stellte Ch\u00e1vez\u2018 Regierung das dar, was wir Marxist:innen Bonapartismus sui generis nennen w\u00fcrden. In der Hoffnung auf gr\u00f6\u00dfere Unabh\u00e4ngigkeit vom Imperialismus sieht sich ein Teil der Bourgeoisie eines halbkolonialen Landes gezwungen, die Massen mit fortschrittlichen Forderungen hinter sich zu bringen. So charakterisierte Trotzki zum Beispiel die Regierung von L\u00e1zaro C\u00e1rdenas im Mexiko der 1930er Jahre. Woods lehnte es ab, marxistische Kategorien auf Venezuela anzuwenden \u2013 er erkl\u00e4rte Ch\u00e1vez zum F\u00fchrer einer sozialistischen Revolution, obwohl dieser Oberhaupt eines b\u00fcrgerlichen Staates war und das Privateigentum an den Produktionsmitteln stets verteidigte. Ch\u00e1vez h\u00f6rte nie auf, die venezolanischen Staatsschulden an den Imperialismus abzubezahlen. Woods wendete Grants theoretische Rechtfertigung des Opportunismus an und <a href=\"https:\/\/www.leftvoice.org\/socialists-should-not-support-amlo\/\">schrieb<\/a>, dass eine klare marxistische Analyse der venezolanischen Regierung \u201esektiererisch\u201c sei und \u201euns sofort von den Massen abschneiden w\u00fcrde\u201c.<\/p>\n<p>Woods Strategie beruhte auf der Vorstellung, dass die bolivarische Regierung mit gen\u00fcgendem Druck der Massen dazu gebracht werden k\u00f6nne, mit dem Kapitalismus zu brechen. Das ist eine klassisch zentristische Strategie, die schon in den fr\u00fchen 1950er Jahren von Michel Pablo formuliert wurde, um seine politische Unterst\u00fctzung der algerischen Regierung von Ben Bela zu rechtfertigen.<\/p>\n<p>Es ist wichtig, festzustellen, dass die IMT v\u00f6llig kommentarlos mit der Tradition von Ted Grant brach. In den 1960er Jahren <a href=\"https:\/\/www.marxists.org\/archive\/grant\/1970\/05\/progint.htm\">kritisierte Grant<\/a> Pablo und andere trotzkistische Anf\u00fchrer:innen f\u00fcr ihre Anpassung an den deformierten Arbeiter:innenstaat Kuba unter Fidel Castro und Che Guevara. Grant beharrte darauf, dass in Kuba eine proletarische Revolution notwendig sei, die eine von den Stalinist:innen unabh\u00e4ngige F\u00fchrung herstellen w\u00fcrde. Aber nun argumentierte Woods auf einmal daf\u00fcr, dass der Sozialismus in Venezuela unter der F\u00fchrung von Ch\u00e1vez, dem Oberhaupt eines b\u00fcrgerlichen Staates, erreicht werden k\u00f6nnte. Darin klang der alte, antimarixistische Glaube von Militant an, dass ein friedlicher \u00dcbergang in den Sozialismus m\u00f6glich sei.<\/p>\n<p>Und das ist nicht blo\u00df ein Bruch mit Grants Erbe \u2013 es ist vor allem ein Bruch mit allem, was Trotzki w\u00e4hrend seines mexikanischen Exils \u00fcber Lateinamerika schrieb. W\u00e4hrend <a href=\"https:\/\/wikirouge.net\/texts\/en\/Latin_American_Problems:_A_Transcript\">Trotzki den Arbeiter:innen <\/a>riet, die \u201eVolksfront-Parteien\u201c abzulehnen, warb die IMT unter den Arbeiter:innen daf\u00fcr, Ch\u00e1vez\u2018 Partei, der PSUV, beizutreten und sich so mit einem fortschrittlichen Fl\u00fcgel der Bourgeoisie zu verb\u00fcnden.<\/p>\n<p>Als das links-bonapartistische Projekt von Hugo Ch\u00e1vez unter dessen Nachfolger Nicol\u00e1s Maduro, der zunehmend autorit\u00e4re und neoliberale Ma\u00dfnahmen ergriff, zerfiel, brach die IMT schlie\u00dflich mit der PSUV. Das war jedoch kein Bruch mit der b\u00fcrgerlich-nationalistischen Ideologie des Chavismus. Die IMT bildete ein B\u00fcndnis mit einer stalinistischen Partei, um eine R\u00fcckkehr zum Chavismus von Ch\u00e1vez zu fordern. Die Schwesterorganisation von RIO\/<em>Klasse Gegen Klasse<\/em> in Venezuela, die Arbeiter:innenliga f\u00fcr den Sozialismus (LTS), <a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/venezuela-das-versagen-des-chavismus-und-die-rueckkehr-der-rechten\/\">k\u00e4mpfte dagegen f\u00fcr die politische Unabh\u00e4ngigkeit der Arbeiter:innenklasse<\/a>.<\/p>\n<p>Dieser Opportunismus beschr\u00e4nkte sich nicht auf Venezuela. Woods erkl\u00e4rte auch <a href=\"https:\/\/www.marxist.com\/bolivia-800-attend-alan-woods-sucre-santa-cruz.htm\">seine Unterst\u00fctzung der b\u00fcrgerlichen Regierung von Evo Morales<\/a> in Bolivien. Und \u00fcber Jahrzehnte <a href=\"https:\/\/www.leftvoice.org\/socialists-should-not-support-amlo\/\">unterst\u00fctzte die IMT in Mexiko<\/a> Andr\u00e9s Manuel L\u00f3pez Obrador (AMLO), der zuerst B\u00fcrgermeister der mexikanischen Hauptstadt war und nun Pr\u00e4sident des Landes ist. In den USA argumentiert die IMT richtigerweise, dass Sozialist:innen niemals Bernie Sanders unterst\u00fctzen k\u00f6nnten, weil er ein b\u00fcrgerlicher Politiker ist. S\u00fcdlich des R\u00edo Grande ist der IMT das Prinzip der Klassenunabh\u00e4ngigkeit aber anscheinend fremd. Durch die Besch\u00f6nigung des Chavismus und anderer b\u00fcrgerlicher Regierungen macht es die IMT schwerer, jungen Menschen zu erkl\u00e4ren, was der Kommunismus ist und was er nicht ist.<\/p>\n<p><strong>Kriechen nach Links<\/strong><\/p>\n<p>W\u00e4hrend der 2010er kroch die IMT langsam nach links und brach mit ihrer entristischen Strategie, w\u00e4hrend sie theoretisch orthodox grantistisch blieb. Im Vereinigten K\u00f6nigreich verlie\u00df sie die Jugendorganisation Young Labour und baute eine eigene marxistische Studierendenorganisation auf. Als die Socialist Workers Party 2013 in eine Krise geriet und ihre Hegemonie als gr\u00f6\u00dfte linksradikale Gruppe an den britischen Universit\u00e4ten verlor, f\u00fcllte die IMT dieses Vakuum teilweise.<\/p>\n<p>Neue Schichten der Jugend, die w\u00e4hrend oder nach der kapitalistischen Krise von 2008 politisiert wurden, sind viel eher bereit, sich mit dem Kommunismus zu identifizieren. Eine Radikalisierung, die auch durch Social Media vereinfacht wurde, trieb viele Jugendliche zu Positionen viel weiter links als die traditionellen Positionen der IMT. Die IMT verteidigte beispielsweise immer <a href=\"https:\/\/communist.red\/changing-consciousness-within-the-police\/\">Polizeigewerkschaften<\/a> und behauptet, dass diese die Polizei der Arbeiter:innenbewegung ann\u00e4hern und \u201edie F\u00e4higkeit des kapitalistischen Staates, die Arbeiter:innenklasse zu unterdr\u00fccken, untergraben\u201c w\u00fcrden. Doch die Millionen, die w\u00e4hrend der \u201eBlack Lives Matter\u201c-Bewegung 2020 auf die Stra\u00dfen gingen, verstehen, dass Polizeigewerkschaften <a href=\"https:\/\/www.leftvoice.org\/cop-unions-their-real-function-and-role\/\">v\u00f6llig reaktion\u00e4re Institutionen<\/a> sind, die <a href=\"https:\/\/www.leftvoice.org\/the-fight-against-cop-unions-an-international-debate\/\">aus der Gewerkschaftsbewegung ausgeschlossen<\/a> werden m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Um sich diesem neuen Bewusstsein anzupassen, ohne die eigenen fr\u00fcheren Positionen deutlich zu revidieren, nahm die IMT nun zu <a href=\"https:\/\/www.marxist.ca\/article\/rcmp-union-wins-large-pay-raise-every-union-must-demand-the-same-or-better\">hoffnungslos konfusen Formulierungen<\/a> \u00fcber die Polizei Zuflucht. Sie sagt nun, sie verfolgt \u201eden Ansatz, jene Aktionen der Polizeigewerkschaften abzulehnen, die auf Kosten der breiteren Arbeiter:innenklasse gehen, aber solche Aktionen zu unterst\u00fctzen, die den Arbeiter:innen n\u00fctzen und Polizist:innen der Gewerkschaftsbewegung ann\u00e4hern\u201c. Es handelt sich um eine typische zentristische Schummelei, denn dieser Satz kann sowohl eine vollst\u00e4ndige Unterst\u00fctzung von Polizeigewerkschaften als auch ihre vollst\u00e4ndige Ablehnung meinen. Als <em>Klasse Gegen Klasse<\/em> und Trotzkistische Fraktion f\u00fcr die Vierte Internationale (FT-CI) brauchten wir unsere Positionen 2020 nicht zu revidieren, weil immer schon klar machten, <a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wie-haeltst-du-es-mit-der-polizei\/\">dass Polizist:innen keine Arbeiter:innen sind<\/a>. Die IMT erkl\u00e4rt im Gegensatz dazu, <a href=\"https:\/\/socialistrevolution.org\/how-can-the-working-class-end-police-terror\/\">dass Polizeigewerkschaften in den USA unver\u00e4nderlich reaktion\u00e4r seien<\/a>, in Kanada und dem Rest der Welt aber potenziell fortschrittlich seien.<\/p>\n<p>Immer gr\u00f6\u00dfere Widerspr\u00fcche traten auch hinsichtlich Pal\u00e4stinas an die Oberfl\u00e4che. Wie wir <a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/die-farce-der-zwei-staaten-loesung-und-die-sozialistische-perspektive-fuer-palaestina\/\">an anderer Stelle ausgef\u00fchrt hatten<\/a>, verteidigte die IMT \u00fcber Jahrzehnte eine \u201esozialistische Zwei-Staaten-L\u00f6sung\u201c und erkl\u00e4rte, ein \u201esozialistisches Israel\u201c sollte neben einem \u201esozialistischen Pal\u00e4stina\u201c existieren. Unserer Auffassung nach stellt die Position der IMT ein Zugest\u00e4ndnis an den Chauvinismus dar. Eine wachsende Zahl junger Menschen unterst\u00fctzt die marxistische Vorstellung eines einzigen, demokratischen, sozialistischen Pal\u00e4stinas als Teil einer Sozialistischen F\u00f6deration des Nahen Ostens. Daher \u00e4nderte die IMT stillschweigend ihre Position und ihre abscheulichsten anti-pal\u00e4stinensischen Inhalte aus der Mitte der 2000er Jahre aus dem Netz genommen.<\/p>\n<p>In verschiedenen Fragen bewegt sich die IMT nach links und n\u00e4hert sich korrekten trotzkistischen Positionen an. Zumindest ist sie jetzt leiser, was ihre Unterst\u00fctzung f\u00fcr Polizeigewerkschaften oder ein \u201esozialistisches Israel\u201c angeht. Nirgendwo erkennt sie diesen Meinungswandel jedoch an oder erkl\u00e4rt ihn gar.<\/p>\n<p><strong>Ein Mangel an Theorie<\/strong><\/p>\n<p>Das bringt uns zum \u201erevolution\u00e4ren kommunistischen\u201c Rebranding. Innerhalb von nur ein paar Wochen wird die IMT mit rund 70 Jahren Arbeit innerhalb von reformistischen Parteien brechen. Als Taaffe die Mehrheit des CWI vor 30 Jahren aus den sozialdemokratischen Parteien herausf\u00fchrte, bem\u00fchte er sich um theoretische Konsistenz. Taaffe vertrat weiterhin Grants \u201ehistorisches Gesetzt\u201c, dass Marxist:innen in den \u201etraditionellen Massenorganisationen\u201c der Arbeiter:innenklasse sein m\u00fcssten. Er brachte nun aber vor, dass Labour und andere reformistische Parteien aufgeh\u00f6rt h\u00e4tten, b\u00fcrgerliche Arbeiter:innenparteien zu sein, und es sich nun schlicht um b\u00fcrgerliche Parteien handle. Diese Theorie zog nicht in Betracht, dass sich diese reformistischen Parteien weiterhin auf die Gewerkschaftsb\u00fcrokratie und damit indirekt auf die Arbeiter:innenklasse st\u00fctzten. (Diese Tatsache verpflichtete Marxist:innen unserer Meinung nach jedoch nie, sich an solche Parteien anzupassen und Jahrzehnte in ihnen zu arbeiten.) Wenigstens war es der Versuch, eine Theorie f\u00fcr eine gro\u00dfe strategische Wende zu liefern.<\/p>\n<p>Nun vollziehen Woods und die IMT dieselbe Wende, die Taaffe und das CWI vor drei Jahrzehnten machten \u2013 und doch brachte Woods, der sich selbst f\u00fcr eine Art Theoretiker h\u00e4lt, kein Wort der Rechtfertigung daf\u00fcr vor, von einigen Allgemeinpl\u00e4tzen \u00fcber Kommunismus abgesehen. Wenn es in den 1990ern und <a href=\"https:\/\/communist.red\/sectarianism-british-left-socialism-local-elections-campaign-new-workers-party-workers-movement\/\">noch vor 15 Jahren<\/a> ein sektiererisches Abenteuer war, die Labour Party zu verlassen und eine konkurrierende Partei zu gr\u00fcnden, warum ist das dann in den 2020ern die richtige Politik? Ist die Labour Party unter Starmer so anders, als sie es unter Blair war?<\/p>\n<p>Es ist zu begr\u00fc\u00dfen, dass die IMT sich das Ziel setzt, revolution\u00e4re, kommunistische Parteien aufzubauen. Doch kann dies nicht dadurch geschehen, dass Propagandagruppen ohne bekannte Anf\u00fchrer:innen von Arbeiter:innenk\u00e4mpfen Erkl\u00e4rungen herausgeben. Und auch wenn Woods sich \u201erevolution\u00e4rer Kommunist\u201c nennt, scheint er seine Unterst\u00fctzung f\u00fcr die b\u00fcrgerliche Regierung Mexikos nicht aufgegeben zu haben.<\/p>\n<p>Ohne irgendeine Form ernsthafter programmatischer Grundlage kann die Linkswende der IMT nicht anhalten \u2013 mit dem n\u00e4chsten Trend wird sie sich zur\u00fcck nach rechts wenden. Einem wilden Zick folgt unweigerlich ein ebenso wildes Zack. Die Genoss:innen der IMT brechen mit ihrer lange vertretenen Strategie der Anpassung an den Reformismus, doch es ist ein organisatorischer und weniger ein politischer Bruch. Dies wird deutlich, wenn man sich die Bilanz des CWI nach dem Verlassen der Labour Party ansieht: Obwohl es nicht mehr Teil einer reformistischen Partei war, glaubte es weiterhin daran, dass eine Art reformistische Partei auf dem Weg zu einer revolution\u00e4ren Formation notwendig sei. Dies f\u00fchrte das CWI zur Unterst\u00fctzung \u201eneuer\u201c reformistischer Parteien in verschiedenen Teilen der Welt.<\/p>\n<p><strong>Echte Klassenunabh\u00e4ngigkeit<\/strong><\/p>\n<p>In vielerlei Hinsicht wirft die IMT viele der Positionen, die Grants Tradition ausmachten, kurzerhand \u00fcber Bord. In gewisser Weise erweist sich Woods jedoch als Grants treuester Sch\u00fcler: Beide waren Meister der Selbstverherrlichung. Die IMT behauptet oft, Militant sei die gr\u00f6\u00dfte trotzkistische Organisation der Welt nach 1945 gewesen. Das ist offenkundig falsch. Selbst auf ihrem H\u00f6hepunkt konnte Militant nicht mit der LCR in Frankreich oder der MAS in Argentinien mithalten, ganz zu schweigen von den Trotzkist:innen in Vietnam oder Bolivien.<\/p>\n<p>Woods verk\u00fcndet, dass die IMT \u201edie einzige Organisation ist, die eine Verantwortung f\u00fcr die Wiederherstellung des Kommunismus hat\u201c. Andere Organisationen sind, einfach weil sie nicht die IMT sind, alle \u201eSekten\u201c. Es hat den Anschein, dass die IMT-F\u00fchrer:innen, w\u00e4hrend sie sich anderen trotzkistischen Tendenzen politisch etwas ann\u00e4hern, ihre Verbitterung verst\u00e4rken. Woods sagt, dass alle Vorschl\u00e4ge f\u00fcr eine Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Sozialist:innen \u201edirekt in den Papierkorb\u201c wandern sollten.<\/p>\n<p>Schauen wir uns als Gegenbeispiel die gr\u00f6\u00dften trotzkistischen Organisationen in der heutigen Welt an. Die Trotzkist:innen in Argentinien bilden die Front der Linken \u2013 Einheit (FIT-U), deren gr\u00f6\u00dfter Bestandteil die Partei der Sozialistischen Arbeiter:innen (PTS) ist, eine Schwesterorganisation von RIO\/<em>Klasse Gegen Klasse<\/em>. Die FIT-U hat <a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/argentinien-iwf-kandidat-und-ultrarechter-in-stichwahl\/\">f\u00fcnf Sitze im argentinischen Kongress<\/a> (vier davon geh\u00f6ren PTS-Mitgliedern) und hat \u00fcber 700.000 Stimmen erhalten. Die trotzkistische Linke kann in Buenos Aires etwa 25.000 Menschen mobilisieren und damit <a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/argentinien-20-000-trotzkistinnen-fuellen-fussballstadion\/\">Fu\u00dfballstadien f\u00fcllen<\/a>. Noch wichtiger ist, dass trotzkistische Arbeiter:innen in Hunderten von Betrieben vertreten sind und viele wichtige K\u00e4mpfe f\u00fchrten.<\/p>\n<p>Mit einer kleinen Handvoll Mitglieder in Argentinien hat die IMT <a href=\"https:\/\/www.marxist.com\/argentina-2019-elections-prepare-for-the-future.htm\">vage Kritik<\/a> an der FIT ge\u00fcbt und dem B\u00fcndnis einen \u201eparlamentarische <em>bias<\/em>\u201c vorgeworfen. Doch die Genoss:innen der PTS sind stolz darauf, die <a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/argentinien-streit-im-palast-kampf-auf-der-strasse\/\">parlamentarische Trib\u00fcne f\u00fcr revolution\u00e4re Agitation<\/a> zu nutzen. Wie wir sahen, hatte die IMT nie die Gelegenheit, in der Praxis zu zeigen, wie ihre Vertreter:innen in einem b\u00fcrgerlichen Parlament handeln w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Noch vor einem Jahrzehnt forderte Woods die Marxist:innen in Argentinien auf, sich der fortschrittlichen b\u00fcrgerlichen Koalition von N\u00e9stor und Cristina Kirchner anzuschlie\u00dfen. Dies steht in v\u00f6lliger \u00dcbereinstimmung mit seiner Unterst\u00fctzung f\u00fcr Ch\u00e1vez, Morales, AMLO und andere Regierungen der Rosa Welle. Gl\u00fccklicherweise lehnten die meisten Trotzkist:innen in Argentinien Woods\u2018 Weisheit ab und gr\u00fcndeten stattdessen ein B\u00fcndnis, das auf Klassenunabh\u00e4ngigkeit basiert. Sie zeigten, dass sie auf der Grundlage eines klassenk\u00e4mpferischen Programms zusammenarbeiten k\u00f6nnen, w\u00e4hrend sie ihre Differenzen offen diskutieren.<\/p>\n<p>Es ist bedauerlich, dass Woods bereit war, eine Front mit Ch\u00e1vez, Morales oder etlichen anderen b\u00fcrgerlichen Regierungen zu bilden, w\u00e4hrend er jede Zusammenarbeit zwischen Sozialist;innen ablehnte. Wir sind der Meinung, dass es insbesondere im Zusammenhang mit Israels v\u00f6lkerm\u00f6rderischem Angriff auf Gaza f\u00fcr Sozialist:innen unerl\u00e4sslich ist, so eng wie m\u00f6glich zusammenzuarbeiten und dabei keinen Hehl aus ihren Differenzen zu machen. Sollte Woods diese Idee auch ablehnen, sind wir doch davon \u00fcberzeugt, dass die Mitglieder der IMT bereit sind, sie in Betracht zu ziehen.<\/p>\n<p>Die PTS und die FIT-U in Argentinien stellen derzeit das gr\u00f6\u00dfte und erfolgreichste trotzkistische Projekt der Welt dar. Aber es w\u00e4re absurd, sie als die einzigen Revolution\u00e4r:innen zu bezeichnen. Stattdessen k\u00f6nnen die Erfahrungen der FIT-U als Grundlage f\u00fcr den Aufbau echter Parteien und den Wiederaufbau der Vierten Internationale dienen. Dies kann nur durch Kampf und Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Tendenzen der revolution\u00e4ren sozialistischen Bewegung geschehen.<\/p>\n<p><em>#Titelbild: Fahnen vom Funken beim 1. Mai in M\u00fcnchen, 2022, Foto: Simon Zinnstein \/ Klasse gegen Klasse <\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/bist-du-kommunist-dann-lass-uns-ueber-die-imt-reden\/\"><em>klassegegenklasse.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 16. Februar 2024<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nathaniel Flakin. Die Internationale Marxistische Tendenz, angef\u00fchrt von Alan Woods, vermarktet sich neuerdings als \u201edie Kommunisten&#8220;. Ist das ein Schritt nach links? Irgendwie schon. Aber Jahrzehnte opportunistischer Politik verschwinden nicht \u00fcber Nacht. <\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":14206,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,6],"tags":[25,26,18,22,42,4],"class_list":["post-14205","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-debatte","category-geschichte-und-theorie","tag-arbeiterbewegung","tag-gewerkschaften","tag-imperialismus","tag-politische-oekonomie","tag-sozialdemokratie","tag-strategie"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/14205","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=14205"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/14205\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":14207,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/14205\/revisions\/14207"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/14206"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=14205"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=14205"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=14205"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}