{"id":1422,"date":"2016-08-15T16:03:02","date_gmt":"2016-08-15T14:03:02","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=1422"},"modified":"2018-01-19T18:29:45","modified_gmt":"2018-01-19T16:29:45","slug":"deutschland-vorlaeufig-keine-alternative-zu-den-dgb-gewerkschaften","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=1422","title":{"rendered":"Deutschland: Vorl\u00e4ufig keine Alternative zu den DGB-Gewerkschaften"},"content":{"rendered":"<p><i><span style=\"font-size: 11.0pt; font-family: 'Calibri',sans-serif;\"><span style=\"color: #000000;\">Jakob Sch\u00e4fer. <\/span><\/span><\/i><span style=\"font-size: 11.0pt; font-family: 'Calibri',sans-serif;\"><span style=\"color: #000000;\">F\u00fcr viele, die das herrschende System als hinf\u00e4llig betrachten (oder es gar bek\u00e4mpfen wollen), ist es alles andere als selbstverst\u00e4ndlich, sich daf\u00fcr auch in einer Gewerkschaft zu organisieren. <\/span><\/span><!--more--><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 11.0pt; font-family: 'Calibri',sans-serif;\"><span style=\"color: #000000;\">Und wenn ja, wieso dann in einer DGB-Gewerkschaft, wo doch der DGB nun wirklich nicht systemoppositionell ist?<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 11.0pt; font-family: 'Calibri',sans-serif;\"><span style=\"color: #000000;\">Nicht nur mit Kamingespr\u00e4chen bei der Kanzlerin, sondern vor allem mit ihrer konkreten Politik gegen\u00fcber Kapital und Staat (von der gewerkschaftlichen Tarifpolitik bis zur Gesellschaftspolitik) wirken die DGB-Gewerkschaften als uneingeschr\u00e4nkte Unterst\u00fctzerinnen der herrschenden Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung. Mit dieser Feststellung ist aber noch l\u00e4ngst nicht das Wesen einer Gewerkschaft voll erfasst und erst recht nicht, welche Schlussfolgerungen sich daraus ergeben.<\/span><\/span><\/p>\n<p><b><span style=\"font-size: 11.0pt; font-family: 'Calibri',sans-serif;\"><span style=\"color: #000000;\">Doppelcharakter<\/span><\/span><\/b><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 11.0pt; font-family: 'Calibri',sans-serif;\"><span style=\"color: #000000;\">Ohne an dieser Stelle die grunds\u00e4tzliche Berechtigung von Gewerkschaftsarbeit zu rekapitulieren, soll hier nur festgehalten werden: Gewerkschaften ergeben sich aus den Widerspr\u00fcchen des Kapitalismus, und zwar, wie bei keiner anderen Formation, unmittelbar aus dem Grundwiderspruch des Systems selbst, n\u00e4mlich dem zwischen Lohnarbeit und Kapital. Dabei haben die Gewerkschaften einen Doppelcharakter:<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 11.0pt; font-family: 'Calibri',sans-serif;\"><span style=\"color: #000000;\">Auf der einen Seite sind sie Schutzmacht gegen die schrankenlose Herrschaft des Kapitals, indem sie der Unterbietungskonkurrenz von Belegschaften einen Riegel vorschieben, vor allem durch Tarifvertr\u00e4ge, nach M\u00f6glichkeit landesweit.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 11.0pt; font-family: 'Calibri',sans-serif;\"><span style=\"color: #000000;\">Zum anderen sind sie auch Ordnungsmacht, weil sie auch ein Element des Kapitalverh\u00e4ltnisses sind (mindestens dann, wenn Tarifvertr\u00e4ge abgeschlossen sind), auch unabh\u00e4ngig von einer Politik der Klassenvers\u00f6hnung (die allerdings f\u00fcr fast alle Gewerkschaften, auch au\u00dferhalb des DGB, die Regel ist).<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 11.0pt; font-family: 'Calibri',sans-serif;\"><span style=\"color: #000000;\">Der Doppelcharakter existiert auch dann fort, wenn die Gewerkschaften stark b\u00fcrokratisiert sind, wie dies beim DGB der Fall ist. Ohne hier auf die konkreten Auswirkungen dieser Deformierung einzugehen, die sich aus Apparatisierung, Autokratisierung und B\u00fcrokratisierung ergeben haben, soll aber festgehalten werden: Die DGB-Mitgliedsorganisationen sind weder gelbe Gewerkschaften (also von der Gegenseite initiiert und gesteuert), noch etwa haben Mitglieder und ehrenamtliche Funktion\u00e4re keine M\u00f6glichkeiten, auf die Politik der Gewerkschaften einzuwirken.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 11.0pt; font-family: 'Calibri',sans-serif;\"><span style=\"color: #000000;\">Wenn oppositionelle Kr\u00e4fte heute in den DGB-Gewerkschaften nichts Gro\u00dfartiges bewegen, dann liegt es nicht am Klassencharakter dieser Organisationen (auch wenn die Gewerkschaftsb\u00fcrokratie zweifellos b\u00fcrgerliche Politik betreibt). Es liegt vielmehr an den politischen Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnissen innerhalb der Belegschaften und innerhalb der gewerkschaftlichen Strukturen, die keinesfalls von den Bestrebungen aus der Basis v\u00f6llig abgeschottet sind oder abgeschottet werden k\u00f6nnen (auch wenn es den autonomen Bewegungen an der Basis nicht gerade leicht gemacht wird). Auf Einzelheiten einzugehen, ist an dieser Stelle nicht m\u00f6glich.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 11.0pt; font-family: 'Calibri',sans-serif;\"><span style=\"color: #000000;\">Der Hauptgrund, der f\u00fcr eine Arbeit in den DGB-Gewerkschaften spricht, liegt auf der Ebene, wo und wie am wirkungsvollsten KollegInnen zur Eigenaktivit\u00e4t und zur St\u00e4rkung ihrer kollektiven (Kampf)kraft bewegt werden k\u00f6nnen.<\/span><\/span><\/p>\n<p><b><span style=\"font-size: 11.0pt; font-family: 'Calibri',sans-serif;\"><span style=\"color: #000000;\">Was bindet Kolleginnen und Kollegen an die Gewerkschaft?<\/span><\/span><\/b><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 11.0pt; font-family: 'Calibri',sans-serif;\"><span style=\"color: #000000;\">Aus dem Gesagten geht zun\u00e4chst hervor: Gewerkschaften sind die tagt\u00e4gliche Einheitsfront der KollegInnen im Abwehrkampf gegen die Zumutungen des Kapitals. Diese Erfahrung machen die Besch\u00e4ftigten bei Amazon genauso wie bei XXXL oder jedem anderen Betrieb, bei dem per Union-Busting die M\u00f6glichkeit vereitelt werden soll, sich mit kollektiven Aktionen gegen Unternehmerwillk\u00fcr zu wehren.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 11.0pt; font-family: 'Calibri',sans-serif;\"><span style=\"color: #000000;\">Sowohl in den Gro\u00dfbetrieben der Industrie wie auch in Dienstleistungsbetrieben, in Beh\u00f6rden und B\u00fcros gilt: Das Bewusstsein ist sehr weit gef\u00e4chert und wird es immer sein. Nur in Ausnahmesituationen revolution\u00e4rer Krise n\u00e4hern sich die Standpunkte breitester Massen dem der fortgeschritteneren oder fortgeschrittensten Kolleginnen und Kollegen an. Im Normalfall l\u00e4sst sich das einigende Band der Gewerkschaftsmitgliedschaft f\u00fcr viele Mitglieder so beschreiben: \u00abWir brauchen die Gewerkschaft f\u00fcr unseren Schutz und zur Durchsetzung oder Verteidigung von Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, Urlaubsgeld usw. und damit es \u00fcberhaupt noch Lohnerh\u00f6hungen gibt. Ich bin zwar mit vielem, was die Gewerkschaft macht, nicht einverstanden, aber ohne Gewerkschaft ginge es uns ganz sch\u00f6n beschissen.\u00bb<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 11.0pt; font-family: 'Calibri',sans-serif;\"><span style=\"color: #000000;\">Dieses einigende Band bindet und organisiert (!) die unterschiedlichsten Kollegen, solche mit antikapitalistischen Vorstellungen, Kollegen mit mehr oder weniger spontanem Klassenbewusstsein, aber auch solche mit CDU-Parteibuch und leider auch AfD-W\u00e4hler. Was sie eint, ist die oben genannte Einsicht, dass es ihnen ohne Gewerkschaften schlechter ginge. Die meisten von ihnen sind nicht bereit, sich st\u00e4rker zu engagieren, aber sie bilden dennoch den Kern gewerkschaftlicher Macht, denn: Sie k\u00f6nnen im Zweifelsfall mobilisiert werden, auch wenn dies \u2013 etwa bei \u00abnormalen\u00bb Tarifrunden \u2013 bekanntlich nicht f\u00fcr alle gilt.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 11.0pt; font-family: 'Calibri',sans-serif;\"><span style=\"color: #000000;\">Politisch lupenrein antikapitalistische Gewerkschaften haben zu wollen, steht im Widerspruch zu den realen Ausgangsvoraussetzungen, n\u00e4mlich zur Tatsache, dass die politische Bewusstseinsentwicklung unter der Masse der Besch\u00e4ftigten sehr unterschiedlich ist und dass die Gewerkschaften Belegschaften zun\u00e4chst nur auf der allgemeinsten Ebene des Gegensatzes von Lohnarbeit und Kapital organisieren. Nur unter der Voraussetzung, dass damit bedeutsame Teile der Klasse (mindestens einer Berufsgruppe) erfasst und organisiert werden, kann Wirkm\u00e4chtigkeit erreicht werden.<\/span><\/span><\/p>\n<p><b><span style=\"font-size: 11.0pt; font-family: 'Calibri',sans-serif;\"><span style=\"color: #000000;\">Gewerkschaften sind keine Parteien<\/span><\/span><\/b><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 11.0pt; font-family: 'Calibri',sans-serif;\"><span style=\"color: #000000;\">Daraus ergibt sich aber mitnichten ein ehernes Prinzip f\u00fcr ein bedingungsloses Festhalten an der Organisationsform Einheitsgewerkschaft. Richtungsgewerkschaften k\u00f6nnen die richtige Antwort auf eine verfahrene Situation sein: tiefe Unzufriedenheit in bedeutenden Teilen der Einheitsgewerkschaft verbunden mit so starker b\u00fcrokratischer Kontrolle, dass es oppositionellen Kr\u00e4ften nicht m\u00f6glich ist, den politischen Kampf in den vorhandenen Organisationen bis zur Durchsetzung eines Richtungswechsels zu Ende zu f\u00fchren. Eine solche Situation hat beispielsweise in Frankreich zur Entstehung der Union Solidaires gef\u00fchrt.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 11.0pt; font-family: 'Calibri',sans-serif;\"><span style=\"color: #000000;\">Solche gewichtigen Entscheidungen gewerkschaftlicher Strategiebestimmung k\u00f6nnen Sozialisten nur dann unterst\u00fctzen, wenn es realistische Aussichten auf die Gewinnung von Massenanhang und Wirksamkeit gibt (und zwar nicht erst in Jahrzehnten). Ist diese Voraussetzung nicht gegeben bzw. vollkommen unrealistisch, dann tendiert diese neue Gewerkschaft zwangsl\u00e4ufig dazu, eine kleine politische Partei zu sein, die zwar sympathisch erscheinen mag, die aber keine breiteren Teile der Klasse mobilisieren kann.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 11.0pt; font-family: 'Calibri',sans-serif;\"><span style=\"color: #000000;\">Auch Spartengewerkschaften k\u00f6nnen nur konkret beurteilt werden. Die GdL beispielsweise (sie ist ganz nebenbei die \u00e4lteste heute in Deutschland existierende Gewerkschaft) hat bedeutende Teile der Belegschaft der Bahn hinter sich. Ihre Kampfkraft steht au\u00dfer Zweifel und sie ist auch l\u00e4ngst keine Standesorganisation mehr. Auch in politischen Fragen (Stuttgart 21) steht sie deutlich links von der EVG.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 11.0pt; font-family: 'Calibri',sans-serif;\"><span style=\"color: #000000;\">Aber klar muss sein: Wir reden nicht der Abspaltung von Berufsgruppen das Wort, etwa weil diese dann (von weniger b\u00fcrokratischer G\u00e4ngelung betroffen) leichter die Interessen ihrer spezifischen Klientel durchsetzen k\u00f6nnten. Es muss abgewogen werden, welche Nachteile f\u00fcr die \u00fcbrigen Besch\u00e4ftigten entstehen, wenn sich eine Berufsgruppe, die an der \u00abSchaltstelle\u00bb sitzt, absondert und die anderen im Regen stehen l\u00e4sst.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 11.0pt; font-family: 'Calibri',sans-serif;\"><span style=\"color: #000000;\">Letztlich gilt dies auch f\u00fcr die Gro\u00dfbetriebe, in denen Gewerkschaften ganz gerne Haustarife abschlie\u00dfen (VW ist da nur der gr\u00f6\u00dfte Brocken), um diese Klientel ruhig zu stellen, womit aber in jedem Fall deren (potenzielle) Kampfkraft in der Fl\u00e4che fehlt.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 11.0pt; font-family: 'Calibri',sans-serif;\"><span style=\"color: #000000;\">Um im Klassenkampf etwas zu bewegen und Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse zu beeinflussen, haben (partei\u00e4hnliche) Kleingewerkschaften kein wirkliches Gewicht, genauso wenig wie einzelne \u00abLeuchtfeueraktivit\u00e4ten\u00bb.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 11.0pt; font-family: 'Calibri',sans-serif;\"><span style=\"color: #000000;\">Welche gewerkschaftspolitische Strategie mittel- und langfristig erfolgversprechend ist, muss danach beurteilt werden, wo und wie die gr\u00f6\u00dftm\u00f6gliche Zahl von Kollegen zu mehr Eigenaktivit\u00e4t und zur kollektiven \u2013 wirksamen \u2013 Verteidigung von Klasseninteressen bewegt werden kann. Beim gegenw\u00e4rtigen Stand der Gewerkschaftslandschaft in Deutschland, beim gegenw\u00e4rtigen Stand des allgemeinen (sehr beschr\u00e4nkten) Klassenbewussteins und bei der Schw\u00e4che gewerkschaftlich orientierter, systemoppositioneller Kr\u00e4fte haben Abspaltungen von DGB-Gewerkschaften auf absehbare Zeit keine Chance, sich wirksam zu etablieren.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 11.0pt; font-family: 'Calibri',sans-serif;\"><span style=\"color: #000000;\">Die Musik wird da gespielt, wo die Masse der Kolleginnen und Kollegen \u00abdie\u00bb Gewerkschaft sieht, n\u00e4mlich bei den DGB-Gewerkschaften und bei den wenigen wirkm\u00e4chtigen Spartengewerkschaften (GDL, Cockpit, UFO, Marburger Bund). Wer also etwas bewegen will, muss dort f\u00fcr eine andere Politik k\u00e4mpfen, wo er\/sie auch die Masse der gewerkschaftlich organisierten Kolleginnen und Kollegen antrifft. Mittel- und langfristig dort eine klassenk\u00e4mpferische Str\u00f6mung aufzubauen, bleibt die entscheidende Herausforderung.<\/span><\/span><\/p>\n<p><cite><span style=\"font-size: 11.0pt; font-family: 'Calibri',sans-serif;\"><span style=\"color: #000000;\">Quelle: <\/span><a href=\"http:\/\/www.sozonline.de\/2016\/05\/auf-absehbare-zeit-gibt-es-keine-alternative-zu-den-dgb-gewerkschaften\/\"><span style=\"color: #0000ff;\">sozonline.de&#8230;<\/span><\/a><span style=\"color: #000000;\"> vom 5. Juni 2016<\/span><\/span><\/cite><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 11.0pt; font-family: 'Calibri',sans-serif;\"><span style=\"color: #000000;\">\u00a0<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000; font-family: Calibri;\">\u00a0<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jakob Sch\u00e4fer. 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