{"id":14229,"date":"2024-02-22T10:09:46","date_gmt":"2024-02-22T08:09:46","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=14229"},"modified":"2024-02-22T10:09:47","modified_gmt":"2024-02-22T08:09:47","slug":"putin-bettelt-um-friedliche-koexistenz-mit-dem-imperialismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=14229","title":{"rendered":"<strong>Putin bettelt um \u201efriedliche Koexistenz\u201c mit dem Imperialismus<\/strong>"},"content":{"rendered":"<p><em>Junge Garde der Bolschewiki-Leninisten. <\/em>Am 9. Februar ver\u00f6ffentlichte der US-Journalist Tucker Carlson, ein prominenter Vertreter der extremen Rechten, ein mehr als zweist\u00fcndiges Interview mit dem russischen Pr\u00e4sidenten Wladimir Putin. Dass das Interview auf gro\u00dfes Interesse stie\u00df und alleine auf YouTube mehr als 18 Millionen Mal aufgerufen wurde, verdeutlicht das immense Misstrauen der \u00d6ffentlichkeit<!--more--> gegen\u00fcber der medialen Propaganda und ihre Besorgnis \u00fcber den Krieg in der Ukraine. Deshalb ist es notwendig, Putins Positionen einer genaueren Analyse zu unterziehen, seine bankrotte Politik zu entlarven und zu erl\u00e4utern, wie sich darin die materiellen Interessen, die soziale Psychologie und die historischen Urspr\u00fcnge der Oligarchie Russlands widerspiegeln, deren Inkarnation Putin ist.<\/p>\n<p><strong>Mythologie kontra Geschichte<\/strong><\/p>\n<p>Putin begann das Interview mit einem halbst\u00fcndigen aus Fantasien zusammengesetzten Diskurs \u00fcber die Geschichte Russlands und die Urspr\u00fcnge der Ukraine. Trotz Putins Versuch, sich als ernsthafter Denker zu inszenieren, der sich mit den Zusammenh\u00e4ngen zwischen aktuellen Themen und historischen Ereignissen auseinandersetzt, machte er sich nur l\u00e4cherlich. Tucker Carlson konnte seine eigene Verlegenheit nicht verbergen, als allzu offensichtlich wurde, dass sein Gegen\u00fcber nicht der brillante Stratege oder gar das \u201eb\u00f6se Genie\u201c war, als das er in den westlichen Medien dargestellt wird.<\/p>\n<p>Bei seinem Versuch, den prominenten US-Medienschaffenden mit einer blendenden Zurschaustellung von Gelehrsamkeit zu beeindrucken, wirkte Putin wie ein absurd \u00fcberheblicher Autodidakt. Unabh\u00e4ngig davon, wie beeindruckt der russische Pr\u00e4sident von seinen eigenen \u00dcberlegungen sein mag, war seine Darstellung der Vergangenheit \u2013 von F\u00fcrst Rurik \u00fcber seinen Nachfolger Oleg und Urenkel Wladimir bis hin zu Dschingis Khan, Katharina der Gro\u00dfen und schlie\u00dflich zum heutigen Bewohner des Kremls \u2013 nichts weiter als eine plumpe Aneinanderreihung neozaristischer slawophiler M\u00e4rchen, die nichts mit ernsthafter Geschichtswissenschaft zu tun haben.<\/p>\n<p>Putin begann seine Erz\u00e4hlung im Jahr 862, womit er den zaristischen Mythos von der \u201etausendj\u00e4hrigen Geschichte Russlands\u201c wiederholte und das Russische Zarenreich verherrlichte. In Wirklichkeit ist die russische Nation h\u00f6chstens halb so alt und blieb immer hinter den fortgeschritteneren kapitalistischen Nationen Europas und Amerikas zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Er konzentrierte sich auf den mittelalterlichen Staat Kiewer Rus, den er als \u201eRussland\u201c darstellte. Allerdings existierten damals weder Russen noch Ukrainer als V\u00f6lker oder Nationen im modernen Sinne des Wortes. Die Kiewer Rus war kein Nationalstaat, so wie es auch im mittelalterlichen Europa keine Nationalstaaten gab.<\/p>\n<p>Putin beharrt auf dem Mythos, dass Nation und Volk ein ewiges Ganzes sind, das schon immer existiert hat. Er versteht nichts von den historisch begr\u00fcndeten sozio\u00f6konomischen Prozessen, die zur Entstehung moderner kapitalistischer Staaten f\u00fchrten. Er erkl\u00e4rt nicht, warum Russland nicht als ein einzelner Nationalstaat entstanden ist, sondern sich vielmehr als Staat entwickelt hat, der viele verschiedene Nationalit\u00e4ten umfasst, von denen die meisten vom Zarismus und dem gro\u00dfrussischen Chauvinismus unterdr\u00fcckt wurden.<\/p>\n<p>Das zaristische Russland hatte nicht umsonst den Ruf, das \u201eGef\u00e4ngnis der Nationen\u201c zu sein. Im Zarenreich machten Russen nur 43 Prozent der Bev\u00f6lkerung aus und die Ukrainer etwa 17 Prozent. <a href=\"https:\/\/www.marxists.org\/deutsch\/archiv\/trotzki\/1930\/grr\/b2-kap16.htm\">Leo Trotzki schrieb dazu<\/a> in seiner <em>\u201eGeschichte der Russischen Revolution\u201c<\/em>:<\/p>\n<p><em>Die habs\u00fcchtige Begehrlichkeit des Staates und die D\u00fcrftigkeit der b\u00e4uerlichen Basis der herrschenden Klassen schufen erbittertste Formen der Ausbeutung. Die nationale Unterdr\u00fcckung war in Ru\u00dfland viel gr\u00f6\u00dfer als in den Nachbarstaaten, nicht nur jenseits der westlichen, sondern auch jenseits der \u00f6stlichen Grenze. Die gro\u00dfe Zahl der rechtlosen Nationen und die Sch\u00e4rfe der Rechtlosigkeit verliehen dem nationalen Problem im zaristischen Ru\u00dfland gewaltige Explosivkraft. (Leo Trotzki, Geschichte der Russischen Revolution, Band 2, Kapitel 16 \u201eDie nationale Frage\u201c)<\/em><\/p>\n<p>Die Bolschewiki, von denen viele selbst aus nationalen Minderheiten stammten, erkannten die Bedeutung dieses Themas und vertraten das \u201eRecht der Nationen auf Selbstbestimmung\u201c. Lenin verstand, dass die Bolschewiki nur dann die Unterst\u00fctzung der Masse der unterdr\u00fcckten Nationalit\u00e4ten gewinnen und die internationale Vereinigung der Arbeiter aller Nationalit\u00e4ten erreichen konnten, wenn sie diese demokratische Forderung vertraten.<\/p>\n<p>Putin verurteilte Lenin in dem Interview f\u00fcr genau diese Haltung. In stillschweigender Anerkennung der demokratischen Grundlagen der UdSSR erkl\u00e4rte er:<\/p>\n<p><em>Aus irgendeinem unerkl\u00e4rlichen Grund beharrte Lenin, der Gr\u00fcnder des Sowjetstaates, darauf, dass sie das Recht haben, aus der UdSSR auszuscheiden. Und, ebenfalls aus unerfindlichen Gr\u00fcnden, \u00fcbertrug er der neu gegr\u00fcndeten Sowjetrepublik Ukraine L\u00e4ndereien mit der dort lebenden Bev\u00f6lkerung, obwohl sie niemals Ukraine hie\u00dfen.<\/em><\/p>\n<p>Diese Passagen entlarven Putin als Feind von allem, was an der Oktoberrevolution und der Gr\u00fcndung der Sowjetunion progressiv war.<\/p>\n<p>Die Bolschewiki f\u00f6rderten in der fr\u00fchen Sowjetunion die kulturelle Entwicklung der Ukraine wie auch der anderen unterdr\u00fcckten Nationen. Dies zeugte von dem immensen demokratischen Impetus der Revolution und war einer der Hauptgr\u00fcnde, warum die Arbeiter Russlands und der Ukraine selbst nach dem Aufstieg des Stalinismus und dem Terror der 1930er-Jahre gemeinsam die Errungenschaften der Oktoberrevolution gegen die Invasion der Nazis im Jahr 1941 verteidigten.<\/p>\n<p>Der Verrat des Stalinismus an Lenins internationalistischen und demokratischen Prinzipien hinsichtlich der Nationalit\u00e4ten schuf die Grundlagen f\u00fcr den gewaltsamen Ausbruch ethnischer Konflikte w\u00e4hrend der Aufl\u00f6sung der Sowjetunion und der Wiedereinf\u00fchrung des Kapitalismus durch die B\u00fcrokratie 1991. In einem bemerkenswerten Eingest\u00e4ndnis erkl\u00e4rte Putin w\u00e4hrend des Interviews: \u201eDer Zusammenbruch der Sowjetunion wurde tats\u00e4chlich von der russischen F\u00fchrung initiiert.\u201c<\/p>\n<p>Jetzt erlebt die Welt, wozu diese \u201eInitiative\u201c gef\u00fchrt hat: zu einem Bruderkrieg, der bereits Hunderttausende von Ukrainern und Russen das Leben gekostet hat.<\/p>\n<p><strong>Putin und die \u201eFehler\u201c des Imperialismus: Die russischen Oligarchen streben nach \u201efriedlicher Koexistenz\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Der auff\u00e4lligste Aspekt von Putins \u00c4u\u00dferungen waren seine Bem\u00fchungen, jeden Anschein zu vermeiden, die Politik der USA beruhe auf eindeutigen wirtschaftlichen und geopolitischen Interessen. Er verharmloste die Politik der Biden-Regierung und der Nato als nichts als bedauerliche Fehler. Putin konnte nicht verstehen, warum Washington seine Appelle zu Freundschaft und Verst\u00e4ndnis zur\u00fcckgewiesen hat.<\/p>\n<p>Obwohl Putin zahlreiche Gelegenheiten erhielt, die USA nachdr\u00fccklich daf\u00fcr zu verurteilen, dass sie den Krieg angezettelt haben, klang er nur fassungslos. Auf Tucker Carlsons Frage nach der Nato-Erweiterung in Richtung Russland, den Bombenanschlag auf die deutsch-russische Pipeline Nord Stream und die Weigerung der USA, Russland in die Nato aufzunehmen, reagierte er mit S\u00e4tzen wie: \u201eIch verstehe es nicht.\u201c Putin zufolge ist die brutale Politik der imperialistischen M\u00e4chte eine Reihe von nahezu unerkl\u00e4rlichen Fehlern, die leicht korrigiert werden k\u00f6nnten, wenn ein oder zwei Staatschefs nur \u201eerhellt\u201c w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Putin schilderte, wie die russischen Oligarchen seit 1991 wiederholt versucht haben, sich mit der amerikanischen herrschenden Klasse zu vers\u00f6hnen. Er klagte, Russland habe 1991 erwartet, von den \u201ezivilisierten Nationen\u201c aufgenommen zu werden, sei aber entt\u00e4uscht worden. Er erz\u00e4hlte, wie er selbst nach der Nato-Bombardierung Jugoslawiens nachgefragt habe, ob Russland in das B\u00fcndnis aufgenommen w\u00fcrde, aber erneut von den USA abgewiesen worden sei.<\/p>\n<p>Was die schrecklichen Folgen des Ukraine-Konflikts angeht, so zeigte Putin eine bemerkenswerte Gleichg\u00fcltigkeit gegen\u00fcber den Opfern des Kriegs. Er sprach zwar von der angeblichen \u201eEinheit\u201c des russischen und des ukrainischen Volkes, erw\u00e4hnte aber mit keinem Wort die sch\u00e4tzungsweise 400.000 Ukrainer, die bisher gestorben sind. Ebenso wenig verurteilte er den kriminellen Charakter der imperialistischen Politik, die in den letzten drei Jahrzehnten die Ukraine und viele andere Regionen verw\u00fcstet hat.<\/p>\n<p>Das ganze Interview verdeutlicht zwei Dinge: Erstens, dass sich Putin immer noch an die Hoffnung auf einen \u201efairen Deal\u201c mit dem Imperialismus klammert, und zweitens, dass er durch seine Antworten und das gesamte Interview die Grundlagen f\u00fcr den Beginn von Verhandlungen \u00fcber einen solchen Deal schaffen will. Er appelliert an Teile der herrschenden Klasse der USA, endlich \u201ezur Vernunft zu kommen\u201c und ein Abkommen mit den Oligarchen und Moskau abzuschlie\u00dfen. In diese Berechnungen flie\u00dft zweifellos mit ein, dass, wie Putin im Interview bemerkt, \u201eder Westen ein starkes China mehr f\u00fcrchtet als ein starkes Russland\u201c.<\/p>\n<p>Putin ist stets bestrebt zu betonen, dass das kapitalistische Regime in Russland sich nicht nur von den wirtschaftlichen, sondern auch den politischen und theoretischen Verbindungen zur sowjetischen Vergangenheit vollst\u00e4ndig distanziert hat. An einem Punkt des Interviews prahlte er mit dem \u201eb\u00fcrgerlichen\u201c Charakter der herrschenden Elite.<\/p>\n<p>Eine Folge seiner demonstrativen Zur\u00fcckweisung der Vergangenheit ist jedoch, dass er jede Einsch\u00e4tzung des Kriegs ablehnt, die den fr\u00fchen Kampf des bolschewistischen Regimes gegen den Imperialismus unter der F\u00fchrung von Lenin und Trotzki auch nur ansatzweise legitimieren w\u00fcrde. Die Einsichten Lenins d\u00fcrfen nicht wiederholt werden, einschlie\u00dflich der Einsch\u00e4tzung des Begr\u00fcnders des Bolschewismus \u00fcber die den imperialistischen Kriegen zugrunde liegende Triebkraft:<\/p>\n<p><em>Es fragt sich, welches andere Mittel konnte es auf dem Boden des Kapitalismus geben au\u00dfer dem Krieg, um das Mi\u00dfverh\u00e4ltnis zwischen der Entwicklung der Produktivkr\u00e4fte und der Akkumulation des Kapitals einerseits und der Verteilung der Kolonien und der ,Einflu\u00dfsph\u00e4ren\u2018 des Finanzkapitals anderseits zu beseitigen? (Lenin, Der Imperialismus als h\u00f6chstes Stadium des Kapitalismus, 1916, <\/em><a href=\"https:\/\/www.marxists.org\/deutsch\/archiv\/lenin\/1917\/imp\/kapitel7.htm\"><em>Kapitel 7<\/em><\/a><em>)<\/em><\/p>\n<p>Doch auch wenn Putin das revolution\u00e4re Erbe der Sowjetunion zur\u00fcckweist, ist seine eigene Vorstellung von Geopolitik nach wie vor stark vom stalinistischen Dogma der \u201efriedlichen Koexistenz\u201c beeinflusst, die er in seiner Zeit in der stalinistischen Geheimpolizei in den 1970ern und 1980ern verinnerlichte.<\/p>\n<p>Als das stalinistische Regime unter Gorbatschow (1985\u20131991) zur Wiedereinf\u00fchrung des Kapitalismus \u00fcberging, verh\u00f6hnte es das Konzept des \u201eImperialismus\u201c als bolschewistische Erfindung.<\/p>\n<p>David North erkl\u00e4rte in einer Analyse der sowjetischen Au\u00dfenpolitik unter Gorbatschow:<\/p>\n<p><em>Die Vorstellung, der wesentliche Inhalt der Beziehungen zwischen dem Imperialismus und der Sowjetunion sei von den subjektiven Haltungen der politischen F\u00fchrer in den verschiedenen Staaten bestimmt \u2013 d.h. ob sie f\u00fcr oder gegen \u201eZusammenarbeit\u201c sind \u2013 l\u00e4sst die weit grundlegenderen objektiven \u00f6konomischen Faktoren au\u00dfer Acht. Betrachtet man die theoretischen Wurzeln dieser subjektiven und tief reaktion\u00e4ren Herangehensweise, so gr\u00fcndet sie sich auf dieselben metaphysischen Vorstellungen, welche die Politik der Sowjetb\u00fcrokratie seit den Tagen anleiten, da Stalin und Bucharin zum ersten Mal die Perspektive vom Aufbau des Sozialismus in einem Land vorbrachten. (David North, Perestroika gegen Sozialismus: Der Stalinismus und die Wiedereinf\u00fchrung des Kapitalismus in der UdSSR, Neue Arbeiterpresse, 1989, Kapitel 5, Seite 80)<\/em><\/p>\n<p>Diese scheinbar irrationalen Ansichten hatten in den materiellen Interessen der Sowjetb\u00fcrokratie eine objektive Basis. North erkl\u00e4rte:<\/p>\n<p><em>Die Au\u00dfenpolitik der sowjetischen Regierung folgt wie bei allen Regierungen der Welt organisch aus den materiellen Interessen der herrschenden gesellschaftlichen Elite und ist deshalb eine Fortsetzung ihrer Innenpolitik. Gerade im Bereich der Au\u00dfenpolitik finden die grundlegenden Interessen und historischen Bestrebungen der B\u00fcrokratie ihren konzentriertesten und klarsten Ausdruck. Von diesem objektiven Standpunkt aus h\u00e4ngt Michail Gorbatschows Au\u00dfenpolitik unmittelbar mit dem Programm der kapitalistischen Restauration zusammen, das die stalinistische B\u00fcrokratie unter dem Banner der Perestroika betreibt. W\u00e4hrend die B\u00fcrokratie systematisch die staatlichen Eigentumsverh\u00e4ltnisse innerhalb der Sowjetunion zu untergraben bestrebt ist, zielt ihre Au\u00dfenpolitik darauf ab, die UdSSR wirtschaftlich in die Struktur des Weltkapitalismus und dessen internationale Arbeitsteilung zu integrieren. (David North Perestroika kontra Sozialismus: Der Stalinismus und die Wiedereinf\u00fchrung des Kapitalismus in der UdSSR, Kapitel 4, Seite 57)<\/em><\/p>\n<p>Wenn man diese Erkenntnisse auf Putins Au\u00dfenpolitik anwendet, so stellt man fest, dass sie trotz ihrer Widerspr\u00fcche und wahnhaften Elemente die materiellen Interessen der Oligarchie widerspiegelt, die aus der Restauration des Kapitalismus durch die B\u00fcrokratie hervorgegangen ist. Ihr Hauptanliegen ist es, schnellstm\u00f6glich ein Abkommen mit den imperialistischen M\u00e4chten auszuhandeln, das es ihnen erlaubt, ihre vermeintlich lebenswichtigen \u201enationalen\u201c Interessen an der Ausbeutung von Rohstoffen und der Arbeiterklasse zu wahren. Aus der Sicht der russischen Oligarchie w\u00e4chst mit der Dauer des Kriegs das Risiko, dass eine Massenbewegung von Arbeitern in Russland, der Ukraine und dar\u00fcber hinaus entfacht wird. Das ist es, was die russische Oligarchie am meisten f\u00fcrchtet, und nicht die direkte Konfrontation mit dem Imperialismus oder die Zerst\u00fcckelung des Landes durch die imperialistischen M\u00e4chte.<\/p>\n<p>Die reaktion\u00e4re Logik der Orientierung des Putin-Regimes wird durch zwei zentrale Komponenten seiner au\u00dfenpolitischen Strategie unterstrichen: Erstens versucht es, die Grenzen zwischen Russland und Europa im Rahmen einer Neuverhandlung \u00fcber die Bedingungen seiner \u201eKoexistenz\u201c mit dem Imperialismus neu zu gestalten. Putin verteidigt in dem Interview nicht nur den Einmarsch in die Ukraine als legitime Reaktion auf die unter Lenin geschaffenen Grenzen, sondern besteht auch darauf, dass andere L\u00e4nder \u2013 insbesondere Ungarn, das seit langem Grenzstreitigkeiten mit der Ukraine hat \u2013 das Recht haben, sich \u201eLand zur\u00fcckzuholen\u201c, das sie als ihr eigenes betrachten.<\/p>\n<p>Zweitens konzentrieren sich die Bem\u00fchungen des Regimes, eine Einigung mit dem Imperialismus auszuhandeln, immer offener auf Appelle an die extrem rechte Opposition innerhalb der herrschenden Klassen in den imperialistischen Zentren. Putin betonte im Interview erneut, die \u201eEntnazifizierung\u201c der Ukraine sei ein zentrales Kriegsziel. Putin rechtfertigt die Invasion mit diesem Schlagwort, um an die tief verwurzelte antifaschistische Stimmung in der Arbeiterklasse und die kollektive Erinnerung an den Kampf der sowjetischen Arbeiterklasse gegen Hitlers Aggression zu appellieren. Doch Putins wahre Haltung gegen\u00fcber dem Faschismus wurde in dem Interview entlarvt. Ohne eine Miene zu verziehen, betonte er gegen\u00fcber Tucker Carlson, einem ber\u00fcchtigten Sprachrohr der extremen Rechten, die Bedeutung des Kampfs gegen den Faschismus.<\/p>\n<p><strong>Der Weg vorw\u00e4rts f\u00fcr die Arbeiterklasse<\/strong><\/p>\n<p>Durch die Wiederbelebung der zaristischen und russisch-orthodoxen Mythologie und sein Eintreten f\u00fcr das neostalinistische Konzept der \u201eMultipolarit\u00e4t\u201c zeigt Putin letzten Endes, dass die russische Oligarchie seit 30 Jahren als herrschende Klasse eine \u00e4u\u00dferst br\u00fcchige soziale, wirtschaftliche und politische Position innehat. Die extreme Instabilit\u00e4t des Regimes zeigt sich in ihrer Au\u00dfen- und in ihrer Innenpolitik.<\/p>\n<p>Obwohl der Imperialismus den Kurs auf einen dritten Weltkrieg beschleunigt, will Putin durch diplomatische und milit\u00e4rische Man\u00f6ver, die ideologisch auf Appellen an Nationalismus und die extreme Rechte beruhen, eine Einigung erzielen. Das Interview dient als wegweisender Schritt in diesem Prozess.<\/p>\n<p>Die Arbeiterklasse muss wichtige Lehren aus diesem Interview ziehen. Es entlarvt den politischen und historischen Bankrott des oligarchischen Regimes, das aus dem stalinistischen Verrat an der Oktoberrevolution und der darauf folgenden Wiedereinf\u00fchrung des Kapitalismus hervorgegangen ist.<\/p>\n<p>Die bittere Erfahrung von zwei Weltkriegen zeigt, dass der Imperialismus nicht in ein Werkzeug des Weltfriedens verwandelt werden kann. Um die Katastrophe abzuwenden, muss die Arbeiterklasse ihre Antwort auf den Krieg auf einer unabh\u00e4ngigen und internationalistischen Grundlage formulieren, in Opposition zu allen Fraktionen der imperialistischen M\u00e4chte und zu den Oligarchien, die aus den Ruinen der Sowjetunion hervorgegangen sind. Sie darf nicht die Neuziehung von Grenzen oder eine Neuorganisation der Bedingungen zwischen den kapitalistischen Staaten anstreben, sondern den Sturz der nationalstaatlichen Struktur und des kapitalistischen Weltsystems.<\/p>\n<p>Die dringendste Aufgabe ist der Aufbau einer sozialistischen Antikriegsbewegung unter Jugendlichen und Arbeitern, die auf den Traditionen und Prinzipien des Internationalismus und des Marxismus beruht, insbesondere des Trotzkismus. Dieses Ziel vertritt die Junge Garde der Bolschewiki-Leninisten in Russland und der Ukraine an der Seite ihrer Genossen im Internationalen Komitee der Vierten Internationale.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2024\/02\/21\/qehv-f21.html\"><em>wsws.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 22. Februar 2024<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Junge Garde der Bolschewiki-Leninisten. Am 9. Februar ver\u00f6ffentlichte der US-Journalist Tucker Carlson, ein prominenter Vertreter der extremen Rechten, ein mehr als zweist\u00fcndiges Interview mit dem russischen Pr\u00e4sidenten Wladimir Putin. 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