{"id":14247,"date":"2024-02-29T10:08:35","date_gmt":"2024-02-29T08:08:35","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=14247"},"modified":"2024-02-29T10:08:36","modified_gmt":"2024-02-29T08:08:36","slug":"74-berlinale-in-liebe-eure-hilde-widerstand-damals-und-heute","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=14247","title":{"rendered":"74. Berlinale: \u201eIn Liebe, Eure Hilde\u201c \u2013 Widerstand damals und heute"},"content":{"rendered":"<p><em>Bernd Reinhardt &amp; Stefan Steinberg &amp; Verena Nees. <\/em>Einer der herausragenden Filme der diesj\u00e4hrigen Berlinale war \u201eIn Liebe, Eure Hilde\u201c, der neue Film des bekannten ostdeutschen Regieveteranen Andreas Dresen. Der Titel des Films bezieht sich auf die letzten Worte der jungen Widerstandsk\u00e4mpferin Hilde Coppi an ihre Mutter, bevor sie 1943 von den Nazis mit dem Fallbeil<!--more--> enthauptet wurde. Vor ihrer Hinrichtung musste Hilde, die der Berliner-Gruppe der Widerstandsorganisation \u201eRote Kapelle\u201c angeh\u00f6rte, von ihrem S\u00e4ugling Abschied nehmen, den sie im Gef\u00e4ngnis zur Welt gebracht hatte.<\/p>\n<p>Es gibt wenige Filme die derart unter die Haut gehen. Die Fachjournalisten klatschen bei einer Presse-Vorf\u00fchrung Beifall. Der neue Dresen-Film zeigt \u00fcberaus realistisch, wie Hilde gemeinsam mit zw\u00f6lf weiteren zum Tode verurteilten jungen Frauen auf ihre Hinrichtung wartet, die dann im Eiltempo durchgef\u00fchrt wird. Eine nach der anderen wird aufgerufen und gek\u00f6pft. Man sp\u00fcrt f\u00f6rmlich das Zittern, die Angst und Verzweiflung der jungen Frauen, von denen eine noch keine zwanzig Jahre alt ist. Als das Licht im Kinosaal anging, herrschte einen Moment lang schockierte Stille. Dann brach Beifall aus \u00fcber den Mut und die Tapferkeit, mit der damals junge Menschen gegen Krieg und faschistischen Terror gek\u00e4mpft haben.<\/p>\n<p>Eine Mitgefangene, die 19-j\u00e4hrige Liane Berkowitz, wurde gezwungen, ihr Baby vor ihrer eigenen Enthauptung aufzugeben. Ihr Baby starb nur wenige Monate sp\u00e4ter im Krankenhaus. Liane Berkowitz\u2018 \u201eVerbrechen\u201c bestand darin, dass sie eine Handvoll kleiner Plakate an die W\u00e4nde geklebt hatte, auf denen sie das Naziregime verurteilte. Hitler pers\u00f6nlich hatte die Todesurteile unterschrieben und alle Gnadengesuche abgelehnt.<\/p>\n<p>Mit der Darstellung der Antifaschistin Hilde Coppi erinnert Dresens Film an die vielf\u00e4ltigen Formen des Widerstands, der unter Jugendlichen und in Arbeiterkreisen, der so genannten einfachen Bev\u00f6lkerung, verbreitet war. Der Film widerlegt die Behauptungen der Kollektivschuld-Theorie, wonach die \u00fcberw\u00e4ltigende Mehrheit der Deutschen den Hitlerfaschismus unterst\u00fctzt habe. Gleichzeitig hat er eine gro\u00dfe Aktualit\u00e4t und f\u00e4llt mit den Massendemonstrationen zusammen, die in den letzten Monaten im ganzen Land gegen die faschistische Alternative f\u00fcr Deutschland stattgefunden haben.<\/p>\n<p>Die Geschichte von Hans und Hilde Coppi und ihren Mitstreitern im Widerstand war im westdeutschen Nachkriegsdeutschland wenig bekannt, wo f\u00fchrende Alt-Nazis neue Karrieren machten und Mitglieder des Widerstands d\u00e4monisieren konnten. Emp\u00f6renderweise wurde das NS-Urteil wegen Hochverrats gegen Coppi und ihre Mitstreiter erst 2009 aufgehoben. Hitlers Ankl\u00e4ger in Pl\u00f6tzensee, Manfred Roeder, lebte unbehelligt in der Bundesrepublik und wurde ein f\u00fchrender Redner in einer wiederbelebten faschistischen Partei.<\/p>\n<p>In Ostdeutschland waren die Widerstandsk\u00e4mpfer zwar bekannt und wurden verehrt, aber das SED-Regime nutzte sie auch, um davon abzulenken, dass Stalin die Nachrichten und Warnungen der Roten Kapelle in den Wind geschlagen und die KPD-F\u00fchrung sich geweigert hatte, die Arbeiterklasse gegen die Faschisten zu mobilisieren.<\/p>\n<p>Der Film beginnt mit der Verhaftung von Hilde 1942 und folgt ihr ins Gef\u00e4ngnis bis zu ihrer Hinrichtung. In zahlreichen R\u00fcckblenden erinnert sich Hilde an die sch\u00f6ne Zeit davor: Zelten am stillen Lehnitzsee, die erste Begegnung mit Hans und seinem bunten Freundeskreis, ihr erster Aktions-Treff, ihre technische Unterst\u00fctzung bei der Flugblattherstellung, erste Morseversuche von Hans, seine fast kindliche Freude nach erfolgreichem Testfunkspruch Richtung Moskau.<\/p>\n<p>Ihre Beweggr\u00fcnde, an Aktionen der Gruppe um den Offizier Harro Schulz Boysen und seiner lebenslustigen Frau Liberta teilzunehmen, sind einfach. Neben der Zuneigung zu Hans sind es ihre Aufrichtigkeit und ihre F\u00e4higkeit zu Mitgef\u00fchl, die sie 1942 sagen lassen: Es reicht. \u00dcber den verbotenen Sender \u201eRadio Moskau\u201c erf\u00e4hrt sie, dass das NS-Regime die Soldateneltern bel\u00fcgen, wenn die S\u00f6hne in sowjetischer Kriegsgefangenschaft geraten sind. Es hei\u00dft, die Rote Armee mache keine Gefangenen. Hilde informiert regelm\u00e4\u00dfig trauernde Eltern, dass ihre Kinder in Wirklichkeit leben.<\/p>\n<p>Wie r\u00fcttelt man die Bev\u00f6lkerung gegen den Krieg auf? Die pazifistische Tucholsky-Losung \u201eKrieg dem Kriege\u201c wird verworfen. Ein Klebezettel richtet sich gegen die Propagandaausstellung \u201eDas Sowjetparadies\u201c, die den \u00dcberfall auf die UdSSR rechtfertigt und im Stil einer Kolonialausstellung ein bolschewistisches Reich pr\u00e4sentiert, regiert von kulturlosen Wilden. Der Zettel kommentiert ironisch: \u201eDas Nazi-Paradies, Hunger, L\u00fcgen Gestapo. Wie lange noch?\u201c<\/p>\n<p>Als die Gestapo die Urheber aufsp\u00fcrt, werden neben Hilde eine ganze Reihe junger Menschen zum Tode verurteilt. Wie die anderen ist sie dar\u00fcber schockiert, bringt aber die Kraft auf, ihr Kind im Gef\u00e4ngnis zur Welt zu bringen und ihm seine ganze Liebe zu geben. Die letzten Augenblicke ihres Lebens laufen, in Echtzeit gedreht, qu\u00e4lend langsam vor dem Zuschauer ab. 13 junge Frauen gehen in Reihe zur Hinrichtungsbaracke, registrieren, dass dies wirklich das Ende ist. Die erst 19-j\u00e4hrige Liane Berkowitz ist besonders verzweifelt und wird von Hilde gest\u00fctzt.<\/p>\n<p>Dresen ist w\u00e4hrend des Films nah an den Figuren. Liv Lisa Fries (\u201eBabylon Berlin\u201c) ist eine herausragende Hilde, die sich durch \u00c4ngste k\u00e4mpft, um sich der Anforderung des Lebens zu stellen. Der offensichtliche Bezug zum Widerstand der Gegenwart wird durch gemischt-zeitlose Kleidung verst\u00e4rkt und den Verzicht auf \u00fcbliche Nazi-Klischees, wie Fahnen, Heil-Rufe, Hackenknallen. Statt eines schablonenhaften Denunzianten gibt es ganz unterschiedliche Haltungen. So zeigt der Kellner im Biergarten den Soldaten nicht an, als der ihm den l\u00e4ngst abgelaufenen Front-Urlaubsschein vorzeigt.<\/p>\n<p>Als die Geburt ansteht und das Kind zur Welt kommen will, vergisst die Hebamme, dass Hilde eine Staatsfeindin ist, und bem\u00fcht sich mit aller Kraft, w\u00e4hrend der Blick des Arztes zu sagen scheint: Wozu der Aufwand, Kind und Mutter werden eh nicht lange leben. Die Aufseherin schaut im Hintergrund ausdruckslos wie immer. Sp\u00e4ter wird sie anfangen, Hilde im Rahmen ihrer M\u00f6glichkeiten zu helfen. Der Pfarrer n\u00f6tigt der Atheistin vor ihrer Hinrichtung kein Gebet auf, sondern fordert sie auf, ihm den Abschiedsgru\u00df an die Mutter zu diktieren, den er pers\u00f6nlich \u00fcberbringen will. Als sie, noch nicht fertig, abgeholt wird, erg\u00e4nzt er: \u201eIn Liebe, Eure Hilde.\u201c Dresen best\u00e4tigt, dass es diese Art Solidarit\u00e4t gegeben hat.<\/p>\n<p>Den flie\u00dfenden \u00dcbergang von passiver Solidarit\u00e4t zum aktiven Widerstand best\u00e4tigt auch der Dokumentarfilm \u201eDie rote Kapelle\u201c(2004) von Stefan Roloff. Er sieht den Widerstandskreis weniger als straff gef\u00fchrte politische Organisation, als ein recht gro\u00dfes Netzwerk sehr unterschiedlicher Gruppen quer durch die Bev\u00f6lkerung. Offenbar vermischte sich der politische Widerstand mit einem wesentlich breiteren, anonymen Widerstand im Kleinen.<\/p>\n<p>Die Stimmung \u201aEs reicht!\u2018 vermitteln gut die Postkarten, die das Berliner Arbeiterehepaar, dem Fallada mit dem Roman \u201eJeder stirbt f\u00fcr sich allein\u201c ein Denkmal gesetzt hat, zwischen 1940 und 1942 in der Stadt auslegte. Sie prangern die L\u00fcgen der Regierung an, die soziale Krise, rufen zu Sabotage in den Betrieben auf, dazu keine Sammlungen f\u00fcr den Krieg zu unterst\u00fctzen, zum Sturz der Regierung.<\/p>\n<p>Unpolitische Arbeiterjugendliche, organisiert als \u201eEdelwei\u00dfpiraten\u201c werden hingerichtet. Ebenso wenige Monate vor Hildes Hinrichtung die Studentin Sophie Scholl, die an der M\u00fcnchner Uni Flugbl\u00e4tter ausgelegt hatte. Die H\u00e4rte der Strafen zeigte die Angst vor einer drohenden Massenerhebung.<\/p>\n<p>Der Film von Dresen ist sehr aktuell. Er richtet sich an die junge Generation, die zunehmend in Konflikt mit Regierungen kommt, die \u2013 wie in den 1930er Jahren \u2013 die Interessen der Bev\u00f6lkerung mit F\u00fc\u00dfen treten und in allen Fragen \u2013 Krieg, milit\u00e4rische Aufr\u00fcstung, Sozialabbau, Umweltschutz etc. \u2013 die Interessen der herrschenden Kapitalistenklasse vertreten.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Regisseur Dresen in Interviews und Gespr\u00e4chsrunden den Standpunkt vertritt, dass Anstand und Zivilcourage im Kampf gegen Faschismus und Krieg ausreichen, zeigt sein Film etwas anderes. Er macht in bedr\u00fcckender Weise deutlich, dass es eine Situation geben kann, in der es zu sp\u00e4t ist und die faschistische Diktatur jeden Widerstand zermalmt. \u201eIn Liebe, Eure Hilde\u201c mahnt, es nicht so weit kommen zu lassen und rechtzeitig den Kampf gegen kapitalistische Ausbeutung, Krieg und Faschismus aufzunehmen. Die Parole \u201eNie wieder ist jetzt!\u201c bekommt dann eine ganz andere Bedeutung.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus zeigt der Film, dass der Kampf gegen Faschismus und Krieg ohne ein politisches, sozialistisches Programm und ohne eine revolution\u00e4re Partei, die die Lehren aus der Geschichte gezogen hat und die Arbeiterklasse mobilisiert, nicht gewonnen werden kann.<\/p>\n<p>Der Anf\u00fchrer der Roten Kapelle Leopold Trepper ist in seinen Erinnerungen sehr genau auf diese Fragen eingegangen. Er betonte, dass Hitler nur an die Macht kommen konnte, weil Stalin seinen Kurs in der KPD durchsetzte und jeden ernsthaften Kampf der Arbeiterklasse unterdr\u00fcckte. Er schrieb: \u201eTats\u00e4chlich tr\u00e4gt die Verantwortung f\u00fcr die Liquidierung der Berliner Gruppe die Direktion des milit\u00e4rischen Nachrichtendienstes in Moskau und das Zentralkomitee der illegalen Kommunistischen Partei Deutschlands.\u201c [Leopold Trepper: <em>Die Wahrheit<\/em>. Autobiographie, M\u00fcnchen 1978, S. 149]<\/p>\n<p>Trepper zollte in seiner Autobiographie auch Leo Trotzki und der Linken Opposition seine Anerkennung und Hochachtung: \u201eWer hat denn damals [w\u00e4hrend der stalinistischen Repressionen] protestiert? Wer ist denn aufgestanden und hat seinen Ekel hinausgeschrien? Solche Ehre d\u00fcrfen nur die Trotzkisten f\u00fcr sich in Anspruch nehmen. Gleich ihrem F\u00fchrer, der f\u00fcr seine Unbeugsamkeit mit einem Eispickel erschlagen wurde, k\u00e4mpften sie unerbittlich gegen den Stalinismus \u2013 als einzige.\u201c<\/p>\n<p><em>#Titelbild: Hans Coppi (Johannes Hegemann) darf seinen neugeborenen Sohn zum ersten und einzigen Mal sehen [Photo by Pandora Film \/ Fr\u00e9d\u00e9ric Batier]<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2024\/02\/27\/hild-f27.html\"><em>wsws.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 29. Februar 2023<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bernd Reinhardt &amp; Stefan Steinberg &amp; Verena Nees. Einer der herausragenden Filme der diesj\u00e4hrigen Berlinale war \u201eIn Liebe, Eure Hilde\u201c, der neue Film des bekannten ostdeutschen Regieveteranen Andreas Dresen. 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