{"id":14289,"date":"2024-03-07T10:48:28","date_gmt":"2024-03-07T08:48:28","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=14289"},"modified":"2024-03-07T10:48:29","modified_gmt":"2024-03-07T08:48:29","slug":"ukrainische-jugendliche-zum-zehnten-jahrestag-des-putsches-von-2014-in-kiew","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=14289","title":{"rendered":"<strong>Ukrainische Jugendliche zum zehnten Jahrestag des Putsches von 2014 in Kiew<\/strong>"},"content":{"rendered":"<p><em>Clara Weiss. <\/em>Vor drei Wochen j\u00e4hrte sich nicht nur <a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2024\/02\/25\/pers-f25.html\">der Nato-Krieg gegen Russland in der Ukraine zum zweiten Mal<\/a>, sondern es war auch der <a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2024\/03\/02\/yzxf-m02.html\">zehnte Jahrestag<\/a> des Putsches von 2014 in Kiew, durch den die Regierung von Wiktor Janukowitsch gest\u00fcrzt wurde und die Nato-freundliche Regierung des \u201eSchokoladen-Oligarchen\u201c Petro Poroschenko an die Macht kam. Poroschenko<!--more--> wurde 2019 von <a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2019\/04\/26\/pers-a26.html\">Wolodymyr Selenskyj abgel\u00f6st, in einer Abstimmung, die vor allem Ausdruck der Opposition gegen den Putsch von 2014<\/a> und den Kriegskurs gegen Russland war.<\/p>\n<p>Die beiden Ereignisse \u2013 der Putsch und der Beginn des offenen Kriegs zwischen der Nato und Russland \u2013 sind untrennbar miteinander verbunden. Letzten Endes sind beide das Ergebnis der stalinistischen Zerst\u00f6rung der Sowjetunion, die zur Wiedereinf\u00fchrung des Kapitalismus und zur Herrschaft krimineller Oligarchien f\u00fchrte und die gesamte Region f\u00fcr die Intervention des Imperialismus \u00f6ffnete. In den Medien wird dieser historische Hintergrund des Kriegs, der bereits hunderttausende Menschenleben gefordert hat, st\u00e4ndig vertuscht und durch L\u00fcgen verzerrt.<\/p>\n<p>Trotz der gut dokumentierten Rolle faschistischer Kr\u00e4fte wie des Rechten Sektors bei dem Putsch werden die Maidan-Proteste und der Putsch selbst weiterhin f\u00e4lschlicherweise als \u201edemokratische Revolution\u201c dargestellt. Diese politische und historische L\u00fcge ist eine zentrale Komponente der ebenso falschen Kriegspropaganda, die die Ukraine als Leuchtfeuer der \u201eDemokratie\u201c darstellt.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/Bild1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"768\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/Bild1-1024x768.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-14290\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/Bild1-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/Bild1-300x225.jpg 300w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/Bild1-768x576.jpg 768w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/Bild1.jpg 1280w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption class=\"wp-element-caption\">Euromaidan in Kiew<\/figcaption><\/figure>\n<p>Anl\u00e4sslich des Jahrestags dieses Ereignisses sprach die <em>WSWS <\/em>mit Jugendlichen in der Ukraine, deren Erfahrungen die Propaganda in den Medien L\u00fcgen strafen. Sie sind jetzt im sp\u00e4ten Teenageralter oder Anfang zwanzig, und ihr Leben wurde von den weitreichenden Angriffen auf die sozialen und demokratischen Rechte der Arbeiterklasse gepr\u00e4gt, die mit der systematischen Verwandlung des Landes in den Ausgangspunkt f\u00fcr einen Krieg mit Russland einhergingen. Ihre Erfahrungen best\u00e4tigen die Analysen und Warnungen, die das Internationale Komitee der Vierten Internationale und die <em>World Socialist Web Site<\/em> damals \u00fcber die verheerenden Auswirkungen des Putsches auf die Massen in der Ukraine und dar\u00fcber hinaus gemacht haben.&nbsp;<\/p>\n<p>Ein Jugendlicher, der damals erst 14 Jahre alt war, erinnerte sich an die anf\u00e4ngliche Verwirrung, durch die er und seine Familie bei dem Putsch in der Hauptstadt gegangen sind, und an die Auswirkungen dieser Ereignisse auf sein politisches Bewusstsein.&nbsp;<\/p>\n<p><em>Zun\u00e4chst wusste ich nat\u00fcrlich nicht, was ich davon halten sollte. Ich meine, ich empfand so etwas wie: \u201eGut, richtig, in Ordnung diesen Dieb von Pr\u00e4sidenten rauszuwerfen.\u201c Ich meine, solche Stimmungen wurden gesch\u00fcrt. Man sollte glauben, dass was Richtiges passiere.<\/em><\/p>\n<p><em>Aber eines Tages, als meine Gro\u00dfmutter mit ihren Verwandten aus Russland sprach, fragten die sie, was denn im Land los sei. Und sie sagte ihnen, dass das alles das Werk der Nazis sei, was mich \u00fcberrascht hat. Ich habe ihr Gespr\u00e4ch mitangeh\u00f6rt und mir gedacht: \u201eWarum sind das Nazis? Wenn sie f\u00fcr ihr Volk sind, Patrioten sind, warum sind sie dann Nazis?\u201c Das war meine Meinung. Dann erfuhr ich in der Schule, dass diese Aktivisten das Lenin-Monument in Kiew zerst\u00f6rt hatten. Da hat sich in meiner Brust, in meiner Seele, sofort etwas umgedreht. Ich wusste nicht, wer genau Wladimir Lenin war, aber f\u00fcr mich war es inakzeptabel, weil das offensichtlich falsch war. Und ich begann zu zweifeln.<\/em><\/p>\n<p><em>Sp\u00e4ter lebte ich in Odessa, einer traditionell unruhigen Stadt. Dort kam es zu zahlreichen Anti-Maidan-Protesten, bei denen Leute auf die Stra\u00dfe gingen: da war eine Demonstration mit roten Fahnen und zaristischen Fahnen, das waren die so genannten Kommunisten, und ein anderer mit den Nationalisten. Es ging darum, Widerstand gegen die Politik der &nbsp;Kiewer Junta zu demonstrieren. Ich war politisch nicht gebildet und verstand sehr wenig davon, aber ich war auch gegen diesen Putsch, deshalb war das f\u00fcr mich wie ein Marsch der Gerechtigkeit. Ich stand absolut dahinter, dass sie ihre Ablehnung gegen\u00fcber dem Kiewer Regime zum Ausdruck brachten. Unter meinen Freunden gab es unterschiedliche Ansichten \u2013 einige waren dagegen, andere daf\u00fcr [den Putsch]. Ich tendierte zu denen, die dagegen waren, und zeitweise hatte ich den Eindruck, dass das vielleicht sogar die Mehrheit war, aber ich kann nicht f\u00fcr alle sprechen.<\/em><\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/Bild1-1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"768\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/Bild1-1-768x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-14291\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/Bild1-1-768x1024.jpg 768w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/Bild1-1-225x300.jpg 225w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/Bild1-1.jpg 960w\" sizes=\"auto, (max-width: 768px) 100vw, 768px\" \/><\/a><figcaption class=\"wp-element-caption\">Das Lenin-Denkmal in Kiew wurde nach seiner Zerst\u00f6rung 2014 mit ukrainisch-nationalistischen Symbolen und Flaggen verunstaltet [Photo by Andrijko Z. \/ <a href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-nc-sa\/4.0\/\">CC BY-NC-SA 4.0<\/a>]<\/figcaption><\/figure>\n<p>Ein Jugendlicher aus Saporischschja im S\u00fcdosten der Ukraine erz\u00e4hlte:<\/p>\n<p><em>Es fing alles im Sp\u00e4therbst-Fr\u00fchwinter 2013 an. Anfangs hatte ich eine eher intuitive als rational ideologische Ablehnung gegen\u00fcber den Demonstranten und ihren Forderungen, [vor allem] wegen ihres ethnischen Nationalismus. Insbesondere in Saporischschja merkte ich nicht viel Sympathie f\u00fcr die \u201eRevolution der W\u00fcrde\u201c [auf dem Maidan]. In der Schule versuchten wir, dieses komplizierte Thema der aktuellen Ereignisse nicht anzuschneiden. Im M\u00e4rz 2014 sollten alle den 200. Geburtstag des ukrainischen Schriftstellers und Denkers Taras Schewtschenko feiern. Doch einige Zeit nach den Feiern zu Schewtschenkos 200. Geburtstag wurde klar, dass an meiner Schule die meisten Sch\u00fcler auf der Seite der Regierung standen, die durch die Maidan-Proteste an die Macht gekommen war. Es gab F\u00e4lle von Sympathie f\u00fcr OUN, UPA und Stepan Bandera.<\/em><\/p>\n<p>Ein Jugendlicher aus der S\u00fcdukraine, der jetzt Anfang 20 ist, erkl\u00e4rte der <em>WSWS<\/em>:&nbsp;<\/p>\n<p><em>Ich erinnere mich sehr gut an alle Ereignisse, sowohl die vor dem Maidan als auch die im Zusammenhang mit ihm stehen, obwohl seither mehr als zehn Jahre vergangen sind. Im Jahr 2013 wurde immer mehr dar\u00fcber geredet, welchen Kurs die Ukraine einschlagen sollte. Einige schlugen vor, die Ukraine sollte der Zollunion [mit Russland] beitreten, andere dass sie der Europ\u00e4ischen Union beitreten sollte. &nbsp;<\/em><\/p>\n<p><em>Ich habe zuerst im Radio \u00fcber den Beginn der Maidan-Proteste geh\u00f6rt. Der Sprecher gratulierte den Zuh\u00f6rern zum Auftakt des neuen Maidan. Unmittelbar nachdem ich diese Nachricht geh\u00f6rt hatte, eilte ich zum Fernseher, um mich zu vergewissern, was ich geh\u00f6rt hatte. Im Fernsehen sah ich Studenten mit ukrainischen und EU-Flaggen, die die Aufnahme der Ukraine in die EU forderten. Ich nahm diese Nachricht mit der \u00dcberraschung und dem Interesse auf, das man von einem jungen Menschen meines Alters (14 Jahre) erwarten kann.<\/em><\/p>\n<p><em>Aber war ich \u00fcberhaupt \u00fcberrascht von dem, was passierte? &#8211; Soweit ich mich erinnern kann, war ich das nicht.<\/em><\/p>\n<p><em>Damals hatte ich viele Zeitungen abonniert und verfolgte die Ereignisse genau. Ich erinnere mich an den Hype um die Niederschlagung des Maidan mit Aufnahmen von den Schl\u00e4gereien, und an die Nachricht, dass die Leiche eines Erh\u00e4ngten an einer Eisenkonstruktion entdeckt wurde, die als Gestell f\u00fcr einen Weihnachtsbaum auf dem Maidan aufgestellt worden war. Der Erh\u00e4ngte sollte sp\u00e4ter zu einem der Himmlischen Hundert gez\u00e4hlt werden.<\/em><\/p>\n<p><em>Am 8. Dezember 2013 demolierten und zerst\u00f6rten b\u00fcrgerliche Nationalisten ein Denkmal f\u00fcr Wladimir Iljitsch Lenin von dem sowjetischen Bildhauer Merkulow, das viele Jahrzehnte in Kiew gestanden hatte. Alle Medien berichteten \u00fcber diesen Akt von Vandalismus. Je mehr Teilnehmer zum Maidan gingen und zur\u00fcckkamen, desto mehr Geschichten waren im Umlauf. Ehemalige Teilnehmer erz\u00e4hlten, wie sie sich f\u00fcr Geld auf den Maidan gestellt hatten, wie viel Geld und was f\u00fcr neue Kleidung und Dinge sie bekommen hatten, wie \u00fcbel der Maidan roch, und wie gerne sie wieder zur\u00fcckgehen w\u00fcrden, um Geld zu verdienen.<\/em><\/p>\n<p><em>Ende Januar 2014 haben wir erfahren, dass zwei auf dem Maidan get\u00f6tet wurden, und es wurden Aufnahmen von Molotowcocktails gezeigt, die auf die Berkuts [Spezialkr\u00e4fte des Innenministeriums] flogen. Soweit ich mich erinnere, ist im Januar oder Februar Premierminister Mykola Asarow zur\u00fcckgetreten und wurde von Serhi Arbusow abgel\u00f6st. Zur gleichen Zeit wurde davon geredet, dass Janukowitsch zur\u00fccktreten und es Pr\u00e4sidentschafts-Neuwahlen geben w\u00fcrde. Und dann, sp\u00e4ter im Februar, wurde auf die Teilnehmer der Maidan-Proteste geschossen, wobei es nicht nur auf ihrer Seite, sondern auch bei Anh\u00e4ngern der Regierung Tote gab. Gleichzeitig ist der ukrainische Pr\u00e4sident Wiktor Janukowitsch aus dem Land geflohen. Niemand in meiner Familie hat den Euromaidan unterst\u00fctzt, und jetzt ist klar, dass alle Ereignisse [im Krieg] die heute passieren, damit [mit dem Putsch] begannen.<\/em><\/p>\n<p>Er fuhr fort:&nbsp;<\/p>\n<p><em>Nach dem Februar 2014 \u00e4nderte sich das politische Klima dramatisch. F\u00fcr eine ganze Zeit wurde Gewalt legal. Die Periode bis zu den ukrainischen Pr\u00e4sidentschaftswahlen [im Mai 2014] war besonders be\u00e4ngstigend. Das politische Klima an meiner Schule \u00e4nderte sich vor allem mit Beginn des Kriegs [des B\u00fcrgerkriegs in der Ostukraine]. Ich erinnere mich noch gut, wie meine Klassenkameraden gebeten wurden, Geld f\u00fcr den Krieg zu spenden, und wie sie auch gebeten wurden, f\u00fcr die Soldaten zu spenden. Die be\u00e4ngstigendste Zeit in den letzten zehn Jahren waren f\u00fcr mich die ersten drei Monate nach dem Maidan. Sie waren be\u00e4ngstigend, und es war nicht klar, wie lange es dauern w\u00fcrde. Der Maidan f\u00fchrte zu einer neuen Welle von \u201eEntkommunisierung\u201c, von der nicht nur Lenin-Denkm\u00e4ler und sowjetische Symbole betroffen waren, sondern vor allem die Geschichte.&nbsp;<\/em><\/p>\n<p><em>Ich geh\u00f6re der Generation aus der Zeit an, in der man in der Schule noch etwas \u00fcber den Krieg von 1941 bis 1945 lernte, der in der Sowjetunion als der Gro\u00dfe Vaterl\u00e4ndische Krieg bezeichnet wurde. Am 70. Jahrestag des Siegs war es bereits verboten, diesen Krieg bei seinem alten Namen zu nennen \u2013 der \u201eGro\u00dfe Vaterl\u00e4ndische Krieg\u201c. Man musste ihn jetzt den Zweiten Weltkrieg nennen. Der 9. Mai als Tag des Siegs wurde zwar nicht direkt gestrichen, aber stattdessen fingen sie an, den 8. Mai zu feiern [der offizielle Gedenktag in Europa, statt wie in Russland der 9. Mai]. Statt des St.-Georg-Bandes [ein Zeichen zum Gedenken an den Krieg in Russland] sollte als neues Symbol eine Mohnblume getragen werden. Ich erinnere mich daran, wie der Lehrer im Geschichtsunterricht ank\u00fcndigte, dass der Krieg ab jetzt Zweiter Weltkrieg genannt w\u00fcrde. Ich und einige meiner Klassenkameraden hielten das f\u00fcr eine Schande und riefen \u201eigitt!\u201c. Unser Lehrer unterst\u00fctzte diese Entscheidung auch nicht und riet allen, das Buch \u201eSie k\u00e4mpften f\u00fcr ihr Land\u201c von dem sowjetischen Schriftsteller Scholochow zu lesen.<\/em><\/p>\n<p>Der Jugendliche aus Odessa erinnerte sich:&nbsp;<\/p>\n<p><em>Was nun begann, war der Kampf gegen alle Andersdenkenden. Es ging um die v\u00f6llige Zerst\u00f6rung und Eliminierung aller alternativen Ansichten. Sie wurden als Verrat, anti-ukrainisch und pro-russisch dargestellt, selbst wenn sie gar nicht wirklich pro-russisch waren, sondern sich gegen die Oligarchen richteten. Wir alle wissen sehr gut, dass diese Bezeichnung \u201epro-russisch\u201c f\u00fcr das Regime in Kiew immer dann sehr gut funktioniert hat, wenn es darum ging, sich an den einfachen Menschen zu r\u00e4chen. In den Schulen waren nat\u00fcrlich noch die alten Lehrkr\u00e4fte, die meiner Meinung nach gegen die Politik Kiews eingestellt waren. Aber nat\u00fcrlich haben alle geschwiegen und sich an das gehalten, was vom Kultusministerium kam. Ich will gar nicht dar\u00fcber sprechen, wie Geschichte gelehrt wurde \u2013 die Begriffe und Narrative wurden mit jedem Schuljahr ge\u00e4ndert. Das Ziel war es, die ganze ukrainische Geschichte als eine Geschichte der Unterdr\u00fcckung durch die Russen und die Bolschewiki und Kommunisten als das B\u00f6se darzustellen. Die ukrainischen Kommunisten, so wurde uns gesagt, waren auch Russen und [die Sowjetzeit] war auch [Teil] des russischen Jochs.<\/em><\/p>\n<p>Abgesehen von der Verherrlichung faschistischer Kr\u00e4fte und der Zerst\u00f6rung von Denkm\u00e4lern aus der Sowjetzeit setzte die Poroschenko- und sp\u00e4ter die Selenskyj-Regierung <a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2022\/03\/29\/921f-m29.html\">umfangreiche Austerit\u00e4tsma\u00dfnahmen<\/a> um. Sie waren verantwortlich f\u00fcr die Verarmung der Arbeiterklasse, die ohnehin schon unter den Auswirkungen der Wiedereinf\u00fchrung des Kapitalismus durch die stalinistische B\u00fcrokratie zu leiden hatte.<\/p>\n<p>Im Jahr 2021 wetteiferte die Ukraine mit Moldawien, einer anderen ehemaligen Sowjetrepublik, um den zweifelhaften Rang des \u00e4rmsten Landes Europas. Die Massenverelendung verst\u00e4rkte eine Welle der Auswanderung. Ein Jugendlicher aus Transkarpatien erkl\u00e4rte: \u201eEs gab eine riesige Welle von Arbeitsmigranten im Ausland. Vor dem Krieg verlie\u00dfen die Menschen zu tausenden das Land, um in den Nachbarl\u00e4ndern, auch in Russland, nach Arbeit zu suchen.\u201c<\/p>\n<p>Wegen des B\u00fcrgerkriegs in der Ostukraine, der bis 2022 bis zu 15.000 Todesopfer forderte, wurden Millionen zu Binnenvertriebenen. Bis M\u00e4rz 2016 waren offiziell 1,6 Millionen Ukrainer Binnenvertriebene und mehr als eine Million ins Ausland geflohen, was die bereits betr\u00e4chtliche Entv\u00f6lkerungskrise weiter versch\u00e4rft hat.<\/p>\n<p>Der junge Mann aus Odessa erkl\u00e4rte: \u201eIch w\u00fcrde sagen, dass unsere Region Odessa die einzige war, in der die Sozialleistungen f\u00fcr [Binnen]-Migranten nicht gek\u00fcrzt wurden, die einzige Region, in der Migranten aus [den ostukrainischen Regionen] Donbas und Lugansk [die von pro-russischen Separatisten kontrolliert wurden] noch geholfen wurde.\u201c&nbsp;<\/p>\n<p>Arbeiter und vor allem Rentner wurden von der hohen Inflationsrate hart getroffen. Er erkl\u00e4rte: \u201eSagen wir mal, eine Gro\u00dfmutter hatte unter Janukowitsch eine Rente von 100 Dollar, dann wurde sie unter Poroschenko auf 70 Dollar gek\u00fcrzt, und die Preise sind stark angestiegen. Nun, meiner Meinung nach ist jedem klar, dass nichts Gutes passiert ist.\u201c&nbsp;<\/p>\n<p>Ein Jugendlicher berichtete:&nbsp;<\/p>\n<p><em>Nat\u00fcrlich gab es mehr Arbeitslosigkeit, miserabel niedrige L\u00f6hne, eine unmenschliche Haltung gegen\u00fcber Arbeitern am Arbeitsplatz, gegen\u00fcber der Arbeiterklasse. Es gab viel Unzufriedenheit mit der Regierung, alle wussten genau, dass der Kurs nicht ge\u00e4ndert wurde. Die Leute haben Selenskyj gew\u00e4hlt, weil sie hofften, er w\u00fcrde die Politik von Poroschenko beenden, aber er hat sie verraten. Er war genau wie [Poroschenko], sogar noch schlimmer, so dass die Wut auf die Regierung \u00fcberw\u00e4ltigend war. Selenskyjs Regierung stand mit einem Bein im Sarg, aber der Krieg von 2022 lie\u00df all diese Stimmungen pl\u00f6tzlich verschwinden, oder sagen wir einfach, die Leute hielten pl\u00f6tzlich den Mund.<\/em><\/p>\n<p>Ein anderer Jugendlicher aus der S\u00fcdukraine betonte ebenfalls \u00fcber die Zeit vor dem russischen \u00dcberfall auf die Ukraine im Februar 2022:<\/p>\n<p><em>Die Menschen in der Ukraine waren eindeutig unzufrieden dar\u00fcber, was in all den Jahren seit dem Maidan passiert war. Vor allem wollten viele Ukrainer, dass der Krieg [im Osten] so schnell wie m\u00f6glich beendet wird. Und sie alle unterst\u00fctzten die Parteien derjenigen Politiker, die ein Ende des Kriegs versprachen. Parteien wie Medwedtschuks Partei, Boykos und Rabninowitschs Partei, Oleksandr Wilkuls Partei, Jewgeniia Murajewas Partei. Ich habe viele getroffen, die f\u00fcr eine Beendigung des Kriegs waren. Viele Ukrainer waren emp\u00f6rt \u00fcber den st\u00e4ndig sinkenden Lebensstandard. Die Rentner waren emp\u00f6rt und \u00fcber die Preise f\u00fcr Grundnahrungsmittel, Medikamente und Nebenkosten. Besonders unzufrieden waren sie \u00fcber die H\u00f6he ihrer Renten. Ich kannte damals schon und kenne heute viele Rentner, die mehr als 40 Jahre gearbeitet haben und eine Rente erhalten, die nicht einmal 3.000 Griwnia [knapp 72 Euro] betr\u00e4gt.<\/em><\/p>\n<p><em>Wie mir die Rentner selbst sagten, haben sie nicht das Gef\u00fchl, dass sie \u201eleben\u201c. Vielmehr haben sie sich die letzten Jahre mit niedrigen Renten durchgeschlagen und dabei noch ihren Kindern und Enkelkindern geholfen und f\u00fcr ihre Beerdigung gespart. Junge Leute konnten schon vor dem Krieg keine Arbeit in ihren St\u00e4dten und D\u00f6rfern finden und mussten zum Arbeiten ins Ausland. Die Corona-Pandemie hat die Lage im Land weiter verschlimmert. In der gesamten Ukraine fanden Kundgebungen statt, an denen nicht nur Schichten des Kleinb\u00fcrgertums teilnahmen, sondern auch \u00c4rzte, die schon lange nicht mehr bezahlt wurden. Selenskyjs R\u00fcckhalt ist schon vor dem Krieg rapide geschwunden. &nbsp;<\/em><\/p>\n<p>Er kam zu dem Schluss:&nbsp;<\/p>\n<p><em>Nicht nur ich, sondern auch viele andere Ukrainer glauben, dass alles, was wir heute durchmachen, das Ergebnis der Ereignisse vom Februar 2014 ist. Alle Probleme, die auf uns als ukrainischen Arbeitern, Jugendlichen und Rentnern lasten, stehen mit diesem Ereignis in Zusammenhang. Nur die ukrainischen b\u00fcrgerlichen Nationalisten und diejenigen, denen sie dienen, sowie die betrogene ukrainische Jugend, die die als Kanonenfutter verheizt wird, kann sich einreden, der Maidan habe etwas Gutes gebracht. Ich kann nur sagen, dass der Maidan mir nichts Gutes gebracht hat. Er hat das tragische Schicksal der Menschen noch verschlimmert.<\/em><\/p>\n<p><em>#Titelbild: Anh\u00e4nger rechtsextremer Parteien mit Fackeln und einem Portr\u00e4t von Stepan Bandera in Kiew, 1. Januar 2019 [AP Photo\/Efrem Lukatsky]<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2024\/03\/05\/eiul-m05.html\"><em>wsws.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 7. M\u00e4rz 2024<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Clara Weiss. 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