{"id":14369,"date":"2024-03-29T12:22:21","date_gmt":"2024-03-29T10:22:21","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=14369"},"modified":"2024-03-29T12:23:18","modified_gmt":"2024-03-29T10:23:18","slug":"die-nato-eine-abrechnung-mit-dem-wertebuendnis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=14369","title":{"rendered":"<strong>Die NATO. Eine Abrechnung mit dem Werteb\u00fcndnis<\/strong>"},"content":{"rendered":"<p><strong>Ausweitung der Kampfzone und der Informationskrieg. Vorabdruck des Kapitels 10 aus \u00bbDie NATO. Eine Abrechnung mit dem Werteb\u00fcndnis\u00ab von Sevim Dagdelen. <em>Westend-Verlag 2024, 128 Seiten, 16 Euro <\/em><\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Rom ist ohne Zweifel eines der bedeutendsten und sch\u00f6nsten Kulturzentren Europas. Wer einmal in den Genuss gekommen ist, die jahrtausendealten pr\u00e4chtigen Baudenkm\u00e4ler des einstigen Mittelpunkts des Imperium Romanum zu bestaunen oder bei einem Streifzug durch das Stra\u00dfengewirr die quirlige Lebendigkeit der Heimat von \u00bbDolce Vita\u00ab aufzusaugen, wird dies best\u00e4tigen k\u00f6nnen. Doch die Ewige Stadt beherbergt nicht nur spektakul\u00e4re Renaissancepal\u00e4ste und noch spektakul\u00e4rere Eisdielen. Nur wenige Kilometer s\u00fcdlich von Pantheon, Kolosseum und Forum Romanum liegt inmitten einer der gr\u00f6\u00dften Kasernenanlagen Italiens das \u00bbNATO Defense College\u00ab. Das ist den wenigsten ein Begriff, die Milit\u00e4rakademie spielt aber eine wichtige Rolle im Informationskrieg der NATO.<\/p>\n<p>Bereits seit der Jahrtausendwende beanspruchen die USA in ihrer Milit\u00e4rdoktrin die \u00dcberlegenheit in allen milit\u00e4rischen Teilbereichen. Neben den aktuell von der NATO definierten f\u00fcnf Kriegsschaupl\u00e4tzen Wasser, Land, Luft, Weltraum und Internet soll die sogenannte Full spectrum dominance (\u00dcberlegenheit auf allen Ebenen) auch f\u00fcr den Informationsbereich gelten. Letzterer ist f\u00fcr die NATO derart bedeutsam, dass aktuell diskutiert wird, die \u00bbHuman Domain\u00ab oder \u00bbMenschliche Sph\u00e4re\u00ab als sechsten Kriegsschauplatz aufzunehmen.<\/p>\n<p>In einem lesenswerten Buch legt Jonas T\u00f6gel dar, wie die NATO seit dem Jahr 2020 systematisch eine neue moderne Form der Kriegf\u00fchrung entwickelt: \u00bbKognitive Kriegsf\u00fchrung\u00ab (cognitive warfare) ist der Titel. Im Kern geht es dabei um \u00bbSoft Power\u00ab im Gegensatz zu klassischer milit\u00e4rischer Gewalt (\u00bbHard Power\u00ab), ins Visier wird dabei der menschliche Verstand genommen. Diese Methode der Kriegf\u00fchrung zielt darauf ab, mit Propaganda und Manipulation in die Gedanken und Gef\u00fchle der Menschen vorzudringen und diese f\u00fcr die eigenen Zwecke einzunehmen.<\/p>\n<p><strong>Kriegspropaganda <\/strong><\/p>\n<p>Ausgangspunkt f\u00fcr die Entwicklung dieses Programms ist eine einfache, aber weitreichende Einsicht: Auf dem Schlachtfeld zu siegen, bedeutet noch lange nicht, politisch zu gewinnen. So haben die USA und ihre NATO-Verb\u00fcndeten im sogenannten Krieg gegen den Terror zwar schnelle milit\u00e4rische Erfolge erzielt. Letztlich sind sie jedoch daran gescheitert, auch die Bev\u00f6lkerungen f\u00fcr sich und ihre politischen Ziele einzunehmen. Die erfolglose Besetzung des Irak oder der Abzug der NATO-Truppen aus Afghanistan und die Macht\u00fcbernahme der Taliban im Jahr 2021 haben das eindr\u00fccklich gezeigt.<\/p>\n<p>Um ein solches Versagen in Zukunft zu verhindern und den eigenen globalen Machtanspruch abzusichern, will die NATO nun ihre Techniken der Kriegspropaganda und Manipulation optimieren. Das schl\u00e4gt sich zum Beispiel im Lehrplan des NATO Defense College nieder. An der Milit\u00e4rakademie, die 1951 auf Vorschlag des damaligen Oberkommandierenden der NATO-Streitkr\u00e4fte in Europa und sp\u00e4teren US-Pr\u00e4sidenten Dwight D. Eisenhower gegr\u00fcndet wurde, bildet das B\u00fcndnis sein F\u00fchrungspersonal aus. Bei den dortigen Kursen und Seminaren werden hohe Milit\u00e4rs sowie wichtige Beamte und Diplomaten der NATO-Staaten und aus Partnerl\u00e4ndern zu Themen wie dem \u00bbemotionalen Quotienten\u00ab von Konflikten oder \u00bbstrategischer Kommunikation\u00ab geschult.<\/p>\n<p>F\u00fcr Letzteres betreibt die NATO seit 2014 ein eigenes \u00bbKompetenzzentrum\u00ab mit Sitz in Riga. Bei \u00bbstrategischer Kommunikation\u00ab \u2013 neudeutsch f\u00fcr Propaganda \u2013 handelt es sich um ein wichtiges Instrument der kognitiven Kriegf\u00fchrung. Die NATO selbst h\u00e4lt \u00bbstrategische Kommunikation\u00ab f\u00fcr einen \u00bbwesentlichen Bestandteil\u00ab ihrer Bem\u00fchungen, \u00bbdie politischen und milit\u00e4rischen Ziele des B\u00fcndnisses zu erreichen\u00ab. In der Ausweitung des Informationskrieges sieht die NATO selbstverst\u00e4ndlich ein rein defensives Unterfangen, etwa als Reaktion auf \u00bbb\u00f6swillige Aktivit\u00e4ten im Cyber- und Weltraum\u00ab und \u00bbDesinformationskampagnen\u00ab \u00bbautorit\u00e4rer Akteure\u00ab \u2013 gemeint sind nat\u00fcrlich allen voran China und Russland. Es gilt das Motto: Propaganda und Desinformation betreiben immer nur die anderen.<\/p>\n<p>Der Stellvertreterkrieg der NATO gegen Russland in der Ukraine f\u00fchrt uns unmittelbar vor Augen, was es hei\u00dft, wenn die K\u00f6pfe und Herzen der Menschen zum Kriegsschauplatz werden. Denn der Informationskrieg zielt immer auch auf die eigene Bev\u00f6lkerung ab. Unter dem Deckmantel der \u00bbstrategischen Kommunikation\u00ab zur Bek\u00e4mpfung \u00bbrussischer Desinformation\u00ab baut die deutsche Bundesregierung regelrechte Propagandaabteilungen in ihren Ministerien auf und aus. Allein in den ersten Monaten nach Beginn des Ukraine-Krieges wurden hierf\u00fcr zus\u00e4tzlich mehr als elf Millionen Euro investiert. Um \u00bbrussische Narrative und Desinformation\u00ab zu entlarven, verbreitet die Bundesregierung systematisch sogenannte Faktenchecks vermeintlich neutraler, tats\u00e4chlich jedoch staatlich oder \u00fcber EU-Gelder finanzierter Einrichtungen wie der <em>Deutschen Welle<\/em> oder dem Portal <em>EUvsDisinfo<\/em> des Europ\u00e4ischen Ausw\u00e4rtigen Dienstes. Diese sind ein wirkm\u00e4chtiges Instrument im Kampf um Deutungshoheit, suggerieren sie doch den Anspruch auf objektive Wahrheit.<\/p>\n<p>Konkret geht es der Bundesregierung darum, die eigene Politik und Deutschland insgesamt immer st\u00e4rker am NATO-Stellvertreterkrieg gegen Russland zu beteiligen und die deutschen Milit\u00e4rausgaben zu steigern und zu legitimieren. Kriegsm\u00fcdigkeit steht der Kriegst\u00fcchtigkeit im Weg und soll m\u00f6glichst erst gar nicht aufkommen. Ziel der omnipr\u00e4senten Kriegspropaganda ist es, das Partikularinteresse des NATO-affinen politisch-medialen Establishments an Krieg und an der Militarisierung der Bev\u00f6lkerung als \u2013 um mit dem italienischen marxistischen Theoretiker Antonio Gramsci zu sprechen \u2013 \u00bbgesellschaftliches Allgemeininteresse\u00ab aufzudr\u00fccken.<\/p>\n<p><strong>Milit\u00e4rexperten im TV <\/strong><\/p>\n<p>Eine wichtige Rolle kommt hierbei sogenannten Milit\u00e4rexperten zu. Als vermeintlich neutrale Autorit\u00e4ten hat deren Wort besonderes Gewicht in der \u00f6ffentlichen Diskussion. Hervorgetan in der Kunst der Kriegspropaganda hat sich insbesondere Florence Gaub, Forschungsdirektorin am eingangs erw\u00e4hnten NATO Defense College. Eine gewisse Bekanntheit erreichte die Reserveoffizierin der franz\u00f6sischen Armee wenige Wochen nach Beginn des Ukraine-Krieges, als sie in der <em>ZDF<\/em>-Fernsehsendung \u00bbLanz<em>\u00ab<\/em> davon spricht, dass \u00bbdie Russen\u00ab trotz ihres europ\u00e4ischen Aussehens keine Europ\u00e4er seien und ein anderes \u2013 sprich: unzivilisiertes \u2013 Verh\u00e4ltnis zu Gewalt und zum Tod h\u00e4tten. Neben solchen rassistisch-pauschalisierenden Entgleisungen zur D\u00e4monisierung des Feindes scheint die Aufgabe der NATO-Politologin darin zu bestehen, die deutsche \u00d6ffentlichkeit auf eine Verl\u00e4ngerung des Krieges in der Ukrai\u00adne einzuschw\u00f6ren.<\/p>\n<p>Das war etwa im Zwiegespr\u00e4ch von Gaub mit der Politikerin Sahra Wagenknecht in der <em>ARD<\/em>-Sendung \u00bbMaischberger\u00ab zu beobachten \u2013 einem wahren Lehrst\u00fcck der Kriegspropaganda. In der Sendung argumentierte Gaub vehement gegen diplomatische Bem\u00fchungen f\u00fcr einen Waffenstillstand in der Ukraine. F\u00fcr sie steht fest: Statt zu deeskalieren, m\u00fcsse dort eskaliert werden. Denn man kenne es ja vom Beziehungsstreit mit dem Partner: \u00bbManchmal muss es erst richtig nach oben gehen, bis die andere Seite bereit ist einzuschwenken.\u00ab Der Krieg in der Ukraine k\u00f6nne auch noch gar nicht beendet werden, das zeige die durchschnittliche statistische Dauer von Kriegen. \u00bbSie m\u00fcssen sich das so vorstellen\u00ab, so Gaub: \u00bbDer Konflikt hat quasi einen Wecker im Bauch\u00ab. Ein Ende komme erst infrage, wenn dieser \u00bbirgendwann klingelt\u00ab. (\u2026)<\/p>\n<p>Der Informationskrieg und die damit verbundene Ausweitung der Kampfzone auf die K\u00f6pfe und Herzen der Menschen sind in vollem Gang. Um ihre globale Machtambition umzusetzen, macht die NATO den menschlichen Verstand zunehmend zur Zielscheibe von Propaganda und Manipulation. Was kann dagegen getan werden? Einen Weg hat der Journalist und <em>Wikileaks<\/em>-Gr\u00fcnder Julian Assange aufgezeigt. Von ihm stammt der Satz: \u00bbWenn Kriege durch L\u00fcgen begonnen werden k\u00f6nnen, kann Frieden durch Wahrheit begonnen werden.\u00ab \u00adAssange hat recht. Die Aufkl\u00e4rung \u00fcber die Kriegspropaganda und Manipulation der NATO ist ein erster Schritt auf dem Weg zum Frieden.<\/p>\n<p><em>Auszug aus: Sevim Dagdelen: Die NATO. Eine Abrechnung mit dem Werteb\u00fcndnis. Westend-Verlag 2024, 128 Seiten, 16 Euro <\/em><\/p>\n<p><em>#Titelbild: TT News Agency\/Anders Wiklund via REUTERS. In einer Manufaktur bei Stockholm werden zum NATO-Beitritt Schwedens Flaggen des Kriegsb\u00fcndnisses gen\u00e4ht (7.3.2024)<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.jungewelt.de\/artikel\/472283.westliches-kriegsb%C3%BCndnis-wecker-im-bauch.html\"><em>jungewelt.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 29. M\u00e4rz 2024<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ausweitung der Kampfzone und der Informationskrieg. Vorabdruck des Kapitels 10 aus \u00bbDie NATO. Eine Abrechnung mit dem Werteb\u00fcndnis\u00ab von Sevim Dagdelen. 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