{"id":1438,"date":"2016-08-22T11:21:46","date_gmt":"2016-08-22T09:21:46","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=1438"},"modified":"2016-08-22T11:21:46","modified_gmt":"2016-08-22T09:21:46","slug":"ethnische-saeuberung-in-palaestina","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=1438","title":{"rendered":"Ethnische S\u00e4uberung in Pal\u00e4stina"},"content":{"rendered":"<p><strong>Ilan Papp\u00e9 ist Historiker, sozialer Aktivist, Professor an der Universit\u00e4t von Exeter und Unterst\u00fctzer der Kampagne f\u00fcr Boykott, Desinvestition und Sanktionen (BDS). <\/strong><!--more--><\/p>\n<p><strong>Er stammt aus Israel und ist ein weltber\u00fchmter Gelehrter zum Thema Pal\u00e4stina-Israel Konflikt und hat zahlreiche B\u00fccher zu diesem Thema ver\u00f6ffentlicht, einschliesslich <em>Die ethnische S\u00e4uberung Pal\u00e4stinas<\/em> und <em>The Idea of Israel: A History of Power and Knowledge<\/em>. <\/strong><\/p>\n<p><strong>Das folgende Gespr\u00e4ch mit Ilan Papp\u00e9 wurde von Alejandra R\u00edos<\/strong> <strong>f\u00fcr\u00a0 <a href=\"http:\/\/www.leftvoice.org\/\">Ideas de Izquierda <\/a>\u00a0am 12. August 2016 gef\u00fchrt. Die \u00dcbersetzung aus dem Englischen erfolgte durch die Redaktion maulwuerfe.ch<\/strong><\/p>\n<p><strong>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;-<\/strong><\/p>\n<p><strong>Sie haben gesprochen und geschrieben \u00fcber das Konzept des Heimatlandes als Rechtfertigung f\u00fcr die Zerst\u00f6rung der einheimischen Bev\u00f6lkerung. Was ist die Bedeutung dieses Konzepts und was f\u00fcr Beispiele gibt es f\u00fcr seine Anwendung an anderen Orten? In welcher Hinsicht wurde es in Pal\u00e4stina anders angewendet als in anderen L\u00e4ndern?<\/strong><\/p>\n<p>Der Kontext ist das Ph\u00e4nomen des Siedlerkolonialismus: die Bewegung von Europ\u00e4ern, weil sie sich unsicher oder gef\u00e4hrdet f\u00fchlten, in nicht-europ\u00e4ische Gebiete hinein auf dem amerikanischen Kontinent, in Afrika, Australien und Pal\u00e4stina. Diese Leute suchten nicht nur ein neues Zuhause, sondern auch ein neues Heimatland. Sie versp\u00fcrten n\u00e4mlich keinen Wunsch und hatten keinen Plan, nach Europa zur\u00fcckzukehren.<\/p>\n<p>Das einzige Problem war, dass das Gebiet, das sie begehrten, bereits mit anderen Menschen bev\u00f6lkert war. In den meisten F\u00e4llen war ihre L\u00f6sung der Genozid der einheimischen Bev\u00f6lkerung. In zwei F\u00e4llen war die L\u00f6sung eine andere: Apartheid in S\u00fcdafrika und die ethnische S\u00e4uberung in Pal\u00e4stina.<\/p>\n<p><strong>In Ihrem Buch, \u201aDie ethnische S\u00e4uberung Pal\u00e4stinas\u2018, sagen Sie, die Ziele Israels seien seit 1948 dieselben geblieben. K\u00f6nnen Sie das genauer erkl\u00e4ren?<\/strong><\/p>\n<p>Wie jede sesshafte Kolonialbewegung ist die zionistische Bewegung durch die Logik der Beseitigung der Einheimischen motiviert. In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg ist die Beseitigung komplexer und vielleicht weniger unmenschlich, aber dennoch drastisch. Der Wunsch der zionistischen Bewegung, sowohl einen j\u00fcdischen wie einen demokratischen Staat zu erschaffen, bedeutet, dass es immer einen Wunsch gibt, soviel von Pal\u00e4stina wie m\u00f6glich zu \u00fcbernehmen und so wenige Pal\u00e4stinenser darin \u00fcbrigzulassen wie m\u00f6glich.<\/p>\n<p>Das ist der Hintergrund der israelisischen ethnischen S\u00e4uberungsaktion von 1948; eine Aktion, die mit der Ausschaffung von beinahe einer Million Pal\u00e4stinensern und einer j\u00fcdischen \u00dcbernahme von 80 Prozent des Gebietes endete.<\/p>\n<p>Allerdings war die ethnische S\u00e4uberung von 1948 kein vollendetes Projekt. Es gab noch immer jenes 20 Prozent des Gebietes, das Israel noch nicht besass und es gab eine pal\u00e4stinensische Minderheit in Israel. Die Vision eines reinen, ent-arabisierten Pal\u00e4stinas bestand weiter, aber die Methoden unterschieden sich nun.<\/p>\n<p>Zu den Methoden geh\u00f6rten die Auferlegung der Milit\u00e4rherrschaft \u00fcber P\u00e4lestinenser in Israel und die Weigerung, Fl\u00fcchtlinge wieder ins Land zu lassen. Der Platz reichte nicht aus, und die M\u00f6glichkeit, ihn zu vergr\u00f6ssern kam 1967, aber bis dahin war das demographische Problem zur\u00fcckgekehrt. Dieses Mal bestanden die Methoden aus Apartheid, milit\u00e4rischer Besetzung und der Aufsplitterung des Gebiets in Enklaven und Bantustans.<\/p>\n<p><strong>Sie haben die israelischen Handlungen in Gaza als \u201eschrittweisen Genozid\u201c beschrieben. Was meinen Sie mit diesem Begriff?<\/strong><\/p>\n<p>\u201eSchrittweise\u201c bedeutet, dass es kein dramatisches, massives T\u00f6ten von Menschen einer gewissen Ethnie oder Nation gibt. Aber eine Strategie wie diejenige, die Israel seit 2006 einsetzt, hat zu etwas gef\u00fchrt, was die UN \u201edie Transformation vom Gazastreifen in einen unbewohnbaren Ort\u201c nannte \u2013 also ist es nicht nur das konstante T\u00f6ten von Zivilisten, das den Genozid ausmacht, sondern auch die Zerst\u00f6rung der Infrastruktur.<\/p>\n<p><strong>Glauben Sie, dass Israel derzeit ethnische S\u00e4uberungen im Westjordanland und Ostjerusalem in einem \u00e4hnlichen Ausmass wie bereits 1948 durchf\u00fchrt?<\/strong><\/p>\n<p>Naja, Fakt ist, dass nur schon in Gebieten Grossjerusalems seit 1967 hunderttausende Pal\u00e4stinenser auf verschiendenste Weisen weggeschafft wurden \u2013 durch massiven Ausschaffungen oder durch die Verschiebung ihrer Nachbarschaften ins Westjordanland oder durch eine Einreiseverweigerung, falls sie ihr Land verliessen. Nach 1967 besteht ethnische S\u00e4uberung mehr aus der Verschiebung von Pal\u00e4stinensern in Enklaven als ihrer Abschiebung ins Ausland.<\/p>\n<p><strong>Sie argumentieren gegen eine Zweistaatenl\u00f6sung aus dem Grund, dass sie nicht durchf\u00fchrbar sei und unterst\u00fctzen stattdessen einen bi-nationalen Staat. Was sind Ihre Gr\u00fcnde daf\u00fcr, dass sie zu diesem Schluss gelangt sind? Wie, glauben Sie, k\u00f6nnte ein bi-nationaler Staat errichtet werden, und wie w\u00fcrde er funktionieren?<\/strong><\/p>\n<p>Die Zweistaatenl\u00f6sung ist aus drei schwerwiegenden Gr\u00fcnden nicht durchf\u00fchrbar. Erstens gilt sie nur f\u00fcr 20 Prozent Pal\u00e4stinas und betrifft weniger als die H\u00e4lfte des pal\u00e4stinensischen Volkes. Man kann das Problem Pal\u00e4stinas nicht auf diese Weise reduzieren, weder geographisch noch demographisch.<\/p>\n<p>Zweitens erschuf Israel eine solche Realit\u00e4t vor Ort, hinsichtlich Wohngebiet und Kolonisierung, dass es unm\u00f6glich sein w\u00fcrde, einen normalen pal\u00e4stinensischen Staat zu kreieren, auch wenn man diese L\u00f6sung annehmen w\u00fcrde. Das Beste, worauf man hoffen kann, w\u00e4ren zwei Bantustans: Eines im Westjordanland und eines im Gazastreifen. Das ist keine L\u00f6sung.<\/p>\n<p>Letztlich wird es keine L\u00f6sung f\u00fcr den Konflikt geben, ohne das Recht der pal\u00e4stinensischen Fl\u00fcchtlinge, wieder in ihr Land zur\u00fcckzukehren, sie zu respektieren. Die Zweistaatenl\u00f6sung respektiert dieses Recht nicht.<\/p>\n<p><strong>Wie waren die Auswirkungen der wachsenden internationalen Kritik an den Handlungen Israels gegen das pal\u00e4stinensische Volk? Wie hat sich dies auf die Friedensbewegung in Israel ausgewirkt?<\/strong><\/p>\n<p>In den letzten zehn Jahren hatten Zivilgesellschaften auf der ganzen Welt genug von der Unt\u00e4tigkeit ihrer Regierungen gegen\u00fcber Pal\u00e4stina. Deshalb handelten sie aus sich selbst heraus, indem sie den zivilrechtlichen, pal\u00e4stinensischen Ruf nach Boykott, Deinvestitionen und Sanktionen gegen Israel unterst\u00fctzten.<\/p>\n<p>Die Regierungen der Welt \u00fcben noch immer keinen Druck auf Israel aus, seine Politik zu \u00e4ndern und deshalb ist es schwierig, irgendeine \u00c4nderung von innen heraus zu erwarten. Es gibt in Israel kein Friedenslager. Es gibt jetzt eine kleine Gruppe von Aktivisten, die von der BDS-Bewegung ermutigt werden; und die versuchen Israelis \u00fcber die Menschen- und Zivilrechtsverletzungen in der Gegenwart und in Zukunft aufzukl\u00e4ren. Diese Gruppen aus dem Inneren werden nicht \u00fcberleben; es wird n\u00f6tig sein, mehr internationalen Druck auf Israel auszu\u00fcben.<\/p>\n<p><strong>Welche Rolle spielen Akademiker und Intellektuelle im Kampf f\u00fcr die Befreiung Pal\u00e4stinas?<\/strong><\/p>\n<p>Eine sehr wichtige Rolle. Sie k\u00f6nnen jene Geschichte Pal\u00e4stinas erz\u00e4hlen, die Israel vor der Welt verheimlichen m\u00f6chte. Es gibt gen\u00fcgend Beweise, und heute gibt es gen\u00fcgend Gelehrte, die von ihnen Gebrauch machen, um die Geschichte so zu erz\u00e4hlen, wie sie wirklich stattfand. Wir werden mutig mit dieser Geschichte umgehen m\u00fcssen, wenn wir einen wahren Vers\u00f6hnungsprozess in Israel und Pal\u00e4stina haben wollen.<\/p>\n<p><strong>Wie wichtig ist die BDS-Kampagne? Was glauben Sie, kann sie erreichen?<\/strong><\/p>\n<p>Sehr wichtig. Sie spielt zwei wichtige Rollen: erstens soll sie die schmerzhafte aber n\u00f6tige Botschaft an Israel senden, dass eine weitergef\u00fchrte Politik der Enteignung und Kolonisierung mit grossen Kosten verbunden ist. Und, zweitens, soll sie die Welt\u00f6ffentlichkeit und den Aktivismus in einer Kampagne aufr\u00fctteln, die die Frage Pal\u00e4stinas nie in Vergessenheit geraten l\u00e4sst.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ilan Papp\u00e9 ist Historiker, sozialer Aktivist, Professor an der Universit\u00e4t von Exeter und Unterst\u00fctzer der Kampagne f\u00fcr Boykott, Desinvestition und Sanktionen (BDS). <\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,7],"tags":[35,11,33],"class_list":["post-1438","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-debatte","category-international","tag-palaestina","tag-rassismus","tag-zionismus"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1438","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1438"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1438\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1439,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1438\/revisions\/1439"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1438"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1438"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1438"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}