{"id":14399,"date":"2024-04-11T16:41:18","date_gmt":"2024-04-11T14:41:18","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=14399"},"modified":"2024-04-11T16:41:20","modified_gmt":"2024-04-11T14:41:20","slug":"in-belmarsh-ist-das-gewissen-des-westens-inhaftiert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=14399","title":{"rendered":"<strong>In Belmarsh ist das Gewissen des Westens inhaftiert<\/strong>"},"content":{"rendered":"<p><em>Roberto De Lapuente.<\/em>\u00a0 <strong>Heute vor f\u00fcnf Jahren wurde Julian Assange in Belmarsh inhaftiert. Bis heute sitzt er in Haft. Sein Fall verdeutlicht die westliche Doppelmoral wie kaum etwas anderes.<\/strong><\/p>\n<p>Wir leben in Zeiten voller Propaganda, gef\u00fcllt mit Kriegsl\u00fcgen und Durchhaltemanipulationen.<!--more--> Das erste Opfer im Krieg ist die Wahrheit. Diese Erkenntnis ist so oft wiederholt worden, man mag sie eigentlich nicht nochmal zitieren \u2013 aber sie trifft nun mal zu. Julian Assange hat mal gesagt: <em>\u00bbWenn Kriege durch L\u00fcgen begonnen werden k\u00f6nnen, kann Frieden durch Wahrheit begonnen werden.\u00ab<\/em> Theoretisch hatte der australische Journalist recht. In unserer traurigen Wirklichkeit sah es praktisch so aus: Wer die Wahrheit berichtet, wird verfolgt und geht ins Gef\u00e4ngnis.<\/p>\n<p>Assange wird seit dreizehn Jahren verfolgt. Die ersten Jahre seiner Odyssee verbrachte er in der Botschaft Ecuadors in London. Bis 2019 verschanzte er sich an jenem Ort. Nachdem sich die Beziehung zu seinem Gastgeber verschlechterte, musste er die Botschaft verlassen und wurde von der Londoner Polizei festgenommen. Er landete Belmarsh, <a href=\"https:\/\/www.rtl-crime.de\/cms\/belmarsh-der-haerteste-knast-englands-rtl-crime-4676356.html\">dem h\u00e4rtesten Knast Englands<\/a>. Bis heute ist ungekl\u00e4rt, ob er in die USA ausgewiesen wird oder nicht \u2013 zuletzt wurde eine m\u00f6gliche Ausweisung aufgeschoben.<\/p>\n<p><strong>Investigativjournalismus soll f\u00fcr immer weggesperrt werden<\/strong><\/p>\n<p>In den Vereinigten Staaten erwarten ihn bis zu 175 Jahre Haft. Selbst die Todesstrafe wird von den US-Beh\u00f6rden nicht grunds\u00e4tzlich ausgeschlossen. Washington steht auf dem Standpunkt, dass Assange Leben gef\u00e4hrdet h\u00e4tte. Insbesondere Soldatenleben. Daf\u00fcr gibt es allerdings keine Beweise. Viele seiner Offenlegungen und Leaks zeigen aber, was wirklich Menschenleben gekostet hat: US-Milit\u00e4r im Kriegseinsatz. Das, was man auf den von WikiLeaks ver\u00f6ffentlichten Videos sah oder in geleakten Berichten las, h\u00f6rte sich so v\u00f6llig anders an, als das was die Medien \u00fcber die US-Kriege berichteten. Dort kam die US-Army abgekl\u00e4rt vor \u2013 als f\u00fchre sie einen angemessenen Krieg mit angemessenen Mitteln. Aber es war ganz anders, Assange habe dabei geholfen, \u00bbunsch\u00f6ne Wahrheiten \u00fcber die US-gef\u00fchrten Kriege in Irak und Afghanistan bekannt zu machen\u00ab, wie <a href=\"https:\/\/www.dw.com\/de\/sex-leaks-und-die-schwedische-justiz\/a-18655253\">die Deutsche Welle einst euphemistisch erkl\u00e4rte<\/a>.<\/p>\n<p>Angefangen hat die Verfolgungsjagd des Investigativjournalisten mit plumpen Vergewaltigungsvorw\u00fcrfen. Gerade in jenem Moment, da Julian Assange auf dem H\u00f6hepunkt seines investigativen Schaffens war, kamen dieser Vorw\u00fcrfe auf. Zwei Frauen aus Schweden meldeten sich im August 2010 bei der Polizei. Die schwedische Staatsanwaltschaft erlie\u00df Haftbefehl \u2013 und der wurde internationalisiert. Es kam nie zu einem Verfahren. Damals unkten schon die ersten, man h\u00e4tte hier etwas konstruiert, um Assange aus dem Verkehr zu ziehen. Das galt nat\u00fcrlich als Verschw\u00f6rungstheorie \u2013 allzu verschw\u00f6rungstheoretisch klingt es heute allerdings nicht mehr.<\/p>\n<p>Assanges Vergehen war es, Journalismus so verstanden zu haben, wie die M\u00e4chtigen ihn sich eben gerade nicht vorstellen. Sie bevorzugen und f\u00f6rdern einen Journalismus, der kein Stachel im Fleisch sein will, der sich nicht als Kontroll- sondern schlicht als Begleitinstanz politischer und wirtschaftlicher Prozesse versteht. Nat\u00fcrlich soll er \u00fcber Abl\u00e4ufe berichten, aber bitte auf das Wording zur\u00fcckgreifen, das PR-Agenturen vorab zur Verf\u00fcgung gestellt haben. Eingebundener Journalismus: Das ist das Stichwort. Bei dem ist nat\u00fcrlich auch immer Wahrheit im Spiel \u2013 die Wahrheit der Macht, die gerade ben\u00f6tigte Wahrheit f\u00fcr den Augenblick. Objektive Wahrheit allerdings nicht.<\/p>\n<p><strong>Gefangener der NATO<\/strong><\/p>\n<p>Julian Assange verstand WikiLeaks jedoch als objektive Plattform. Regierungen nicht freundschaftlich zu begleiten, sie kritisch und mit Abstand zu durchleuchten und damit zur demokratischen Gewaltenteilung beizutragen: Das war seine Auffassung. Mit solchen Journalisten sitzt man nat\u00fcrlich nicht fraternisierend zusammen \u2013 dieses Privileg genie\u00dfen nur die Eingebundenen. H\u00e4ufig vernimmt man, wie Politik und Medien sich gegenseitig um Zusammenarbeit bem\u00fchen \u2013 als sei Zusammenarbeit etwas, das die Grundlage zwischen beiden Welten ausmachen w\u00fcrde. Das Gegenteil w\u00e4re der Fall. WikiLeaks hat es so gehandhabt: Die Plattform arbeitete mit denen zusammen, die etwas wussten und bereit waren, das weiterzutragen: Mit Whistleblowern.<\/p>\n<p>Dabei handelt es sich um Menschen, die in einer sensiblen Position arbeiten, aber von Gewissensbissen geplagt werden, weil sie sp\u00fcren oder sogar wissen, dass die Macht eben diese missbraucht und Gesetze bricht. Ihr Anliegen ist es, dieses Wissen mit anderen zu teilen und die Gesellschaft dar\u00fcber in Kenntnis zu setzen. F\u00fcr die Vereinigten Staaten ist ein solcher Antrieb Spionage. Um Julian Assange in den USA anklagen zu k\u00f6nnen, greift Washington dann auch auf ein Gesetz aus dem Ersten Weltkrieg zur\u00fcck. Dieser <em>Espionage Act<\/em> legt nahe, dass Assange \u2013 wie schon erw\u00e4hnt \u2013 Menschenleben gef\u00e4hrdet habe. Folgte man dieser Logik, m\u00fcsste man es so auslegen: Weil Assange Kriegsverbrechen im Nahen Osten aufdeckte, gef\u00e4hrdete er US-Soldaten ebenda. Denn aufgebrachte Autochthone k\u00f6nnten sich ja zur Wehr setzen gegen die Praktik gezielter Kriegsverbrechen.<\/p>\n<p>W\u00e4re Assange Russe und fl\u00fcchtete vor dem Zugriff Wladimir Putins, w\u00fcrde er im Westen und insbesondere in den Vereinigten Staaten als wahrer Held gefeiert. Man w\u00fcrde ihm Asyl gew\u00e4hren und ihn als Gesicht eines besseren Russlands ausweisen. Assange ist, mit etwas Pathos ausgedr\u00fcckt, das Gesicht des besseren Westens. Der Globale S\u00fcden schaut mittlerweile argw\u00f6hnisch auf den Globalen Norden, der kurioserweise auch der Westen ist: Assange ist das Gesicht, das das schlechte Bild des Westens dort ein wenig retten k\u00f6nnte. In Belmarsh sitzt das Gewissen des Westens. F\u00fcr die Bundestagsabgeordnete Sevim Da\u011fdelen vom <em>B\u00fcndnis Sahra Wagenknecht <\/em>ist Assange schlicht ein \u00bbGefangener der NATO\u00ab. So merkt sie das <a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/die-nato.html\">in ihrem aktuellen Buch<\/a> an. Kein Land aus dem Milit\u00e4rb\u00fcndnis macht Druck auf die USA \u2013 sie nehmen ihre Vasallenrolle ein und schweigen. Von wegen Werteb\u00fcndnis!<\/p>\n<p><strong>Wo ist der Widerstand der Journalistenzunft?<\/strong><\/p>\n<p>Ja, selbst der eigene Berufsstand schweigt. In den ersten Jahren von Assanges Verfolgung schien es noch kritische Berichte zu seiner Person zu geben. Sukzessive schliefen die ein, je dringlicher die USA Assange in \u00dcbersee \u00bbbegr\u00fc\u00dfen\u00ab wollten, desto h\u00e4ufiger griff man Assange an. 2016 war es dann \u2013 wie kann es anders sein! \u2013 <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/netzwelt\/web\/julian-assange-macht-wikileaks-zum-instrument-fuer-donald-trump-a-1112249.html\">Deutschlands Investigativirokese<\/a>, der Assange zum Instrument f\u00fcr Donald Trump umfunktionierte. Unabh\u00e4ngigen Journalismus gibt es in Deutschland selbstverst\u00e4ndlich. Wer was anderes behauptet, gef\u00e4hrdet wom\u00f6glich unsere Demokratie.<\/p>\n<p>Sascha Lobo wird mit dieser Art von \u00bbJournalismus\u00ab nat\u00fcrlich nie in die Lage kommen, sich in eine Botschaft zur\u00fcckziehen zu m\u00fcssen. Wie ihm geht es fast allen Journalisten im Mainstream-Bereich. Sie sind eingebunden \u2013 und das geschieht ohne direkten Druck, sie haben gelernt, genau so zu reagieren, wie es der aktuelle Augenblick verlangt. Diese Selbstregulierung stellt keine klassische Zensur dar, sie ist dem Selbsterhaltungstrieb der einzelnen Protagonisten geschuldet. Wer Karriere machen will, ja wer auch nur im Job verweilen m\u00f6chte, der passt sich je nach Wetterlage an. Ein Pr\u00e4zedenzfall wie Assange ist ein mahnendes Beispiel. Wer will schon so enden wie er?<\/p>\n<p>2011 hat Assange in einem Interview mit Russia Today folgendes gesagt: <em>\u00bbDie Medien h\u00e4tten es <\/em>[Anm.: die Kriege im Irak und Afghanistan]<em> stoppen k\u00f6nnen, wenn sie tief genug recherchiert h\u00e4tten, wenn sie Regierungspropaganda nicht abgedruckt h\u00e4tten. Aber was hei\u00dft das? Das bedeutet, im Kern m\u00f6gen Bev\u00f6lkerungen Kriege nicht. Bev\u00f6lkerungen m\u00fcssen in Kriege hineingetrickst werden. Bev\u00f6lkerungen gehen nicht freien Willens und mit offenen Augen in einen Krieg. Wenn wir ein gutes Medienumfeld haben, haben wir auch ein friedliches Umfeld.\u00ab<\/em> Besser kann man es an diesem 11. April 2024, dem f\u00fcnften Jahrestag von Assanges Haft, nicht sagen. Die Medien h\u00e4tten es in der Hand. Sie verweigern die Arbeit. Assange hat diese Arbeitsverweigerung verweigert. Daf\u00fcr b\u00fc\u00dft er schwer. Lasst Julian Assange endlich frei!<\/p>\n<p>Update: US-Pr\u00e4sident Biden <a href=\"https:\/\/www.nytimes.com\/2024\/04\/10\/us\/politics\/julian-assange-prosecution.html\">sagte<\/a> am Mittwoch w\u00e4hrend einer Pressekonferenz mit dem japanischen Ministerpr\u00e4sidenten Fumio Kishida, dass man \u00fcberlege, das Verfahren gegen Julian Assange einzustellen: \u201eWe\u2019re considering it.\u201d Das ist sehr vage und nebenbei gesagt, aber erstmals ein Zeichen der Hoffnung, dass Assange freigelassen werden k\u00f6nnte und die Qual ein Ende h\u00e4tte.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/overton-magazin.de\/hintergrund\/politik\/in-belmarsh-ist-das-gewissen-des-westens-inhaftiert\/\"><em>overton-magazin.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 11. April 2024 <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Roberto De Lapuente.\u00a0 Heute vor f\u00fcnf Jahren wurde Julian Assange in Belmarsh inhaftiert. Bis heute sitzt er in Haft. 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