{"id":1440,"date":"2016-08-22T11:39:56","date_gmt":"2016-08-22T09:39:56","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=1440"},"modified":"2016-08-22T11:40:41","modified_gmt":"2016-08-22T09:40:41","slug":"1440","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=1440","title":{"rendered":"&#8222;Was kommt nach dem Postmodernismus?&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><strong>Der britische Literaturwissenschaftler Terry Eagleton spricht mit <a href=\"http:\/\/www.leftvoice.org\/What-s-Next-After-Postmodernism\">Left Voice<\/a> \u00fcber Literaturtheorie, ihre Verbindung mit politischen und geschichtlichen Str\u00f6mungen,<\/strong><!--more--><\/p>\n<p><strong> \u00fcber den R\u00fcckzug des Postmodernismus und die Hartn\u00e4ckigkeit des Marxismus.<\/strong><\/p>\n<p>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;<\/p>\n<p><strong>In Ihrem Buch <\/strong><strong>\u201a<\/strong><strong>The Event of Literature<\/strong><strong>\u2018<\/strong><strong> (2012) behaupten Sie, dass die Literaturtheorie sich seit zwanzig Jahren im Niedergang befindet und dass historisch betrachtet eine starke Beziehung zwischen Verschiebungen in der Theorie und sozialem Konflikt besteht. Erreicht die Theorie ihren h<\/strong><strong>\u00f6<\/strong><strong>chsten Punkt w<\/strong><strong>\u00e4<\/strong><strong>hrend Perioden des Aufruhrs?<\/strong><\/p>\n<p>Die Literaturtheorie erreichte ihren H\u00f6hepunkt ungef\u00e4hr als die politische Linke sich im Aufstieg befand. Es gab einen Ausbruch solcher Theorie in der Periode von circa 1965 bis Mitte oder Ende der 1970er, was mehr oder minder mit der Zeit einer militanteren und selbstbewussteren Linken zusammenf\u00e4llt. Ab den 1980ern begannen diese theoretischen Ausw\u00fcchse mit der zunehmenden Festigung des fortgeschrittenen post-industriellen Kapitalismus dem Postmodernismus zu weichen, welcher, wie Fredric Jameson angemerkt hat, neben anderen Dingen auch die Ideologie des Sp\u00e4tkapitalismus ist.<\/p>\n<p>Radikale Theorie ist mit Sicherheit nicht verschwunden, aber sie wurde an den Rand gedr\u00e4ngt und verlor nach und nach ihre Beliebtheit unter Studierenden. Die gro\u00dfen Ausnahmen dazu waren der Feminismus, der auch weiterhin eine Menge Aufmerksamkeit erh\u00e4lt, und der Postkolonialismus, der nach wie vor so etwas wie eine Wachstumsbranche ist.<\/p>\n<p>Man sollte daraus nicht schlie\u00dfen, dass Theorie an sich radikal ist. Es gibt viele nicht-radikale Formen der Literatur- und Kulturtheorie. Doch Theorie als solche stellt einige fundamentale Fragen \u2013 fundamentaler als routinierte Literaturkritik. W\u00e4hrend eine solche Kritik fragen k\u00f6nnte, \u201eWas bedeutet der Roman?\u201c, fragt die Theorie, \u201eWas ist ein Roman?\u201c<\/p>\n<p>Theorie ist au\u00dferdem eine systematische Reflexion \u00fcber die Annahmen, Vorg\u00e4nge und Konventionen, die eine soziale oder intellektuelle Praxis bestimmen. Sie ist sozusagen der Punkt, an dem die Praxis in eine neue Form des Nachdenkens \u00fcber sich selbst gezwungen wird und sich dabei selbst als ein Objekt der eigenen Untersuchung heranzieht. Das hat nicht notwendigerweise subversive Effekte, aber es mag bedeuten, dass die Praxis sich selbst transformieren muss, nachdem sie einige zugrundeliegende Annahmen auf eine neue kritische Art betrachtet hat.<\/p>\n<p><strong>In <\/strong><strong>\u201a<\/strong><strong>The Ideology of the Aesthetic<\/strong><strong>\u2018<\/strong><strong> (1990) beschreiben Sie das Konzept der Literatur als junges Ph<\/strong><strong>\u00e4<\/strong><strong>nomen, das als R<\/strong><strong>\u00fc<\/strong><strong>ckzugsort f<\/strong><strong>\u00fc<\/strong><strong>r stabile Werte in unsicheren Zeiten aufkam. Sie weisen aber auch darauf hin, dass <\/strong><strong>\u00c4<\/strong><strong>sthetik eine Art der Internalisierung von sozialen Werten sowie ein Mittel zur Visualisierung von Utopien und des Hinterfragens der kapitalistischen Gesellschaft ist. Spielt die Kunst diese widerspr<\/strong><strong>\u00fc<\/strong><strong>chliche Rolle auch noch in der Gegenwart?<\/strong><\/p>\n<p>Sowohl das Konzept der Literatur als auch die Idee der \u00c4sthetik sind tats\u00e4chlich politisch zweischneidig. Es gibt Formen, in denen Literatur und \u00c4sthetik mit den herrschenden M\u00e4chten konform gehen und es gibt Formen, die die Herrschenden herausfordern \u2013 eine Mehrdeutigkeit, die auch auf viele einzelne Kunstwerke zutrifft.<\/p>\n<p>Das Konzept der Literatur datiert aus einer Periode, in der es die gef\u00fchlte Notwendigkeit gab, gewisse kreative und erfindungsreiche Werte vor einer zunehmend philisterhaften, mechanistischen Gesellschaft zu sch\u00fctzen. Es ist mehr oder weniger in seiner Geburt mit dem Aufkommen des industriellen Kapitalismus verkn\u00fcpft. So konnte sie als eine kraftvolle Kritik dieser sozialen Ordnung auftreten. Umgekehrt distanzierte sie das vom allt\u00e4glichen sozialen Leben und bot hin und wieder einen imagin\u00e4ren Ausgleich. Das hei\u00dft, die Literatur verhielt sich stets ideologisch.<\/p>\n<p>Die \u00c4sthetik traf ein \u00e4hnliches Schicksal. Einerseits sorgte die sogenannte Autonomie des \u00e4sthetischen Artefakts f\u00fcr ein Bild der Selbstbestimmung und der Freiheit in einer autokratischen Gesellschaft, w\u00e4hrend es deren abstrakte Rationalit\u00e4t durch ihre sensorischen Natur herausforderte. In diesem Sinn konnte sie utopisch sein. Gleichzeitig war diese Selbstbestimmung jedoch unter anderem das Bild eines Subjekts der Mittelschicht, keinen Gesetzen unterworfen als den eigenen.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich existieren diese Mehrdeutigkeiten bis heute. In fortgeschrittenen kapitalistischen Gesellschaften, wo schon die Idee der Geisteswissenschaften bedroht ist, ist es wichtig das Studium der Kunst und Kultur zu f\u00f6rdern, eben weil sie keinen unmittelbaren, pragmatischen Zweck haben. Bis zu diesem Ausma\u00df stellen sie die utilitaristischen, instrumentalistischen Rationalit\u00e4ten von Regimes infrage. Das ist der Grund daf\u00fcr, dass der Kapitalismus keine Zeit f\u00fcr sie hat sogar Universit\u00e4ten sie jetzt verbannen wollen.<\/p>\n<p>Auf der anderen Seite verortet das sozialistische Denken Kunst und Kultur nicht in den zentralen Orten der K\u00e4mpfe. Kultur, im allt\u00e4glichen Wortsinn, ist der Ort, wo sich Macht ablagert, sich einbettet. Ohne das ist sie zu harsch und abstrakt, um weitreichende Gefolgschaft zu gewinnen. Und trotzdem liegt der postmoderne Kulturalismus falsch darin zu glauben, dass es die Kultur ist, die den menschlichen Angelegenheiten zugrunde liegt. Menschen sind zuallererst nat\u00fcrliche, materielle Tiere. Sie sind die Art von Tieren, die die Kultur (im weiteren Sinne) brauchen, um zu \u00fcberleben; das liegt in ihrer materiellen Natur als Gattung begr\u00fcndet, also was Marx das \u201eGattungswesen\u201c nennt.<\/p>\n<p><strong>In <\/strong><strong>\u201a<\/strong><strong>The Event of Literature<\/strong><strong>\u2018<\/strong><strong> (2012) entwickeln Sie die Idee des literarischen Werks als <\/strong><strong>\u201e<\/strong><strong>Strategie<\/strong><strong>\u201c<\/strong> <strong>\u2013<\/strong><strong> eine Struktur, die von ihrer Funktion als besondere Art der <\/strong><strong>\u201e<\/strong><strong>Antwort<\/strong><strong>\u201c<\/strong><strong> auf von der sozialen Realit<\/strong><strong>\u00e4<\/strong><strong>t gestellte Fragen bestimmt wird. Wie kann diese Definition eines literarischen Werks mit der <\/strong><strong>\u201e<\/strong><strong>Autonomie<\/strong><strong>\u201c<\/strong><strong> des Werks als selbstbestimmtes Ph<\/strong><strong>\u00e4<\/strong><strong>nomen vers<\/strong><strong>\u00f6<\/strong><strong>hnt werden?<\/strong><\/p>\n<p>Ich glaube nicht, dass es notwendigerweise irgendeinen Widerspruch zwischen Strategie und Autonomie gibt. Eine Strategie selbst kann in dem Sinne autonom sein, als sie distinktiver Teil einer Aktivit\u00e4t ist, deren Regeln und Vorg\u00e4nge ihr eigen und innerlich sind. Das Paradox des Kunstwerks besteht darin, dass es sich tats\u00e4chlich mit etwas besch\u00e4ftigt, das au\u00dferhalb von ihm existiert, n\u00e4mlich Problemen in der sozialen Realit\u00e4t. Aber das Kunstwerk ist auch in dem Sinne \u201eautonom\u201c, als es diese Probleme in seine hochgradig eigenen Begriffe aufarbeitet oder r\u00fcck\u00fcbersetzt. In diesem Sinne endet, was als extern oder heteronom gegen\u00fcber dem Werk beginnt, als innerer Teil von ihm.<\/p>\n<p>Ein realistisches Werk muss die heteronome Logik seines Materials respektieren. Es kann nicht einfach beschlie\u00dfen, dass New York in der Arktis liegt, wie es vielleicht ein modernistisches oder postmodernistisches Werk behaupten mag. Aber gleichzeitig muss ein realistisches Werk die \u00e4u\u00dfere Realit\u00e4t in seine eigene, sich selbst regulierende Struktur einbeziehen.<\/p>\n<p><strong>Sie weisen darauf hin, dass postmoderne und poststrukturalistische Theorien zu <\/strong><strong>\u201e<\/strong><strong>anti-essentialistischen Fundamentalismen<\/strong><strong>\u201c<\/strong><strong> gef<\/strong><strong>\u00fc<\/strong><strong>hrt haben und damit genau jene <\/strong><strong>\u201e<\/strong><strong>Fundamentalismen<\/strong><strong>\u201c<\/strong><strong> widerspiegeln, die sie zu unterminieren versucht hatten. Bleiben postmoderne Definitionen im kulturellen und ideologischen Diskurs dominant oder hat eine neue Situation der kapitalistischen Krise und des begrenzten Wiederauflebens des Klassenkampfes neue Theorien entstehen lassen, die nicht theoretisch oder sozial skeptisch sind?<\/strong><\/p>\n<p>Der Postmodernismus will sich gegen den erkenntnistheoretischen Fundamentalismus wenden, soll anti-essentialistisch sein. Nun k\u00f6nnte aber behauptet werden, dass er lediglich bestimmte traditionelle Grundlagen durch eine neue ersetzt: Kultur. F\u00fcr den Postmodernismus ist mit der Kultur der Ort erreicht, an dem man nicht tiefer graben kann, weil man sich dazu der Kultur (Konzepten, Methoden und so weiter) bedienen m\u00fcsste. Insoweit k\u00f6nnte man sagen, dass dieser Anti-Essentialismus erschwindelt ist. Auf alle F\u00e4lle kommt es darauf an, was man unter Grundlagen versteht. Nicht alle Grundlagen m\u00fcssen metaphysisch sein. Es gibt zum Beispiel die M\u00f6glichkeit einer pragmatischen Grundlage, die im sp\u00e4teren Wittgenstein zu finden ist.<\/p>\n<p>Zur Frage, inwieweit der postmoderne Diskurs heutzutage noch dominant ist, w\u00fcrde ich sagen, sehr viel weniger. Seit dem 11. September haben wir die Ausbreitung einer neuen und recht alarmierenden \u201egro\u00dfen Erz\u00e4hlung\u201c erlebt, gerade als es selbstzufrieden hie\u00df, dass diese \u201egro\u00dfen Erz\u00e4hlungen\u201c \u00fcberkommen seien. Eine \u201egro\u00dfe Erz\u00e4hlung\u201c, der Kalte Krieg, war tats\u00e4chlich vor\u00fcber, aber sie war, verbunden mit den Gr\u00fcnden f\u00fcr den Sieg des Westens in diesem Kampf, nicht eher zu Ende gegangen, als eine andere in Gang kam. Den Postmodernismus, der geurteilt hatte, dass die Geschichte nun post-metaphysisch, post-ideologisch, sogar post-historisch sei, traf das v\u00f6llig unvorbereitet. Und ich glaube, er hat sich davon nicht wieder erholt.<\/p>\n<p><strong>Sie diskutieren die Beitr<\/strong><strong>\u00e4<\/strong><strong>ge und Defizite verschiedener im 20. Jahrhundert entwickelter Literaturtheorien. Die marxistische Perspektive scheint in ihrer Darstellung ein bedeutendes Gewicht zu haben. Ist diese Tradition auf dem Feld der Literaturtheorie noch so produktiv wie in anderen Bereichen?<\/strong><\/p>\n<p>Die kurze Antwort auf die Frage, ob es neue kritische Beitr\u00e4ge des Marxismus zur Literaturtheorie gibt, ist nein. Der historische Kontext ist nicht der richtige f\u00fcr solche Entwicklungen. Das Werk von Frederic Jameson, der f\u00fcr mich der weltweit herausragendste Kritiker, schreitet voran. Er wartet mit einem brillanten Buch nach dem anderen in einer Zeit auf, in der viele andere, wohlbekannte Kritiker still geworden sind.<\/p>\n<p>Aber es gibt keinen neuen Korpus an marxistischer Kritik. Und in Anbetracht der ung\u00fcnstigen historischen Umst\u00e4nde ist das auch kaum zu erwarten. Nichtsdestoweniger ist der Marxismus ganz sicher nicht verschwunden, wie es \u2013 auf recht mysteri\u00f6se Weise \u2013 dem Poststrukturalismus und vielleicht sogar dem Postmodernismus passiert ist.<\/p>\n<p>Das liegt vor allen Dingen daran, dass der Marxismus viel mehr ist als eine kritische Methode. Er ist eine politische Praxis und falls es eine gro\u00dfe Krise des Kapitalismus gibt, ist es unvermeidlich, dass er noch immer mitschwingen wird. Das gilt auch f\u00fcr den Feminismus, dessen kritischer H\u00f6hepunkt schon einige Jahrzehnte hinter uns liegt, aber welcher in modifizierter Form \u00fcberlebt hat, weil die angesprochenen politischen Probleme so wesentlich sind. Theorien kommen und gehen. Und solange das der Fall ist, wird es immer eine Art der intellektuellen und k\u00fcnstlerischen Antwort darauf geben.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/terry-eagleton-im-interview-was-kommt-nach-dem-postmodernismus\/\"><em>klassegegenklasse.org&#8230;<\/em><\/a> vom 22. August 2016<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der britische Literaturwissenschaftler Terry Eagleton spricht mit Left Voice \u00fcber Literaturtheorie, ihre Verbindung mit politischen und geschichtlichen Str\u00f6mungen,<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,6],"tags":[45,14],"class_list":["post-1440","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-debatte","category-geschichte-und-theorie","tag-neoliberalismus","tag-postmodernismus"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1440","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1440"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1440\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1442,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1440\/revisions\/1442"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1440"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1440"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1440"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}