{"id":14428,"date":"2024-04-22T15:38:28","date_gmt":"2024-04-22T13:38:28","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=14428"},"modified":"2024-04-22T15:38:29","modified_gmt":"2024-04-22T13:38:29","slug":"sudan-ein-jahr-buergerinnenkrieg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=14428","title":{"rendered":"<strong>Sudan: Ein Jahr B\u00fcrger:innenkrieg<\/strong>"},"content":{"rendered":"<p><em>Dave Stockton. <\/em>Im Sudan w\u00fctet nun seit einem Jahr ein verheerender Krieg. Er wurde von den westlichen Medien weitgehend ignoriert und seit dem 7. Oktober durch Israels Genozid in Gaza aus den Schlagzeilen verdr\u00e4ngt. Doch das Leid der sudanesischen Bev\u00f6lkerung ist mit diesem Konflikt vergleichbar, was die Zahl der Vertriebenen, die Gr\u00e4ueltaten an der Zivilbev\u00f6lkerung und die drohende<!--more--> Hungersnot angeht. In der Hauptstadt Khartum wurden viele Geb\u00e4ude zerst\u00f6rt, und in al-Faschir, der Hauptstadt von Schamal Darfur (Nord-Darfur), mussten 40.000 Menschen aus ihren H\u00e4usern fliehen, als die Schnellen Eingreiftruppen (RSF) versuchten, die Stadt einzunehmen.<\/p>\n<p>Quellen der Vereinten Nationen sprechen von \u201eMassengr\u00e4bern, Gruppenvergewaltigungen, wahllosen Angriffen in dichtbesiedelten Gebieten\u201c und der Vertreibung von 8,1 Millionen der 45 Millionen Einwohner:innen des Sudan, darunter mindestens 1,76 Millionen, die in arme Nachbarl\u00e4nder wie den Tschad geflohen sind. Mindestens 292 Menschen sind an Cholera gestorben, und bis zum 17. Februar 2024 gab es \u00fcber 10.700 Verdachtsf\u00e4lle.<\/p>\n<p>Einem in der Zeitschrift The Middle East Eye zitierten Bericht zufolge sind seit Ausbruch der K\u00e4mpfe 37 Prozent der sudanesischen Anbaufl\u00e4chen unbewirtschaftet und die Weizenproduktion des Landes ist um 70 Prozent zur\u00fcckgegangen. Hungersn\u00f6te plagen das Land, und obwohl am 15. April auf einer Geber:innenkonferenz in Paris Hilfsgelder in H\u00f6he von 1,7 Milliarden Pfund (knapp 2 Milliarden Euro) zugesagt wurden, wird die Lieferung schwierig, weil die Krieg f\u00fchrenden Kommandeur:innen Vorr\u00e4te f\u00fcr ihre eigenen Truppen beschlagnahmen.<\/p>\n<p><strong>Wie der Krieg begann<\/strong><\/p>\n<p>Die K\u00e4mpfe nahmen ihren Anfang im April 2023 zwischen den sudanesischen Streitkr\u00e4ften (SAF) unter der F\u00fchrung von General Abdel Fattah Burhan und seinem Stellvertreter Mohamed Hamdan Dagalo, genannt Hemeti, der die paramilit\u00e4rische RSF leitet. Seit ihrem Putsch gegen die Zivilregierung von Abdalla Hamdok im Oktober 2021 hatten sie ein Milit\u00e4rregime gef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Der Krieg brach in der riesigen Hauptstadt Khartum aus, breitete sich aber schnell auf andere Teile des Sudan aus, darunter Darfur, Port Sudan und im Dezember 2023 auch auf das bis dahin friedliche Projekt Gezira, das landwirtschaftliche Kerngebiet des Landes am Zusammenfluss von Blauem und Wei\u00dfem Nil.<\/p>\n<p>Sowohl Burhan als auch Dagalo traten w\u00e4hrend des blutigen Krieges in Darfur zwischen 2003 und 2008, in dem 300.000 Menschen get\u00f6tet und 2,5 Millionen zu Fl\u00fcchtlingen wurden, erstmals als milit\u00e4rische F\u00fchrer in Erscheinung. Dagalo f\u00fchrte die ber\u00fcchtigten Dschandschawid-Milizen (deutsch: berittene Teufel) an, die einige der schlimmsten Gr\u00e4ueltaten ver\u00fcbten und gleichzeitig durch die Goldminen in Darfur enorm reich wurden.<\/p>\n<p>Doch die beiden Diebe zerstritten sich, angeblich wegen Burhans Versuch, die RSF in Darfur und Khartum unter sein eigenes Kommando zu stellen. Dagao erkannte, dass dies bedeutete,\u00a0 den Zugang zu den Reicht\u00fcmern von Darfur, einschlie\u00dflich Gold, Mineralien, \u00d6l und landwirtschaftlichen Erzeugnissen, abtreten zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p><strong>Ausl\u00e4ndische M\u00e4chte<\/strong><\/p>\n<p>Der Zusammensto\u00df zwischen diesen korrupten F\u00fchrern war zum Teil darauf zur\u00fcckzuf\u00fchren, dass sie um die Unterst\u00fctzung der rivalisierenden imperialistischen Gruppen warben, die ebenfalls Zugang zu den Reicht\u00fcmern und der strategischen Lage des Sudan bekommen wollten: der US-Imperialismus und seine europ\u00e4ischen Verb\u00fcndeten, die sich mit China und Russland messen, sowie die Beteiligung regionaler M\u00e4chte wie Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), \u00c4gypten und Iran. Sie alle haben sich in den Sudan eingemischt. Nach Angaben der New York Times liefern die VAE heimlich Waffen an die RSF.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich bildet der Sudan selbst nur einen Teil eines Krisenbogens, der sich westlich \u00fcber die Sahelzone zieht und auch den Tschad, Mali, Burkina Faso und Niger umfasst. In diesen Staaten kam es zu Milit\u00e4rputschen, die die franz\u00f6sische Vorherrtschaft massiv schw\u00e4chte oder gar durch andere ersetzte, oft unter Beteiligung Russlands (milit\u00e4risch) und Chinas (Finanzen und Handel). Im Osten erstreckt er sich bis zu den Staaten am Roten Meer und Horn von Afrika.<\/p>\n<p>Auch dort sind die Staaten von Konflikten und Rivalit\u00e4ten geplagt. \u00c4thiopien, Eritrea, Somaliland (Nordwestregion Somalias, v\u00f6lkerrechtlich nicht anerkannt) und Somalia haben alle die Hilfe der superreichen Rentierstaaten der Arabischen Halbinsel angezogen oder gesucht. Au\u00dferdem intervenieren die Huthis (Ansar Allah; Helfer:innen Gottes) im Jemen in den Gazakrieg. Diese Staaten liegen strategisch g\u00fcnstig in der N\u00e4he oder an der Stra\u00dfe von Bab al-Mandab, die den Indischen Ozean mit dem Roten Meer und von dort aus mit dem Suezkanal verbindet. Etwa 20 Prozent des weltweiten Containerschiffsverkehrs werden durch diese Meerenge geleitet.<\/p>\n<p><strong>Entscheidende Lektionen<\/strong><\/p>\n<p>Der aktuelle B\u00fcrger:innenkrieg stellt aber vor allem das Ergebnis der Niederlage der demokratischen Revolution im Sudan bzw. ihres Scheiterns dar, die Macht der rivalisierenden sudanesischen Kriegsherr:innen zu brechen und sich auf die Machteroberung der Arbeiter:innenklasse zuzubewegen.<\/p>\n<p>Ende 2018 und bis ins Jahr 2019 hinein verfolgte die Welt mit Bewunderung, wie ein Massenaufstand, an dem sich Student:innen, Arbeiter:innen und Frauen beteiligten, das milit\u00e4risch-islamistische Parteiregime von Pr\u00e4sident Omar (Umar) al-Baschir herausforderte, der seit drei\u00dfig Jahren an der Macht war. Die Proteste wurden von jugendlichen Widerstandsnachbarschaftskomitees auf der Stra\u00dfe organisiert. Im April wurde al-Baschir durch das Milit\u00e4r gest\u00fcrzt. Am 21. April 2019 k\u00fcndigte Abdel Fattah Burhan einen Milit\u00e4rischen \u00dcbergangsrat an, der \u201eden Aufstand und die Revolution erg\u00e4nzt\u201c und versprach, dass er sich \u201ef\u00fcr die \u00dcbergabe der Macht an das Volk\u201c einsetzen w\u00fcrde. Dies war nat\u00fcrlich eine dreiste L\u00fcge.<\/p>\n<p>Der Rest des Jahres war von Massendemonstrationen gepr\u00e4gt, die sich mit Verhandlungen mit den politischen Parteien abwechselten. Im Oktober 2019 wurde eine zivile Regierung unter der Leitung von Abdalla Hamdok eingesetzt. Es war jedoch klar, dass diese immer noch unter der Vormundschaft von Burhan stand. Die unruhige Doppelherrschaft zog sich \u00fcber zwei Jahre hin, in denen Hamdok seine Unterst\u00fctzung in der Bev\u00f6lkerung verspielte, indem er die von den ausl\u00e4ndischen Gl\u00e4ubigern des Sudan diktierten Wirtschaftsreformen durchsetzte. Im Januar 2022 trat er schlie\u00dflich zur\u00fcck, so dass das Milit\u00e4r bis zur Spaltung zwischen der RSF und der SAF wieder an der Macht war.<\/p>\n<p>In einem vor vier Jahren verfassten Artikel haben wir die Lehren aus den Revolutionen des Arabischen Fr\u00fchlings gezogen, insbesondere aus der gr\u00f6\u00dften von ihnen, der in \u00c4gypten. Da das milit\u00e4rische Oberkommando unter Abd al-Fattah as-Sisi (Abdel Fatah El-Sisi) seine Macht \u00fcber die Angeh\u00f6rigen der Armee behielt, f\u00fchrte der Putsch gegen den gew\u00e4hlten Pr\u00e4sidenten der Muslimbruderschaft, Mohammed Mursi, zur raschen Wiedereinf\u00fchrung einer Milit\u00e4rdiktatur, die genauso schlimm war wie die von Husni Mubarak (Hosny Mubarak) oder noch strenger.<\/p>\n<p>Wir sagten: <em>\u201eDie sudanesischen Revolution\u00e4r:innen werden zweifellos an das Schicksal des Arabischen Fr\u00fchlings 2011 in \u00c4gypten, Syrien, Jemen und Libyen denken, wo trotz des Mutes der jungen Revolution\u00e4r:innen ihrer Bewegung durch eine brutale R\u00fcckkehr des alten Regimes zerschlagen wurden. Solange das Oberkommando der Armee, die islamistischen Parteien und die Staatsb\u00fcrokratie intakt bleiben, selbst wenn ihre derzeitigen F\u00fchrer:innen zur Seite oder zur\u00fccktreten, wird die Gefahr einer Konterrevolution bestehen bleiben. Die einzige Antwort ist eine Revolution, die den ganzen Weg geht, die repressive Macht des Staates zerbricht, der korrupten Kapitalist:innenklasse die Kontrolle \u00fcber die Wirtschaft entrei\u00dft und die Macht in die H\u00e4nde der arbeitenden Menschen legt.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Im Sudan ist der brutale B\u00fcrger:innenkrieg das Ergebnis einer unvollendeten Revolution, was einmal mehr das Wort des franz\u00f6sischen Jakobiners Louis Antoine Saint-Just best\u00e4tigt: <em>\u201eWer die Revolution halb macht, schaufelt nur sein eigenes Grab\u201c. <\/em>Unter den harten Bedingungen des B\u00fcrger:innenkriegs und unabh\u00e4ngig davon, welchen reaktion\u00e4ren Deal die ausl\u00e4ndischen M\u00e4chte den Kriegsparteien aufzwingen, m\u00fcssen die sudanesischen Revolution\u00e4r:innen die Lehren aus den vergangenen Jahren ziehen und sie in einem Programm und einer Partei verankern.<\/p>\n<p>Zu diesen Lehren geh\u00f6rt nicht nur die enorme Gefahr, das Milit\u00e4r unangetastet zu lassen, d.\u00a0h., in leninistischen Begriffen, nicht \u201edie b\u00fcrokratische milit\u00e4rische Staatsmaschine zu zerschlagen\u201c, sondern auch die fatale stalinistische Volksfrontstrategie des B\u00fcndnisses mit und der Unterordnung unter b\u00fcrgerliche und kleinb\u00fcrgerliche Kr\u00e4fte. Die F\u00fchrung der Arbeiter:innenklasse ist auch bei einer Umw\u00e4lzung, die als \u201edemokratische\u201c Revolution beginnt, der einzige Weg, um selbst ihre demokratischen Ziele zu verwirklichen, und um dies zu erreichen, muss die Revolution permanent werden, d.\u00a0h. zur Errichtung der Macht der Arbeiter:Innenklasse und zu sozialistischen Aufgaben \u00fcbergehen.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2024\/04\/19\/sudan-ein-jahr-buergerinnenkrieg\/\"><em>arbeiterinnenmacht.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 22. April 2024<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dave Stockton. Im Sudan w\u00fctet nun seit einem Jahr ein verheerender Krieg. Er wurde von den westlichen Medien weitgehend ignoriert und seit dem 7. Oktober durch Israels Genozid in Gaza aus den Schlagzeilen verdr\u00e4ngt. 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