{"id":14457,"date":"2024-05-05T09:23:44","date_gmt":"2024-05-05T07:23:44","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=14457"},"modified":"2024-05-05T09:23:45","modified_gmt":"2024-05-05T07:23:45","slug":"ukraine-krieg-wie-der-westen-einen-waffenstillstand-verhinderte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=14457","title":{"rendered":"Ukraine-Krieg: Wie der Westen einen Waffenstillstand verhinderte"},"content":{"rendered":"<p><em>Helmut Scheben.<\/em><strong> Kurz nach Kriegsbeginn lag in Istanbul ein paraphiertes Friedensabkommen vor. Es ist erwiesen, dass die NATO es torpediert hat. <\/strong><\/p>\n<p>W\u00e4hrend in den gro\u00dfen westeurop\u00e4ischen Medien fast ausschlie\u00dflich Durchhalteparolen und Rufe<!--more--> nach mehr Waffenlieferungen ert\u00f6nen, kommen in den Medien in USA derzeit auch vereinzelt Stimmen zu Wort, die f\u00fcr eine sofortige Verhandlungsl\u00f6sung pl\u00e4dieren. Dass mag vielleicht damit zu tun haben, dass man in Washington erkennt, dass Joe Biden die Wahlen verlieren k\u00f6nnte, wenn sich abzeichnet, dass der Krieg in der weit entfernten Ukraine mehr und mehr zu einer schweren finanziellen Belastung f\u00fcr ein Land wird, das den Weltrekord in Sachen Verschuldung h\u00e4lt. Donald Trump hat wiederholt trompetet, er werde den Ukrainekrieg unverz\u00fcglich beenden.<\/p>\n<p>Am 16. April erschien im f\u00fchrenden au\u00dfenpolitischen Magazin <a href=\"https:\/\/www.foreignaffairs.com\/ukraine\/talks-could-have-ended-war-ukraine\"><em>Foreign Affairs<\/em><\/a> ein Artikel mit dem Titel \u201eThe Talks That Could Have Ended the War in Ukraine\u201c. Die Autoren, der britische Historikers Sergei Radschenko und der Politologe Samuel Charp von der Rand Corporation, der wichtigsten milit\u00e4rstrategischen Denkfabrik der USA, haben Dokumente \u00fcber Friedensverhandlungen in Istanbul ausgewertet, die bislang nicht \u00f6ffentlich zug\u00e4nglich waren. Aus diesen geht hervor, dass Moskau wenige Wochen nach Kriegsbeginn bereit war, seine Truppen abzuziehen, wenn die Ukraine auf eine NATO-Mitgliedschaft verzichten w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Die Autoren zitieren einen damaligen Chefunterh\u00e4ndler Selenskyjs, David Arachamija, der 2023 in einem Interview im ukrainischen Nachrichtenprogramm sagte: \u201eSie waren bereit, den Krieg zu beenden, wenn wir wie Finnland (im Kalten Krieg) die Neutralit\u00e4t ann\u00e4hmen und uns verpflichteten, nicht der NATO beizutreten.\u201c Ein anderer der ukrainischen Unterh\u00e4ndler, Olexander Tschali, sagte im Dezember 2023 bei einem \u00f6ffentlichen Auftritt: \u201eWir waren sehr nahe, den Krieg mit einem Friedensschluss zu beenden.\u201c<\/p>\n<p>Die <em>NZZ am Sonntag<\/em> publizierte den Text aus Foreign Affairs in gek\u00fcrzter deutscher \u00dcbersetzung am 21. April 2024 unter dem Titel \u201eWurde Putins schwacher Moment verpasst?\u201c Da hat die Redaktion nun zwei Jahre gebraucht, bis ihr diese Frage einfiel. Und sie fiel ihr offenbar erst ein, als sie in Washington gestellt wurde. Zwei Jahre, in denen kein Tag verging, ohne dass das Gemetzel in der Ukraine, das Leiden der Menschen, die Grausamkeit der Russen und das Sterben der Soldaten der Westukraine beklagt wurden (die Menschen der prorussischen Ostukraine existieren f\u00fcr unsere Medien nicht).<\/p>\n<p>Das Erstaunliche an der ganzen Sache ist, dass die Einigung in Istanbul seit M\u00e4rz 2022 <a href=\"https:\/\/www.nzz.ch\/international\/russland-und-die-ukraine-fortschritte-bei-friedensverhandlungen-ld.1677001\">bekannt<\/a> war, aber kurz darauf im Westen unter einem Mantel des Stillschweigens verschwand. Die Erkl\u00e4rung ist einfach: Da war eine unangenehme Wahrheit erschienen, die eine andere fl\u00e4chendeckend kolportierte \u201eWahrheit\u201c L\u00fcgen strafte. Wenn Russland vier Wochen nach dem Angriff zum R\u00fcckzug bereit war, falls die Ukraine in einen Neutralit\u00e4ts-Status einwilligte, dann implodierte die Erz\u00e4hlung vom russischen Imperialisten Putin, der halb Europa \u00fcberrollen wolle.<\/p>\n<p>Ob Wladimir Putin dabei einen \u201eschwachen Moment\u201c hatte oder nicht, sei der Einbildungskraft der <em>NZZ<\/em>-Redaktion \u00fcberlassen. Feststellbar ist nur eines: Die Verhandlungen in Istanbul best\u00e4tigten, dass die russische Regierung nicht mehr und nicht weniger anstrebte als Sicherheitsgarantien der NATO f\u00fcr die russische Westgrenze. Entsprechende ultimative Vertragsentw\u00fcrfe hatte Moskau am 15. Dezember 2021 bei einem Treffen in Moskau den USA und der NATO vorgelegt, diese hatten die Vorschl\u00e4ge ignoriert. W\u00e4ren sie darauf eingegangen, h\u00e4tte der Ukraine-Krieg mit gro\u00dfer Wahrscheinlichkeit verhindert werden k\u00f6nnen, wie der international hochdekorierte deutsche General a.D. Harald Kujat, ehemaliger Vorsitzender des NATO-Milit\u00e4rausschusses, seit Monaten immer wieder betont. Sein Urteil wird von renommierten Analysten wie dem ehemaligen Schweizer Geheimdienstoffizier Jacques Baud und anderen Milit\u00e4rs geteilt, die sich \u2013 weitgehend ungeh\u00f6rt \u2013 f\u00fcr Verhandlungen einsetzen und warnen, die fortschreitende milit\u00e4rische Eskalation k\u00f6nne in die nukleare Katastrophe f\u00fchren.<\/p>\n<p>In Istanbul war Moskau laut den ukrainischen Unterh\u00e4ndlern gegen einen NATO-Beitritt der Ukraine, aber nicht grunds\u00e4tzlich gegen eine Anbindung der Ukraine an die EU. F\u00fcr die L\u00f6sung der Krimfrage und den Status der aufst\u00e4ndischen Oblaste im Donbass waren langj\u00e4hrige Verhandlungen und Volksabstimmungen vorgesehen. Das Friedensabkommen sollte laut den Vorstellungen in Kiew unter anderem von der UNO und den f\u00fchrenden NATO-Staaten garantiert werden, die bei Vertragsverletzung zum Beistand verpflichten w\u00e4ren.<\/p>\n<p>Dann ereignete sich Seltsames. Anfang April 2022, kurz nach der Verbreitung der Good News aus Istanbul, dringt die ukrainische Armee in die Stadt Butscha nordwestlich von Kiew ein und ver\u00f6ffentlicht Videoaufnahmen von gefesselten Leichen. In Kiew wird erkl\u00e4rt, abziehende russische Einheiten h\u00e4tten ein Massaker angerichtet. Die Bilder gehen unverz\u00fcglich um die Welt.<\/p>\n<p><strong>Das \u201eMassacker von Butscha\u201c kommt dem Westen gerade recht<\/strong><\/p>\n<p>Die Russen hatten demnach gefesselte und erschossene Zivilpersonen links und rechts an den Strassenrand gelegt, sozusagen als \u201efoto opportunity\u201c f\u00fcr alle westlichen TV-Kameras. Man h\u00e4tte sich fragen k\u00f6nnen, welches Ziel die russische Armee mit diesen Morden verfolgte, wenn in Istanbul ein Friedensvertrag auf dem Tisch lag. In den westlichen Medien stellte aber niemand diese Frage. Istanbul war augenblicklich vergessen, von einem Friedensvertrag war nicht mehr die Rede, Butscha war die Schlagzeilen-Lawine, die alles andere zusch\u00fcttete.<\/p>\n<p>Allenthalben ert\u00f6nte ein Aufschrei der Emp\u00f6rung. Butscha best\u00e4tigte das in Kiew kultivierte Zerrbild einer blutr\u00fcnstigen, mordlustigen russischen Soldateska. Die Vorg\u00e4nge wurden dargestellt als ein Akt des russischen Terrorismus und der Vergeltung f\u00fcr die Niederlage bei der Einnahme von Kiew. Von da ab verst\u00e4rkte sich in der westlichen \u00d6ffentlichkeit die \u00dcberzeugung, dieser Krieg m\u00fcsse bis zur Niederlage Russlands gef\u00fchrt werden, koste es was es wolle.<\/p>\n<p>Moskau dementierte: Butscha sei eine False Flag Operation des ukrainischen Geheimdienstes, um einen Grund f\u00fcr die Weiterf\u00fchrung des Krieges zu schaffen. Man wird die ganze Wahrheit vielleicht nie erfahren. Aber heute, zwei Jahre sp\u00e4ter, stehen Aussagen renommierter Leute im Raum, die es schwer machen, die russische Version der Vorg\u00e4nge in Butscha als reine Propaganda abzutun. Verschiedene Politiker, die das Istanbul-Treffen begleitet haben \u2013 darunter der israelische Ex-Premier <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=JREMEqXSpGA\">Naftali Bennet<\/a> \u2013 beschuldigen die NATO, sie habe das Scheitern der Friedensverhandlungen zu verantworten. Die USA und ihre Verb\u00fcndeten h\u00e4tten Selenskyj klargemacht, dass sie einen Waffenstillstand und ein Kriegsende zu den ausgehandelten Bedingungen nicht akzeptieren w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Exakt mit diesem Auftrag unternahm der damalige britische Premier Boris Johnson Anfang April 2022 eine <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=MaSN6Rldixk\">Reise<\/a> nach Kiew, die in den Medien als \u201esurprise visit\u201c bezeichnet wurde. Dort <a href=\"https:\/\/exxpress.at\/9-april-2022-als-boris-johnson-selenskyj-eine-einigung-mit-putin-ausredete\/\">erkl\u00e4rte<\/a> er Silenskyj, Putin sei nicht zu trauen, deshalb m\u00fcsse der Krieg weitergehen bis zur Niederlage Russlands.<\/p>\n<p>Dies wurde von mehreren Insidern best\u00e4tigt, darunter vom ehemaligen Chefunterh\u00e4ndler David Arachamija. Wladimir Putin sagte das Gleiche im bekannten\u00a0<a href=\"https:\/\/www.infosperber.ch\/politik\/welt\/putin-erklaert-das-abkommen-in-istanbul-fuer-noch-immer-aktuell\/\">Interview mit Tucker Carlson<\/a>: Boris Johnson habe interveniert, um eine Einigung zu verhindern. Dies sei in Kiew publik geworden. Putin beharrte im Interview weiter auf einer Verhandlungsl\u00f6sung auf Basis des Dokuments von Istanbul. Als die Sache Anfang 2024 ein Medienthema wurde,\u00a0<a href=\"https:\/\/sg.news.yahoo.com\/putin-repeats-nonsense-claim-boris-004544870.html?guccounter=1&amp;guce_referrer=aHR0cHM6Ly93d3cuZ29vZ2xlLmNoLw&amp;guce_referrer_sig=AQAAAK4vFt7Yo6yQiZ7lqq8I3h-oP1kyzh3E0QATdIu0k7D4ua4yyoPQCIXWth_YNLGOQG17EWFmY7W8fLF32a0dsW9NvOLzbFJSsLXN8ejWJpbW8z93JeFphAWZe-VAXqPykNh7_RY0wd183W_cAhrQ-n1N4zeM-aD1OfnvKIiEY540\">behauptete<\/a>\u00a0Johnson mit Vehemenz, es handele sich um eine Propagandal\u00fcge Putins.<\/p>\n<p>Aber zumindest den Journalisten, die mit eigenem Kopf denken, m\u00fcsste irgendwann einmal aufgefallen sein, dass der Westen seine Kriege immer wieder mit zweifelhaften \u201eFakten\u201c gerechtfertigt hat: von der Bucht von Tonkin in Vietnam \u00fcber eine erfundene Massenvertreibung im Kosovo (\u201ePlan Hufeisen\u201c), die angebliche Verstrickung der Taliban in 9\/11 bis hin zu den frei erfundenen Massenvernichtungswaffen des Irak und Gaddafis Plan eines Massenmordes in Benghasi, den der ehemalige Chef von M\u00e9decins sans Fronti\u00e8res, Rony Brauman, in seinem Buch \u201eL\u2019action humanitaire\u201c als Propaganda-Fake nachgewiesen hat. Es ist nicht auszuschlie\u00dfen, dass Butscha in diese Reihe der kreativen Geheimdienstarbeit geh\u00f6rt.<\/p>\n<p>Wenn die NATO Mitverantwortung daf\u00fcr tr\u00e4gt, dass der Krieg bis heute weitergeht, handelt es sich um ein politisches Verbrechen von ungeheurer Tragweite. Folglich werden \u2013 die Prognose liegt auf der Hand \u2013 die mutma\u00dflichen Strippenzieher Himmel und H\u00f6lle in Bewegung setzen, um zu beweisen, dass alle Anschuldigungen zur\u00fcckgehen auf falsche Behauptungen Putins, auf die notorische russische Cyberintervention und Desinformation. Niemals wird sich das m\u00e4chtigste Milit\u00e4rb\u00fcndnis der Welt die Bl\u00f6\u00dfe geben, eine unabh\u00e4ngige Untersuchung rund um die Torpedierung des Friedensabkommens von Istanbul zuzulassen.<\/p>\n<p>Rechtzeitig in einen Waffenstillstand einzuwilligen, ist eine gro\u00dfe politische Kunst. Die Historikerin Barbara Tuchman hat in ihrem legend\u00e4ren Buch \u201eThe March of Folly\u201c dargelegt, wie Staatslenker und ihre Entourage im Lauf der Geschichte immer wieder gescheitert sind, weil sie diese Kunst nicht beherrschten. Ihre V\u00f6lker haben die blinden Versuche der Gesichtswahrung in nicht zu gewinnenden Kriegen mit Millionen Toten bezahlt.<\/p>\n<p><em>#Titelbild: Verhandlungen zwischen der russischen und ukrainischen Delegation per Videokonferenz im M\u00e4rz 2022.Foto: <\/em><a href=\"https:\/\/t.me\/vr_medinskiy\/8\"><em>Wladimir Medinski\/Telegram<\/em><\/a><em> , <\/em><a href=\"https:\/\/www.hintergrund.de\/globales\/kriege\/wie-der-westen-einen-waffenstillstand-verhinderte\/attachment\/photo_2022-03-14_17-24-52\/\"><em>Mehr Infos<\/em><\/a><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.hintergrund.de\/globales\/kriege\/wie-der-westen-einen-waffenstillstand-verhinderte\/\"><em>hintergrund.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 5. Mai 2024<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Helmut Scheben. Kurz nach Kriegsbeginn lag in Istanbul ein paraphiertes Friedensabkommen vor. 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