{"id":14482,"date":"2024-05-13T09:50:30","date_gmt":"2024-05-13T07:50:30","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=14482"},"modified":"2024-05-13T09:50:31","modified_gmt":"2024-05-13T07:50:31","slug":"konsens-und-propaganda-eine-betrachtung-der-macht-der-medien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=14482","title":{"rendered":"Konsens und Propaganda: eine Betrachtung der Macht der Medien\u00a0"},"content":{"rendered":"<p><em>Ricarda Julia. <\/em><strong>Massenmedien haben Macht. Wie sie funktionieren, haben Noam Chomsky und Edward S. Herman schon 1988 in \u201eManufacturing Consent\u201c beschrieben. Nun liegt das Werk erstmals auf Deutsch vor.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Massenmedien betreiben Propaganda. In Bezug auf Staaten, in denen Medien indirekt oder direkt von der Regierung gelenkt werden, wird dies wohl kaum jemand bezweifeln. In Bezug auf Staaten, in denen die Pressefreiheit als demokratisches Grundprinzip hochgehalten \u2013 um nicht zu sagen: propagiert \u2013 wird, l\u00e4uft die Feststellung, dass auch dort Propaganda in Massenmedien betrieben wird, Gefahr, in die Kategorie der Verschw\u00f6rungsideen geschoben zu werden. Wenn Medien \u00fcberwiegend in privaten H\u00e4nden liegen und formal die Zensurfreiheit gilt, so herrscht ein viel h\u00f6herer Grad der Subtilit\u00e4t, der Funktion und Wirkmechanismen des Propaganda betreibenden Systems verschleiert.<\/p>\n<p><strong>Ein \u201ePropaganda-Modell\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Um genau diesen Umstand beschreiben und untersuchen zu k\u00f6nnen, entwickelten Edward S. Herman \u2013 vor seinem Tod im Jahr 2017 emeritierter Professor f\u00fcr Finanzwissenschaft, \u00d6konom und Medienanalytiker \u2013 und Noam Chomsky \u2013 emeritierter Professor f\u00fcr Linguistik am M.I.T., Sprachwissenschaftler, Aktivist und linker Intellektueller \u2013 bereits Ende der 1980er Jahre, das hei\u00dft weit vor sozialen Netzwerken wie Instagram, Twitter, Facebook, TikTok und anderen, ein Propaganda-Modell beziehungsweise eine Zusammenstellung verschiedener sogenannter Filter. US-amerikanische Massenmedien dienten den Autoren hierbei als Untersuchungsgegenstand. Auch 36 Jahre nach der Erstver\u00f6ffentlichung ist <em>Manufacturing Consent: The Political Economy of the Mass Media<\/em> eine der wohl pr\u00e4zisesten Analysen, mit welchen Mitteln und durch welche Faktoren es der Regierung und den Vertreter:innen der herrschenden privaten Interessen gelingt, ihre Botschaften in weite Teile der \u00d6ffentlichkeit zu tragen. Im September vergangenen Jahres ist das Werk \u2013 bemerkenswert sp\u00e4t \u2013 erstmals in deutscher \u00dcbersetzung (dt. <em>Die Konsensfabrik. Die politische \u00d6konomie der Massenmedien<\/em>) erschienen.<\/p>\n<p><strong>Erster Filter: Eigentumsverh\u00e4ltnisse<\/strong><\/p>\n<p>Zun\u00e4chst beziehen sich Herman und Chomsky auf eine Untersuchung der Presse in Gro\u00dfbritannien, die von James Curran und Jean Seaton stammt. Diese zeichnen im Jahr 1981 nach, wie es in der ersten H\u00e4lfte des 19. Jahrhunderts ein bestimmter Teil der Presse schaffte, die Arbeiter:innenklasse zu erreichen und deren Bewusstsein zu st\u00e4rken, indem sie Arbeiter:innen ein anderes Wertesystem sowie eine ver\u00e4nderte Sichtweise auf die Welt darlegte. Wie nicht anders zu erwarten, sah die herrschende Elite darin eine gro\u00dfe Bedrohung. In Folge gab es Versuche, die Presse der Arbeiter:innenklasse mittels Gesetzgebung, Strafverfolgung, dem Erfordernis einer teuren Sicherheitskaution als Bedingung f\u00fcr Publikationen sowie der Einf\u00fchrung verschiedener Steuern zu unterdr\u00fccken. Erfolgreich war dies nicht; die Anstrengungen wurden schlie\u00dflich zugunsten der liberalen Auffassung aufgegeben, der Markt w\u00fcrde dies regeln. Und tats\u00e4chlich schaffte der Markt in der zweiten H\u00e4lfte des 19. Jahrhunderts, was die staatlichen Interventionen nicht vermochten: Die vormals radikale Arbeiter:innenpresse verschwand (Herman &amp; Chomsky, S. 3; die Seitenangaben in Klammern beziehen sich auf die 1994 bei Vintage Books erschienene englische Ausgabe). Als Ursache benennen die Autoren einerseits die zunehmende Gr\u00f6\u00dfe von Zeitungsunternehmen sowie den damit einhergehenden Anstieg der Investitionskosten, vor allem auch durch technologische Entwicklungen und den steigenden Druck auf die Inhaber:innen, ein m\u00f6glichst breites Publikum zu erreichen.\u00a0<\/p>\n<p>Jene Ausweitung des freien Marktes wurde begleitet durch eine Industrialisierung der Presse (Herman &amp; Chomsky, S. 3 f.), wobei sich \u00e4hnliche Prozesse auch in den USA vollzogen. Durch die hohen Investitionssummen wurde also das Eigentum an Medien, die eine erhebliche Reichweite erzielen konnten, stark beschr\u00e4nkt. Obwohl immer noch eine vergleichsweise gro\u00dfe Anzahl an verschiedenen Medienformaten insgesamt vorhanden war, produzierten 1986 die 29 gr\u00f6\u00dften Medienunternehmen mehr als die H\u00e4lfte der Presseerzeugnisse, verzeichneten die meisten Verk\u00e4ufe von Magazinen, B\u00fcchern und Filmen und erreichten die h\u00f6chsten Zuschauer:innenzahlen bei TV-Sendungen. Es sind weiterhin die F\u00fchrenden unter diesen Konzerne, deren Anzahl nochmals geringer ist, die zusammen mit der Regierung und Telekommunikationsdiensten die Nachrichtenagenda festlegen und einen Gro\u00dfteil der nationalen wie internationalen Nachrichten an kleinere, weniger f\u00fchrende Medienanstalten liefern (Herman &amp; Chomsky, S. 4 f.). Bereits in den 1980er Jahren waren viele der gro\u00dfen Medienkonzerne vollst\u00e4ndig in den Markt integriert, sodass sie nach Gewinn strebenden Unternehmen gleichkamen, die in einem von Deregulierung gepr\u00e4gten Umfeld stets Gefahr liefen, von den absoluten Giganten der Medienlandschaft \u00fcbernommen zu werden. Diese wiederum verloren einen Teil ihrer Unabh\u00e4ngigkeit hingegen an Banker und gro\u00dfe private Investoren. \u00dcberdies arbeiten gro\u00dfe Medienunternehmen mit Gesch\u00e4fts- und Investmentbanken zusammen, die ihnen beispielsweise Darlehen gew\u00e4hren und sie beim Verkauf von Aktien und Anleihen sowie bei \u00dcbernahmem\u00f6glichkeiten beziehungsweise -drohungen unterst\u00fctzen (Herman &amp; Chomsky, S. 10).<\/p>\n<p>Mediengiganten haben zudem eine signifikante Reichweite \u00fcber nationale Grenzen hinaus, sodass sie einen erheblichen Teil ihrer Einnahmen aus dem Auslandsgesch\u00e4ft und dem Betrieb ausl\u00e4ndischer Tochtergesellschaften generieren (Herman &amp; Chomsky, S. 13). Herman und Chomsky verweisen au\u00dferdem auf die wichtige Verbindung der Medienkonzerne zur Regierung, wie etwa durch die Vergabe von Lizenzen. Hierin erkennen die Autoren einen wesentlichen Faktor zur Disziplinierung der Medien, wogegen diese sich durch Lobbyismus sowie die Pflege politischer Verbindungen zu sch\u00fctzen versuchen; und dennoch stehen sie auch hinsichtlich weiterer Faktoren wie Unternehmenssteuern, Zinss\u00e4tzen, Arbeitspolitik und der Durchsetzung beziehungsweise Nichtdurchsetzung der Kartellgesetze in einem Abh\u00e4ngigkeitsverh\u00e4ltnis zur Regierung (Herman &amp; Chomsky, S. 13).<\/p>\n<p><strong>Zweiter Filter: Einnahmequellen<\/strong><\/p>\n<p>Einen weiteren wirksamen Mechanismus zur Schw\u00e4chung der Arbeiter:innen-Presse stellt nach Herman und Chomsky der Aspekt Werbung dar. Bevor diese eine bedeutende Rolle spielte, musste der Preis einer Zeitung die gesamten Produktionskosten decken. Zeitungen aber, die attraktiv f\u00fcr Anzeigen waren, konnten einen St\u00fcckpreis anbieten, der weit unter diesen Kosten lag. Dies brachte Zeitungen ohne oder mit nur geringer Werbeschaltung in eine nachteilige Lage, insofern sie durch die h\u00f6heren Preise weniger verkauften und dadurch zugleich auch einen geringeren \u00dcberschuss zur Verf\u00fcgung hatten, den sie in die Vermarktbarkeit investieren konnten. In einem auf Werbung basierenden System ist es vollkommen logisch, dass Zeitungen, die sich prim\u00e4r durch den Verkauf finanzieren, immer st\u00e4rker verdr\u00e4ngt werden. Die Wahl der Werbetreibenden beeinflusst demnach wesentlich das Wohlergehen und \u00dcberleben von Medien (Herman &amp; Chomsky, S. 14). F\u00fcr sie war die Presse der Arbeiter:innenklasse auch deshalb nicht von besonderem Interesse, als deren Leser:innen lediglich \u00fcber bescheidene Mittel verf\u00fcgten. Auch in den 1980er Jahren waren sich die erfolgreichen Medienunternehmen dessen bereits bewusst, sodass sie begannen, neue Vertriebsinstrumente zu entwickeln, die sie wiederum Werbetreibenden hinsichtlich des dadurch steigenden Erfolgs der Werbung anpreisen konnten.\u00a0<\/p>\n<p>Zusammenfassend l\u00e4sst sich daraus schlussfolgern, dass Massenmedien ein gesteigertes Interesse haben, ein Publikum mit gro\u00dfer Kaufkraft anzusprechen \u2013 und nicht ein Publikum per se. In Bezug auf das Fernsehen entspringt die Macht der Werbetreibenden dem simplen Umstand, dass sie die Programme kaufen und bezahlen \u2013 man k\u00f6nnte sie als M\u00e4zene bezeichnen, die die Medien subventionieren.Daher konkurrieren Medienkonzerne um jene Geldgeber (Herman &amp; Chomsky, S. 16). Dar\u00fcber hinaus leiden radikale beziehungsweise Medien der Arbeiter:innenklasse unter der politischen Diskriminierung von Seiten der Werbetreibenden, da diese es in jedem Fall unterlassen, ideologische Gegner:innen zu unterst\u00fctzen. Ebenso entscheiden sie selektiv auf Basis ihrer eigenen politischen Ansichten \u00fcber diejenigen TV-Programme, die sie f\u00f6rdern \u2013 und diese, so Herman und Chomsky, seien mit einigen wenigen Ausnahmen kulturell sowie politisch konservativ. Au\u00dferdem werden Werbetreibende stets darum bem\u00fcht sein, Sendungen mit ernsthafter Komplexit\u00e4t oder politisch relevanten Kontroversen zu vermeiden, da diese die Kauflaune des Publikums negativ beeintr\u00e4chtigen k\u00f6nnten (Herman &amp; Chomsky, S. 16 f.).<\/p>\n<p><strong>Dritter Filter: Quellen der Nachrichten<\/strong><\/p>\n<p>Durch \u00f6konomische Notwendigkeit und reziproke Interessen werden Medien in ein symbiotisches Verh\u00e4ltnis mit m\u00e4chtigen Informationsquellen gedr\u00e4ngt. Herman und Chomsky er\u00f6rtern, dass Medien einen best\u00e4ndigen, zuverl\u00e4ssigen Strom an neuen Nachrichten ben\u00f6tigen, es sich jedoch nicht leisten k\u00f6nnen, Reporter:innen und Fotograf:innen \u00fcberall zu platzieren, wo sich die n\u00e4chsten gro\u00dfen Storys ereignen k\u00f6nnten. Sie sind aus \u00f6konomischen Gr\u00fcnden gezwungen, ihre Kr\u00e4fte dort zu konzentrieren, wo Nachrichten von Bedeutung h\u00e4ufig aufkommen und beispielsweise Pressekonferenzen stattfinden. Hieraus ergeben sich f\u00fcr die USA etwa das Wei\u00dfe Haus, das Pentagon oder auch das Au\u00dfenministerium als Dreh- und Angelpunkte. Ebenso gelten gro\u00dfe Handelsunternehmen und Berufsverb\u00e4nde als seri\u00f6se Lieferanten nachrichtenw\u00fcrdiger Geschichten. Die B\u00fcrokratien dieser Institutionen erzeugen ein enormes Volumen an Material, das genau die Anspr\u00fcche von Nachrichtenagenturen erf\u00fcllt. Zudem genie\u00dfen Quellen aus Regierung und Unternehmen eine besondere Glaubw\u00fcrdigkeit durch Status und Prestige (Herman &amp; Chomsky, S. 18 f.).<\/p>\n<p>Eine weitere Ursache f\u00fcr die Bedeutung, die diesen Quellen zugeschrieben wird, sehen die Autoren in dem Umstand, dass Massenmedien sich als objektive Nachrichten\u00fcbermittler deklarieren. Um dieses Image aufrechterhalten zu k\u00f6nnen, aber auch, um sich gegen den Vorwurf der Voreingenommenheit oder gar Androhungen von Verleumdungsklagen zu sch\u00fctzen, sind sie auf Material angewiesen, das sie als vermeintlich korrekt ausgeben k\u00f6nnen. Zudem werden dadurch die Kosten f\u00fcr Recherchen und Nachpr\u00fcfungen von Informationen gesenkt, die bei anderweitigen Quellen angestellt werden m\u00fcssten. Auch Einrichtungen wie das Pentagon selbst betreiben riesige Informationsdienste f\u00fcr die \u00d6ffentlichkeit mit tausenden Angestellten und hunderten Millionen Dollar an Budget (Herman &amp; Chomsky, S. 19). Nur private Gro\u00dfkonzerne haben \u00e4hnliche Ressourcen zur Verf\u00fcgung, um \u00f6ffentliche Informationen und Propaganda in dem Ma\u00dfe zu produzieren, wie es das Pentagon oder andere Regierungsk\u00f6rperschaften verm\u00f6gen (Herman &amp; Chomsky, S. 21). Herman und Chomsky betonen au\u00dferdem, dass die Regierung und F\u00f6rderer von Wirtschaftsnachrichten durchaus einiges auf sich nehmen, um ihre besondere Position als Quelle zu festigen und Dinge so komfortabel wie m\u00f6glich f\u00fcr Nachrichtenagenturen zu gestalten, beispielsweise durch die Erm\u00f6glichung von Zusammenk\u00fcnften, die Aush\u00e4ndigung von Kopien von Reden oder exklusiven Berichten sowie die Festlegung von Pressekonferenzen auf Zeitpunkte angepasst an den Redaktionszeitplan. Die b\u00fcrokratischen Apparate der M\u00e4chtigen subventionieren also die Massenmedien und erlangen so einen besonderen Zugang zu der Produktion von Nachrichten.\u00a0<\/p>\n<p>In Bezug auf das Pentagon zeigen die Autoren weiterhin auf, dass es letztlich die Steuerzahler:innen sind, die die Gelder liefern, durch die sie dann mit der Propaganda im Interesse der m\u00e4chtigen Gruppen wie R\u00fcstungskonzernen oder anderen Sponsoren des Staatsterrorismus \u00fcberschwemmt werden. Zudem spielen Quellen die ihnen durch diese Verflechtungen zukommende Macht aus, um Kritiker:innen den Zugang zu Medien zu verwehren. Sie nutzen das Abh\u00e4ngigkeitsverh\u00e4ltnis, um Medien in Richtung einer bestimmten Agenda zu manipulieren, indem sie diese beispielweise mit Geschichten \u00fcberh\u00e4ufen \u2013 mit der Zielsetzung, ein gewisses Narrativ bereits vorab festzusetzen. Teil dieser Praxis ist es etwa auch, sich die Reputation von Expert:innen einzukaufen, um die Glaubw\u00fcrdigkeit eigener Studien zu erh\u00f6hen (Herman &amp; Chomsky, S. 22 f.). Gleicherma\u00dfen beliebt ist es, vormals radikale Anh\u00e4nger:innen einer bestimmten Position zu pr\u00e4sentieren, die dann eine vermeintliche 180-Grad-Wendung get\u00e4tigt haben und sozusagen bekehrt wurden \u2013 selbstverst\u00e4ndlich zugunsten der Interessen der Herrschenden, wie etwa die medial wirksam vermarkteten angeblichen Ex-Kommunist:innen w\u00e4hrend der McCarthy-\u00c4ra (Herman &amp; Chomsky, S. 25).<\/p>\n<p><strong>Vierter Filter: \u201eFlak\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Unter \u201eFlak\u201c \u2013 heutzutage auch \u201eShitstorm\u201c genannt \u2013 verstehen Herman und Chomsky eine negative Reaktion auf einen Bericht in der Presse oder eine TV-Sendung. Dies kann in Form von Briefen, Mails, Anrufen, Petitionen, Klagen, Reden und Gesetzesentw\u00fcrfen im Kongress sowie weiteren Arten von Drohungen, Beschwerden oder gerichtlichen Schritten geschehen. Wenn es sich bei den Akteur:innen um einzelne Personen oder Gruppen handelt, die \u00fcber ausreichende Mittel verf\u00fcgen, kann es durchaus unbequem und kostenintensiv f\u00fcr Medien werden.\u00a0<\/p>\n<p>Die M\u00f6glichkeit, ein sch\u00e4digendes Ausma\u00df an \u201eFlak\u201c herzustellen, ist an Macht gekn\u00fcpft und schl\u00e4gt sich beispielsweise in politischen Kampagnen gegen unliebsame Kritiker:innen nieder wie auch in durch Unternehmen finanzierte Studien und Veranstaltungen, die darlegen sollen, inwiefern Medien versagen, Konzerne richtig darzustellen. Ebenso werden Institutionen gegr\u00fcndet, deren Auftrag es ist, Medien zu schikanieren und sie unter Druck zu setzen, einer bestimmten Politik zu folgen oder politische Gegner:innen noch st\u00e4rker zu attackieren (Herman &amp; Chomsky, S. 26 f.). Und auch die Regierung stellt sich als gro\u00dfer Produzent von \u201eFlak\u201c heraus, indem sie Medien regelm\u00e4\u00dfig angreift und \u201ekorrigiert\u201c, um jedwede Abweichung der vorgegebenen politischen Linie m\u00f6glichst effektiv einzud\u00e4mmen (Herman &amp; Chomsky, S. 28).<\/p>\n<p><strong>F\u00fcnfter Filter: Antikommunismus<\/strong><\/p>\n<p>Zuletzt benennen Herman und Chomsky explizit die Ideologie des Antikommunismus als Filter. Kommunismus galt seit jeher als das absolut B\u00f6se, als das Schreckgespenst, das die Immobilieneigent\u00fcmer verfolgt, weil es die Fundamente ihres Status bedroht. Der Antikommunismus hilft, indem er auf die Missst\u00e4nde in vermeintlich kommunistischen Staaten verweist, um die Bev\u00f6lkerung gegen diesen Feind zu mobilisieren. Da es sich dabei um ein relativ unscharfes Konzept handelt, kann es gegen alles und jeden verwendet werden, der f\u00fcr politische Positionen eintritt, die die Interessen der Besitzenden bedrohen, oder ein \u00dcbereinkommen mit \u201ekommunistischen\u201c Staaten und radikalen Str\u00f6mungen unterst\u00fctzt. Weiterhin erf\u00fcllte diese Ideologie w\u00e4hrend der Zeit des Kalten Krieges die Funktion, Faschismus im Ausland zu unterst\u00fctzen, da dieser als kleineres \u00dcbel gegen\u00fcber dem Kommunismus gerechtfertigt wurde. Liberale im eigenen Land werden durch den Antikommunismus, der von Herman und Chomsky als dominierende Religion bezeichnet wird, massiv unter Druck gesetzt, ihre antikommunistische Haltung entsprechend zu demonstrieren, was zur Folge hat, dass sie sich selbst wie die Reaktion\u00e4ren verhalten (Herman &amp; Chomsky, S. 29). Antikommunistische Kontrollmechanismen durchziehen das System so stark, dass sie schlie\u00dflich einen tiefgreifenden Einfluss auf die Massenmedien aus\u00fcben. So werden Sachverhalte etwa im Narrativ einer dichotomen Welt aus kommunistischen und anti-kommunistischen Kr\u00e4ften pr\u00e4sentiert, wobei das Best\u00e4rken der \u201eeigenen\u201c Seite als v\u00f6llig legitime Nachrichtenpraxis betrachtet wird (Herman &amp; Chomsky, S. 30 f.).<\/p>\n<p><strong>Manufacturing Consent in der Gegenwart<\/strong><\/p>\n<p>36 Jahre nach der Erstver\u00f6ffentlichung von <em>Manufacturing Consent<\/em> ist die Medienwelt eine andere: Nachrichten verbreiten sich rasend schnell in sozialen Netzwerken wie Facebook, X (ehemals Twitter), Instagram und TikTok, womit einhergeht, dass es sich um kurze Meldungen handelt. Zudem fallen vormalige Gatekeeper-Funktionen weg, sodass Nutzer:innen selbst Nachrichten schaffen und verbreiten k\u00f6nnen. Aber auch die Massenmedien agieren in der virtuellen Sph\u00e4re des Internets, verf\u00fcgen \u00fcber ein breites Online-Angebot und haben selbst Accounts auf besagten Plattformen. Und letztere wiederum stellen ebenfalls riesige Unternehmen dar, die sich in den H\u00e4nden Weniger befinden und zudem von unglaublicher Relevanz f\u00fcr Werbetreibende sind. Nicht umsonst wurden ganz neue Ph\u00e4nomene geschaffen, wie dasjenige der Influencer:innen. Die Medienlandschaft wurde also gr\u00f6\u00dfer und vor allem schneller, damit aber nicht unbedingt diverser. Jedenfalls nicht in Bezug auf die b\u00fcrgerlichen Mainstream-Medien. Wie auch in Zeiten vor dem Web 2.0 gibt es alternative Seiten, die es erm\u00f6glichen, Themen anders oder \u00fcberhaupt zu besprechen. Ihr Status ist dabei zumeist ein problematischer und nicht selten werden sie vor allem der Verbreitung von Verschw\u00f6rungsideen schuldig gesprochen. Und trotz all dieser Ver\u00e4nderungen, die sowohl technisch-medialer als auch gesellschaftlich-sozialer Natur sind, bleibt der Text von Herman und Chomsky aktuell.<\/p>\n<p>Es gilt zu betonen, dass Herman und Chomsky nicht behaupten, Medien w\u00fcrden l\u00fcgen. Abgesehen von den tats\u00e4chlich erfundenen Geschichten, mit denen hierzulande vor allem die Springer-Presse auff\u00e4llt, beziehen sich Medien durchaus auf reales Geschehen. Jedoch sind sie keine neutralen Beobachter, die der Objektivit\u00e4t verpflichtet w\u00e4ren. Es ist diese spezifische Verflechtung von Politik, Unternehmen beziehungsweise Kapital und Medien, die zu einer Darstellung f\u00fchrt, die die Welt durch Filter pr\u00e4sentiert. Signifikant wurde dies beispielsweise auch durch den sogenannten Embedded Journalism w\u00e4hrend des 2003 von den USA begonnenen Irakkriegs. Journalist:innen wurden unter expliziter Einbeziehung der Bildmedien in die k\u00e4mpfenden Truppen integriert. Es folgte eine unkritische, unreflektierte Berichterstattung. Zugleich zeugte die Kriegsberichterstattung von einem starken Inszenierungscharakter, weshalb sich unter anderem der Terminus \u201eMilitainment\u201c etablierte. Inzwischen wird der Begriff des Embedded Journalism jedoch auch au\u00dferhalb von Kriegen verwendet, etwa wenn sich Journalist:innen politischen Strukturen beziehungsweise Erwartungen anpassen, sodass sie als Sprachrohr der Regierung fungieren.<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/konsens-und-propaganda-eine-betrachtung-der-macht-der-medien\/#31e9ffa1-ce35-46df-83f5-ee5e5b46732c\"><sup>1<\/sup><\/a><\/p>\n<p>Putins Angriffskrieg auf die Ukraine wurde und wird immer wieder auch als Informationskrieg bezeichnet. Und so sprach die Medienanstalt Berlin-Brandenburg (MABB) gegen\u00fcber dem Sender <em>RT Deutsch<\/em> bereits im Februar 2022 eine Beanstandungs- und Unterlassungsverf\u00fcgung aus, wogegen RT wiederum erfolglos Klage einreichte und seither das faktische Verbot durch eine abge\u00e4nderte Webadresse umgeht. Die Devise aber bleibt klar: Keine russische Propaganda im eigenen Land. Daf\u00fcr aber viel westliche Propaganda, die selbstverst\u00e4ndlich nicht als solche gezeichnet wird. Es ist dabei vollkommen klar, dass Putin die Ukraine v\u00f6lkerrechtswidrig angegriffen hat. Bei dieser Feststellung aber konnte die Berichterstattung nicht bleiben. <a href=\"https:\/\/www.jungewelt.de\/bibliothek\/zitat\/?id=4845\">Aussagen, wie<\/a> \u201eWir d\u00fcrfen nicht vergessen, dass auch, wenn Russen europ\u00e4isch aussehen, es keine Europ\u00e4er sind, jetzt im kulturellen Sinne, einen anderen Bezug zur Gewalt haben, einen anderen Bezug zum Tod haben\u201c von der stellvertretenden Leiterin des EU-Instituts f\u00fcr Sicherheitsstudien Florence Gaub, geh\u00f6rten ebenso dazu wie die permanente Forderung von Waffenlieferungen durch Gr\u00fcnen-Politiker:innen und den mittlerweile ehemaligen Botschafter der Ukraine in Deutschland Andrij Melnyk. Dass in Russland unter dem Putin-Regime weder Meinungs- noch Pressefreiheit besonders hochgehalten werden, ist ebenfalls bekannt. Als allerdings der neue Vorzeige-Demokrat Wolodymyr Selenskyj <a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/gesellschaft\/medien\/selenskyj-legt-tv-sender-zusammen-5138614.html\">alle ukrainischen Fernsehsender zusammenlegen<\/a> und dabei verlauten lie\u00df, die Meinungsfreiheit ende dann, wenn die ukrainische Souver\u00e4nit\u00e4t angegriffen werde, war dies keine Nachricht, die tagelang \u00fcberall gestreut wurde. Bereits im Ukraine-Konflikt 2014 stellte sich beim deutschen Publikum Unzufriedenheit \u00fcber die einseitige Berichterstattung ein. Dies musste dann auch der <em>ARD<\/em>-Programmbeirat, das Beratungsgremium der <em>ARD<\/em>-Programmdirektorin und der Intendant:innen der <em>ARD<\/em>-Landesrundfunkanstalten, eingestehen. Das <a href=\"https:\/\/www.telepolis.de\/features\/Ukraine-Konflikt-ARD-Programmbeirat-bestaetigt-Publikumskritik-3367400.html\">vernichtende Fazit<\/a> lautete: \u201eFragmentarisch\u201c, \u201etendenzi\u00f6s\u201c, \u201emangelhaft\u201c und eben \u201eeinseitig\u201c.\u00a0<\/p>\n<p>Darauf bezog sich allerdings sicherlich nicht die Kampagne des Innenministeriums, die es im Mai 2022 unter dem Titel \u201e<a href=\"https:\/\/www.bmi.bund.de\/SharedDocs\/faqs\/DE\/themen\/heimat\/desinformation\/faq-liste-desinformation.html\">FAQ \u2013 Desinformation im Kontext des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine<\/a>\u201c ver\u00f6ffentlichte. Darin hei\u00dft es etwa:\u00a0<\/p>\n<p><em>Wird Desinformation von einem fremden Staat verbreitet, um dadurch illegitim Einfluss auf einen anderen Staat (oder auch einen Staatenverbund) auszu\u00fcben, handelt es sich um eine hybride Bedrohung. Beabsichtigt wird dabei eine Verwirrung der \u00d6ffentlichkeit \u00fcber die Faktenlage, Beeinflussung der \u00f6ffentlichen Meinungsbildung, Verschleierung und Ablenkung von eigenen Aktivit\u00e4ten, Emotionalisierung von kontroversen Debatten und Verst\u00e4rkung gesellschaftlicher Spannungen und\/oder das Sch\u00fcren von Misstrauen in staatliche Institutionen und Regierungshandeln.<\/em><\/p>\n<p>Was aber, wenn der eigene Staat dies unter Beihilfe der Medien macht? Etwa dann, wenn Kritiker:innen der Waffenlieferungen, die noch dazu betonen, dass der Westen beziehungsweise die NATO-Staaten in der Ukraine eigene Interessen vertreten und es sich um westlichen Imperialismus handelt, als Putin-Versteher:innen oder der russischen Propaganda Verfallene diskreditiert werden, obwohl sie explizit \u00e4u\u00dferten, dass sie Putins Angriffskrieg verurteilen? Es ist nicht so sehr die Ideologie des Antikommunismus, wie sie im 20. Jahrhundert in den USA verankert war, die hier Anwendung findet, als vielmehr die Verteidigung der Interessen der Herrschenden durch vernichtende Urteile gegen all jene, die sich dem entgegenstellen.\u00a0<\/p>\n<p>So beweisen die USA immer wieder eindr\u00fccklich, was sie etwa von Whistleblower:innen halten: Chelsea Manning sa\u00df sieben Jahre im Gef\u00e4ngnis, bevor sie begnadigt wurde, um Jahre sp\u00e4ter erneut in Beugehaft genommen zu werden, als sie sich weigerte, gegen Julian Assange auszusagen. Sie leakte 2010 den Irakkrieg betreffende Dokumente. Edward Snowden, der 2013 Dokumente \u00fcber die massiven \u00dcberwachungsprogramme der US-amerikanischen Geheimdienste offenlegte, befindet sich seitdem in Russland; Deutschland wollte ihm kein politisches Asyl gew\u00e4hren. Und Julian Assange, der WikiLeaks gr\u00fcndete, selbst tats\u00e4chlich aber \u00fcberhaupt keine Dokumente weitergab und auch die Quellen der ver\u00f6ffentlichten Leaks nicht kennt, befand sich erst sieben Jahre in der ecuadorianischen Botschaft in London, bevor er in ein dortiges Hochsicherheitsgef\u00e4ngnis gesperrt wurde. Dort k\u00e4mpft er seit 2019 nun gegen seine Auslieferung an die USA, wo ihm eine Gef\u00e4ngnisstrafe von bis zu 175 Jahren oder <a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunk.de\/heribert-prantl-zu-julian-assange-es-gilt-fuer-jemanden-100.html\">im schlimmsten Fall direkt die Todesstrafe<\/a> droht.\u00a0<\/p>\n<p>Egal, um welchen Krieg es geht, eine Sache bleibt in der Regel gleich: Im Krieg sterben Menschen; und zumeist handelt es sich dabei um Zivilist:innen. Wie dar\u00fcber berichtet wird, ist jedoch nicht immer gleich. Herman und Chomsky analysieren, dass es f\u00fcr die Medien sogenannte \u201ew\u00fcrdige\u201c und \u201eunw\u00fcrdige\u201c Opfer gibt. Erstere sind Opfer, die von feindlichen Staaten get\u00f6tet werden und Emp\u00f6rung hervorrufen. Der Berichterstattung \u201eunw\u00fcrdig\u201c sind diejenigen, die dem eigenen Staat oder einem Verb\u00fcndeten zum Opfer fielen (Herman &amp; Chomsky, S. 37). Daraus folgt, dass \u00fcber w\u00fcrdige Opfer, also durch feindliche Staaten Get\u00f6tete, sehr viel mehr und eindr\u00fccklicher berichtet wird, als \u00fcber unw\u00fcrdige. Erkennbar wird dies etwa, wenn sich einerseits Berichte \u00fcber in der Ukraine von russischen Soldaten get\u00f6tete Menschen \u00fcberschlagen, die mit Bildern und hoch emotionalisierten Kommentaren versehen sind, dagegen aber die wiederholte Bombardierung der kurdischen Bev\u00f6lkerung durch den NATO-Staat T\u00fcrkei lediglich eine Randnotiz ist. F\u00fcr die Interessen der deutschen Politik und des deutschen Kapitals sind get\u00f6tete Kurd:innen also eher unw\u00fcrdige Opfer, die so am besten nicht in der Berichterstattung vorkommen.\u00a0<\/p>\n<p>Auch im aktuell wieder eskalierenden \u2013 von den b\u00fcrgerlichen Medien so bezeichneten \u2013 \u201eNahost-Konflikt\u201c wird die von Herman und Chomsky dargelegte Differenz mehr als deutlich. Kriege sind immer auch Medienereignisse und so sind Ausdrucksweise und Begriffe in diesem Zusammenhang niemals neutral oder zuf\u00e4llig gew\u00e4hlt. Dies zeigt sich beispielsweise daran, dass Israelis grunds\u00e4tzlich \u201eget\u00f6tet\u201c oder \u201evon Terroristen ermordet\u201c werden, w\u00e4hrend Pal\u00e4stinenser:innen im von der israelischen Armee (IDF) bombardierten Gaza \u201esterben\u201c. Insbesondere im deutschen Diskurs wird deutlich, wie die von der Ampel-Regierung immer wieder manifestierte deutsche Staatsr\u00e4son die Darstellung der Geschehnisse beeinflusst. Deutschland hat Benjamin Netanjahu und seiner Regierung durch die bedingungslose Solidarit\u00e4t mit Israel einen Freifahrtschein f\u00fcr den Genozid an der Bev\u00f6lkerung in Gaza gegeben. In der Presse las man nach dem 7. Oktober zun\u00e4chst wenig bis gar nichts von genozidalen Handlungen, daf\u00fcr umso mehr vom Recht Israels auf Selbstverteidigung. Pal\u00e4stinensischer Widerstand wird, ob hierzulande oder beispielsweise im von Israel besetzten Westjordanland, kategorisch als \u201eTerror der Hamas\u201c denunziert, Antizionismus mit Antisemitismus gleichgesetzt und auch sonst scheinen Moral, Mitgef\u00fchl und Anteilnahme nur dann zu gelten, wenn es sich um politisch und medial als bedauernswert eingestufte Opfer handelt. Bis zum 27. Oktober konnte dennoch nicht vermieden werden, dass Journalist:innen und Zivilist:innen in Gaza zumindest Ausschnitte des Grauens an die \u00d6ffentlichkeit brachten. Dann jedoch brachen der Zugang zum Internet sowie die Mobilfunkverbindung zusammen und konnten erst zwei Tage sp\u00e4ter wiederhergestellt werden. \u201eDie Menschen in Gaza sterben in der Dunkelheit\u201c, fasste es ein <a href=\"https:\/\/twitter.com\/LenaArkad\/status\/1717977564843540533\">Tweet auf X<\/a> zusammen.\u00a0<\/p>\n<p>Ende Oktober ver\u00f6ffentlichten die <em>Nachdenkseiten <\/em>ein <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/pdf\/231027-Glossar_Berichterstattun-gNahostkonflikt.pdf\">Glossar<\/a> zur \u201eBerichterstattung Nahost\u201c (Stand 18. Oktober 2023), versehen mit dem Hinweis \u201ezur internen Nutzung\u201c. Recht genau wird darin festgehalten, wie die <em>ARD<\/em>-Redaktionen \u00fcber den \u201eNahostkonflikt\u201c berichten sollten und wie gerade nicht: Mitglieder der Hamas sollten nicht als K\u00e4mpfer, sondern als \u201eTerroristen\u201c, \u201emilitante Islamisten\u201c oder \u201emilitante Pal\u00e4stinenser\u201c bezeichnet werden; weiterhin sei von \u201eAngriff\/en aus Gaza auf Israel\u201c oder auch \u201eKrieg gegen Israel\u201c zu sprechen, da \u201edie Hamas Israel \u00fcberraschend angegriffen\u201c habe. Dies sei insbesondere wichtig, als die Gegenreaktion Israels hart ausfallen k\u00f6nnte: \u201eMit der mutma\u00dflichen harten Reaktion der israelischen Armee wird sich in den kommenden Tagen der Fokus und damit auch unsere Berichterstattung auf den Gazastreifen und das Leid der dortigen Bev\u00f6lkerung verschieben. Wir sollten dabei nicht ausblenden, dass die Hamas den aktuellen Konflikt begonnen hat.\u201c Weiterhin beinhaltet das Glossar Hinweise zu verschiedenen \u2013 der <em>ARD <\/em>relevant erscheinenden \u2013 Gruppierungen, Str\u00f6mungen, Ideologien, Slogans, Fahnen und Expert:innen. Zwar gibt sich das Papier den Anschein von Ausgeglichenheit; bei genauerer Betrachtung wird aber schnell deutlich, dass es darum geht, auf Linie der deutschen Staatsr\u00e4son zu berichten. Unhinterfragt wird etwa die IHRA-Definition f\u00fcr Antisemitismus angef\u00fchrt, ohne \u00fcberhaupt zu erw\u00e4hnen, dass es an dieser Kritik und in Folge mit der <a href=\"https:\/\/jerusalemdeclaration.org\/\">\u201eJerusalem Declaration On Antisemitism\u201c<\/a> einen Gegenvorschlag gibt, der der Gleichsetzung von Antizionismus und Antisemitismus widerspricht. Wird Israel als Apartheidregime bezeichnet oder der Vorwurf des Siedlerkolonialismus erhoben, so zitiert die <em>ARD <\/em>prim\u00e4r Positionen, die dies zur\u00fcckweisen und \u2013 wer h\u00e4tte es gedacht \u2013 als antisemitisch begreifen. Auf \u00fcber 40 Seiten wird im Prinzip erl\u00e4utert, was die t\u00e4gliche Berichterstattung seit Monaten bestimmt. Nicht umsonst nennt die <em>junge Welt <\/em>dies schlicht eine <a href=\"https:\/\/www.jungewelt.de\/artikel\/462874.berichterstattung-zum-gazakrieg-journalistische-bankrotterkl%C3%A4rung.html\">\u201ejournalistische Bankrotterkl\u00e4rung\u201c<\/a>.\u00a0<\/p>\n<p>Verbreitet waren nach dem 7. Oktober insbesondere Geschichten \u00fcber enthauptete sowie verbrannte Babys, wenngleich sich recht schnell Zweifel an der Wahrhaftigkeit dieser Gr\u00e4ueltaten regte. Mittlerweile konnte die israelische Tageszeitung <em>Haaretz <\/em>darlegen, dass es sich aller Wahrscheinlichkeit nach tats\u00e4chlich um <a href=\"https:\/\/www.middleeasteye.net\/news\/israel-palestine-war-personnel-false-information-7-october-attack\">falsche Behauptungen<\/a> handelte, die israelische Beamt:innen und Soldat:innen an Such- und Rettungshelfer:innen weitergaben. Diese seien einerseits m\u00f6glicherweise von Mitarbeiter:innen falsch interpretiert worden; andererseits aber habe Netanjahu h\u00f6chstpers\u00f6nlich Anschuldigungen \u00fcber von Pal\u00e4stinenser:innen zusammengebundene, verbrannte und hingerichtete Kinder verbreitet, die sich jeglicher Beweise entziehen. Ebenso bleiben beispielsweise jene Belege aus, mit denen die israelische Regierung die Erst\u00fcrmung des <a href=\"https:\/\/www.theguardian.com\/world\/2023\/nov\/17\/idf-evidence-so-far-falls-well-short-of-al-shifa-hospital-being-hamas-hq\">Al-Shifa-Krankenhauses<\/a> rechtfertigte, welches anschlie\u00dfend nicht l\u00e4nger betriebsf\u00e4hig war. Angeblich handelte es sich um ein milit\u00e4risches Hauptquartier der Hamas \u2013 die Beweise daf\u00fcr sind nicht nur kaum vorhanden; vielmehr geht eine Analyse der <em>BBC <\/em>davon aus, dass das Filmmaterial, das die IDF vorlegte, bearbeitet wurde.\u00a0<\/p>\n<p>Die Liste lie\u00dfe sich fortsetzen. Gemeinsam ist jenen Ereignissen hinsichtlich der Berichterstattung insbesondere in den deutschen Medien aber, dass Klar- und Richtigstellungen nur sehr dezent ausfallen oder aber ganz ausbleiben, w\u00e4hrend daf\u00fcr gesorgt wird, dass die zum Narrativ passenden Schlagzeilen enorme Aufmerksamkeit erfahren. Herman und Chomsky ziehen den Schluss, dass sich die Art und Weise, wie bevorzugtes und unbequemes Material behandelt wird (Platzierung, Ton, Kontext, Ausf\u00fchrlichkeit der Behandlung, Entscheidung f\u00fcr oder gegen eine Ver\u00f6ffentlichung), durchaus stark unterscheidet \u2013 und zwar so, dass es politischen Zielen dient (Herman &amp; Chomsky, S. 35).<\/p>\n<p><strong>Unabh\u00e4ngige Berichterstattung: Die Zeitung als kollektiver Organisator\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Mit Sicherheit bietet die zunehmende Verlagerung der Produktion und Verbreitung von Nachrichten und Berichten in die Sph\u00e4re des Web 2.0 gerade f\u00fcr Einzelpersonen oder Gruppen den Vorteil, ihre Artikel mit relativ geringen Mitteln einbringen und eine nicht unerhebliche Anzahl an Leser:innen damit erreichen zu k\u00f6nnen. Dieser M\u00f6glichkeitsraum, der durch technologische Entwicklungen entstand, unterliegt jedoch \u00e4hnlich wie analoge Medien l\u00e4ngst den herrschenden Interessen. In Konsequenz kommt es zu einer undemokratischen Zensur der Meinungsfreiheit, wie etwa durch Shadow-Bans oder Drohungen, den Account aufgrund nicht-demokratisch festgelegter Richtlinien zu l\u00f6schen, <a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/letzte-warnung-instagram-droht-uns-zu-loeschen\/\">wie dies auch <em>Klasse Gegen Klasse <\/em>immer wieder betrifft<\/a>. W\u00fcrde dies passieren, w\u00e4ren etwa auf Instagram mit einem Mal \u00fcber 40.000 Follower und damit die langj\u00e4hrig aufgebaute Reichweite verloren. Unabh\u00e4ngige linke Medien aber sind in einer immer st\u00e4rker polarisierten Welt unerl\u00e4sslich \u2013 Medien also, die nicht im Interesse der Herrschenden und M\u00e4chtigen, sondern f\u00fcr die und mit der Arbeiter:innenklasse berichten, schreiben und Nachrichten produzieren sowie Unterdr\u00fcckten eine Plattform f\u00fcr ihre Positionen und K\u00e4mpfe geben. Denn wie Marx und Engels bereits im <a href=\"https:\/\/www.marxists.org\/deutsch\/archiv\/marx-engels\/1848\/manifest\/2-prolkomm.htm\"><em>Manifest der Kommunistischen Partei <\/em><\/a>schrieben, sind die \u201eherrschenden Ideen einer Zeit [\u2026] stets nur die Ideen der herrschenden Klasse\u201c. Eben jene Ideen werden von der b\u00fcrgerlichen Presse aufgegriffen und verbreitet.\u00a0<\/p>\n<p>Das internationale digitale Zeitungsnetzwerk <em>La Izquierda Diario (LID)<\/em>, zu dem auch <em>Klasse Gegen Klasse <\/em>geh\u00f6rt, \u00fcbtittels revolution\u00e4rem Journalismus Kritik am kapitalistischen System und dem Imperialismus, stellt die K\u00e4mpfe der Ausgebeuteten und Unterdr\u00fcckten heraus und bietet Plattformen, um \u00fcber sozialistische Ideen und Strategien zu diskutieren. Allein in Argentinien erhielt die Seite <em>La Izquierda Diario Argentinien <\/em><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/75-millionen-aufrufe-fuer-revolutionaere-zeitung\/\">im Jahr 2020<\/a> 30 Millionen Besuche, durchschnittlich also 2,5 Millionen pro Monat! <a href=\"https:\/\/www.marxists.org\/deutsch\/archiv\/lenin\/1901\/05\/womitbeg.htm\">Lenin betonte bereits 1901<\/a> die Wichtigkeit dieser Form der Presse: \u201eDie Zeitung ist nicht nur ein kollektiver Propagandist und ein kollektiver Agitator, sondern auch ein kollektiver Organisator.\u201c Er vergleicht die Zeitung weiterhin mit einer Art Ger\u00fcst, \u201edas um ein im Bau befindliches Geb\u00e4ude errichtet wird; es zeigt die Umrisse des Geb\u00e4udes an, erleichtert den Verkehr zwischen Drehern einzelnen Bauarbeitern, hilft ihnen, die Arbeit zu verteilen und die durch die organisierte Arbeit erzielten gemeinsamen Resultate zu \u00fcberblicken.\u201c Die Zeitung diene als Hilfe, um eine best\u00e4ndige Organisation herauszubilden. Auch Grigori Sinowjew nimmt in einer <a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/der-charakter-unserer-presse\/\">Mitteilung an die Redakteur:innen der kommunistischen Zeitungen<\/a> 1921 Bezug auf die <em>Prawda<\/em>, die offizielle Publikation der Bolschewiki, die von und f\u00fcr Arbeiter:innen mit Unterst\u00fctzung von linken Intellektuellen hergestellt wurde. Eine gut organisierte und informierte kommunistische Tageszeitung, die zugleich eine \u201ewahre Plattform der Arbeiter und die Alarmglocke des Proletariats ist\u201c, werde Sinowjew zufolge \u201eeine m\u00e4chtige Waffe in den K\u00e4mpfen der kommunistischen Parteien\u201c sein.\u00a0<\/p>\n<p>Im Gegensatz zur b\u00fcrgerlichen Presse wird die Zeitung, in Anlehnung an Lenin, innerhalb unseres internationalen Netzwerks als Teil einer Strategie, als ein Mittel der Organisierung der Arbeiter:innenklasse verstanden mit dem Perspektive, eine revolution\u00e4re Arbeiter:innenpartei aufzubauen. Das Ziel ist dabei kein geringeres, als die kapitalistischen Verh\u00e4ltnisse im Gesamten umzuwerfen, aus denen auch die Steuerung der Medien resultiert.\u00a0<\/p>\n<p><em>Edward S. Herman und Noam Chomsky: Manufacturing Consent: The Political Economy of the Mass Media, Vintage Books, London 1994.\u00a0<\/em><\/p>\n<p><strong>Fu\u00dfnoten<\/strong><\/p>\n<ol>\n<li><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/konsens-und-propaganda-eine-betrachtung-der-macht-der-medien\/#31e9ffa1-ce35-46df-83f5-ee5e5b46732c-link\">1.<\/a> Vgl. Uwe Kr\u00fcger: Meinungsmacht. Der Einfluss von Eliten auf Leitmedien und Alpha-Journalisten \u2013 eine kritische Netzwerkanalyse, Herbert von Halem Verlag, K\u00f6ln 2013, S. 90.<\/li>\n<\/ol>\n<p><em>#Titelbild. Noam Chomsky. Bild: Andrew Rusk \/ flickr.com, CC BY 2.0 Deed. <\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/konsens-und-propaganda-eine-betrachtung-der-macht-der-medien\/\"><em>klassegegenklasse.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 13. Mai 2024<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ricarda Julia. Massenmedien haben Macht. Wie sie funktionieren, haben Noam Chomsky und Edward S. Herman schon 1988 in \u201eManufacturing Consent\u201c beschrieben. 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