{"id":1449,"date":"2016-08-27T08:39:22","date_gmt":"2016-08-27T06:39:22","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=1449"},"modified":"2016-08-27T08:39:22","modified_gmt":"2016-08-27T06:39:22","slug":"wie-kritik-an-israel-als-antisemitismus-diffamiert-wird","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=1449","title":{"rendered":"Wie Kritik an Israel als Antisemitismus diffamiert wird"},"content":{"rendered":"<p><strong>Gruppen, die gegen die Besatzung Pal<\/strong><strong>\u00e4<\/strong><strong>stinas protestieren, werden oft als Antisemit*innen diffamiert. Doch nicht alle J<\/strong><strong>\u00fc<\/strong><strong>d*innen sind Zionist*innen <\/strong><strong>\u2013<\/strong><strong> nicht alle Zionist*innen sind J<\/strong><strong>\u00fc<\/strong><strong>d*innen. <\/strong><!--more--><\/p>\n<p><strong>Diese Gleichsetzung von Antizionismus und Antisemitismus ist reaktion<\/strong><strong>\u00e4<\/strong><strong>r und muss bek<\/strong><strong>\u00e4<\/strong><strong>mpft werden.<\/strong><\/p>\n<p><em>Dror Dayan.<\/em> Die US-amerikanische j\u00fcdische Zeitschrift \u201eForward\u201c zitierte letzte Woche die israelische Parlamentsabgeordnete Anat Barko: Es gebe eine steigende Welle von antisemitischen Vorf\u00e4llen in den USA. In einem Fall haben pro-pal\u00e4stinensische Student*innen der New York University sogar \u201eListen von Wohnheimadressen j\u00fcdischer Student*innen\u201c gesammelt, um diese gezielt zu schikanieren. Diese Welle, so Barko, zeige die antisemitische Natur der Boykott-Kampagne gegen Israel.<\/p>\n<p>Kritische Medien wie \u201eMondoweiss\u201c brauchten nicht l\u00e4nger als 24 Stunden um herauszufinden, dass der Fall an der NYU nicht nur <a href=\"http:\/\/mondoweiss.net\/2016\/08\/forward-anti-semitism-hoax\/\">komplett erfunden war<\/a> \u2013 erfunden war es sogar von der \u201eForward\u201c-Journalistin selbst, als sie noch an der NYU studierte. Ein solcher Fall kommt heute nicht mehr so selten vor, doch er zeigt, zu welchen Bem\u00fchungen die israelische Regierung bereit ist, um antizionistische Arbeit als Antisemitismus zu brandmarken.<\/p>\n<p>Die Tendenz, sich trotz der kolonialen Situation in Pal\u00e4stina immer und in jedem einzelnen Fall als Opfer darzustellen, war immer ein Bestandteil der zionistischen Ideologie. Was seine Wurzeln in der antisemitischen Lebensrealit\u00e4t in Europa zur Jahrhundertwende hatte, und durch den Holocaust seinen schrecklichen H\u00f6hepunkt erreichte (in dem nicht nur zionistische J\u00fcd*innen ermordet wurden, sondern auch viele j\u00fcdische und auch nicht-j\u00fcdische Sozialist*innen, Kommunist*innen, und nat\u00fcrlich LGBTQI*, Roma und Sinti und andere), hat ironischerweise durch die Gr\u00fcndung eines zionistischen Kolonialstaates in Pal\u00e4stina nur zugenommen.<\/p>\n<p>Der mittlerweile verstorbene antizionistische Aktivist der israelischen sozialistischen Organisation \u201eMatzpen\u201c (Kompass), Akiva Orr, erz\u00e4hlte oft von einem Flugzeug der israelischen Fluggesellschaft, das durch eine Vogelschar geflogen ist und mehrere davon get\u00f6tet hat. Die Schlagzeilen der israelischen Presse lauteten am n\u00e4chsten Tag: \u201eV\u00f6gel greifen israelisches Flugzeug an\u201c. Die Verdrehung von T\u00e4ter*innen und Opfer ist ein oft benutztes Mittel der kolonialen Ideologie, das beispielsweise auch in S\u00fcdafrika verbreitet war, aber eigentlich zum Diskurs jeder unterdr\u00fcckenden Schicht geh\u00f6rt.<\/p>\n<p><strong><em>Kampagnen in Deutschland<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Diese Verdrehung geh\u00f6rt auch bei den pro-zionistischen Gruppierungen in Deutschland zum Alltag. Die Deutsch-Israelische-Gesellschaft Oldenburg schrieb neulich \u00fcber <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/permalink.php?story_fbid=1080081152076492&amp;id=1006630932754848&amp;comment_id=1080087482075859&amp;comment_tracking=%7B%22tn%22%3A%22R1%22%7D\">\u201eden antisemitischen Sommer 2014\u201c<\/a>. W\u00e4hrend der israelischen Angriffe auf Gaza sind Tausende Menschen in Berlin auf die Stra\u00dfe gegangen. Da waren auch pro-israelische Gruppen mit Kamerapersonen dabei. Eine Gruppe von vielleicht 20 Jugendlichen haben antisemitische Parolen skandiert. Diese eklige Szene wurde aufgenommen und an die Medien weitergeleitet, die sich um den Rest gek\u00fcmmert haben.<\/p>\n<p>Solche Parolen (\u201cJude, feiges Schwein\u201d) sind nat\u00fcrlich abzulehnen. Aber sie waren nicht h\u00e4ufig zu h\u00f6ren und stammen von Jugendlichen, die h\u00f6chstwahrscheinlich nie in ihrem Leben den Unterschied zwischen Judentum und Zionismus geh\u00f6rt haben. Und warum auch? Als ihre Familien 1948 aus Pal\u00e4stina vertrieben wurden, haben sich die zionistischen Milizen selbst als \u201cdie Juden\u201d pr\u00e4sentiert, denen ab jetzt das Land geh\u00f6rt.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Medienarbeit pro-israelischer Organisationen sind solche Vorf\u00e4lle gefundenes Fressen, um sich als Vertreter*innen aller Jud*innen zu pr\u00e4sentieren und vom Massaker abzulenken. Die 2.200 Menschen, die im Gaza in diesem Sommer durch das israelische Milit\u00e4r get\u00f6tet wurden, werden dann zu einer blo\u00dfen nebens\u00e4chlichen Randerscheinung dieses \u201cantisemitischen Sommers\u201d.<\/p>\n<p>Im Januar dieses Jahres hat die AJC, das American Jewish Committee, <a href=\"http:\/\/for-palestine.org\/de\/das-propaganda-experiment\/\">einen Mitarbeiter mit einem Videoteam in die Fl\u00fcchtlingsunterkunft im ehemaligen Flughafen Tempelhof geschickt<\/a>, um nach Antisemitismus bei den Gefl\u00fcchteten zu suchen. Ein junger Refugee aus Syrien, der Pal\u00e4stina als \u201ePal\u00e4stina\u201c bezeichnet hat, galt dann als Beweis f\u00fcr die ungeheuere These: J\u00fcd*innen in Deutschland seien durch die ankommenden Gefl\u00fcchteten bedroht, und vielleicht solle man deswegen weniger aufnehmen. Mit \u00e4hnlichen Vorw\u00fcrfen wurden auch das <a href=\"http:\/\/www.tagesspiegel.de\/berlin\/polizei-justiz\/protest-fuer-fluechtlingsrechte-am-sonntag-in-berlin-antisemitismus-vorwurf-vor-antirassistischer-demo\/13343386.html\">\u201eKarneval der Gefl\u00fcchteten\u201c<\/a>, das <a href=\"https:\/\/gegenrassismusantisemitismus.wordpress.com\/2015\/08\/14\/hallo-welt\/\">\u201eFestival gegen Rassismus\u201c<\/a> und die <a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/jutta-ditfurth-gemeinsam-mit-afd-cdu-und-junge-freiheit-gegen-die-rechte-der-palaestinenserinnen\/\">revolution\u00e4re 1. Mai Demo<\/a> in Berlin diffamiert.<\/p>\n<p>So tr\u00e4gt die Antisemitismusdebatte in Deutschland dazu bei, dass die Besatzung in Pal\u00e4stina allein aus deutscher Perspektive betrachtet wird. Pal\u00e4stinenser*innen stehen von vornherein unter Verdacht, Antisemit*innen zu sein, und deswegen wird ihre Stimme komplett negiert. Der Zionismus wird dann nur im Kontext des Genozids des deutschen Faschismus an den J\u00fcd*innen gesehen. Der Zionismus als eine Kolonialbewegung, die bis heute Millionen von Menschen unter Besatzung oder im Exil h\u00e4lt, wird verschleiert.<\/p>\n<p><strong><em>Was ist Antizionismus?<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Das politische Ziel von antizionistischen Aktivist*innen \u2013 egal ob <a href=\"https:\/\/freehaifa.wordpress.com\/2014\/10\/03\/ilan-pappe-a-democratic-state-in-all-of-palestine-is-possible-the-palestinian-movement-should-change-direction\/\">j\u00fcdisch<\/a>, <a href=\"https:\/\/electronicintifada.net\/content\/one-country-interview-ali-abunimah\/6517\">pal\u00e4stinensisch<\/a> oder <a href=\"http:\/\/odspal.jimdo.com\/events\/z%C3%BCrich-ods-conference\/\">andere<\/a> \u2013 ist es, Pal\u00e4stina durch die Abschaffung des zionistischen Besatzungsstaates zu entkolonialisieren. Das Ziel ist eine Gesellschaft, in der J\u00fcdinnen, Pal\u00e4stinenser*innen und andere gemeinsam und in Frieden zusammenleben k\u00f6nnen. Unter Antizionist*innen gibt es nat\u00fcrlich <a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/marxistinnen-und-die-einstaatenloesung\/\">viele Debatten \u00fcber diese \u201eEinstaatenl\u00f6sung\u201c<\/a>. Aber oft t\u00e4uschen diese Debatten auch: \u201eEin einziger Staat\u201c ist keine Zukunftsvision sondern jetzt die Realit\u00e4t. Heute steht das ganze Land unter verschiedenen Stufen von israelischer Kontrolle. \u201eEin einziger Staat\u201c ist schon da \u2013 es gilt nur, diesen Staat zu entkolonialisieren.<\/p>\n<p>Diese Sicht wird oft mit dem Argument des \u201eSchutzraumes\u201c erwidert. Diesem Argument zufolge k\u00f6nnen J\u00fcd*innen nirgendwo auf der Welt gesch\u00fctzt leben, brauchen deshalb einen eigenen staatlichen \u201eSchutzraum\u201c in Pal\u00e4stina. Nicht nur, dass diese Theorie suggeriert, J\u00fcd*innen k\u00f6nnen nicht unter und mit anderen Bev\u00f6lkerungen leben. Diesem Argument zufolge m\u00fcssen auch die Pal\u00e4stinenser*innen den Preis f\u00fcr den deutschen Faschismus tragen, indem sie auf ewig unter Besatzung leben.<\/p>\n<p>Warum soll ein b\u00fcrgerlicher Nationalstaat die einzige L\u00f6sung f\u00fcr Rassismus und Unterdr\u00fcckung von ethnischen Minderheiten sein? In Wirklichkeit sch\u00fctzt ein kapitalistischer Staat nur die Bourgeoisie. Auch f\u00fcr junge Israelis aus den arbeitenden Klassen bedeutet dieser \u201eSchutz\u201c, dass sie drei Jahre lang Milit\u00e4rdienst auf besetztem Gebiet leisten m\u00fcssen \u2013 wenn sie sich weigern, werden sie eingesperrt. Wie immer, z\u00e4hlt das Proletariat den Preis f\u00fcr die Kriegstreiberei der Bourgeoisie.<\/p>\n<p>Kritiker*innen der Idee des \u201eSchutzraums\u201c wird dann vorgeworfen, die Vernichtung aller J\u00fcd*innen zu beabsichtigen. Als Linke m\u00fcssen wir f\u00fcr eine sozialistische internationalistische Revolution pl\u00e4dieren, die zu der Befreiung und Gleichberechtigung aller ethnischen Gruppen, Arbeiter*innen und Geschlechter f\u00fchrt, und nicht f\u00fcr weitere kapitalistischen Staaten.<\/p>\n<p>Die Unterst\u00fctzung vieler Deutscher f\u00fcr diese \u201eSchutzraum-Theorie\u201c ist aber normalerweise keine analytische und theoretische, sondern eher mit subjektivem Empfinden und der deutschen Geschichte beladen \u2013 selbst bei manchen Linken. Dazu ist diese Position auch mit den leider weit verbreiteten <a href=\"http:\/\/achtermai.org\/2016\/04\/jutta-ditfurth-und-die-neocon-querfront\/\">reaktion\u00e4ren und pro-imperialistischen Tendenzen und Str\u00f6mungen<\/a> innerhalb der deutschen Linke stark verbunden.<\/p>\n<p>Aber anstatt zu beklagen, dass die Pal\u00e4stina-Frage die Linke spaltet, sollen wir vielleicht froh sein, dass sie uns oft einen zuverl\u00e4ssigen Lackmustest f\u00fcr die politischen Sichtweisen von Aktivist*innen und Gruppen anbietet. Denn oft sind die Str\u00f6mungen innerhalb der Linken, die Antizionismus mit Antisemitismus gleichsetzen, auch die, die imperialistische Interventionen unterst\u00fctzen und antikommunistische Politik betreiben, selbst wenn sie sich dabei marxistischen Begrifflichkeiten bedienen.<\/p>\n<p><em>Dror Dayan ist Filmemacher, urspr<\/em><em>\u00fc<\/em><em>nglich aus Jerusalem, wohnhaft in Berlin. Er ist aktiv in der Gruppe <\/em><a href=\"http:\/\/for-palestine.org\/\"><em>FOR Palestine<\/em><\/a><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wie-kritik-an-israel-als-antisemitismus-diffamiert-wird\/\"><em>klassegegenklasse.org&#8230;<\/em><\/a> <em>vom 27. August 2016<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gruppen, die gegen die Besatzung Pal\u00e4stinas protestieren, werden oft als Antisemit*innen diffamiert. 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