{"id":14493,"date":"2024-05-16T09:41:19","date_gmt":"2024-05-16T07:41:19","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=14493"},"modified":"2024-05-16T09:41:20","modified_gmt":"2024-05-16T07:41:20","slug":"don-quijote-von-miguel-de-cervantes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=14493","title":{"rendered":"Don Quijote \u2013 von Miguel de Cervantes"},"content":{"rendered":"<p><em>David Reisinger.<\/em> Obwohl Don Quijote 2002 vom Osloer Nobelinstitut zum \u201ebesten Buch der Welt\u201c erkl\u00e4rt wurde, ist es das Gegenteil eines anstrengend zu lesenden Klassikers. Cervantes versucht nicht zwanghaft komplex oder intelligent zu schreiben, sondern direkt und mitrei\u00dfend. Durch den Fokus auf das allt\u00e4gliche Leben, was f\u00fcr die damalige Zeit, als B\u00fccher nur f\u00fcr eine winzige Oberschicht<!--more--> geschrieben wurden, v\u00f6llig revolution\u00e4r war, lebt in der Geschichte eine Vielschichtigkeit, die Menschen seit \u00fcber 400 Jahren zu brillanten und saud\u00e4mlichen Interpretationen bringt.<\/p>\n<p>Cervantes (1547-1616) ist das Paradebeispiel f\u00fcr einen gescheiterten Schriftsteller. Sein Studium brach er ab, als er aus Madrid nach Rom fl\u00fcchtete, vermutlich weil er einen Kommilitonen im Duell verletzt hatte. V\u00f6llig mittellos musste er sich als Soldat im Kampf gegen das Osmanische Reich verdingen, wurde gefangengenommen und als Sklave nach Algerien verschleppt. Nach 5-j\u00e4hriger Gefangenschaft freigekauft, arbeitete er als Steuereintreiber, vergriff sich jedoch am Eigentum der Kirche, wurde exkommuniziert und ins Gef\u00e4ngnis geworfen. Auch der Roman Don Quijote den er 1605 ver\u00f6ffentlichte, brachte ihm keinen Reichtum und so starb er 1616 verarmt in Madrid. Trotz jahrhundertelangen Ausbuddelns von Skeletten inklusive DNA-Tests wurden seine Gebeine bis heute nicht mit Sicherheit identifiziert. Sehr zum \u00c4rger des spanischen Staates, der nur allzu gerne eine literarische Pilgerst\u00e4tte \u2013 mit kleinen Souvenirs f\u00fcr die Steuereinnahmen \u2013 aus den Gebeinen des bekanntesten Verlierers Spaniens machen w\u00fcrde.<\/p>\n<p><strong>Die Realit\u00e4t ist falsch<\/strong><\/p>\n<p>Unabh\u00e4ngig davon, f\u00fcr welche Interpretation des Romans man sich entscheidet, klar bleibt, dass Quijote der \u201eRitter von der traurigen Gestalt\u201c und sein Knappe Sancho Panza Verlierer sind. Vom scheiternden Kampf gegen Riesen (Windm\u00fchlen), dem Versuch allein ein feindliches Heer (Schafherden) in die Flucht zu schlagen, bis zur heldenhaften Sklavenbefreiung (verurteilte Galeerensklaven) erfolgreich ist das Team nie.<\/p>\n<p>Nachdem Quijote nur gegen Ritter k\u00e4mpfen darf, schickt er f\u00fcr alle echten Bedrohungen Sancho ins Feld. Zum Dank daf\u00fcr verspricht er ihm, die zweite Hand seines zuk\u00fcnftigen K\u00f6nigreichs zu werden. Obwohl Sancho realisiert, dass niemand mehr Ritter braucht, geschweige denn Respekt vor ihnen hat \u2013 Wirte weigern sich, die Regeln der fahrenden Ritterschaft einzuhalten und verlangen Bezahlung f\u00fcr Kost und Logis \u2013 bleibt er treu bei seinem Herren. Nochmals schwieriger wird diese Treue dadurch, dass Quijote nicht nur scheitert, sondern in einer anderen Realit\u00e4t lebt. Die Realit\u00e4t der Ritterb\u00fccher, die er gelesen hat und deren Regeln er folgen will, auch wenn es keine Burgen mehr, noch Prinzessinnen, noch Ungeheuer gibt. Quijotes Erkl\u00e4rung f\u00fcr das Auseinanderfallen seiner Realit\u00e4t mit der objektiven ist von bestechender Logik: Ein b\u00f6ser Magier verzauberte ihn oder die Realit\u00e4t oder alle anderen. Doch nachdem Quijote nicht wissen kann, was Zauber und was echt ist, n\u00fctzt ihm diese Erkenntnis herzlich wenig.<\/p>\n<p>Der Roman bietet endlos Interpretationsstoff: Karl Marx und Georg Luk\u00e1cs sahen in ihm die Abrechnung des entstehenden B\u00fcrgertums mit der vergangenen Traumwelt des Feudalismus. Sigmund Freud der extra Spanisch lernte, um das Buch im Original zu lesen, diskutierte den Konflikt zwischen Fantasie und Realit\u00e4t mit seinen \u00dcberlegungen zum Unterbewussten. Literaten sahen in Quijote den perfekten Leser, der versucht, die B\u00fccher Wirklichkeit werden zu lassen und der scheitert, weil die Realit\u00e4t nicht mit der Fiktion mithalten kann. Die Einzigen die das Buch dezidiert nicht verstanden haben, sind Faschisten: vom Diktator Franco \u2013 der Cervantes zu einem Nationalheiligen machen wollte, bis zu aktuellen, die Quijote in einen K\u00e4mpfer der Reconquista verwandeln wollen. Wobei wir mit Cervantes dar\u00fcber lachen sollten, dass Rechte in ihrem Wahn wirklich so bl\u00f6d sind, ein Buch in das zu verwandeln, was es verspottet: einen Heldenepos.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/linkswende.org\/don-quijote-von-miguel-de-cervantes\/\"><em>linkswende.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 16. Mai 2024<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>David Reisinger. 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