{"id":14502,"date":"2024-05-19T16:45:10","date_gmt":"2024-05-19T14:45:10","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=14502"},"modified":"2024-05-19T16:45:11","modified_gmt":"2024-05-19T14:45:11","slug":"esc-risse-in-der-friede-freude-eierkuchen-blase","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=14502","title":{"rendered":"ESC \u2013 Risse in der Friede-Freude-Eierkuchen-Blase"},"content":{"rendered":"<p><em>Jens Berger. <\/em>Wer sich vom Eurovision Song Contest hochwertige musikalische Unterhaltung verspricht, wird auch in diesem Jahr einmal mehr entt\u00e4uscht gewesen sein. Aber wer schaut den ESC schon wegen der Musik? \u00dcber die Jahre hat sich der S\u00e4ngerstreit zu einer hochpolitischen und hoch politisierten Selbstprojektionsfl\u00e4che des sich als \u201egut\u201c empfindenden links-liberalen Europas<!--more--> entwickelt \u2013 ein Fest der LGBTQ-Community, man ist divers und politisch korrekt, behauptet dabei aber von sich selbst, unpolitisch zu sein. Das ist freilich Unfug. Die Teilnahme Israels trotz dessen Vernichtungskrieg in Gaza hat in diesem Jahr die Grenzen dieses Selbstbetrugs gezeigt. W\u00e4hrend vor der Halle mehr als zehntausend propal\u00e4stinensische Aktivisten gegen die Veranstaltung demonstrierten, versuchten die Veranstalter zwanghaft, trotz lauter Buhrufe die Show zu retten. Das deutsche Fernsehpublikum bekam davon wenig mit. The show must go on, Friede, Freude, Eierkuchen.<\/p>\n<p>Man muss wohl schon Fernsehfunktion\u00e4r sein, um die Politik hinter dem ESC zu verstehen. Seit 2022 sind Wei\u00dfrussland und Russland von diesem Wettbewerb ausgeschlossen. Israel durfte hingegen in diesem Jahr teilnehmen. Dabei geht es \u2013 so die Funktion\u00e4re \u2013 keinesfalls um den Vernichtungskrieg in Gaza, die 40.000 Toten, davon die H\u00e4lfte Kinder, fast ausschlie\u00dflich Zivilisten. Nein, Wei\u00dfrussland und Russland seien \u201esuspendiert\u201c worden, weil dort seit der Eskalation des Ukrainekriegs die \u00fcbertragenden Fernsehsender nicht mehr unabh\u00e4ngig arbeiten k\u00f6nnten. Dies gelte f\u00fcr den israelische Fernsehsender KAN, der den ECS f\u00fcr Israel \u00fcbertr\u00e4gt, nicht. Diese Erkl\u00e4rung ist ungef\u00e4hr so glaubhaft wie das Selbstbekenntnis, man sei unpolitisch.<\/p>\n<p>Gerade im Gastgeberland Schweden, wo \u2013 anders als in Deutschland \u2013 gerade bei politisch Linken die Kritik an Israels Krieg in Gaza sehr verbreitet ist, wurde das Bekenntnis der EBU pro Israel gar nicht gut aufgenommen. Und auch bei den teilnehmenden K\u00fcnstlern sorgte diese Entscheidung f\u00fcr einigen Tumult. So \u00e4u\u00dferten sich die Teilnehmer der Niederlande, der Schweiz, Griechenlands, Frankreichs und Irlands im Umfeld mal mehr, mal weniger kritisch zur israelischen Teilnahme und drohten bis kurz vor Beginn der Veranstaltung sogar mit ihrer Absage. Am Ende passierte mal wieder nichts \u2013 Maulhelden. Aber ja, von den gr\u00f6\u00dftenteils jungen Nachwuchsk\u00fcnstlern nun zu fordern, sie sollten ihre Karriere f\u00fcr ein politisches Statement wegwerfen, w\u00e4re auch unfair und vielleicht zu viel verlangt. Das gilt jedoch nicht f\u00fcr die Arrivierten. Da haben zumindest einige \u201ePunkte-Ansager\u201c ihren Job im Vorfeld quittiert, in Belgien sorgte die Gewerkschaft daf\u00fcr, dass statt des israelischen Beitrags im ESC-Halbfinale <a href=\"https:\/\/www.rnd.de\/medien\/belgischer-tv-sender-israel-protest-bei-uebertragung-von-esc-halbfinale-7DWXJ72ES5MZTENFZY5VDEQPSI.html\">eine Protesttafel eingeblendet wurde<\/a>, die eine Waffenruhe in Gaza fordert. F\u00fcr die <em>BILD-Zeitung<\/em> eine \u201eHass-Botschaft\u201c. \u00dcberfl\u00fcssig zu erw\u00e4hnen, dass es seitens der deutschen Medien null Kritik an der israelischen Teilnahme gab.<\/p>\n<p>In Malm\u00f6 wurde der israelische Beitrag jedoch lautstark vom Publikum ausgebuht \u2013 die \u00dcbertragungstechnik tat ihr Bestes, um die Buhrufe herauszufiltern, was ihr bei der anschlie\u00dfenden Punktevergabe jedoch nicht mehr gelang. F\u00fcr deutsche Fernsehzuschauer muss dies verwirrend gewesen sein, haben sie doch gelernt, dass Kritiker der israelischen Kriegsf\u00fchrung Antisemiten sind, und die erwartet man ja nun nicht im ach so bunten liberalen Publikum. W\u00e4hrend in anderen L\u00e4ndern kritisch berichtet wurde, machte der <em>NDR<\/em> einmal mehr auf Friede, Freude, Eierkuchen. In der begleitenden Vorberichterstattung fiel weder der Begriff \u201eIsrael\u201c noch \u201eGaza\u201c. Wir sind die Guten, wir sind bunt und fr\u00f6hlich. Und nun \u201eParty\u201c! Doch ein gro\u00dfer Teil der Europ\u00e4er, selbst der, die sich als ESC-Fans versteht, macht diesen Selbstbetrug nicht mehr mit.<\/p>\n<p>Angestachelt von Kampagnen z.B. in der <em>BILD<\/em> stimmte das deutsche Publikum dann in Mehrheit f\u00fcr Israel \u2013 selbst die Ukraine landete beim deutschen Stimmvieh auf Platz 3. Dass der ESC polarisiert, ist nicht neu. Fr\u00fcher verlief die Konfliktlinie zwischen liberalen LGBTQ-Party-People und reaktion\u00e4ren Wutb\u00fcrgern, die daheim auf dem Grammophon lieber Peter Alexanders \u201eAls B\u00f6hmen noch bei \u00d6sterreich war\u201c h\u00f6ren. Geschenkt. Heute verl\u00e4uft die Konfliktlinie offenbar auch innerhalb der liberalen Bubble. Und das ist gut so! Offenbar erzeugt das Morden in Gaza erste kognitive Dissonanzen innerhalb der au\u00dfenpolitisch unkritischen linksliberalen Bubble. Bis nach Deutschland sind diese Risse noch nicht gekommen \u2026 aber unsere Nachbarl\u00e4nder haben sie bereits erreicht.<\/p>\n<p>War noch was? Ach ja. Am Ende siegte der nicht-bin\u00e4re Schweizer Nemo mit seiner \u2013 zugegeben k\u00fcnstlerisch durchaus bemerkenswert vorgetragenen \u2013 LGBTQ-Hymne \u201eThe Code\u201c. Die ansonsten subjektiv wirklich gruselige Konkurrenz machte es ihm jedoch auch denkbar einfach. Dar\u00fcber m\u00f6gen sich konservative Kommentatoren nun aufregen, aber das ist ebenfalls Unsinn.<\/p>\n<p><em>#Titelbild: Das eingeblendete Bild im belgischen Fernsehen w\u00e4hrend des israelischen ESC-Beitrags.<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=115155\"><em>nachdenkseiten.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 19. Mai 2024<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jens Berger. Wer sich vom Eurovision Song Contest hochwertige musikalische Unterhaltung verspricht, wird auch in diesem Jahr einmal mehr entt\u00e4uscht gewesen sein. 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