{"id":14505,"date":"2024-05-19T16:58:56","date_gmt":"2024-05-19T14:58:56","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=14505"},"modified":"2024-05-19T16:58:57","modified_gmt":"2024-05-19T14:58:57","slug":"eine-kurze-geschichte-des-grand-prix","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=14505","title":{"rendered":"Eine kurze Geschichte des Grand Prix"},"content":{"rendered":"<p><em>Roberto De Lapuente. <\/em><strong>Der diesj\u00e4hrige Eurovision Song Contest war ein Schaulaufen westlichen Wahnsinns. Der Wettbewerb wurde im Laufe der Jahre zu einem Sturmgesch\u00fctz der Wokeness umfunktioniert.<\/strong><\/p>\n<p><em>\u00bbWhat an amazing Show!\u00ab<\/em> Diesen Satz h\u00f6rte man auch dieses Jahr wieder<!--more--> \u2013 n\u00e4mlich als die Punkte verk\u00fcndet wurden. Traditionell l\u00e4sst sich keiner der nationalen Punkteansager lumpen, wenn es um das Lob f\u00fcr die Show des Abends geht. Auch die Ausgabe in Malm\u00f6 wurde langatmig belobigt. Hei\u00dfen muss das indes nichts. Die Musik war, wie schon in den letzten zehn Jahren, nicht der Rede wert \u2013 b\u00f6se Zungen behaupten, es sei nicht mal Musik. Eine lausige Europop-Nummer jagte die n\u00e4chste. Die Interpreten fokussieren sich mehr auf ihre Aufmachung und B\u00fchnenshow, als auf Gesang und Liedauswahl. Neu ist das nicht \u2013 aber in diesem Jahr war es besonders augenf\u00e4llig.<\/p>\n<p>Alles war extrem nonbin\u00e4r und homosexuell, dazwischen tanzten auch noch Teufelsanbeter zu h\u00f6llischer wie grottiger Musik. Dazu einige Skandale und Politika: Das war der ESC 2024. Gewonnen hat ein Mensch, der zwischen den Geschlechtern wandelt und ein schreckliches Puff\u00e4rmelkleidchen trug \u2013 er oder sie trat f\u00fcr die Schweiz an. Das St\u00fcck, das die Person zum Besten gab, war angeblich ein nonbin\u00e4rer Song. Vermutlich aus der Retorte \u2013 man hatte den Eindruck, man habe dergleichen schon mal geh\u00f6rt. Nur viel besser \u2013 und das war schon schlecht.<\/p>\n<p>Der Eurovision Song Contest war mal ein Gro\u00dfereignis f\u00fcr Familien. Wie konnte es so weit kommen, dass er heute als total verkorkste Freakshow wahrgenommen wird?<\/p>\n<p><strong>Damals war\u2018s<\/strong><\/p>\n<p>Als ich ein Kind war, galt der Gesangswettbewerb als gro\u00dfes Familienereignis. Ich war wie elektrisiert davon, dass sich da Menschen aus aller europ\u00e4ischen Welt an einen Platz versammelten, um etwas Friedliches zu veranstalten. Die Shows waren schlicht inszeniert, meist stellte sich das Gastland in Einspielern vor. Die weite Welt: Sie kam da nach Hause in unsere oberbayerische Provinz. Bis heute erinnere ich mich, wie ich gebannt auf die Felder Flanderns starrte oder auf Windm\u00fchlen. So sah es also andernorts aus. Ich kannte nur meinen Gro\u00dfstadtweiler und den Norden Spaniens \u2013 und alles was dazwischenlag; denn ganz Gastarbeiter wie er war, fuhr mein Vater nur mit dem Auto zur\u00fcck zur Familie in seine Heimat. Man sah auf diesen Reisen reichlich, aber anstrengend war das auch f\u00fcr uns Kinder. Oft waren es Hitzeschlachten, Klimaanlagen in Autos gab es da nur als Sonderausstattung, die mein Vater nicht hatte. Aber all das ist selbstverst\u00e4ndlich eine andere Geschichte \u2026<\/p>\n<p>Die Interpreten traten im Regelfall mit Liedern an, die in ihrer Landessprache verfasst waren. Manchmal trugen sie sogar folkloristische Kleidung. Aber auch Popnummern wurden auf Norwegisch oder Schwedisch vorgetragen \u2013 sp\u00e4ter auch in Polnisch oder Russisch. In den Neunzigern kamen jene L\u00e4nder dazu, die wir ver\u00e4chtlich \u00bbden Ostblock\u00ab nannten.<\/p>\n<p>In jungen Jahren bedeutete der Grand Prix, wie wir den Wettbewerb seinerzeit nannten, dass ich eine lange Nacht vor mir w\u00e4hnte. Alleine das war ein Ereignis. R\u00fcckblickend dauerte die Sendung nie so lange, wie sie heute dauert. Der ESC 2024 endete irgendwann gegen Ein Uhr nachts. Dauerten die Ausgaben in den Achtzigerjahren bis Mitternacht? Mir fehlt die Erinnerung. Das Herzst\u00fcck war allerdings die Punktevergabe, da erwachte regelm\u00e4\u00dfig auch mein Vater aus seinem D\u00e4mmerzustand. Vorher frotzelte er entweder oder er schlief ein; manchmal schien er auch zu schlafen und schimpfte denn vor sich hin. Die Musik fand er grauenhaft \u2013 Schei\u00dfe, wie er es nannte \u2013, schon ABBA mochte er nur bedingt. Aber ABBA war vor meiner Zeit. Die Songs selbst k\u00fcmmerten mich auch wenig, in jenen jungen Jahren war ich noch nicht mal sonderlich musikalisch interessiert. Mir ging es um die Bilder, um Land und Leute, um das Gef\u00fchl des Abends.<\/p>\n<p>Kaum wurde im Franz\u00f6sisch-Englischen-Singsang mit Zahlen jongliert, rechnete mein alter Herr mit: <em>Douze points pour le Royaume-Uni<\/em> \u2013 nat\u00fcrlich kommentierte er auch, dass die Engl\u00e4nder ja einen ganz besonderen Schei\u00df abgeliefert h\u00e4tten. Bekanntlich versteht man seine Eltern erst, wenn man selbst in ein gewisses Alter kommt. Heute wei\u00df ich: Nat\u00fcrlich hatte er recht, schon damals war der ESC qualitativ beschr\u00e4nkt \u2013 und das ist eine freundschaftliche Beschreibung dieses qualitativen Notstandes.<\/p>\n<p><strong>Zwischen Bucks Fizz und Herreys: Das soll Kunst sein? <\/strong><\/p>\n<p>ESC sagten wir damals ja gar nicht, wie gesagt: Wir freuten uns auf den <em>Grand Prix<\/em>. Mich verwirrte als Kind, dass man seinerzeit auch noch von <em>Grand Prix<\/em> sprach, wenn schm\u00e4chtige M\u00e4nner in seltsam l\u00e4ngliche Rennboliden stiegen \u2013 Formel 1 hie\u00df das. Was haben Lieder mit dem Autorennen zu tun? Und <em>Formel Erst<\/em> war auch eine ARD-Musiksendung, die Peter Illmann moderierte. Okay, das ergab vielleicht doch wieder Sinn. \u00dcbrigens: Sinn machen \u2013 so sagten wir damals auch nicht. Etwas war sinnvoll oder sinnlos. Sinn machen, das kam aus Amerika: <em>It makes sense to you?<\/em> Aber auch das, ich gebe es zu, ist eine v\u00f6llig andere Story \u2026<\/p>\n<p>Mein Altvorderer hatte ganz richtig erkannt, wie lausig die Nummern waren, die zu den Wettbewerben geschickt wurden. Nehmen wir nur Bucks Fizz, eine britische Band, die bunt gekleidet Gute-Laune-Musik tirilierte \u2013 heute findet man das vielleicht Retro, aber eigentlich war der Song ein \u00c4rgernis. Gewonnen hat Bucks Fizz dennoch. Ebenso wie die schrecklich unrhythmischen jungen Herren, die sich Herreys nannten und aus Schweden kamen. <em>Diggi-loo Diggi-ley<\/em> hie\u00df der Song \u2013 mehr muss man nun wirklich nicht wissen. Au\u00dfer vielleicht, dass auch sie gewannen. 1984 n\u00e4mlich. An die Herren in bunten Hemden mit aufgestellten Kragen erinnere ich mich noch schemenhaft. Und nein, fr\u00fcher war nicht alles besser.<\/p>\n<p>Erstmals wurde der <em>Grand Prix Eurovision de la Chanson<\/em> 1956 veranstaltet. Erster Austragungsort: Lugano. Die Schweiz galt als neutrales, als friedfertiges Land inmitten Europas. Und genau das sollte der Wettbewerb sein: Ein friedliches Fest. Dabei war es anfangs keine Festivit\u00e4t, wie wir uns das heute vorstellen. Die vorgetragenen St\u00fccke waren schwerf\u00e4llig, ja schwerm\u00fctig geradezu. Guckt man sich bei YouTube eine der vielen Galerien der Eurovision-Gewinner an, bekommt man recht schnell ein Gef\u00fchl daf\u00fcr, wie sich die Musik im Laufe der Jahrzehnte ver\u00e4ndert hat innerhalb des Wettbewerbes. Das bedeutet auch, dass es immer Diskussionen \u00fcber den schlechten Geschmack gab \u2013 denn vorher hatten sich die Interpreten noch ganz anders benommen. Sie sagen biedere St\u00fccke und putzten sich in Abendgarderobe heraus.<\/p>\n<p>Als ich den Grand Prix f\u00fcr mich entdeckte, waren Schulterpolster schon l\u00e4ngst der letzte Schrei auf der B\u00fchne. Sie Songs waren hymnisch, sie wurden geschrien. Alles war ganz schmierig vor stilisierter Emotion. Es ging um Liebe und Lebensfreude, ganz selten wurde es schwerf\u00e4lliger. Als ABBA ein Jahrzehnt vor meinem Interesse an dem Wettbewerb mit <em>Waterloo<\/em> gewann, dauerte es fast noch eine Dekade, bis die schwedische Band mit Songs wie <em>The Winner Takes It All<\/em> auch erwachsene Musik lieferte \u2013 in Gro\u00dfbritannien wurden ABBA nach dem Sieg bei Eurovision Song Contest immer wieder f\u00fcr ihre seichten Texte kritisiert.<\/p>\n<p><strong>Von <em>Eurovisi\u00f3 <\/em>zu <em>Jurowischn<\/em>: Englischer \u2013 und uniformer<\/strong><\/p>\n<p>Die Briten nannten den Wettbewerb auch damals schon Eurovision Song Contest. So hie\u00df er im englischsprachigen Raum von Anbeginn an. In Deutschland nutzte man die franz\u00f6sische Form \u2013 und zwar bis ins Jahr 2001. Aus dem <em>Gro Pri<\/em>, der <em>Eurovisi\u00f3 <\/em>wurde der <em>Jurowischn Song Contest<\/em>. Als man namentlich wechselte, dachten viele in Deutschland, dass die Bezeichnung f\u00fcr den Contest neu sei. So gebr\u00e4uchlich war die franz\u00f6sische Form! F\u00fcr mich hatte der Wettbewerb mit franz\u00f6sischer Bezeichnung immer etwas Feineres, kulturell Ambitionierteres. Auf Englisch klang alles gleich wie McDonalds oder Pizza Hut.<\/p>\n<p>2001 war ich schon kein Kind des ESC mehr. Der Wettbewerb wurde mir peinlich. Nicht mal wegen Guildo Horn, den fand ich sogar noch unterhaltsam. Aber der Contest versuchte sich eine Weltl\u00e4ufigkeit zu geben, die nicht mehr authentisch wirkte. Sicher, noch immer drangsalierte Ralph Siegel ganz Europa mit seinen Beitr\u00e4gen, das hatte sich damals noch nicht ge\u00e4ndert. Stefan Raab sollte bald folgen. Aber nun sangen so gut wie alle Englisch \u2013 tat es einer in seiner Muttersprache, salbaderten die Bedenkentr\u00e4ger, dass er sich damit in eine nachteilige Position bringe: Man verstehe ihn ja nicht. Das hatte vorher kaum jemanden gest\u00f6rt, Musik war eine Sprache f\u00fcr sich, man verstand viel auch ohne dezidierte Sprachkenntnisse. Nun setzte eine Gleichschaltung ein.<\/p>\n<p>Es macht nun mal einen Unterschied, ob eine spanische Interpretin auf Spanisch von einer leidenden Liebe erz\u00e4hlt oder ob sie es im Englisch mit starken Akzent tut. Auf Spanisch sp\u00fcrt man den Jammer, den Schmerz auch in der Aussprache \u2013 eine starke Akzentuierung l\u00e4sst eine leidende Frau im Liebeskummer stolzer und anmutiger erscheinen. Das Klischee von der stolzen Spanierin: Hier hat es seinen Ursprung. Auf Englisch, in dieser Sprache der Trader und Businessmen, wirkt alles recht abgebr\u00fcht, ja ein bisschen so, als wolle man einem gleich einen Staubsauger andrehen. Englisch ist viel banaler, was vielleicht an den vielen kurzen Worten liegt. Das mag nur meine Betrachtung sein, sie hat f\u00fcrwahr keine Allgemeing\u00fcltigkeit, was ich aber sagen will ist: Die Gleichschaltung hin zum englischen Beitrag ist nicht nur ein oberfl\u00e4chlicher Prozess gewesen, sondern auch ein emotionaler. Der Grand Prix wurde \u00e4rmer, vermittelte nur noch adaptierbare Gef\u00fchle, die von Portugal bis Russland und sp\u00e4ter Australien verst\u00e4ndlich sein sollten.<\/p>\n<p>Noch Anfang der Neunzigerjahre waren die Beitr\u00e4ge diverser. Der Fall des Eisernen Vorhanges war auch Sujet mancher Beitr\u00e4ge. Politische Botschaften waren auch seinerzeit nicht erlaubt. Aber wieso nicht \u00fcber das vereinte Europa singen, wie es Toto Cutugno 1990 tat? Der Italiener war in seiner Heimat damals schon ein gefeierter Star. Immer wieder wagten prominentere Musiker den Sprung auf die ESC-B\u00fchne \u2013 sp\u00e4ter riet man ihnen ab: Eine schlechte Platzierung konnte der Karriere einen schweren Schlag verpassen. Ab 1997 gestattete die Europ\u00e4ische Rundfunkunion (EBU), die den Grand Prix seit jeher veranstaltet, auch Votings zuzulassen, bei denen die Zuschauer die Punkte verteilen \u2013 bis dahin war dies ausschlie\u00dflich Jurys vorbehalten. Diese \u00bbDemokratisierung\u00ab machte es seri\u00f6seren Beitr\u00e4gen schwieriger \u2013 und schreckte prominente und gestandene Musiker ab.<\/p>\n<p><strong>Der Liebling der Schwulen<\/strong><\/p>\n<p>Das Publikum \u00e4nderte sich ohnehin im Laufe der Jahre. In den Achtzigern sa\u00dfen noch Familien vor dem Fernseher. Wie meine Familie auch, versammelten sich auch die Familien vieler meiner Freunde samstags in ihren Wohnzimmern, um dem europ\u00e4ischen Gro\u00dfereignis beiwohnen zu k\u00f6nnen. Damals waren solche Sendungen, die den ganzen Kontinent zeitgleich erreichten, auch noch ein anderes Spektakel als in sp\u00e4teren Jahren. Im Laufe der Neunzigerjahre zog die Spa\u00dfgesellschaft in den Wettbewerb ein. Guildo Horn war einer der Vorreiter. Im Jahr seiner Teilnahme, 1998 war das, gewann Israel den Contest: Mit einer Transsexuellen. <em>Dana International<\/em> ihr Name.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich war das Thema in den Gazetten. Und das schon im Vorfeld. Dass da jemand mitmachte, der sein Geschlecht ge\u00e4ndert hat, galt als Sensation. Eine politische Botschaft hat man in jenen Jahren nicht damit verbunden. Das alles kam erst sp\u00e4ter. Damals kam ich zu einem B\u00fcchlein \u00fcber den Eurovision Song Contest, ich wei\u00df nicht mehr, wie es hie\u00df und wer es geschrieben hat. Darin las ich erstmals etwas dar\u00fcber, dass der Wettbewerb viele Schwule anspreche. Auf den vielen Seiten des Buches befassten sich gerade mal nur zwei mit diesem Thema. Kam daher der Glitter? Warum war mir das vorher nie aufgefallen?<\/p>\n<p>Im Laufe der kommenden Jahre \u00f6ffnete die Spa\u00dfgesellschaft auch den Eurovision Song Contest f\u00fcr Trivialisierung und Banalisierung. Die B\u00fchnenshows wurden opulenter \u2013 das klingt positiv, meint aber: \u00dcberall blinkte und blitzte es, Pyroeffekte hier, Animationen folgten sp\u00e4ter. Der Song selbst r\u00fcckte sukzessive in den Hintergrund. Dementsprechend lau wurden die Nummern, Lichtblicke gab es kaum noch. Alles klang gleich, aufeinander angepasst. Interpreten aus Aserbaidschan klangen so wie die aus Irland \u2013 die Iren hatten in den Neunzigerjahren den Wettbewerb dominiert. Auch mit leisen Nummern, die nicht unbedingt Meisterst\u00fccke waren, aber zeigten: Aus der Retorte musste ein Siegersong nicht sein. Authentisch war in diesen Jahren, da der Wettbewerb globalistischer wurde, immer weniger. Der ESC wurde zu einem Produkt, zu einer Ware.<\/p>\n<p>Das Publikum am Austragungsort sah anders aus als in meiner Kindheit. Damals waren das b\u00fcrgerliche Menschen, die nach einem Song klatschten, oft lautstark Freudenrufe ausstie\u00dfen \u2013 aber nun sa\u00dfen da Leute, die den ESC als genau diese Ware sahen und sich darum ein Lebensgef\u00fchl strickten. Oft waren es nun dezidiert schwule M\u00e4nner, die man in der Austragungshalle sah. Sie waren wild angezogen, trugen Accessoires bei sich, wedelten wie wild mit Flaggen \u2013 nationalen wohlgemerkt, die Regenbogenfahne kam in den letzten zehn Jahren hinzu. Vorher sah man sie nur vereinzelt.<\/p>\n<p><strong>Politisierung des Unpolitischen<\/strong><\/p>\n<p>Der Eurovision Song Contest war pl\u00f6tzlich f\u00fcr ein Publikum interessant geworden, dass die kapitalistische Logik von der Vermarktung aller Lebensbereiche verinnerlicht hatte. Dort sah man zunehmend Menschen, die wenig vom eigentlichen europ\u00e4ischen Geist des ESC wussten oder auch nur ahnten, die \u00bbdas Feiern\u00ab marktkonform institutionalisierten und ja \u2013 es konsumierten. Daher ist es wenig verwunderlich, dass der Wettbewerb von jenen Botschaften geflutet wurde, die wie eine Ware gehandelt werden im politischen Bewusstsein unserer Zeit: Jenen identit\u00e4tsthematischen n\u00e4mlich \u2013 von der Wokeness, wie man heute sagt.<\/p>\n<p>Die Diversit\u00e4t ist ja kein politisches Bekenntnis, auch wenn man das dieser Tage immer wieder betont \u2013 Medien und Politik werden nicht m\u00fcde, immer wieder zu erkl\u00e4ren, dass das die zentrale politische Frage der Zeit sei. Aber in Wirklichkeit l\u00e4sst sich die Wokeness nicht als Politik begreifen. Sie ist Lifestyle \u2013 und damit ein emotionaler und mentaler Warenwert. Sie handelt mit Bewusstsein, blendet das Sein aber aus. Als Haltung kann man sie verkaufen wie Marlboro-Zigaretten: Als Freiheitssimulation. So eine \u00bbErsatzpolitik\u00ab war wie gemacht f\u00fcr einen Wettbewerb, der unpolitisch sein sollte.<\/p>\n<p>Die EBU will seit jeher keine politischen Statements auf der B\u00fchne. Diese Regelung stammt aus einer Zeit, da der Wettbewerb die V\u00f6lker zusammenbringen sollte \u2013 und nicht spalten. Wie man an der Weihnachtstafel mit Tanten, Onkeln und Gro\u00dfeltern Politik meidet, damit der Abend nicht im Fiasko endet, so war man der Auffassung, dass Politik am Abend des Grand Prix besser ausgeschlossen geh\u00f6rte. Man kann das so sehen \u2013 muss man aber nicht. Die Wokeness ist aber an sich unpolitisch, sie ist ein Handelsgut f\u00fcr den individualistischen Lebensstil des Westens. Daher konnte man sie beim ESC auch zulassen. Die EBU best\u00e4tigt mit ihrer seltsamen Zur\u00fcckhaltung bei vermeintlich politischen Auftritten mit Regenbogenflagge nur, dass sie das nicht als politisch motiviert ernstnimmt. Sie sagt also damit auch, gewollt oder ungewollt: Wokeness ist keine Politik, sie tut nur so.<\/p>\n<p>Heute schaue ich mir den Contest nicht mehr an. Aber ich habe letzte Woche abends reingezappt. Da war der R\u00fcckblick der Songs zu sehen, drei Sekunden aus jedem St\u00fcck. Es war eine verlorene Lebensminute. Dann gab es die Punkte, ich konnte mich nicht losrei\u00dfen, dachte an meinen l\u00e4ngst verstorbenen Vater \u2013 als Nostalgie eignet sich der ESC noch f\u00fcr mich. Kurz danach sah man die Interpreten immer in dem Moment, da sie <em>twelve points<\/em> bekamen. Sie rasteten aus, herzelten herum, K\u00fcsschenk\u00fcsschen und Umarmungen mit anderen: Alles wirkte aufgesetzt, die Freude als Ware, die man dem Publikum andrehen will. Ich schaltete ab, ging ins Bett: <em>Ma chambre \u2013 douze points.<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/overton-magazin.de\/hintergrund\/kultur\/eine-kurze-geschichte-des-grand-prix\/\"><em>overton-magazin.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 19. Mai 2024<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Roberto De Lapuente. Der diesj\u00e4hrige Eurovision Song Contest war ein Schaulaufen westlichen Wahnsinns. 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