{"id":1454,"date":"2016-08-30T10:07:06","date_gmt":"2016-08-30T08:07:06","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=1454"},"modified":"2016-08-30T10:08:25","modified_gmt":"2016-08-30T08:08:25","slug":"die-enthauptung-des-abdullah-issa","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=1454","title":{"rendered":"Die Enthauptung des Abdullah Issa"},"content":{"rendered":"<p><em>Peter Schaber.<\/em><strong> W<\/strong><strong>\u00e4<\/strong><strong>hrend das Bild des verletzten syrischen Jungen Omran Daqneesh um die Welt geht, kennt kaum jemand den Namen jenes Kindes, <\/strong><strong>das im Juli von US-finanzierten Dschihadisten vor laufender Kamera gek<\/strong><strong>\u00f6<\/strong><strong>pft wurde.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p><strong>Dabei gibt es eine Verbindung zwischen beiden F<\/strong><strong>\u00e4<\/strong><strong>llen: Den Fotografen Mahmoud Raslan. <\/strong><\/p>\n<p>Das Foto des nach einem Angriff der syrischen Armee verletzten syrischen Jungen Omran ging um die Welt. Tausende Zeitungen druckten es ab, Millionen Menschen teilten es in den sozialen Netzwerken. Das Foto erz\u00e4hlte eine Geschichte. Es ist die der Unschuldigsten in einem grauenhaften Krieg. Es ist die von Kindern, die unter der Blockade Aleppos durch russische und Assad-Truppen leiden, gefangen in einer postapokalyptischen Welt des Grauens.<\/p>\n<p>Doch die Geschichte wird erst vollst\u00e4ndig, wenn wir den Spuren jenes Mannes folgen, der das ber\u00fchmte Foto geschossen hat. Denn sie werden unseren Blick erg\u00e4nzen und jenen von Russland und Assad drangsalierten Kindern, die von den Vereinigten Staaten und ihren \u201emoderaten Rebellen\u201c gesch\u00e4ndeten an die Seite stellen.<\/p>\n<p>Der Mann, der den kleinen Omran mit seiner Kamera festhielt, hei\u00dft Mahmoud Raslan. Nachdem sein Bild um die Welt gegangen war, st\u00fcrzten gro\u00dfe Medien sich auf ihn, er wurde zum beliebten Interviewpartner. Er erz\u00e4hlte von den Grausamkeiten Assads und beteuerte, immer zu weinen, wenn er verletzte Kinder sieht. Und er w\u00fcnschte sich: \u201eIch hoffe, dass alle Bilder von Kindern und den Angriffen in Syrien viral gehen.\u201c<\/p>\n<p>Das w\u00e4re in der Tat w\u00fcnschenswert. Alle. Die von Assads Armee verwundeten und ermordeten, genauso wie die von den dschihadistischen Milizen verwundeten und ermordeten. Aber \u201ealle\u201c in diesem Sinn kann Raslan nicht gemeint haben. Denn es war nicht allzu lange her, da postete der Fotograf ein Selfie, das ihn mit Mitgliedern der syrischen Islamistengruppe Harakat Nour al-Din al-Zenki zeigt. Raslan, im Vordergrund, lacht, die islamistischen M\u00f6rder im Hintergrund auch.<\/p>\n<p>Exakt jene Mitglieder der Gruppe, mit denen Raslan gut gelaunt posiert, hatten wenige Wochen zuvor ein Kind als \u201eKriegsgefangenen\u201c genommen. Der Junge hei\u00dft Abdullah Issa, die Angaben \u00fcber sein Alter variieren (die meisten Quellen sprechen davon, dass er 11, 12 Jahre alt war). Ihre Heldentat hielten die Dschihadisten auf Video fest. Sie reichen den Jungen herum, posieren mit ihm. Immer wieder rufen sie \u201eAllahu Akbar\u201c. Irgendwann fragen sie ihn nach seinem letzten Wunsch. Der Junge sagt: \u201eIch will erschossen werden. Nicht gek\u00f6pft.\u201c Er wei\u00df, er wird nicht \u00fcberleben. Er wei\u00df er kann sich nichts mehr w\u00fcnschen, als einen schnellen, schmerzlosen Tod.<\/p>\n<p>Die M\u00e4nner lachen. \u201eSchlachte ihn, sagt einer\u201c. \u201eWir sind schlimmer als ISIS\u201c, sagt ein anderer. \u201eWo ist mein Messer?\u201c fragt schlie\u00dflich einer der K\u00e4mpfer. Das Leben Abdullah Issas endet auf der Ablagefl\u00e4che eines Pickups. Bei lebendigem Leibe wird ihm der Kopf abgeschnitten.<\/p>\n<p>Harakat Nour al-Din al-Zenki, Teil der Mujahedeen-Armee, ist eine jener Gruppen, die in den Genuss von US-Hilfe kamen (und h\u00f6chstwahrscheinlich immer noch kommen). 50 ihrer K\u00e4mpfer wurden auf Gehei\u00df der CIA in Katar ausgebildet, die Kinderm\u00f6rder erhielten Waffen aus den Vereinigten Staaten, darunter Anti-Panzer-Projektile. In \u00e4lteren Nachrichtentexten und Pressemitteilungen wird die Gruppe als eine der \u201emoderaten\u201c pr\u00e4sentiert, weil sie gegen den Islamischen Staat (IS) k\u00e4mpfe.<\/p>\n<p>Im Juli 2016 \u201eschlachteten\u201c die \u201emoderaten\u201c Rebellen Abdullah Issa. Am 5. August ver\u00f6ffentlichte der von verletzten Kindern immer so mitgenommene Fotograf Mahmoud Raslan das Selfie mit den Halsabschneidern auf seiner Facebook-Page. Immer wieder lobt er dort auch Selbstmordattent\u00e4ter und tr\u00e4gt w\u00e4hrend der Selfies mit Dschihadisten die selben farbigen Stirnb\u00e4nder wie die K\u00e4mpfer, deren Funktion sein k\u00f6nnte, im Chaos der verschiedenen Fraktionen, die Mitglieder verschiedener Gruppen auseinanderzuhalten.<\/p>\n<p>Dass Raslan nicht gewusst haben k\u00f6nnte, mit wem er hier posiert, ist angesichts der Erfahrung, die der \u201eMedien Aktivist\u201c vorweisen kann und der N\u00e4he zur Opposition unwahrscheinlich. Dass er nicht wusste, dass sie ein Kind gek\u00f6pft hatten, ebenso. Denn nach Mitte Juli gab es international hin und wieder Berichte \u00fcber Abdullah Issa und die syrischen \u201eRebellen\u201c diskutierten den Fall.<\/p>\n<p>Wie wenig bekannt heute ist, dass eine von Westen finanzierte, ausger\u00fcstete und trainierte Rebellengruppe vor laufender Kamera einem etwa zw\u00f6lf Jahre alten Jungen den Hals durchschnitt \u2013 und das mit einer Gelassenheit und Freude, die zweifelsfrei zeigt: Das war nicht ihre erste Enthauptung -, wirft ein grelles Licht auf die Medienpraxis in Syrien. Die grunds\u00e4tzlich gegen\u00fcber parteiischen Quellen aus Kriegsgebieten angebrachte Skepsis verschwindet h\u00e4ufig, wenn es sich um Meldungen, Fotos oder Einsch\u00e4tzungen von Rebellenseite handelt. Die grausame Kriegsf\u00fchrung Assads und seiner Verb\u00fcndeten wird skandalisiert. Die des Islamischen Staates ebenfalls. Gegen\u00fcber vielen anderen, direkt mit der T\u00fcrkei, den USA, Frankreich oder den Golfstaaten verbandelten Gruppen wird das eine oder andere Auge zugedr\u00fcckt.<\/p>\n<p>Das muss nicht immer bedeuten, dass es gar keine Berichte \u00fcber einen Vorfall gibt. \u00dcber den ermordeten Abdullah Issa wurde gelegentlich der eine oder andere Artikel geschrieben. Vergleichbar mit den hunderten Titelseiten, auf denen der verwundete Omran abgebildet wurde, den Hintergrundberichten und Analysen zu ihm war die Berichterstattung bei Abdullah nicht ann\u00e4hernd. Dass durch das Foto Omrans die brutalen Angriffe Assads und Russlands skandalisiert werden, ist aus journalistischer Sicht v\u00f6llig angemessen. Dass man die Enthauptung eines Kindes durch von den USA unterst\u00fctzte Rebellen nicht zu einer ebenso aufr\u00fcttelnden Story aufbaute, dagegen nicht.<\/p>\n<p>Quelle: <a href=\"http:\/\/lowerclassmag.com\/2016\/08\/die-enthauptung-des-abdullah-issa\/\"><em>lowerclassmag.com&#8230;<\/em><\/a><em><u> vom 22. August 2016<\/u><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Peter Schaber. 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