{"id":14545,"date":"2024-06-05T17:52:42","date_gmt":"2024-06-05T15:52:42","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=14545"},"modified":"2024-06-05T17:52:44","modified_gmt":"2024-06-05T15:52:44","slug":"prager-zimmerwald-konferenz-gedanken-zur-antimilitaerischen-aktionswoche","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=14545","title":{"rendered":"Prager Zimmerwald Konferenz: Gedanken zur antimilit\u00e4rischen Aktionswoche"},"content":{"rendered":"<p><em>Peter Nowak<\/em>. <strong>Gegen alle Querfronten, ob f\u00fcr den kapitalistischen Frieden oder den kapitalistischen Krieg. Um 17 Uhr waren am 24. Mai auf einen zentralen Platz in Prag weder Polizei noch Demonstrant*innen zu sehen. Dabei sollte dort <\/strong><a href=\"https:\/\/actionweek.noblogs.org\/demonstration-gegen-kapitalistische-kriege-und-kapitalistischen-frieden\/\"><strong>eine Demonstration<\/strong><\/a><strong> gegen imperialistischen Krieg und imperialistischen Frieden beginnen.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Sie sollte im Rahmen einer antimilitaristischen Aktionswoche vom 20. Juni &#8211; 2. Mai stattfinden, zu der seit Wochen <a href=\"https:\/\/actionweek.noblogs.org\/\">online aufgerufen wurde<\/a>. Zahlreiche Texte und Aufrufe wurden in 13 Sprachen \u00fcbersetzt. Vor allem fiel positiv auf, dass der Schwerpunkt der beteiligten Gruppen auf Osteuropa liegt.<\/p>\n<p><strong>Gegen das Gerede vom Westsplaining<\/strong><\/p>\n<p>Das ist besonders wichtig, weil sich sp\u00e4testens seit Beginn des russischen Angriffes auf die Ukraine der Begriff Westsplaining auch in Teilen der ausserparlamentarischen Linken eingeb\u00fcrgert hat. Er wird h\u00e4ufig als Vorwurf gegen die Menschen und Organisationen benutzt, die auch nach dem 22. Februar 2022 weiterhin s\u00e4mtliche bestehenden Milit\u00e4rb\u00fcndnisse, also auch die Nato, ablehnen und die sich weigern, sich im Krieg zwischen der Ukraine und Russland auf die Seite eines Staates zu stellen.<\/p>\n<p>Ihnen wird mit dem Vorwurf des Westsplaining unterstellt, nur auf ihre eigenen Befindlichkeiten zu schauen und die Positionen und \u00c4ngste vieler Menschen in Osteuropa zu ignorieren. Dabei handelt es sich aber um die Ethnisierung politischer Positionen, was grunds\u00e4tzlich abzulehnen ist. Eine Gegnerschaft zu allen bestehenden Milit\u00e4rb\u00fcndnissen auch der Nato hat nichts mit westlichen Befindlichkeiten zu tun. Es ist vielmehr eine unverzichtbare Position, f\u00fcr eine universalistische Linke, die noch den Anspruch hat, gegen jeden Staat und jede Nation zu k\u00e4mpfen. Eine solche Position ist immer wieder mit unterschiedlichen Begr\u00fcndungen von linken Gruppen aufgegeben wurde, wenn sie Realpolitik machen wollen. Das ist altbekannt.<\/p>\n<p>In den 1990er Jahren konnte man beobachten, wie die Gr\u00fcnen ihre Friedenspositionen samt ihrer Symbole in Zeitlupe entsorgten. Wer dabei nicht mitmachen wollte, hat die Partei verlassen. Wenn man heute einen Anton Hofreiter h\u00f6rt, der sich mit der FDP-Frau Agnes Strack-Zimmermann an militaristischer Rhetorik gegen Russland \u00fcbertrifft, kann man gar nicht mehr glauben, dass genau die Gr\u00fcne Partei mal den Austritt aus der Nato im Programm hatte und zivilen Ungehorsam gegen Krieg und Militarismus propagiert hatte. Um diese Ver\u00e4nderungen zu erkl\u00e4ren, braucht man nun wirklich keine Verweise auf West- oder Ostsplaining. Vielmehr konnte man schon l\u00e4nger zur Kenntnis nehmen, dass die Gr\u00fcnen heute die Interessenvertreter einer besonders aggressiven Fraktion des deutschen Kapitals vertreten.<\/p>\n<p><strong>Gegen alle Querfronten, ob f\u00fcr den kapitalistischen Krieg oder den kapitalistischen Frieden<\/strong><\/p>\n<p>Auch Gruppen und Medien, die sich vor 25 Jahren noch klar gegen die Entwicklung der Oliv-Gr\u00fcnen zur Partei des modernen Militarismus positioniert haben, verlieren den linken Kompas und sind ihrerseits nicht davor gefeit, in eine \u00e4hnliche Entwicklung zu gehen. Heute findet man eine regelrechte Heldenberichterstattung neuerdings in einst linken heute linksliberalen Zeitungen. So wurde <a href=\"https:\/\/jungle.world\/artikel\/2024\/21\/finbar-cafferkey-irischer-antifaschist-von-raqqa-bis-bachmut\">k\u00fcrzlich in der Jungle Word<\/a> recht unkritisch ein Mann gew\u00fcrdigt, der sich als angebliche Linker entschlossen hatte, f\u00fcr die Ukraine zu k\u00e4mpfen.<\/p>\n<p>Nur bleibt unklar, was der gew\u00fcrdigte Ire Finbar Cafferkey mit einer linken Position zu tun hatte. Im Artikel gibt es daf\u00fcr wenig Belege. Eher das Gegenteil. Denn auch den Autor des Artikels beschlich ein leichtes Unbehagen, dass der gerade als Linker gelabelte Cafferkey im &#8222;rechtskatholischen Bataillon Bratstwo (Bruderschaft)&#8220; k\u00e4mpfte. Das hat der Autor noch sehr vorsichtig ausgedr\u00fcckt. Manche sprechen von ukrainischen Ultranationalisten und extremen Rechte.<\/p>\n<p>Eine solche Zusammenarbeit von angeblich Linken mit solchen Gruppen wird h\u00e4ufig Querfront genannt und st\u00f6sst in der Jungle World eigentlich immer wieder auf berechtigte Kritik. Nur die Querfront gegen Russland wird merkw\u00fcrdigerweise von dieser Kritik ausgenommen und damit entschuldigt, dass die Rechten in der Ukraine besser f\u00fcr den Kampf gegen Russland vorbereitet seien. Kein Wunder, dass dann manche in Asow und Co. auch keine Faschisten mehr sehen wollen. Dagegen sollten Linke die Parole setzen: Gegen jede Querfront, ob f\u00fcr den imperialistischen Frieden oder den imperialistischen Krieg.<\/p>\n<p><strong>Antimilitarist*innen in Osteuropa<\/strong><\/p>\n<p>Es ist ein Verdienst der Prager Aktionswoche, diese Position \u00fcberhaupt wieder an die \u00d6ffentlichkeit gebracht zu haben. Es ist auch eine Kampfansage an die Vertreter*innen der Weststplaining-These, die den Menschen in Osteuropa unterstellen, dass sie aus ihrer geopolitischen Lage f\u00fcr einen besonders aggressiven Kurs gegen Russland eintreten. Dabei verschweigen sie, dass auch in Osteuropa Gruppen und Einzelpersonen mit einer klar antimilitaristischen Position agieren. Sie werden oft auch von der Westlinken zu wenig wahrgenommen und sie sind auch immer wieder Repression in ihren L\u00e4ndern ausgesetzt.<\/p>\n<p>Das war auch bei der Konferenz in Prag zu sehen. Ein schon im Februar gemieteter Raum wurde kurz vor Konferenzbeginn gek\u00fcndigt, so dass kurzfristig neue R\u00e4umlichkeiten gesucht werden mussten. Die wurden dann am Rande von Prag gefunden. Diese erzwungene Ortsverschiebung haben nicht alle Antimilitarist*innen rechtzeitig mitbekommen. So kann man sagen, dass die staatliche Repression auch direkt Einfluss auf die Konferenzgestaltung hatte. Auch die oben genannte Demonstration in der Prager Innenstadt wurde kurzfristig abgesagt, auch weil die Organisator*innen mit der Suche nach neuen R\u00e4umlichkeiten f\u00fcr die Konferenz besch\u00e4ftigt waren.<\/p>\n<p>Wer will, kann hierin ein Zeichen f\u00fcr die Schw\u00e4che der konsequenten Antimilitarist*innen sehen. Aber man kann auch positiv konstatieren, dass hier auch zahlreiche osteurop\u00e4ische Gruppen zusammenkamen, die sich an entschieden antimilitaristischen Positionen orientieren. Dazu geh\u00f6ren Gruppen wie Antipolitika vom Balkan, die tschechisch-anarchistische Bewegung, aber auch Gruppen aus Bulgarien der Ukraine und Russland. Dass sich viele Gruppen aus osteurop\u00e4ischen L\u00e4ndern gegen Krieg und Militarismus positionieren, ist eine wichtige Erkenntnis, die in den meisten Medien ignoriert wird. In der Tradition der Zimmerwalder Linken vor mehr als 100 Jahren. Dabei m\u00fcsste die Parole lauten: \u201eGegen alle Querfronten, ob f\u00fcr den kapitalistischen Krieg oder den den kapitalistischen Frieden\u201c. Das war auch die Parole der Aktionswoche in Prag.<\/p>\n<p>Hier zeigt sich, wie notwendig eine antimilitaristische Bewegung ist, die sich auf keine Seite im Krieg stellt und die an Traditionen der linken Arbeiter*innenbewegung ankn\u00fcpft. So heisst es im Aufruf zur antimilitaristischen Aktionswoche:<\/p>\n<p>\u201eDie zwischenstaatlichen Kriege, die in den letzten Jahren eskaliert sind, bringen die Menschheit der M\u00f6glichkeit eines weiteren Weltkriegs n\u00e4her. Millionen von Menschen werden bereits in Kriegen geopfert und die Situation wird sich verschlimmern, wenn es keine angemessene Reaktion gibt. Deshalb versuchen wir im Geiste des proletarischen Internationalismus und des revolution\u00e4ren Def\u00e4tismus, Einzelpersonen und Gruppen aus verschiedenen Teilen der Welt die M\u00f6glichkeit zu geben, sich zu treffen, zusammenzuschliessen und ihre gemeinsamen Anstrengungen zu koordinieren.\u201c<\/p>\n<p><strong>Aus dem Aufruf zur antimilitaristischen Aktionswoche<\/strong><\/p>\n<p>Dort wird auf den revolution\u00e4ren Def\u00e4tismus verwiesen, der besagt, dass man sich in einem Krieg zwischen zwei kapitalistischen Staaten oder Staatenbl\u00f6cken auf keine Seite stellt, sondern f\u00fcr die Niederlage aller Seiten k\u00e4mpft. Diese Position hatte sich die Zimmerwalder Linke erarbeitet, ein B\u00fcndnis von Organisationen des linken Fl\u00fcgels der Arbeiter*innenbewegung, die es ablehnten, sich im 1. Weltkrieg auf einer Seite zu stehen. Die in der Zimmerwalder Linken organisierten Gruppen wandten sich gegen die Unterst\u00fctzung der Kriegskredite und des Burgfriedens, den die SPD und andere sozialdemokratische Parteien zu Beginn des ersten Weltkriegs propagiert hatten.<\/p>\n<p>Allerdings sind die Positionen des Organisationskomitees der Prager Aktionswochen zu Zimmerwald etwas widerspr\u00fcchlich. Einige Vertreter*innen <a href=\"https:\/\/actionweek.noblogs.org\/interview-with-the-organising-committee-of-the-action-week\/\">\u00e4usserten sich dazu im Transmitter<\/a>, einer Zeitung, die vom Freien Sendekombinat in Hamburg herausgegeben wird. Es war eines der wenigen Medien, welches die antimilitaristische Aktionswoche \u00fcberhaupt erw\u00e4hnte. Dort distanziertem sich die Interviewten von der Zimmerwalder Konferenz, die sie als sozialdemokratisches Man\u00f6ver bezeichnen. Mit dieser Einsch\u00e4tzung haben sie weitgehend recht. Dass sich 1916 aus der Kritik an den Halbheiten der Zimmerwalder Konferenz die Zimmerwalder Linke entstand, wird in dem Interview aber nur in wenigen S\u00e4tzen erw\u00e4hnt. Dabei entwickelte die Zimmerwalder Linke ihr Konzept des revolution\u00e4ren Def\u00e4tismus gerade in Auseinandersetzung und Abgrenzung zur Zimmerwalder Konferenz.<\/p>\n<p>Hier w\u00e4ren sicher noch weitere Diskussionen erforderlich. Die wichtigste Frage aber ist: War die Prager Aktionswochen trotz aller organisatorischen Probleme ein einmaliger Kraftakt? Oder werden die daran beteiligten Gruppen in ihren L\u00e4ndern weiterarbeiten und versuchen ihre Basis zu vergr\u00f6ssern? Das aber w\u00e4re n\u00f6tig in einer Zeit, in der die kapitalistischen Staaten und Bl\u00f6cke so offen wie lange nicht auf einen globalen Krieg zusteuern. Bisher sind es in vielen L\u00e4ndern oft rechte Gruppen, die aus nationalistischen Gr\u00fcnden bestimmte Kriegen ablehnen, wie Teile der AfD in Deutschland.<\/p>\n<p>N\u00f6tig w\u00e4re aber tats\u00e4chlich eine l\u00e4nder\u00fcbergreifende linke Bewegung, die auch den Zusammenhang von Krieg und Kapitalismus deutlich macht, die sich gegen jede Querfront sowohl f\u00fcr den kapitalistischen Krieg wie den kapitalistischen Frieden wendet. War Prag der Beginn einer solchen Bewegung? Das ist die alles entscheidende Frage. Der erste Schritt m\u00fcsste dann sein, die Aktionswoche kritisch aufzuarbeiten und dabei die eigenen Fehler und Schw\u00e4chen in den Mittelpunkt zu r\u00fccken.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch\/politik\/europa\/prag-zimmerwald-konferenz-gedanken-zur-antimilitaerischen-aktionswoche-008443.html\"><em>untergrund-bl\u00e4ttle.ch<\/em><\/a><em> vom 5. Juni 2024<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Peter Nowak. Gegen alle Querfronten, ob f\u00fcr den kapitalistischen Frieden oder den kapitalistischen Krieg. Um 17 Uhr waren am 24. Mai auf einen zentralen Platz in Prag weder Polizei noch Demonstrant*innen zu sehen. 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