{"id":1457,"date":"2016-08-31T10:13:22","date_gmt":"2016-08-31T08:13:22","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=1457"},"modified":"2016-08-31T10:14:00","modified_gmt":"2016-08-31T08:14:00","slug":"die-soziooekonomische-grundlage-der-identitaetspolitik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=1457","title":{"rendered":"USA: Die sozio\u00f6konomische Grundlage der Identit\u00e4tspolitik"},"content":{"rendered":"<p><em>David Walsh.<\/em> <strong>Wenn man zahlreichen Berichten in den Medien und Erkl\u00e4rungen f\u00fchrender US-Politiker folgt, dann sind Rassenfragen ein zentrales Thema in der bevorstehenden Pr\u00e4sidentschaftswahl 2016.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Die amerikanische Bev\u00f6lkerung ist zwar in ihren gesellschaftlichen Ansichten toleranter als jemals zuvor in der Geschichte, doch t\u00e4glich ist zu h\u00f6ren, dass die USA vor rassistischem und ethnischem Hass nur so strotzen, ganz zu schweigen von einer aggressiven Frauenfeindlichkeit und Homophobie.<\/p>\n<p>Die Demokratische Partei tritt dabei besonders lautstark auf, unterst\u00fctzt von verschiedenen links-liberalen und pseudo-linken Str\u00f6mungen. Identit\u00e4tspolitik, die selbstbezogene Fixierung der gehobenen Mittelklasse auf Rasse, Gender und sexuelle Identit\u00e4t, ist zu einer der wichtigsten S\u00e4ulen dieser Partei geworden.<\/p>\n<p>Im Unterschied zu fr\u00fcheren Zeiten ist die Rassenfrage nicht verbunden mit Forderungen nach B\u00fcrgerrechten, einem gro\u00dfen sozialen Reformprogramm, einer Verbesserungen der Lebensbedingungen f\u00fcr die gesamte Arbeiterklasse und ganz bestimmt nicht mit Sozialismus. Die Diskussion \u00fcber Rasse dreht sich vor allem um die Frage, wie die wirtschaftlichen Ressourcen von Teilen des schwarzen Kleinb\u00fcrgertums zu verbessern sind. Diese Bewegung des gehobenen Mittelklasse ist bemerkenswert frei von demokratischen Forderungen und Stimmungen.<\/p>\n<p>Die derzeitigen Kampagnen, das spie\u00dfige und mitunter \u00fcble Gerede \u00fcber Rasse, l\u00e4sst sich mit nur einer Tatsache erkl\u00e4ren: Der scharfen Zunahme sozialer Ungleichheit innerhalb der afroamerikanischen Bev\u00f6lkerung.<\/p>\n<p>Afroamerikaner spielen zwar in den obersten Etagen der Konzerne immer noch eine sehr geringe Rolle, es gibt jedoch eine \u00e4u\u00dferst bedeutende und einflussreiche Gruppe unter ihnen, die in den letzten Jahrzehnten enorm profitiert hat. Diese Menschen leben in einem anderen Universum und sind von den breiten Schichten der schwarzen Arbeiterbev\u00f6lkerung zutiefst entfremdet. Letztere dagegen ist in den vergangenen Jahren zunehmend verarmt.<\/p>\n<p>Seit der Regierung von Richard Nixon wurde in den USA von der herrschenden Klasse eine schwarze gehobene Mittelklasse herangezogen, die sich loyal gegen\u00fcber dem Status quo verh\u00e4lt. Im Gegenzug gab diese Schicht jegliche Verbindung zu sozialen K\u00e4mpfen und zur Opposition gegen den Kapitalismus auf. Das erkl\u00e4rt, warum es weit und breit keine f\u00fchrende afroamerikanische Pers\u00f6nlichkeit gibt, die zu den breiten Massen der Menschen und f\u00fcr diese spricht.<\/p>\n<p><strong>Es gibt beeindruckende Fakten und Zahlen.<\/strong><\/p>\n<p>Nielsen, ein globales Informations- und Mediadatenunternehmen, erstellte im Jahr 2015 einen Bericht mit dem Titel \u201eIncreasingly Affluent, Educated and Diverse\u201c (Zunehmend wohlhabend, gebildet und vielseitig), der sich \u201espeziell auf einen Teil der Afroamerikaner konzentrierte, der oft unbeachtet bleibt: diejenigen mit einem j\u00e4hrlichen Haushaltseinkommen von 75.000 Dollar und mehr. Ihr Umfang und Einfluss w\u00e4chst schneller als der von nicht-hispanischen Wei\u00dfen \u00fcber alle Einkommensklassen oberhalb von 60.000 Dollar hinweg.\u201d (Die Zahlen stammen aus der US-Volksz\u00e4hlung 2014.)<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich geh\u00f6ren die schwarzen Haushalte mit einem Einkommen von mehr als 75.000 Dollar zu der Einkommensgruppe, die in den Vereinigten Staaten am schnellsten w\u00e4chst. Nielsen berichtet: \u201eIn den Jahren von 2005 bis 2013 gab es die gr\u00f6\u00dften Einkommenszuw\u00e4chse f\u00fcr schwarze Haushalte im Bereich oberhalb von 200.000 Dollar. Hier gab es einen Anstieg von 138 Prozent im Vergleich zu einem Anstieg von 74 Prozent f\u00fcr die gesamte Bev\u00f6lkerung.\u201c<\/p>\n<p>Im Jahr 1960, etwa als E. Franklin Frazier sein wegweisendes Werk \u201e<em>The Black Bourgeoisie<\/em>\u201c schrieb, gab es sch\u00e4tzungsweise 25 schwarze Million\u00e4re in den USA. Ihre Zahl ist um das 1.400fache gestiegen. Heute gibt es gesch\u00e4tzte 35.000 schwarze Million\u00e4re.<\/p>\n<p>Die Verm\u00f6genskonzentration unter Afroamerikanern ist au\u00dfergew\u00f6hnlich. Laut der Pew Research Study haben 35 Prozent der schwarzen Haushalte negatives oder kein Verm\u00f6gen. Weitere 15 Prozent besitzen weniger als 6.000 Dollar Haushaltsverm\u00f6gen. Fast sieben Millionen der gesamten 14 Millionen schwarzer Haushalte besitzen somit wenig oder nichts.<\/p>\n<p>Der Publizist Antonio Moore von der <em>Huffington Post <\/em>bemerkte j\u00fcngst, dass das Einkommensgef\u00e4lle zwischen einem schwarzen amerikanischen Haushalt aus dem obersten Prozent und dem durchschnittlichen schwarzen Haushalt um ein Mehrfaches gr\u00f6\u00dfer ist als der zwischen vergleichbaren wei\u00dfen Haushalten.<\/p>\n<p>\u201eDas durchschnittliche Verm\u00f6gen der wenigen schwarzen Haushalte in dem obersten Prozent betrug 1,3 Millionen Dollar, w\u00e4hrend laut Volksz\u00e4hlungsdaten das durchschnittliche Verm\u00f6gen s\u00e4mtlicher schwarzer Haushalte bei rund 6.000 Dollar lag. Eine schwarze Familie im obersten Prozent besitzt nicht weniger als 200mal so viel wie eine durchschnittliche schwarze Familie. Wenn das schwarze Amerika ein Land w\u00e4re, dann w\u00fcrden wir zu den L\u00e4ndern mit den gr\u00f6\u00dften Einkommensunterschieden auf der Welt geh\u00f6ren.\u201c<\/p>\n<p>Die \u201eSegregation nach Einkommen\u201c, d.h. die Tendenz, dass Menschen entweder in armen oder wohlhabenden Gegenden leben, ist seit 1970 unter schwarzen Familien stark gewachsen. \u201eDie Segregation nach Einkommen unter schwarzen Familien war 1970 niedriger als unter wei\u00dfen Familien. Sie wuchs jedoch zwischen 1970 und 2009 viermal so stark an. Im Jahr 2009 war die Segregation nach Einkommen unter schwarzen Familien 65mal so gro\u00df wie unter wei\u00dfen Familien. (Quelle: <em>Residential Segregation by Income, 1970-2009<\/em>, by Kendra Bischoff of Cornell University and Sean F. Reardon of Stanford)<\/p>\n<p>Die <em>Washington Post <\/em>schrieb 2013, dass die schwarze Mittelklasse, gemessen an der Zahl der Familien mit einem Einkommen von mindestens 100.000 Dollar im Jahr, in den letzten 50 Jahren um das F\u00fcnffache gestiegen ist. Etwa einer von zehn schwarzen Haushalten geh\u00f6rt jetzt zu dieser Einkommensgruppe. Zwischen 1970 und 1990 hat sich der Prozentsatz an schwarzen \u00c4rzten, Rechtsanw\u00e4lten und Ingenieuren verdoppelt. Von 1990 bis 2013 stiegen der Anteil schwarzer Manager und F\u00fchrungskr\u00e4fte um 30 Prozent und der Anteil schwarzer Rechtsanw\u00e4lte und Ingenieure um 38 Prozent.<\/p>\n<p>Der jahrzehntelange \u201eschwarze Kapitalismus\u201c und die F\u00f6rderma\u00dfnahmen f\u00fcr Benachteiligte haben eine d\u00fcnne, aber dennoch bedeutende Schicht der afroamerikanischen Bev\u00f6lkerung beg\u00fcnstigt. Das ist das soziale Element, das heute am aggressivsten nach Reichtum und wirtschaftlichem Vorteil strebt. Es war wohl kaum ein Zufall, dass die zentrale Figur bei den Protesten an der Universit\u00e4t von Missouri im November 2015, der Hungerstreikende Jonathan Butler, aus diesem Milieu stammte. Sein Vater, Eric Butler, ist stellvertretender Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer f\u00fcr Marketing bei der Union Pacific Corp. und strich im Jahr 2015 2,9 Millionen Dollar an Gesamtverg\u00fctung ein.<\/p>\n<p>Noch wichtiger ist, dass Afroamerikaner in den Spitzenberufen faktisch eine Gleichstellung mit Wei\u00dfen erreicht haben. 2004 hatten Schwarze mit einem Doktortitel ein durchschnittliches Einkommen von 74.207 Dollar, geringf\u00fcgig h\u00f6her als das durchschnittliche Einkommen von Wei\u00dfen mit einem Doktortitel (73.993 Dollar). (Quelle: <em>The Journal of Blacks in Higher Education<\/em>)<\/p>\n<p>Ein j\u00fcngerer Bericht zu Chancen von jungen Afroamerikanern behauptet: \u201eAfroamerikaner und Wei\u00dfe haben bei gleich hohen Bildungsabschl\u00fcssen ann\u00e4hernd dieselben Chancen auf eine Anstellung.\u201c (Quelle: Closing the Race Gap: Alleviating Young African American Unemployment Through Education)<\/p>\n<p><strong>Was sind die Implikationen dieser relativen Gleichheit?<\/strong><\/p>\n<p>Bei der Fixierung auf Rasse und Geschlecht geht es um das Streben nach Privilegien durch eine Schicht schwarzer und weiblicher Fachkr\u00e4fte, die entschlossen sind, sich im marktwirtschaftlichen Wettbewerb eine Karriere und ein hohes Einkommen auf Kosten ihrer wei\u00dfen und m\u00e4nnlichen Konkurrenten zu erk\u00e4mpfen. Die Kampagnen zu Rasse und sexueller Gewalt haben oft einen schrillen und unaufrichtigen Ton. Dieser kommt daher, dass vergangene Verbrechen und Ungerechtigkeiten wirkungsvoll hervorgehoben und die augenblicklichen Bedingungen \u00fcbertrieben werden, um existierende und noch gr\u00f6\u00dfere Privilegien zu rechtfertigen. Und das vor dem Hintergrund der Tatsache, dass es f\u00fcr diese bereits wohlhabenden Schichten keine wesentlichen Einkommensunterschiede in Bezug auf Rasse oder Geschlecht gibt. Dieser erbitterte Konflikt spielt sich innerhalb der reichsten f\u00fcnf bis zehn Prozent der Bev\u00f6lkerung ab (die \u00fcber etwa 190.000 bis 130.000 Dollar Jahreseinkommen verf\u00fcgen).<\/p>\n<p>Diese Kampagnen und Konflikte sind weder \u201eprogressiv\u201c noch \u201elinks\u201c. Ob der Pr\u00e4sident der Vereinigten Staaten ein Mann oder eine Frau oder der Chef einer gro\u00dfen Bank bzw. Firma schwarz oder wei\u00df ist, hat f\u00fcr die Arbeiterklasse keine Bedeutung. E. Franklin Frazier bemerkte vor einem halben Jahrhundert, dass schwarze Gesch\u00e4fts- und Politikinteressen \u201edie schwarzen Massen genauso r\u00fccksichtslos ausgebeutet haben wie die wei\u00dfen\u201c.<\/p>\n<p>Sozialisten lehnen eine rassistische Politik in jeder Form ab. In Bezug auf die Pr\u00e4sidentschaftswahl 2016 bedeutet das, den rassistischen und nationalistischen Schmutz zur\u00fcckzuweisen, der sowohl von den Demokraten als auch von den Republikanern verbreitet wird, wie auch von all jenen, die sich an der b\u00fcrgerlichen Politik orientieren.<\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2016\/08\/31\/pers-a31.html\">wsws.org&#8230;<\/a> vom 31. August 2016 mit leichten \u00c4nderungen durch Redaktion maulwuerfe.ch<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>David Walsh. 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