{"id":14603,"date":"2024-06-20T12:04:37","date_gmt":"2024-06-20T10:04:37","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=14603"},"modified":"2024-06-20T12:04:38","modified_gmt":"2024-06-20T10:04:38","slug":"landwirtschaft-das-grosse-fressen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=14603","title":{"rendered":"Landwirtschaft: Das grosse Fressen"},"content":{"rendered":"<p><em>J\u00fcrgen Ehlers.<\/em><strong> Eine absurde Situation: Gro\u00dfbauern und Familienbetriebe k\u00e4mpfen Trecker an Trecker gegen die Streichung von Dieselsubventionen in der Landwirtschaft \u2013\u00a0Konkurrenten, die noch am Vortag um Marktanteile gegeneinander gek\u00e4mpft haben und das nach der Demonstration wieder tun werden. Das S\u00e4urebad der kapitalistischen Konkurrenz wird mit<\/strong><!--more--> <strong>diesem Schulterschluss aber nicht neutralisiert.<\/strong><\/p>\n<p>Nicht erst die <a href=\"https:\/\/www.marx21.de\/bauernproteste-nein-zum-reaktionaeren-aufstand\/\">Bauernproteste<\/a> der letzten Monate haben gezeigt, dass die meisten B\u00e4uerinnen und Bauern traditionell CDU-Parteig\u00e4nger sind. Deutlich geworden ist diesmal aber, dass es unter den Landwirt:innen auch eine gr\u00f6\u00dfere Zahl von AfD-Anh\u00e4nger:innen gibt. Diese konnten ihren Einfluss ausbauen und zu militanten Aktionen auf der Stra\u00dfe ermutigen. Einige zeigen ungeniert ihre Sympathie f\u00fcr die Landvolkbewegung. Diese war in den sp\u00e4ten 1920er Jahren in Schleswig-Holstein entstanden, nachdem sich die wirtschaftliche Lage vieler H\u00f6fe dramatisch zugespitzt hatte. V\u00f6lkischer Nationalismus, Republikfeindlichkeit und Antisemitismus waren die politische Basis dieser Bewegung. Ihr Logo war das Schwert und die Pflugschar, so wie auf dem Protestschild (<em>Artikelbild dieses Beitrags, vom Autor in der Frankfurter Innenstadt aufgenommen<\/em>) zu sehen. Als die Landvolkbewegung zu schw\u00e4cheln begann, gingen die meisten ihrer Anh\u00e4nger:innen zur NSDAP.<\/p>\n<p>Wie die Proteste zum Jahresbeginn gezeigt haben, w\u00e4chst heute die Gefahr, dass sich diese Entwicklung wiederholt. Deswegen sind die gesellschaftlichen Bedingungen, die die Entwicklung der Landwirtschaft bestimmen, was das f\u00fcr die B\u00e4uerinnen und Bauern bedeutet und wie die L\u00f6sung der Probleme aussehen k\u00f6nnte, von gro\u00dfer Bedeutung.<\/p>\n<p><strong>Gewollter Konzentrationsprozess<\/strong><\/p>\n<p>Karl Marx ist davon ausgegangen, dass im Kapitalismus die Landwirtschaft dem gleichen Konzentrationsprozess unterworfen wird wie die Industrie. Er verband damit die Erwartung, dass in der Folge einer Minderheit von reichen Bauern, einer wachsenden Mehrheit von besitzlosen Landarbeiter:innen gegen\u00fcberstehen w\u00fcrde, die dann potentielle Verb\u00fcndete der \u00fcbrigen Arbeiterklasse w\u00e4ren. Diese Entwicklung ist so nicht eingetreten. W\u00e4hrend in der Industrie bereits im 19. Jahrhundert infolge der Weiterentwicklung der Produktivkr\u00e4fte und dem damit verbundenen steigenden Kapitalbedarf ein stetiger Konzentrationsprozess einsetze, blieb die Landwirtschaft davon fast v\u00f6llig unber\u00fchrt. Der Grund f\u00fcr diese ungleiche Entwicklung war, dass Investitionen in andere Wirtschaftsbereiche gr\u00f6\u00dfere und schneller Profite versprachen.<\/p>\n<p>Der von Marx erwartete Konzentrationsprozess in der Landwirtschaft hat erst nach dem Zweiten Weltkrieg eingesetzt. Dem ging eine nach Kriegsende \u2013 noch vor Gr\u00fcndung der beiden deutschen Staaten \u2013 durch die Gro\u00dfgrundbesitzer verhinderte Bodenreform voraus. Diese war urspr\u00fcnglich von den Siegerm\u00e4chten des Zweiten Weltkrieges geplant worden, um die \u00f6konomische und politische Macht der Gro\u00dfgrundbesitzer zu brechen, die mehrheitlich Parteig\u00e4nger der Nazis gewesen waren. Von der Umverteilung des Landbesitzes sollten die kleineren b\u00e4uerlichen Betriebe profitieren. Die vom ehemaligen ostelbischen Junker Hans Schlange-Sch\u00f6ningen, einem Gegner der Bodenreform und sp\u00e4terem Mitbegr\u00fcnder der CDU, 1946 gegen die Bodenreform bezogene Position, nahm den zuk\u00fcnftigen Kurs der Landwirtschaftspolitik in Westdeutschland vorweg: \u00bbDie K\u00f6nner werden verdienen \u2013 das sollen sie auch, und der Boden wird zu den besten Produzenten gehen \u2013 das soll er auch.\u00ab<\/p>\n<p><strong>Staatliche Eingriffe und Modernisierung<\/strong><\/p>\n<p>Die Steigerung der Produktivit\u00e4t in der landwirtschaftlichen Produktion wurde vom westdeutschen Staat nach 1949 mit erheblichen direkten Subventionen und Infrastrukturprojekten gef\u00f6rdert. In Ostdeutschland erfolgte die Zwangskollektivierung und Gr\u00fcndung von landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG). In beiden F\u00e4llen waren es also sehr weitgehende staatliche Eingriffe, die die Modernisierung einleiteten. Die staatliche Initialz\u00fcndung basierte auf Zusch\u00fcssen f\u00fcr den Maschinenkauf f\u00fcr die Landwirte und Infrastrukturma\u00dfnahmen im l\u00e4ndlichen Raum. Flurbereinigungen wurden durchf\u00fchrt, um die Bewirtschaftung der Nutzfl\u00e4chen durch das Zusammenlegen zu erleichtern, Feldwege wurden befestigt und Stra\u00dfen ausgebaut, um den Zugang zu den \u00c4ckern und Wiesen mit Maschinen zu erm\u00f6glichen.<\/p>\n<p>Mit dieser <a href=\"https:\/\/www.marx21.de\/landwirtschaft-oekologie-und-die-linke\/\">Agrarpolitik<\/a> waren \u00fcbergeordnete wirtschaftspolitische Ziele verbunden. Dazu geh\u00f6rte, die internationale Konkurrenzf\u00e4higkeit der landwirtschaftlichen Gro\u00dfbetriebe zu sichern und gleichzeitig den Export und Import von Lebensmitteln so zu steuern, dass die Au\u00dfenhandelsinteressen der Industrie nicht gef\u00e4hrdet werden konnten. Mit Beginn des Nachkriegsbooms und der damit verbundenen steigenden Nachfrage nach Arbeitskr\u00e4ften spielte au\u00dferdem die Freisetzung von Arbeitskr\u00e4ften in der Landwirtschaft eine bedeutende Rolle. Au\u00dferdem bot sich die Chance, mit der Produktivit\u00e4tssteigerung in der Landwirtschaft, die <a href=\"https:\/\/www.marx21.de\/theorie-soziale-reproduktion-kapitalismus\/\">Reproduktionskosten<\/a> der Ware Arbeitskraft zu senken, um den Kapitalist:innen gr\u00f6\u00dfere Spielr\u00e4ume nach unten bei Lohnk\u00e4mpfen zu sichern. So mussten 1950 mit 46 Prozent fast die H\u00e4lfte des Haushaltseinkommens f\u00fcr Nahrungsmittel aufgewendet werden, 1970 waren es nur noch 25 Prozent, stellte <a href=\"https:\/\/www.rosalux.de\/news\/id\/4262\/onno-poppinga-der-bauern-professor\/\">Onno Poppinga<\/a> bereits 1975 fest und heute sind es gerade einmal noch 11,5 Prozent.<\/p>\n<p><strong>Mechanisierung der Landwirtschaft<\/strong><\/p>\n<p>Die deutliche Produktivit\u00e4tssteigerung in der Landwirtschaft f\u00fchrte ab den 1960er Jahren rasch zu einer \u00dcberproduktion von allen wichtigen Lebensmitteln. Mitte der 1950er Jahre sah das noch ganz anders aus, der Selbstversorgungsgrad in Westdeutschland war mit 66 Prozent schlechter als vor dem Krieg, als er noch bei 80 Prozent gelegen hatte. Der Grund daf\u00fcr war vor allem, dass die Gro\u00dfbetriebe in Pommern, Schlesien und Ostpreu\u00dfen verloren waren. Im Jahr 2019 sah der <a href=\"https:\/\/www.bauernverband.de\">Selbstversorgungsgrad mit Lebensmitteln<\/a>\u00a0dagegen so aus: Zuckerr\u00fcben 153 Prozent, Kartoffeln 142 Prozent, K\u00e4se 126 Prozent, Brotgetreide 113 Prozent und Schweinefleisch 119 Prozent. Hinter den USA und den Niederlanden ist Deutschland mittlerweile der drittgr\u00f6\u00dfte Exporteur von Lebensmitteln weltweit. Das hat beispielsweise f\u00fcr die B\u00e4uerinnen und Bauern in Afrika verheerende Konsequenzen, weil die mit massiven Subventionen erzeugten und deswegen billigeren Lebensmittel aus der EU, den einheimischen Produkten erfolgreich Konkurrenz machen.<\/p>\n<p>Aus der \u00dcberproduktion resultiert gleichzeitig ein massiver Preisdruck auf die Produzent:innen in Deutschland. Dies versch\u00e4rft zudem den politisch gewollten Konzentrationsprozess hin zu immer gr\u00f6\u00dferen Betriebseinheiten. Gleichzeitig wurden die an die kleinteilige Landwirtschaft angepassten Molkereien und Schlachth\u00f6fe ebenfalls einem gezielten Konzentrationsprozess unterworfen, um die immer gr\u00f6\u00dferen Mengen an Lebensmitteln zu verarbeiten und um rationeller und damit billiger produzieren zu k\u00f6nnen. Aus den urspr\u00fcnglich genossenschaftlich organisierten Strukturen dieser weiterverarbeitenden Betriebe, wurden mit staatlicher Hilfe Unternehmen, die sich schon lange nicht mehr in der Hand einer b\u00e4uerlichen Gemeinschaft befinden.<\/p>\n<p><strong>Macht der Handelsriesen<\/strong><\/p>\n<p>Parallel dazu fand auch im Lebensmittelhandel, beg\u00fcnstigt durch die \u00dcberproduktion, ein Konzentrationsprozess statt, der bis heute anh\u00e4lt. Die gro\u00dfen Handelskonzerne beherrschen den Markt in Deutschland. Die <a href=\"https:\/\/www.wiwo.de\/technologie\/green\/konzentration-in-der-lebensmittelbranche-den-lieferanten-bleibt-keine-wahl\/13554092.html\">Wirtschaftswoche<\/a> musste 2016 zugeben: \u00bbIm deutschen Lebensmitteleinzelhandel sind gerade einmal f\u00fcnf Namen relevant, die wir aber alle kennen: Edeka, Rewe, die Schwarz-Gruppe, zu der Kaufland und Lidl geh\u00f6ren, Aldi und die Metro-Gruppe. Seit Jahren teilen sie 90 Prozent des Gesch\u00e4fts unter sich auf. Branchenprimus ist dabei die Edeka-Gruppe. Die Konzentration f\u00fchrt dazu, dass diese wenigen m\u00e4chtigen Ketten ihre Bedingungen den Lieferanten einfach aufdr\u00fccken k\u00f6nnen. Den Lieferanten bleibt oft keine andere Wahl als das zu akzeptieren, weil ihnen eben die Ausweichm\u00f6glichkeiten fehlen.\u00ab<\/p>\n<p>Diese marktbeherrschende Rolle der Handelsriesen f\u00fchrte zu einer Position, die es ihnen erm\u00f6glicht, gegen\u00fcber den Produzent:innen niedrigere und gegen\u00fcber den Konsument:innen h\u00f6here Preise durchzusetzen. Die <a href=\"https:\/\/www.agrarheute.com\">hohe Eigenkapitalrendite der gr\u00f6\u00dften Handelskonzerne<\/a>, die sich 2019 zwischen 17,3 und 19,7 Prozent bewegt hat, spiegelt das wieder. Um die Bedeutung dieser Gr\u00f6\u00dfenordnung deutlich zu machen, zum Vergleich: 2022 lag die Eigenkapitalrendite f\u00fcr den VW-Konzern bei 9 und f\u00fcr den Energiekonzern RWE bei 19,9 Prozent. Die <a href=\"https:\/\/www.agrar-mv.de\">Eigenkapitalrendite der landwirtschaftlichen Betriebe<\/a> in Westdeutschland liegt dagegen nur bei durchschnittlich 1 bis 3 Prozent. Entscheidend ist hier aber die Betriebsgr\u00f6\u00dfe, bei Gro\u00dfbetrieben f\u00e4llt diese Rendite zweistellig aus, aber bei kleinen Familienbetrieben kann sie sogar negativ sein. Diese Betriebe haben bisher nur \u00fcberlebt, weil die Selbstausbeutung der Familienmitglieder sehr hoch ist und Maschinen so wie Wirtschaftsgeb\u00e4ude nicht ersetzt oder nur notd\u00fcrftig instandgesetzt werden.<\/p>\n<p><strong>Preistreiberei und\u00a0Hungerl\u00f6hne<\/strong><\/p>\n<p>\u00bbLange Zeit galt der intensive Wettbewerb zwischen den Einzelhandelsketten als Garant f\u00fcr sehr niedrige Lebensmittelpreise in Deutschland. Doch das Narrativ des \u203awei\u00dfen Ritters\u2039, der zum Wohl der Konsument:innen wirkt, kann nach Einsch\u00e4tzung von Lademann und Kleczka [\u00d6konomen] nicht l\u00e4nger aufrechterhalten werden. Eine \u00f6konometrische Analyse zeige, dass die Lebensmittelpreise in Deutschland gerade zu einem Zeitpunkt zu steigen begannen, als sich die Konzentration im Lebensmittelhandel beschleunigte. Um 2003 herum zeige die Datenlage eine signifikanten Strukturbruch. Rechnerisch h\u00e4tten die f\u00fchrenden H\u00e4ndler die Inflation nicht ged\u00e4mpft, sondern j\u00e4hrlich um etwa 0,5 Prozentpunkte erh\u00f6ht.\u00ab Das stellte der ZDF-Journalist <a href=\"https:\/\/www.agrarheute.com\">Norbert Lehmann<\/a> 2023 fest.\u00a0Von den steigenden Preisen f\u00fcr Lebensmittel ist aber nur ein Teil bei den Erzeuger:innen angekommen. Deren <a href=\"https:\/\/link.springer.com\/chapter\/10.1007\/978-3-663-14333-8_4\">Anteil am Verkaufserl\u00f6s<\/a> ist im Laufe der Jahre immer kleiner geworden ist. 1950 konnten die landwirtschaftlichen Betriebe noch zwei Drittel der Verbraucherausgaben an der Ladenkasse absch\u00f6pfen, von 1965-1975 war es noch die H\u00e4lfte und heute ist es nur noch ein Viertel.<\/p>\n<p>Ein differenzierter Blick auf die Einkommen in Abh\u00e4ngigkeit von der Betriebsgr\u00f6\u00dfe zeigt, dass in den kleineren H\u00f6fen bis zu einer Betriebsgr\u00f6\u00dfe von 100 Hektar das Bruttojahreseinkommen 2021\/22 je Arbeitskraft bei nur 27.050,- Euro lag, das entspricht gerade einmal dem gesetzlichen Mindestlohnniveau. Davon betroffen sind etwa ein F\u00fcnftel aller Betriebe, die am Existenzminimum wirtschaften, so die amtliche Statistik des Bundesministeriums f\u00fcr Ern\u00e4hrung und Landwirtschaft f\u00fcr das Wirtschaftsjahr 2021\/22.\u00a0Bei den mittleren Betrieben bis zu einer Gr\u00f6\u00dfe von 250 Hektar lag das Bruttoeinkommen bei 38.153,- Euro und bei den ganz gro\u00dfen ab 250 Hektar, die inzwischen fast 40 Prozent aller Betriebe ausmachen, lag das Einkommen bei 55.439,- Euro je Arbeitskraft. Das Einkommen pro Arbeitskraft ist eine statistische Gr\u00f6\u00dfe die den Jahresgewinn des Betriebes im Verh\u00e4ltnis zu der Personenzahl, die in irgendeiner Form mit dem Betrieb als Arbeitskraft verbunden ist, ausdr\u00fcckt. Das k\u00f6nnen Familienangeh\u00f6rige sein, Auszubildende, Landarbeiter:innen oder Saisonarbeitskr\u00e4fte.<\/p>\n<p>Da die Entlohnung der angestellten Arbeitskr\u00e4fte und der Auszubildenden \u2013 von den Saisonarbeitskr\u00e4ften in der Landwirtschaft ganz zu schweigen \u2013 deutlich niedriger ausf\u00e4llt, als das statistische Mittel zeigt, sind diese Zahlen vor allem ein Hinweis darauf, dass die gro\u00dfen Betriebe mit der Ausbeutung der angestellten Arbeitskr\u00e4fte hohe Gewinn machen. Knapp ein Drittel aller Besch\u00e4ftigten in der Landwirtschaft sind Saisonarbeitskr\u00e4fte, die Entlohnung dieser 275.000 Menschen liegt nach Auskunft der zust\u00e4ndigen Gewerkschaft IG BAU deutlich unter dem gesetzlichen Mindestlohn.<\/p>\n<p><strong>Konkurrenz und Klassenbewusstsein<\/strong><\/p>\n<p>Karl Kautsky, einer der wichtigsten Theoretiker der SPD bis zum Ersten Weltkrieg, hat als erster zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Agrarfrage im Kapitalismus <a href=\"https:\/\/www.marxists.org\/deutsch\/archiv\/kautsky\/1899\/agrar\/1-05-kapital.html\">ausf\u00fchrlich untersucht<\/a>. Er hat dabei nicht nur die \u00f6konomischen Rahmenbedingungen analysiert, sondern auch auf einen bedeutenden psychologischen Aspekt hingewiesen. Dieser spielt bei kleinen B\u00e4uerinnen und Bauern eine gro\u00dfe Rolle, wenn sie versuchen, sich dem kapitalistischen Konkurrenzdruck entgegenzustemmen. Das ist die hohe Leidensbereitschaft bei geringem Einkommen sehr viel und besonders sorgf\u00e4ltig zu arbeiten, um den eigenen kleinen Familienbetrieb \u00fcber Wasser zu halten. Bernard Lambert, urspr\u00fcnglich selbst Bauer und Gr\u00fcndungsmitglied einer Bauerngewerkschaft in Frankreich, die \u2013 inspiriert vom Mai 1968 \u2013 versuchte eine linke Alternative zum reaktion\u00e4ren Bauernverband aufzubauen, beschrieb die damit verbundenen Schwierigkeiten:<\/p>\n<p>\u00bbViele Bauern betrachten sich in erster Linie als Eigent\u00fcmer des Bodens und des Betriebskapitals und weigern sich zu zugeben, da\u00df ihre Kreditlasten ihr schwaches Einkommensniveau, ihre wirtschaftliche Abh\u00e4ngigkeit sie zu Ausgebeuteten macht. Sie haben die Geisteshaltung des Kleinunternehmers angenommen, der gro\u00df werden m\u00f6chte und w\u00e4hlen zu ihren Vertretern F\u00fchrer, die ihnen versichern, da\u00df so etwas m\u00f6glich sei.\u00ab Das Festhalten an der eigenen Scholle und die Vorstellung damit sein eigener Herr sein zu k\u00f6nnen, spielt auch heute eine entscheidende Rolle im Bewusstsein aller Landwirt:innen. Der drohende Ruin wird als Folge von zu geringen Beihilfen oder zu hohen Auflagen f\u00fcr die Umwelt und das Tierwohl gesehen und nicht in der kapitalistischen Konkurrenz.<\/p>\n<p><strong>Engels: Bauern und Sozialisten<\/strong><\/p>\n<p>Friedrich Engels hat Endes des 19. Jahrhunderts die Sozialdemokratie davor gewarnt, die Probleme der Bauern zu ignorieren, obwohl auch er um die gro\u00dfen Schwierigkeiten wusste, mit ihnen als Sozialist ins Gespr\u00e4ch zu kommen. Aus Anlass einer Krise, ausgel\u00f6st durch Lebensmittelimporte, ver\u00f6ffentlichte er 1894 eine Schrift unter dem Titel \u203a<a href=\"https:\/\/www.marxists.org\/deutsch\/archiv\/marx-engels\/1894\/11\/bauern.htm\">Die Bauernfrage in Frankreich und Deutschland<\/a>\u2039. Er leitet seine \u00dcberlegungen mit der Frage ein \u00bb \u2026 darf sie [die sozialistische Partei] den dem Untergang geweihten Bauern ruhig in den H\u00e4nden seiner falschen Besch\u00fctzer lassen, bis er aus einem passiven in einen aktiven Gegner der industriellen Arbeiter verwandelt wird?\u00ab Diese falschen \u00bbBesch\u00fctzer\u00ab waren damals und sind heute die Gro\u00dfgrundbesitzer:innen, die zu Engels Lebzeiten das reaktion\u00e4re Kaiserreich unterst\u00fctzten, sp\u00e4ter die Nazis und bis heute im reaktion\u00e4ren Bauernverband den Ton angeben, der vorgibt im Interesse aller B\u00e4uerinnen und Bauern zu handeln.<\/p>\n<p>Engels hat vorgeschlagen, gegen\u00fcber den kleineren Bauern f\u00fcr eine Landwirtschaft in Produktionsgenossenschaften auf freiwilliger Basis zu werben. \u00bbUnsre Aufgabe gegen\u00fcber dem Kleinbauer besteht zun\u00e4chst darin, seinen Privatbetrieb und Privatbesitz in einen genossenschaftlichen \u00fcberzuleiten, nicht mit Gewalt, sondern durch Beispiel und Darbietung von gesellschaftlicher Hilfe zu diesem Zweck. Und da haben wir allerdings Mittel genug, um dem Kleinbauer Vorteile in Aussicht zu stellen, die ihm schon jetzt einleuchten m\u00fcssen.\u00ab Dabei betont er ausdr\u00fccklich, dass \u00bb[d]ie Hauptsache alledem ist und bleibt die, den Bauern begreiflich zu machen, da\u00df wir ihnen ihren Haus- und Feldbesitz nur retten, nur erhalten k\u00f6nnen durch Verwandlung in genossenschaftlichen Besitz und Betrieb. Es ist ja gerade die durch den Einzelbesitz bedingte Einzelwirtschaft, die die Bauern dem Untergang zutreibt. (\u2026) da kommen wir und bieten den Bauern die M\u00f6glichkeit, den Gro\u00dfbetrieb selbst einzuf\u00fchren, nicht f\u00fcr kapitalistische, sondern f\u00fcr ihre eigne gemeinsame Rechnung.\u00ab<\/p>\n<p><strong>\u00bbKleine\u00ab und \u00bbGro\u00dfe\u00ab in der Landwirtschaft<\/strong><\/p>\n<p>Die kleinen und Teile der mittleren landwirtschaftlichen Betriebe haben sich schon immer in einer tendenziell existenzgef\u00e4hrdenden Situation befunden. Der stetige Konzentrationsprozess zwingt zu immer gr\u00f6\u00dferen Betriebseinheiten. Was fr\u00fcher noch als mittelgro\u00dfer Betrieb galt, wird dadurch morgen zum Kleinbetrieb, wenn er nicht auf Kosten seines Nachbarn w\u00e4chst. Das f\u00fchrt zu der paradoxen Situation, dass heute B\u00e4uerinnen und Bauern zusammen demonstrieren, die sich vor und nach der Demonstration als Konkurrent:innen gegen\u00fcberstehen und sich belauern.<\/p>\n<p>Die 1885 gegr\u00fcndete <a href=\"https:\/\/www.dlg.org\">Deutsche Landwirtschafts-Gesellschaft<\/a> (DLG), die nach eigenen Angaben heute \u00fcber 30.000 Mitglieder verf\u00fcgt, bietet scheinbar eine Alternative zum weiteren H\u00f6festerben. Sie wirbt erfolglos mit der Idee von Engels f\u00fcr die Gr\u00fcndung von Landkooperativen. Auf den ersten Blick sind ihre wichtigsten Argumente identisch mit seinen, sowohl bei den betriebswirtschaftlichen als auch sozialen Aspekten. Der zweite Blick zeigt aber, dass es den Initiator:innen um eine v\u00f6llig andere politische Intention geht. Die Konkurrenzf\u00e4higkeit der kleineren Betriebe soll durch Gr\u00fcndung einer Genossenschaft erh\u00f6ht werden. Das politische Ziel ist aber \u2013 anders als bei Engels \u2013 eine Auss\u00f6hnung mit dem Kapitalismus auf der Grundlage wirtschaftsliberaler Ideen, die einen Subventionsabbau einschlie\u00dfen. Edeka und McDonald\u2019s sind bei ihnen Partner und nicht Teil des Problems, obwohl sie von den monopolartigen Strukturen im Handel gegen\u00fcber den Erzeuger:innen und Konsument:innen profitieren.<\/p>\n<p><strong>Solidarische Landwirtschaft und Subventionen<\/strong><\/p>\n<p>Es gibt eine Vielzahl von weiteren Reformideen \u2013 getragen von NGOs und Initiativen wie beispielsweise \u203aSolidarische Landwirtschaft\u2039 und der \u203aArbeitsgemeinschaft b\u00e4uerliche Landwirtschaft\u2039 (AbL), die f\u00fcr eine Landwirtschaft k\u00e4mpfen, die von Tierwohl so wie \u00f6kologischen und sozialen Aspekten bestimmt ist. Die Eigentumsfrage, so wie sie Engels in das Zentrum seiner \u00dcberlegungen stellt, wird aber von keinem der Genannten aufgeworfen. Stattdessen wird von der AbL beispielsweise der Schutz von kleinen und mittleren Familienbetrieben durch eine <a href=\"https:\/\/www.abl-ev.de\/publikationen\">ver\u00e4nderte Subventionspolitik<\/a> der EU gefordert. Die soll sich nicht l\u00e4nger nach der Betriebsgr\u00f6\u00dfe richten und die Politik wird aufgefordert, die Verhandlungsmacht der Erzeuger:innen gegen\u00fcber der Lebensmittelindustrie und dem Handel zu st\u00e4rken.<\/p>\n<p>Eine Umsetzungen dieser Forderungen der AbL hebt die kapitalistische Konkurrenzwirtschaft nicht auf \u2013 so wenig wie die Vorschl\u00e4ge von Engels. Ihm geht es um einen Br\u00fcckenschlag vor allem zu den Kleinbauern, vermittels des Genossenschaftsgedanken f\u00fcr eine politische Perspektive jenseits des Kapitalismus zu k\u00e4mpfen. Der AbL geht es in ihrem agrarpolitischen 6-Punkteplan unter dem Leitsatz \u00bbJeder Hof z\u00e4hlt!\u00ab nur um Reformen, die den Bestand an kleinen und mittleren Betrieben f\u00fcr die Zukunft sichern sollen. Aber eine Fortsetzung der Konkurrenzwirtschaft reproduziert die alten Probleme immer wieder aufs Neue und ist damit N\u00e4hrboden f\u00fcr Existenz\u00e4ngste und Bauernf\u00e4ngerei.<\/p>\n<p>Die Forderung nach einer Umstellung der Subventionspolitik, die nachhaltiges Wirtschaften, das Tierwohl und \u00f6kologische Gesichtspunkte wie die Verringerung der Anbaufl\u00e4chen und des Tierbestandes in den Mittelpunkt r\u00fcckt, stellt die bestehenden Einkommensverh\u00e4ltnisse auf den Kopf. Die Gro\u00dfbetriebe w\u00e4ren die Verlierer. Ihre wirtschaftliche Basis ist eine Subventionierung, die sich vor allem an dem Umfang der bewirtschafteten Fl\u00e4che orientiert. Einmal davon abgesehen, dass deswegen mit gewaltigem Widerstand der Gro\u00dfbauern zu rechnen w\u00e4re, ist damit die kapitalistische Konkurrenzwirtschaft nicht aufgehoben. Damit ist das eigentliche Problem nicht gel\u00f6st und der Konzentrationsprozess w\u00fcrde von neuem beginnen. Das zu verhindern, w\u00e4re m\u00f6glich, indem die Landwirt:innen zu staatlichen Angestellten werden, die planvoll im Interesse der Verbraucher:innen unter Ber\u00fccksichtigung aller \u00f6kologischen Belange frei von Existenz\u00e4ngsten arbeiten. Da ihre Einkommen zu einem gro\u00dfen Teil ohnehin von Agrarsubventionen abh\u00e4ngen \u2013 ohne die sie gar nicht existenzf\u00e4hig sind \u2013, w\u00e4re das nur noch ein kleiner aber konsequenter Schritt.<\/p>\n<p><strong>Genossenschaftsgedanke<\/strong><\/p>\n<p>Engels ist sich nicht sicher gewesen, ob es der Arbeiterbewegung gelingen w\u00fcrde, Teile der Bauernschaft f\u00fcr ihre Ideen zu gewinnen. Er hat sich aber vehement dagegen ausgesprochen, ihnen gegen\u00fcber Illusionen \u00fcber einen m\u00f6glichen anderen Weg zu verbreiten:<\/p>\n<p>\u00bbWir haben die \u00f6konomische Gewi\u00dfheit, da\u00df auch der Gro\u00df- und Mittelbauer vor der Konkurrenz des kapitalistischen Betriebs und der wohlfeilen \u00fcberseeischen Kornproduktion unfehlbar erliegen mu\u00df, wie die wachsende Verschuldung und der \u00fcberall sichtbare Verfall auch dieser Bauern beweist.\u00a0Wir k\u00f6nnen gegen diesen Verfall nichts tun, als auch hier die Zusammenlegung der G\u00fcter zu genossenschaftlichen Betrieben empfehlen, bei denen die Ausbeutung der Lohnarbeit mehr und mehr beseitigt und die allm\u00e4hliche Verwandlung in gleichberechtigte und gleichverpflichtete Zweige der gro\u00dfen nationalen Produktionsgenossenschaft eingeleitet werden kann. Sehen diese Bauern die Unvermeidlichkeit des Untergangs ihrer jetzigen Produktionsweise ein, ziehen sie die notwendigen Konsequenzen daraus, so kommen sie zu uns, und es wird unsres Amtes sein, auch ihnen den \u00dcbergang in die ver\u00e4nderte Produktionsweise nach Kr\u00e4ften zu erleichtern. Andernfalls m\u00fcssen wir sie ihrem Schicksal \u00fcberlassen und uns an ihre Lohnarbeiter wenden, bei denen wir schon Anklang finden werden.\u00ab<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.marx21.de\/landwirtschaft-die-grossen-sollen-die-kleinen-fressen\/\"><em>marx21.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 20. Juni 2024<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>J\u00fcrgen Ehlers. Eine absurde Situation: Gro\u00dfbauern und Familienbetriebe k\u00e4mpfen Trecker an Trecker gegen die Streichung von Dieselsubventionen in der Landwirtschaft \u2013\u00a0Konkurrenten, die noch am Vortag um Marktanteile gegeneinander gek\u00e4mpft haben und das nach der Demonstration &#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":14604,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2],"tags":[25,112,39,41,22,4],"class_list":["post-14603","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-debatte","tag-arbeiterbewegung","tag-bauern","tag-deutschland","tag-europa","tag-politische-oekonomie","tag-strategie"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/14603","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=14603"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/14603\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":14605,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/14603\/revisions\/14605"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/14604"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=14603"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=14603"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=14603"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}