{"id":14645,"date":"2024-06-27T10:05:06","date_gmt":"2024-06-27T08:05:06","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=14645"},"modified":"2024-06-27T10:05:07","modified_gmt":"2024-06-27T08:05:07","slug":"was-ist-eigentlich-antimuslimischer-rassismus-und-woher-kommt-er","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=14645","title":{"rendered":"Was ist eigentlich antimuslimischer Rassismus und woher kommt er?"},"content":{"rendered":"<p><em>Dilara Lorin und Stephie Murcatto. <\/em><strong>\u201eKopftuchm\u00e4dchen, alimentierte Messerm\u00e4nner und sonstige Taugenichtse!\u201c Dass die rechtsextreme AfD-Abgeordnete Alice Weidel diesen Satz im Bundestag gesagt hat, ist noch gar nicht so lange her. <\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Lehrer:innen, die deine Hidschab tragenden Mitsch\u00fcler:innen verbal angreifen und fragen, ob sie dazu gezwungen wurden und das Kopftuch wieder abnehmen sollen, bis hin zu Spr\u00fcchen wie \u201eNa, bekommt dein Gehirn darunter noch Luft?\u201c Oder die Wohnungssuche, bei der Vermieter:innen einen Lukas einem Hamid vorziehen, obwohl beide die gleichen Unterlagen vorlegen, was zu offener Diskriminierung und Benachteiligung f\u00fchrt und auf dem Arbeitsmarkt nicht anders aussieht. Dies sind nur Bruchst\u00fccke des antimuslimischen Rassismus, mit dem viele Menschen tagt\u00e4glich konfrontiert sind. Dabei hat sich die Lage in Deutschland seit dem 7. Oktober 2023 verschlechtert, indem alle Muslim:innen unter Generalverdacht gestellt werden. Vizekanzler Robert Habeck forderte in einer Ansprache alle Muslim:innen dazu auf, sich zum 7. Oktober zu verhalten und Israel als Staat anzuerkennen. W\u00fcrde dem nicht Folge geleistet, k\u00f6nnten sie Gefahr laufen, ihren Aufenthaltstitel zu verlieren. Der Generalverdacht, der von allen Seiten der deutschen Politik kommt, ist ein Schlag ins Gesicht der 5,3 \u2013 5,6 Millionen in Deutschland lebenden Muslim:innen (ungef\u00e4hr 6,4 \u2013 6,7 Prozent der deutschen Bev\u00f6lkerung). Doch was ist antimuslimischer Rassismus und woher kommt er? Um dies zu verstehen, m\u00fcssen wir uns zuerst anschauen, was Rassismus ist:<\/p>\n<p><strong>Was ist Rassismus?<\/strong><\/p>\n<p>Eines ist klar: Rassismus ist kein Produkt der \u201emenschlichen Natur\u201c und auch nicht Ausdruck einer \u201etief verwurzelten Angst vor dem Fremden\u201c. Vielmehr ist Rassismus eng mit der Entstehung b\u00fcrgerlich-imperialistischer Nationalstaaten verbunden. In einer Zeit, in der der Kapitalismus einen Weltmarkt schuf und die Nationalstaaten neue M\u00e4rkte erschlie\u00dfen mussten, wuchs aufgrund der kolonialen Ausbeutung das Bed\u00fcrfnis nach Erkl\u00e4rungen, die die \u201eUnzivilisiertheit\u201c dieser Menschen konstatierten und sie damit zu ewigen \u201eDiener:innen des wei\u00dfen Mannes\u201c machten. Damit war der Boden bereitet f\u00fcr die pseudowissenschaftliche Erkl\u00e4rung ihrer \u201eMinderwertigkeit\u201c durch den Rassenbegriff. Rassismus \u00fcbersteigt jedoch blo\u00dfe sprachliche oder kulturelle Kategorisierungen und nutzt ph\u00e4notypische Merkmale wie zum Beispiel Hautfarbe und Kopfform, um Menschen in vermeintlich feste Gruppen einzuteilen. Der Rassenbegriff diente als effizientes Werkzeug f\u00fcr b\u00fcrokratische Grenzziehungen und demagogische Mobilisierung. Der Rassismus erm\u00f6glicht auch die Zuteilung unterschiedlicher Rechte je nach Zugeh\u00f6rigkeit zu einer \u201er\u00fcckst\u00e4ndigen\u201c oder \u201ezivilisierten\u201c Nation oder Nationalit\u00e4t. Damit wird die ethnische Zugeh\u00f6rigkeit zu einem imperialistischen \u201eStaatsvolk\u201c positiv und die zu allen anderen negativ bewertet, was zu einer Abwertung der Angeh\u00f6rigen unterdr\u00fcckter Nationen f\u00fchrt. Rassismus ist tief in unserem gegenw\u00e4rtigen Herrschaftssystem verankert. Die materielle Basis des Rassismus\u2018 in der Arbeiter:innenklasse ist die massenhafte \u00dcberausbeutung in den Halbkolonien, die einem Teil der Arbeiter:innenklasse in den imperialistischen L\u00e4ndern einen gewissen Wohlstand zu garantieren scheint.<\/p>\n<p><strong>Was zeichnet antimuslimischen Rassismus aus?<\/strong><\/p>\n<p>Dabei handelt es sich um eine Form des Rassismus, der sich nicht nur gegen religi\u00f6se Sympathien und Praktiken richtet, sondern gleichzeitig Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe oder Herkunft rassifiziert und dem Islam zuordnet. Antimuslimischer Rassismus und Islamophobie machen den\/die \u201eMuslim:in\u201c zu einer unver\u00e4nderlichen Sache, sodass Menschen verschiedener Nationalit\u00e4ten und sogar Glaubensrichtungen als \u201emuslimisch\u201c charakterisiert werden. Somit trifft antimuslimischer Rassismus nicht nur Muslim:innen, sondern auch diejenigen, die scheinbar \u201emuslimisch\u201c aussehen oder Menschen sind, die aus einem Land mit mehrheitlich muslimischer Bev\u00f6lkerung stammen. Dabei verfolgt der antimuslimische Rassismus einen \u00e4hnlichen Zweck wie der Rassismus allgemein: Spaltung der Arbeiter:innenklasse und Herausentwickeln einer prek\u00e4ren Schicht dieser, Trennung des Arbeitsmarktes und Legitimation von Kriegen und imperialistischen Interessen. Durch die Spaltung der Arbeiter:innenklasse wird einerseits eine einheitliche Masse der Ausgebeuteten verhindert und andererseits k\u00f6nnen jene Arbeiter:innen besser ausgebeutet werden, die aufgrund ihrer Rassifizierung nicht die gleichen Rechte erhalten. Die Verbindung der Diskriminierung von Arbeitsmigrant:innen mit ihrer rassistischen Brandmarkung als \u201eMuslimin:innen\u201c stellt diese als \u201eGefahr\u201c f\u00fcr \u201ezivilisierte\u201c Gesellschaften dar. Diese Charakterisierung wird zunehmend von Rechtsextremen aufgegriffen und mit Verschw\u00f6rungsideologien verkn\u00fcpft. Ein Beispiel daf\u00fcr ist die sogenannte \u201eIslamisierung des Abendlandes\u201c, die wegen der angeblich muslimischen Einwanderung stattfindet, um die wei\u00dfe Bev\u00f6lkerung zu marginalisieren. So soll die Abschottung und R\u00fcckf\u00fchrung von Gefl\u00fcchteten besser gelingen. Letztendlich sind alle Formen von Islamophobie und antimuslimischem Rassismus rassistische Ideologien, die der Unterdr\u00fcckung von eingewanderten und gefl\u00fcchteten Arbeiter:innen dienen sowie einen ideologischen Deckmantel f\u00fcr \u201ehumanit\u00e4re\u201c Interventionen in Halbkolonien oder die Unterst\u00fctzung des zionistischen Staates rechtfertigen.<\/p>\n<p><strong>Wie ist der antimuslimische Rassismus entstanden?<\/strong><\/p>\n<p>In den letzten Jahren haben sich der Rassismus gegen Muslim:innen und die Islamophobie erheblich ver\u00e4ndert, wodurch dem antimuslimischen Rassismus ein anderer Charakter verliehen wurde. Seit den 2000er Jahren k\u00f6nnen wir erkennen, dass der antimuslimische Rassismus eine dominierende Form des Rassismus in den imperialistischen L\u00e4ndern angenommen hat. Dies hat seine Ursache in verschiedenen historischen Entwicklungen. Eine davon ist der Zusammenbruch der Sowjetunion, der die Weltlage schlagartig ver\u00e4ndert und die USA dazu veranlasst hat, die Welt neu ordnen zu wollen, um ihre Hegemonie und Machtanspr\u00fcche zu sichern. In den USA wurden in dieser Zeit immer mehr B\u00fccher und Publikationen ver\u00f6ffentlicht, die Wege und Strategien f\u00fcr ihre Hegemonie skizzieren. Dabei wurden vor allem andere imperialistische L\u00e4nder wie China und Russland als Rivalen dargestellt und Strategien ver\u00f6ffentlicht, die verhindern sollten, dass diese die Hegemonie der USA angreifen k\u00f6nnen. Eines dieser rassistischen B\u00fccher war Samuel P. Huntingtons \u201eThe Clash of Civilizations\u201c (Kampf der Kulturen), das auch den \u201eIslam\u201c als einen Imperialismus beschrieb, der sich zu einem globalen Rivalen entwickeln k\u00f6nnte, und das voller rassistischer Ideologie steckte. Dabei ist der Islam weder eine wirtschaftliche Einheit noch eine Nation oder eine F\u00f6deration von Nationen. Er ist kein Rivale um die Weltmacht. Aber er eignet sich gut als globaler Feind, der sowohl intern als auch extern auftritt. Nach den Angriffen am 11. September 2001 wurde diese Ideologie dann genutzt, um den sogenannten \u201eWar on Terror\u201c zu legitimieren und dutzende imperialistische Kriege wie in Afghanistan, gegen vermeintlich muslimische L\u00e4nder im Mittleren Osten, aber auch \u00fcberall in der Welt zu legitimieren. Au\u00dferdem bietet das nicht nur eine ideologische Rechtfertigung f\u00fcr die Destabilisierung des Nahen und Mittleren Ostens, sondern auch f\u00fcr die polizeiliche \u00dcberwachung und Stigmatisierung der muslimischen Bev\u00f6lkerung. Daf\u00fcr mussten der \u201eIslam\u201c und der \u201eIslamismus\u201c als einheitliches Gebilde konstruiert werden, um somit einen homogenen, gef\u00e4hrlichen und barbarischen Feind zu kreieren, dessen Anh\u00e4nger:innen zu einer r\u00fcckst\u00e4ndigen Kultur geh\u00f6ren, die nicht in die moderne, demokratische Gesellschaft integrierbar ist. Dass im Islam selbst unterschiedliche Schulen und Glaubensauslegungen vorherrschen, beispielweise Unterschiede zwischen Schiit:innen und Sunnit:innen, spielt dabei gar keine Rolle. Dabei wird oft von allem Islam als Islamismus gesprochen, ohne zwischen echtem Islamismus (politischem Islam) und dem Islam als blo\u00dfer Religion zu unterscheiden. So werden die in Deutschland stattfindenden Propal\u00e4stina-Demonstrationen von Robert Habeck als islamistisch bezeichnet, obwohl es sich bei den Organisator:innen gr\u00f6\u00dftenteils um s\u00e4kulare, linke Organisationen handelt.<\/p>\n<p><strong>Situation von Muslim:innen<\/strong><\/p>\n<p>Insgesamt geh\u00f6rt die Mehrheit der Muslim:innen in der EU zu den prek\u00e4ren Teilen der Arbeiter:innenklasse: So ist die Arbeitslosenquote unter t\u00fcrkischstammigen Arbeiter:innen in Deutschland oder unter pakistanischen und bangladeschischen Arbeiter:innen in Gro\u00dfbritannien um 15 bis 40 Prozent h\u00f6her als im nationalen Durchschnitt. Man kann also sagen, dass die Arbeitslosenquote unter Migrant:innen und Muslim:innen (soweit getrennte Daten vorliegen) wesentlich h\u00f6her ist als im nationalen Durchschnitt. Dadurch wird deutlich, dass Muslim:innen systematischer Unterdr\u00fcckung, Diskriminierung und Stigmatisierung ausgesetzt sind, was als Folge Ghettoisierung mit sich bringt.<\/p>\n<p>Auf dem Arbeitsmarkt und in der Schule erleben Migrant:innen und Muslim:innen allt\u00e4gliche Diskriminierung und Unterdr\u00fcckung aufgrund ihrer Herkunft und Religion, auch wenn es in vielen L\u00e4ndern oberfl\u00e4chliche Antidiskriminierungsgesetze gibt, die nicht verhindern, dass z.\u00a0B. die Arbeitssuche f\u00fcr Migrant:innen mit Kopftuch wesentlich schwieriger ist als f\u00fcr wei\u00dfe Frauen ohne Kopftuch. Auch in der Schule ist es f\u00fcr Sch\u00fcler:innen aufgrund ihrer sozialen Lage schwieriger, Lernerfolge zu erzielen, was insgesamt dazu f\u00fchrt, dass Muslim:innen (und Migrant:innen insgesamt) tendenziell in schlechter bezahlten Sektoren arbeiten als wei\u00dfe Arbeiter:innen.<\/p>\n<p>Wir wollen im zweiten Teil der Artikelreihe zu antimuslimischem Rassismus genauer darauf eingehen, was wir tun k\u00f6nnen, um dagegen anzuk\u00e4mpfen. Welche Forderungen sollten wir im Kampf aufstellen? Wieso ist der Kampf f\u00fcr Religionsfreiheit f\u00fcr alle wichtig? Seid gespannt!<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2024\/06\/24\/was-ist-eigentlich-antimuslimischer-rassismus-und-woher-kommt-er\/\"><em>arbeiterinnenmacht.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 27. Juni 2024<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dilara Lorin und Stephie Murcatto. \u201eKopftuchm\u00e4dchen, alimentierte Messerm\u00e4nner und sonstige Taugenichtse!\u201c Dass die rechtsextreme AfD-Abgeordnete Alice Weidel diesen Satz im Bundestag gesagt hat, ist noch gar nicht so lange her. <\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":14646,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,7],"tags":[39,18,11],"class_list":["post-14645","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-debatte","category-international","tag-deutschland","tag-imperialismus","tag-rassismus"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/14645","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=14645"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/14645\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":14647,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/14645\/revisions\/14647"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/14646"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=14645"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=14645"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=14645"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}