{"id":1473,"date":"2016-09-07T10:56:46","date_gmt":"2016-09-07T08:56:46","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=1473"},"modified":"2018-01-19T18:29:30","modified_gmt":"2018-01-19T16:29:30","slug":"anstieg-der-arbeitshetze-in-deutschland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=1473","title":{"rendered":"Anstieg der Arbeitshetze in Deutschland"},"content":{"rendered":"<p><em>Dietmar Henning.<\/em> Die Arbeitsbedingungen in Deutschland haben sich in den letzten Jahren erheblich verschlechtert. Arbeit am Abend, in der Nacht und am Wochenende sowie bezahlte und unbezahlte \u00dcberstunden h\u00e4ufen sich. Stress und Hetze nehmen zu.<!--more--> Das geht aus einer <a href=\"https:\/\/www.linksfraktion.de\/fileadmin\/user_upload\/PDF_Dokumente\/Kleine_Anfrage_18-9257_-_Antwort.pdf\">Antwort des Bundesarbeitsministeriums<\/a> unter Andrea Nahles (SPD) auf eine Anfrage der Linken-Fraktion hervor.<\/p>\n<p>So muss knapp ein Viertel der abh\u00e4ngig Besch\u00e4ftigten regelm\u00e4\u00dfig nach 18 Uhr arbeiten. Die Zahl der am Abend Arbeitenden ist in den letzten zwanzig Jahren von 5 auf 8,8 Millionen gestiegen, die der Nachtarbeiter (zwischen 23 und 6 Uhr) von 2,4 auf 3,3 Millionen. Prozentual ist ihr Anteil allerdings etwa gleich geblieben, da sich in diesem Zeitraum die Zahl der abh\u00e4ngig Besch\u00e4ftigten deutlich erh\u00f6ht hat.<\/p>\n<p>Andres verh\u00e4lt es sich bei der Wochenendarbeit. Hier ist nicht nur die absolute Zahl, sondern auch der prozentuale Anteil deutlich gestiegen. Arbeiteten 1995 noch 6 Millionen abh\u00e4ngig Besch\u00e4ftigte oder 18,8 Prozent regelm\u00e4\u00dfig am Wochenende und an Feiertagen, waren es 2015 bereits 8,8 Millionen oder 24,7 Prozent, d.h. jeder Vierte. Frauen waren mit 4,7 Millionen deutlich h\u00e4ufiger betroffen als M\u00e4nner mit 4,2 Millionen.<\/p>\n<p>Auch die Zahl der Schichtarbeiterinnen und -arbeiter hat zugenommen, von 3,8 Millionen 1995 auf 5,6 Millionen 2015. Die Zahl der betroffenen Frauen verdoppelte sich von 1,3 auf 2,5 Millionen.<\/p>\n<p>Stark angestiegen ist auch die Zahl jener, die l\u00e4nger arbeiten, als sie vertraglich m\u00fcssten. Arbeiteten vor zwanzig Jahren 1,3 Millionen oder 4,2 Prozent der damals 32 Millionen abh\u00e4ngig Besch\u00e4ftigten mehr als 48 Stunden pro Woche, waren es im letzten Jahr 1,7 Millionen oder 4,8 Prozent von knapp 36 Millionen Besch\u00e4ftigten.<\/p>\n<p>Die Zahlen der Bundesregierung st\u00fctzen sich auf Statistiken des Instituts f\u00fcr Arbeits- und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur f\u00fcr Arbeit und auf die Daten des Mikrozensus des Statistischen Bundesamtes. Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) erhebt in einer repr\u00e4sentativen Befragung f\u00fcr seinen \u201eDGB-Index Gute Arbeit\u201c regelm\u00e4\u00dfig eigene Zahlen. Sie weichen von denen der Bundesregierung ab, da sie auch Bereitschaftszeiten ber\u00fccksichtigen.<\/p>\n<p>Laut den Zahlen des DGB arbeiten aktuell 60 Prozent aller Arbeiter regelm\u00e4\u00dfig mehr als in ihren Arbeitsvertr\u00e4gen vereinbart ist. Fast jeder Vierte arbeitet mehr als 45 Stunden pro Woche und jeder Sechste mehr als 48 Stunden. Rund 70 Prozent, die mehr als 45 Stunden arbeiten, f\u00fchlen sich \u201ebei der Arbeit gehetzt oder stehen unter Zeitdruck\u201c. Ein Drittel gibt an, \u00dcberstunden seien oft unbezahlt.<\/p>\n<p>Das IAB der Bundesagentur f\u00fcr Arbeit z\u00e4hlte im vergangenen Jahr 997 Millionen unbezahlte und 816 Millionen bezahlte \u00dcberstunden, zusammen also 1,8 Milliarden. Das entspricht 860.000 Vollzeitstellen.<\/p>\n<p>Doch w\u00e4hrend die Zahl der \u00dcberstunden steigt, geht die Vollzeitbesch\u00e4ftigung zur\u00fcck. Das Arbeitsvolumen aller abh\u00e4ngig Besch\u00e4ftigten ist seit 1995 relativ stabil geblieben, ihre Zahl dagegen gestiegen. Mit anderen Worten: die gleiche Menge Arbeit wird \u2013 sehr ungleich \u2013 auf mehr Menschen verteilt. W\u00e4hrend die einen immer mehr arbeiten m\u00fcssen, verharren Millionen in Teilzeitjobs, die ihnen kein angemessenes Einkommen garantieren.<\/p>\n<p>Die Zahlen der Bundesregierung und des DGB zeigen, dass die sozialen Reformen, die sich die Arbeiterklasse in den 1950er und 1960er Jahren erk\u00e4mpfte \u2013 der Acht-Stundentag, die F\u00fcnf-Tagewoche, bezahlte \u00dcberstunden, Wochenendzuschl\u00e4ge, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, usw. \u2013 bereits weitgehend zerst\u00f6rt sind. Junge M\u00e4nner und Frauen, die heute ins Arbeitsleben eintreten, finden wieder Bedingungen vor, wie im Fr\u00fchkapitalismus \u2013 wenn sie \u00fcberhaupt einen Job finden.<\/p>\n<p>Die Gewerkschaften, die einst unter Parolen wie \u201eAm Samstag geh\u00f6rt Papi mir\u201c f\u00fcr den freien Samstag und die 35-Stunden-Woche k\u00e4mpften, sind federf\u00fchrend am Abbau fr\u00fcherer Errungenschaften beteiligt. Die \u201eAgenda 2010\u201c der rot-gr\u00fcnen Bundesregierung unter Gerhard Schr\u00f6der, die die Schleusen f\u00fcr Niedriglohnarbeit und Sozialabbau \u00f6ffnete, w\u00e4re ohne ihre tatkr\u00e4ftige Unterst\u00fctzung nicht m\u00f6glich gewesen. Peter Hartz, der den <a href=\"http:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2015\/01\/03\/hart-j03.html\">Hartz-Gesetzen<\/a> den Namen gab, verk\u00f6rperte in seiner Person die Verschmelzung von SPD, Gewerkschaften und Kapital. Er war gleichzeitig Mitglied der SPD, der IG Metall und des VW-Vorstands.<\/p>\n<p>Dabei ist der Abbau sozialer Errungenschaften noch lange nicht zu Ende. Die Unternehmerverb\u00e4nde verlangen seit l\u00e4ngerer Zeit, dass der Acht-Stunden-Tag nicht nur de facto, sondern auch juristisch abgeschafft wird und dass die entsprechenden Gesetze weiter aufgeweicht werden.<\/p>\n<p>\u201eDas Arbeitszeitgesetz muss schnell an die Ver\u00e4nderungen in der Arbeitswelt und in der Gesellschaft angepasst werden\u201c, erkl\u00e4rte k\u00fcrzlich der Chef des Arbeitgeberverbands S\u00fcdwestmetall, Stefan Wolf. Er wandte sich gegen den Acht-Stundentag und gegen die vorgeschriebenen elf Stunden Pause zwischen zwei Arbeitstagen. \u201eEin zeitgem\u00e4\u00dfes Arbeitszeitgesetz w\u00fcrde zum Beispiel eine H\u00f6chstarbeitszeit innerhalb einer Woche definieren, die der Mitarbeiter in Absprache mit dem Arbeitgeber dann individuell auf die Woche verteilen kann\u201c, schlug Wolf vor.<\/p>\n<p>Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) unterst\u00fctzt die von den Konzernen geforderte Flexibilisierung. Sie hatte sich im Juni in der <em>Frankfurter Allgemeine Zeitung<\/em> f\u00fcr eine Lockerung der gesetzlichen Arbeitszeitvorschriften ausgesprochen. Sie m\u00f6chte, dass diese dann nicht mehr gesetzlich, sondern in Tarifvertr\u00e4gen und Betriebsvereinbarungen geregelt werden.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Besch\u00e4ftigten br\u00e4chte das keine Verbesserung, wohl aber f\u00fcr die Gewerkschaftsfunktion\u00e4re und Betriebsr\u00e4te. Sie w\u00e4ren bei einer betrieblich oder tariflich vereinbarten Flexibilisierung mit im Boot, behielten ihre pers\u00f6nlichen Pfr\u00fcnde und k\u00f6nnten den Konzernen als Betriebspolizei von Nutzen sein, die jeden Widerstand gegen die Angriffe im Keim erstickt. Aus diesem Grund appellieren die Gewerkschaften an Bundesarbeitsministerin Nahles, ihre Mitarbeit bei der weiteren Flexibilisierung gesetzlich festzuschreiben.<\/p>\n<p>Eine weitere Folge der Flexibilisierung der Arbeitswelt ist die wachsende <a href=\"http:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2016\/04\/19\/armu-a19.html\">Altersarmut<\/a>, da die Beitr\u00e4ge zur Renten- und Sozialversicherung entsprechend sinken. Die ersten Wellen werden bereits sichtbar. Aktuell arbeiten laut Arbeitsministerium knapp 6 Prozent der \u00fcber 65-J\u00e4hrigen in einem Minijob. Das sind fast eine Million Menschen, 22 Prozent mehr als 2010. Bei den \u00fcber 75-J\u00e4hrigen stieg die Zahl der Minijobber seit 2010 sogar um 57 Prozent.<\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2016\/09\/07\/arbe-s07.html\">wsws.org&#8230;<\/a> vom 7. September 2016 <\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dietmar Henning. 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