{"id":14806,"date":"2024-08-17T08:56:37","date_gmt":"2024-08-17T06:56:37","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=14806"},"modified":"2024-08-17T08:56:38","modified_gmt":"2024-08-17T06:56:38","slug":"olympia-inszenierung-im-imperialistischen-interesse","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=14806","title":{"rendered":"Olympia: Inszenierung im imperialistischen Interesse"},"content":{"rendered":"<p><em>Bruno Tesch. <\/em>Das Spektakel ist vorbei. Mit 206 teilnehmenden nationalen Verb\u00e4nden und 11.400 Athlet:innen \u2013 der Tross von Funktion\u00e4r:innen, Betreuer:innen und Hilfspersonal nicht eingerechnet \u2013 sind die Olympischen Spiele das gr\u00f6\u00dfte internationale Ereignis der Gegenwart. Da es im Vierjahresturnus an wechselnden Orten stattfindet, zieht es die Blicke und das Geh\u00f6r eines<!--more--> weltweiten Milliardenpublikums w\u00e4hrend seiner Austragung auf sich.<\/p>\n<p><strong>Illusionen<\/strong><\/p>\n<p>Von einer \u201eAtempause im krisenhaften Weltgeschehen\u201c war die Rede in der b\u00fcrgerlichen Medienwelt. Die Olympischen Spiele w\u00fcrden wenigstens f\u00fcr kurz eine unbeschwerte Zeit bescheren k\u00f6nnen. Doch allein w\u00e4hrend der 16 Tage von Paris bombardierten Israel und Russland weiter unger\u00fchrt die Zivilbev\u00f6lkerung von Gaza bzw. der Ukraine, raste ein rassistischer Mob durch die britische Insel, in Bangladesch wurde die Regierung gest\u00fcrzt, und die Aktienm\u00e4rkte erlebten Turbulenzen.<\/p>\n<p>Die \u201ev\u00f6lkerverbindende Kraft des Sports\u201c reichte offenbar selbst in diesem schmalen Zeitkorridor nicht \u00fcber die Stadtgrenzen von Paris hinaus. Die Geschichte der Olympischen Spiele der Neuzeit entspringt einem Denken des 19. Jahrhunderts und ist, entkleidet man sie<\/p>\n<p>des romantisierenden R\u00fcckgriffs auf die Antike, ein Projekt der Kolonialm\u00e4chte und f\u00fchrenden Industrienationen gewesen. Vorbild waren die \u201eWeltausstellungen\u201c, in denen diese ihre Errungenschaften zur Schau stellten, und wo die unterdr\u00fcckten V\u00f6lkerschaften als exotisches Beiwerk auf rassistische Weise vorgef\u00fchrt wurden. So war es auch kein Zufall, dass die erste der drei Austragungen der Olympiade in Paris 1900 als Teil einer solchen Weltausstellung durchgef\u00fchrt worden war.<\/p>\n<p>Da der Sport aber gesellschaftlich an Bedeutung und Anerkennung gewann, verselbstst\u00e4ndigten sich die Olympischen Spiele bald als eigenst\u00e4ndige Gro\u00dfveranstaltung.<\/p>\n<p>Diese lag von Anfang an in den H\u00e4nden des IOC (Internationales Olympisches Komitee). Die Mitglieder in diesem Gremium waren nur m\u00e4nnlichen Geschlechts und entstammten allesamt dem Adel. Bei den k\u00fcnstlerisch ambitionierten Er\u00f6ffnungsfeierlichkeiten 2024 wurden pikanterweise die guillotinierten H\u00e4upter der Aristokratie als Teil der franz\u00f6sischen Geschichte nicht ausgespart. Sie wurden auch nicht hineingew\u00e4hlt, sondern ernannt.<\/p>\n<p>Die Strukturen des IOC haben sich zwar mittlerweile ein wenig demokratisiert, jedoch daf\u00fcr zu einem eintr\u00e4glichen Unternehmen ausgewachsen, das durch Werbevertr\u00e4ge und monopolistisches Marktmanagement Milliarden generiert. Seine Aufgaben erstrecken sich verwaltungstechnisch auf die Begutachtung der Bewerbungen, Vergabe der k\u00fcnftigen Spiele an einen austragenden Ort und die Zusammenstellung des sportlichen Programms.<\/p>\n<p>Die eingerichtete Athlet:innenkommission hat nur bedingtes Mitspracherecht, was sich v.\u00a0a. in v\u00f6lliger Ohnmacht in Bezug auf sportpolitische Entscheidungen auswirkt. So wurde das Votum von Sportler:innen, die sich im Westen mehrheitlich f\u00fcr die Teilnahme an den Olympischen Spielen in Moskau 1980 bzw. im Osten f\u00fcr 1984 in Los Angeles ausgesprochen hatten, einfach \u00fcbergangen und fielen durch die Boykotthaltung der Sportverb\u00e4nde als verl\u00e4ngerter Arm der obersten politischen F\u00fchrungen der R\u00e4son des Kalten Krieges zum Opfer.<\/p>\n<p>Die imperialistischen Interessenswahrer:innen schr\u00e4nkten von Grund auf durch hohe organisatorische und kostenintensive Auflagen den Kreis m\u00f6glicher Austragungsorte ein. Als 1980 die Olympischen Spiele an einen degenerierten Arbeiter:innenstaat als Ausrichterland der Olympischen Spiele vergeben wurden, nahm die US-Regierung die Intervention der UdSSR in Afghanistan zum Anlass einer Boykottkampagne.<\/p>\n<p>Auch die Zulassung von Sportarten ins olympische Programm wird durch das IOC bestimmt. Auff\u00e4llig sind besonders in der Fr\u00fchzeit die \u00fcberproportionale Anh\u00e4ufung von milit\u00e4risch gepr\u00e4gten Wettbewerben wie Schie\u00dfen, Fechten, Reiten. Sport indigener V\u00f6lker wie etwa das laotische Beinrudern oder mittelamerikanische Ballspielarten wurden hingegen weitgehend ignoriert und haben bis heute nie Eingang in den Olympiabetrieb gefunden. Sportlich spielte sich in Paris 2024 ein krampfhaftes Wettrennen zwischen den nun f\u00fchrenden imperialistischen M\u00e4chten, USA und China, ab, die sich um die meisten Goldmedaillen rauften.<\/p>\n<p><strong>B\u00fchne f\u00fcr den franz\u00f6sischen Imperialismus<\/strong><\/p>\n<p>Selbst in der b\u00fcrgerlichen Medien wurde Kritik an dem immer weiter hochgeschraubten Gigantismus der Spiele laut. Sie r\u00fchrt jedoch nur an Erscheinungen, stellt aber nicht systemische Fragen. Kosten-\/Nutzenverh\u00e4ltnis und Nachhaltigkeit standen in Zweifel, so z.\u00a0B. die Reinigung der Seine, die ihre Bew\u00e4hrungsprobe offensichtlich nicht ganz bestanden hat, denn etliche Sportler:innen, die zu Wettk\u00e4mpfen im Fluss antraten, klagten hernach \u00fcber gesundheitliche Beschwerden.<\/p>\n<p>Die Stadt hat anscheinend nicht wirklich etwas vom Besucher:innenstrom gehabt. Horrende Eintrittspreise\u00a0haben die Spiele nur zu einem unmittelbaren Schauspiel f\u00fcr betuchte Tourist:innen gemacht, sieht man von den Konkurrenzen ab, die auf Stra\u00dfen und Br\u00fccken frei beobachtbar waren wie Radsport, Geh- und Marathonereignisse oder Triathlon. Nur wenige Kilometer au\u00dferhalb der Pariser Prachtviertel, in den Banlieues, bot sich ein ganz anderes tristes Bild. Hierhin schwenkten die Kameras nicht. Dort findet keine soziale und finanzielle F\u00f6rderung statt, obwohl die Probleme nach wie vor brodeln.<\/p>\n<p>Stattdessen lie\u00dfen es sich die Organisator:innen nicht nehmen, die tausende Kilometer entfernten Sandstr\u00e4nde auf Tahiti, das zu Franz\u00f6sisch-Polynesien (fr\u00fcher: Franz\u00f6sisch-Ozeanien) geh\u00f6rt, f\u00fcr die Surfkonkurrenzen ins Bild zu setzen und Frankreichs Glorie als Kolonialmacht zu demonstrieren.<\/p>\n<p>Der betriebene Sicherheitsaufwand und Polizeiallgegenwart gegen angeblich drohende terroristische Gefahren waren enorm wie nie zuvor. Deutschland leistete kr\u00e4ftige Sch\u00fctzenhilfe, indem die Bundesregierung die bereits zur Fu\u00dfballeuropameisterschaft repressiven Grenzkontrollen wieder verst\u00e4rkte. Au\u00dferdem unterzeichnete Innenministerien Faser (SPD) ein flugs ausgehandeltes Abkommen mit dem Deutschen Sportbund, dass eine deutsche Olympiabewerbung staatlich unterst\u00fctzt werden soll. Nach den negativen Erfahrungen mit dem durch Bev\u00f6lkerungsbefragung gescheiterten Bewerbungsantrag von Hamburg will man diese demokratischen Risiken offenbar nicht noch einmal eingehen.<\/p>\n<p>Olympia 2024 war auch eher als Atempause f\u00fcr Staatspr\u00e4sident Macron und seine Bem\u00fchungen, sich und seine Klientel an der Regierung zu halten, zu werten.<\/p>\n<p><strong>Olympia 2024 im Spiegel der Weltpolitik<\/strong><\/p>\n<p>Die Dominanz des westlichen Imperialismus in der Sportpolitik spiegelt sich auch in dem politisch motivierten Ausschluss Russlands und von Belarus. Eine handverlesene Abordnung durfte nach politischem Screening unter der Bezeichnung AIN (Individiuelle Neutrale Athlet:innen) an den Start gehen. Sie werden aber nicht im offiziellen Medaillenspiegel gef\u00fchrt. Der heute zur Normalit\u00e4t gewordene Athleten:innenkauf durch wohlhabende Sportverb\u00e4nde macht \u00fcberdies das b\u00fcrgerlich-nationalistische Mannschaftsprinzip zur Farce.<\/p>\n<p>Pal\u00e4stinensischen Athlet:innen wurde zwar eine Teilnahme an den Olympischen Spielen gestattet, doch viele waren bereits Kriegsopfer der israelischen Aggression geworden. Bei den verbliebenen 8 Sportler:innen war an ein regul\u00e4res Training unter den herrschenden Bedingungen nicht zu denken.<\/p>\n<p>Einem von Krieg und Vertreibung betroffenen Kontingent v.\u00a0a. aus der Nahostregion wurde gn\u00e4dig die Versammlung in einem \u201eOlympischen Fl\u00fcchtlingsteam\u201c einger\u00e4umt. Als aber eine Teilnehmerin mit einer Botschaft zur Befreiung afghanischer Frauen auftrat, wurde sie wegen Versto\u00dfes gegen die Olympische Charta disqualifiziert. Andere hingegen, wie eine ukrainische Sportlerin, durften ungehindert politische \u00dcberzeugungen in einer Pressekonferenz von sich geben.<\/p>\n<p>Zwei Boxerinnen nahm das IOC gegen rassistische und queerphobe Hasstiraden in den sozialen Netzwerken immerhin in Schutz. Doch zeigt sich auch hieran, dass ein Kampf auf allen Gebieten gegen reaktion\u00e4re Aggressionen organisiert gef\u00fchrt werden muss.<\/p>\n<p><strong>Sport und Klassenkampf<\/strong><\/p>\n<p>In den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts entstand in der Arbeiter:innenklasse auch eine m\u00e4chtige Sportbewegung. Sie organisierte u.\u00a0a. zwei Arbeiter:innenolympiaden auf europ\u00e4ischem Boden: 1925 in Frankfurt und 1931 in Wien. Die 3.000 Sportler:innen umfassende Teilnehmer:innenschar formierte sich bewusst nicht nach Nationen, sondern marschierte unter den Kl\u00e4ngen der Internationale ein. Ziele waren nicht das b\u00fcrgerliche Hochleistungsprinzip und die Rekordjagd, sondern die allgemeine k\u00f6rperliche Ert\u00fcchtigung der Arbeiter:innenklasse und die St\u00e4hlung f\u00fcr den Klassenkampf. Leider bewirkte eine politische Spaltung der proletarischen Sportbewegung, dass ihre Kontinuit\u00e4t durch die NS-Diktatur abriss und nach dem 2. Weltkrieg auch nicht fortgesetzt werden konnte.<\/p>\n<p>Sie kann zur Gegenwart auch nicht wiederbelebt werden. Was aber Revolution\u00e4r:innen fordern sollten, ist die Beseitigung der einseitigen F\u00f6rderung des Hochleistungssports und stattdessen den Ausbau des Breitensports, der besonders an Schulen und Arbeitsst\u00e4tten betrieben werden muss, und einen allgemein zug\u00e4nglichen Sportst\u00e4ttenausbau und Heranziehung von Ausbildungskr\u00e4ften, die unter Kontrolle von Arbeiter:innenorganisationen operieren m\u00fcssen.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2024\/08\/13\/olympia-inszenierung-im-imperialistischen-interesse\/\"><em>arbeiterinnenmacht.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 17. August 2024<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bruno Tesch. Das Spektakel ist vorbei. 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