{"id":14841,"date":"2024-08-30T14:30:37","date_gmt":"2024-08-30T12:30:37","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=14841"},"modified":"2024-08-30T14:30:39","modified_gmt":"2024-08-30T12:30:39","slug":"die-wundersame-verwandlung-der-arbeiterklasse-in-auslaender","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=14841","title":{"rendered":"Die wundersame Verwandlung der Arbeiterklasse in Ausl\u00e4nder"},"content":{"rendered":"<p><em>pm.<\/em> <strong>Die Werkt\u00e4tigen wurden unterteilt in \u00abEinheimische\u00bb und \u00abMigrant:innen\u00bb. Heute spricht niemand mehr von der \u00abArbeiterklasse\u00bb. Und der Begriff \u00abArbeiter\u00bb ist zum Synonym von \u00abAusl\u00e4nder\u00bb geworden.<\/strong><\/p>\n<p>Regisseur Samir erz\u00e4hlt einmal mehr auf unterhaltsame Weise mithilfe von Animationen, Musik-Clips, Zeitzeug:innen, privaten Familienfotos und unbekanntem Archivmaterial die Geschichte der Migration aus den s\u00fcdlichen Nachbarl\u00e4ndern in die Schweiz, von der Nachkriegszeit bis heute.<\/p>\n<p><strong>Wundersam<\/strong><\/p>\n<p>Die sozialdemokratische Partei und Gewerkschaften pr\u00e4gten f\u00fcr \u00fcber 100 Jahre eine solidarische Schweizer Arbeiter:innenkultur. Dennoch waren sie es, die in den 60er Jahren gegen ein Abkommen mit Italien intervenierten, das die soziale Situation der italienischen Migrant:innen in der Schweiz verbessern sollte.<\/p>\n<p>Mittlerweile hat sich eine rassistische Haltung in der Gesellschaft etabliert, mit der wir auch in der Gegenwart konfrontiert sind. Heute gibt es keine \u00abArbeiter\u00bb mehr. Arbeiter:in heisst heute \u00abAusl\u00e4nder\u00bb. Heute wird der Begriff \u00abArbeiter\u00bb von fast niemandem mehr benutzt. Aber wenn jemand \u00abAusl\u00e4nder:in\u00bb sagt, meint er meist jemand der harte Arbeit macht. Kann es sein, dass ihr Ursprung in den fremdenfeindlichen Str\u00f6mungen der Gewerkschaften liegt?<\/p>\n<p><strong>Verwandlung<\/strong><\/p>\n<p>Vom 2. Weltkrieg unversehrt profitierte die Schweiz vom wirtschaftlichen Aufschwung. Die fehlenden Arbeitskr\u00e4fte werden im Ausland angeworben. Sie tragen einen Grossteil zur Verwandlung der Schweiz in eine der wohlhabendsten Industrienationen bei.<\/p>\n<p>Um die soziale Situation der italienischen Migrant:innen zu verbessern, wurde das sogenannte \u00abSaisonnier-Statut\u00bb ausgehandelt. Aufgrund der Verhandlungen mit Italien wurde den Migrantinnen einige Verbessungen im \u00abSaisonnier-Statut\u00bb gew\u00e4hrt. Doch grundlegenden Forderungen, wie der um Familiennachzug, kam die Schweiz nur widerwillig entgegen.<\/p>\n<p><strong>Arbeiterklasse<\/strong><\/p>\n<p>Ab Anfang der 60er Jahre kommt fast eine Million migrantischer Arbeitskr\u00e4fte aus Italien. In ihrer Heimat von Armut bedroht, suchen sie in der Schweiz Arbeit und eine gesicherte Zukunft. Aber getrennt von ihren Familien, leben die meisten unter menschenunw\u00fcrdigen Verh\u00e4ltnissen in Baracken oder kleinen K\u00e4mmerchen.<\/p>\n<p>Das Verbot die Kinder in die Schweiz mitzunehmen, f\u00fchrte zu tausendfachen Trag\u00f6dien. Die sogenannten \u00abSchrankkinder\u00bb wurden von ihren Eltern vor der Fremdenpolizei versteckt. Auch ihnen und ihren Eltern will dieser Film eine Stimme geben.<\/p>\n<p><strong>Ausl\u00e4nder<\/strong><\/p>\n<p>Ende der 60er Jahre lanciert der b\u00fcrgerliche Politiker James Schwarzenbach eine Initiative. Seine Forderung: Mehr als die H\u00e4lfte der sogenannten \u00abGastarbeiter\u00bb soll ausgewiesen werden. Zwar lehnten die Schweizer Stimmb\u00fcrger (Frauen hatten noch kein Stimmrecht!) die Initiative knapp ab. Doch der Rassismus war in der Mitte der Gesellschaft angekommen und dieser Schock hat in den Biografien der Migrant:innen bis heute Spuren hinterlassen.<\/p>\n<p>Seither gab es unz\u00e4hlige Abstimmungen zur Migrationsfrage und die gesetzlichen Bestimmungen wurden jedes Jahr versch\u00e4rft. Dies im Gegensatz zum realen Leben in der Schweiz, welches durch die Diversit\u00e4t der Migration weltoffener geworden ist.<\/p>\n<p><strong>Stand der Dinge<\/strong><\/p>\n<p>\u00dcber 40% der Schweizer Bev\u00f6lkerung haben einen Migrationshintergrund. Und 25% der Menschen die hier leben, haben keine b\u00fcrgerlichen Rechte, d\u00fcrfen sich in der Politik nicht einbringen und die Gesellschaft nicht mitgestalten, in die sie hineingeboren wurden. Und das, obwohl die Mehrheit der Migrant*innen schon \u00fcber Jahrzehnte hier leben, arbeiten und Steuern bezahlen. Deswegen unterst\u00fctzen wir mit diesem Film auch die Demokratie-Initiative 4\/4 f\u00fcr eine erleichterte Einb\u00fcrgerung. In den letzten 40 Jahren hat sich diesbez\u00fcglich nicht viel ge\u00e4ndert und es wird immer noch unterschieden zwischen \u00abAusl\u00e4nder:innen\u00bb und Schweizer:innen. Wir leben in einer Zweiklassengesellschaft und bewegen uns immer mehr in Richtung stiller Apartheid.<\/p>\n<p><strong>Relevanz<\/strong><\/p>\n<p>Im neuen Projekt greift Samir die Ereignisse der 60er und 70er Jahre auf, beleuchtet die Hintergr\u00fcnde dieses historischen Prozesses, der heute noch erschreckend aktuell ist und uns als B\u00fcrger:innen besch\u00e4ftigen. Daraus ergibt sich die hohe gesellschaftliche Relevanz seines neuen Filmes.<\/p>\n<p><strong>Pers\u00f6nlicher Bezug<\/strong><\/p>\n<p>In seinen Dokumentarfilmen \u00abBabylon 2\u00bb, \u00abForget Baghdad\u00bb und \u00abIraqi Odyssey\u00bb hat er bereits bewiesen, wie er Aspekte seiner pers\u00f6nlichen Geschichte geschickt in einen historischen Kontext stellen kann.<\/p>\n<p>Diese Filme haben eine grosse gesellschaftliche Relevanz und sind in der Aufarbeitung ihrer Themen nach wie vor g\u00fcltig und zeitlos. An diese Tradition wollen wir mit \u00abDie wundersame Verwandlung der Arbeiterklasse in Ausl\u00e4nder\u00bb ankn\u00fcpfen.<\/p>\n<p><strong>Warum dieser Film? Anmerkung des Regisseurs.<\/strong><\/p>\n<p>Als Kind der 68er-Generation habe ich stets aktiv an gesellschaftlichen Ereignissen teilgenommen. In meinen Dokumentarfilmen besch\u00e4ftige ich mich daher mit der Frage, ob und wie ich mein pers\u00f6nliches Erleben und meine politische Reflexion in die k\u00fcnstlerische Arbeit integrieren kann. Der Ausgangspunkt f\u00fcr diesen Dokumentarfilm ist der bekannte 68er-Leitsatz: \u00abDas Private ist politisch\u00bb.<\/p>\n<p><strong>Das private ist politisch<\/strong><\/p>\n<p>Bereits 1992 versuchte ich in BABYLON 2 mithilfe von pers\u00f6nlichen Beobachtungen zu zeigen, wie junge migrantischen Menschen in der Schweiz eine eigenst\u00e4ndige neue Kultur entwickeln. Der Film pr\u00e4gte und etablierte den Begriff \u00abSecondos\u00bb.<\/p>\n<p>In FORGET BAGHDAD (2002) habe ich durch die Suche nach ehemaligen j\u00fcdischen Genossen meines irakischen Vaters den Nahost-Konflikt thematisiert.Und mit IRAQI ODYSSEY (2015) erz\u00e4hlte ich die Geschichte meiner irakischen Familie, die sich durch die britische Kolonisation, endlose Kriege und imperiale Interventionen gezwungen sah, zu fliehen und sich \u00fcber die ganze Welt verstreute. Dabei zeigte sich, wie tief sich politische Ereignisse in die private Geschichte einer Familie einbrennen.<\/p>\n<p>In &#8222;Die wundersame Verwandlung der Arbeiterklasse in Ausl\u00e4nder&#8220; wollte ich meine Lebenszeit als Migrant in der Schweiz nicht nur als pers\u00f6nliches Resum\u00e9 gestalten. Wichtig war mir die Aufarbeitung der Schweizerischen Arbeiter-Bewegung &#8211; deren Teil ich mal war &#8211; und diese in all ihren Widerspr\u00fcchen darzustellen. Ich bin selbst einer von vielen Zeitzeugen bedeutender historischer Ereignisse und geh\u00f6re zu den migrantischen Arbeitskr\u00e4ften, welche die Infrastruktur und Kultur der Schweiz in den letzten 70 Jahren grundlegend ver\u00e4ndert haben. Die Recherchen zeigten, dass die Urspr\u00fcnge der xenophoben Politik in der faschistischen Bewegung der 20er und 30er Jahre liegen. Der Film nimmt dezidiert die Sichtweise der sogenannten \u00abGastarbeiter\u00bb ein, welche den roten Faden der Narration bildet.<\/p>\n<p><strong>Hommage<\/strong><\/p>\n<p>Nicht zuletzt ist der Film auch eine Hommage an alle meine Vorg\u00e4ngerinnen und Vorg\u00e4nger aus dem Schweizer Filmschaffen. Ich durfte viele Ausschnitte aus ihren zum Teil unbekannten oder vergessen gegangenen Arbeiten benutzen. Durch ihr scharfes Auge konnte ich die damaligen Verh\u00e4ltnisse aufzeigen und in den aktuellen Kontext einordnen. Ich stehe auf ihren Schultern und m\u00f6chte ihnen mit diesem Film meine Reverenz erweisen.<\/p>\n<p><strong>F\u00fcr die Jugend<\/strong><\/p>\n<p>Ein weiterer pers\u00f6nlicher Antrieb f\u00fcr diesen Film ist meine Tochter und ihre Generation der 20-J\u00e4hrigen. Obwohl sie durch den Klimastreik und antirassistische Bewegungen politisiert wurde, wusste sie kaum etwas \u00fcber die j\u00fcngere politische Geschichte der Schweiz. In der Schule wurden die Schwarzenbach-Jahre nicht behandelt, und als wir durch den Gotthard-Tunnel fuhren, war ihr nicht bewusst, dass hunderte italienische Arbeiter bei dessen Bau verletzt oder get\u00f6tet wurden. Ihr war auch die fortlaufende Segregation der migrantischen Bev\u00f6lkerung durch immer sch\u00e4rfere Gesetze nicht bewusst. Sogar dass Auberginen, Zucchinis und Pasta erst seit kurzem zur Schweizer K\u00fcche z\u00e4hlen, wusste sie nicht.<\/p>\n<p>Genug Gr\u00fcnde dieser jungen Generation die Geschichte des Kulturtransfers durch Migration und deren politische und historische Hintergr\u00fcnde zu erz\u00e4hlen.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch\/kultur\/film\/die-wundersame-verwandlung-der-arbeiterklasse-in-auslaender-008604.html\"><em>untergrund-bl\u00e4ttle.ch&#8230;<\/em><\/a><em> vom 30. August 2024<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>pm. Die Werkt\u00e4tigen wurden unterteilt in \u00abEinheimische\u00bb und \u00abMigrant:innen\u00bb. Heute spricht niemand mehr von der \u00abArbeiterklasse\u00bb. 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