{"id":1491,"date":"2016-09-10T13:21:42","date_gmt":"2016-09-10T11:21:42","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=1491"},"modified":"2016-09-10T13:21:42","modified_gmt":"2016-09-10T11:21:42","slug":"die-roten-jahre-als-italienische-arbeiter-ihre-fabriken-besetzten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=1491","title":{"rendered":"Die roten Jahre \u2013 als italienische Arbeiter ihre Fabriken besetzten"},"content":{"rendered":"<p><em>Titus Kegevara<\/em><strong>. Wie sieht echte Demokratie aus? Italienische Arbeiter konnten es erleben, als sie 1919-20 ihre Fabriken besetzen.<\/strong><strong>\u00a0<\/strong><strong>Wegen des Schlachtens im Ersten Weltkrieg wehrten sich Millionen Arbeiter<\/strong><!--more--><\/p>\n<p><strong> in ganz Europa gegen die eigene Regierung. Die italienischen Arbeiter nahmen sich die Russische Revolution 1917 zum Vorbild, in der mit dem Zaren einer der brutalsten Herrscher und Kriegsherren gest\u00fcrzt wurde. Im Krieg wurden 600.000 italienische Soldaten ermordet und 700.000 verkr\u00fcppelt.<\/strong><\/p>\n<p>Die revolution\u00e4re Bewegung begann 1917 in Turin, dem Zentrum der Autoindustrie, wo die meisten Arbeiter lebten. Eine Delegation der revolution\u00e4ren russischen Regierung wurde mit \u201eViva Lenin\u201c-Rufen begr\u00fc\u00dft.<\/p>\n<p>Als 80 B\u00e4ckereien schlie\u00dfen mussten, weil sie kein Brot hatten, gingen tausende Frauen und M\u00e4nner auf die Stra\u00dfe, forderten Brot und bald darauf das Ende des Krieges. Ein Arbeiter: \u201eWir h\u00f6rten auf zu arbeiten, versammelten uns vor dem Fabriktor und schrien: \u201aWir haben nichts gegessen. Wir k\u00f6nnen nicht arbeiten. Wir wollen Brot.\u2019<\/p>\n<p>Der Boss meiner Firma Pietro Diatto war sehr besorgt und schmierte den Arbeitern Honig um den Bart: \u201aIhr habt recht. Wie kann jemand arbeiten, ohne zu essen?<\/p>\n<p>Ich rufe gleich bei der Milit\u00e4rversorgung an und bestelle einen Lastwagen voll Brot. Unterdessen geht bitte zur\u00fcck zur Arbeit, in eurem Interesse und im Interesse eurer Familien.\u2019<\/p>\n<p>Die Arbeiter wurden einen Moment still. F\u00fcr einen Augenblick schauten sie einander an, als ob sie schweigend die Meinung der anderen absch\u00e4tzten.<\/p>\n<p>Dann schrieen alle gemeinsam: \u201aBrot interessiert uns nicht. Wir wollen Frieden! Nieder mit den Profiteuren! Nieder mit dem Krieg!\u2019\u201c<\/p>\n<p>Die Regierung lie\u00df den Aufstand brutal niederschlagen. Die Armee t\u00f6tete 50 Arbeiter, 800 wurden verhaftet. Doch zwei Jahre lie\u00dfen sich die Soldaten nicht mehr zwingen, Arbeiter zu erschie\u00dfen.<\/p>\n<p>Die Arbeiter der Kriegsindustrie und Bauern, die die Armee verlie\u00dfen, hassten den Krieg und diejenigen, die davon profitierten. Auch nach dem Krieg hungerten viele, weil sie zu wenig Geld hatten. 1919 begannen Arbeiter im ganzen Land spontane Hungerrevolten, Streiks, Landbesetzungen, Demonstrationen und Stra\u00dfenschlachten mit der Polizei.<\/p>\n<p>Um ihre Streiks zu organisieren und auszuweiten, bildeten Arbeiter Fabrikkomitees. L\u2019Ordine Nuovo, die der Revolution\u00e4r Antonio Gramsci herausgab, war eine der beliebtesten Zeitungen unter Turiner Arbeitern. Sie berichtete sowohl von den Streiks in Turin wie \u00fcber die Arbeiterr\u00e4te (russisch: Sowjets) in Russland und die R\u00e4tebewegung in Deutschland.<\/p>\n<p>1920 erreichte die Bewegung in Italien ihren H\u00f6hepunkt. Im April streikten in Turin eine halbe Million Menschen, weil die Bosse mit Unterst\u00fctzung der Regierung versuchten, die Fabrikkomitees aufzul\u00f6sen.<\/p>\n<p>Im Sommer streikten die Metallarbeiter im ganzen Land, weil die Unternehmer Lohnerh\u00f6hungen verweigerten. Die Bosse sperrten die Arbeiter aus.<\/p>\n<p>Wenige Tage sp\u00e4ter besetzten zun\u00e4chst 400.000, dann eine Million Arbeiter ihre Fabriken. Den Metallern schlossen sich Arbeiter benachbarter Gaswerke und chemischer Betriebe an.<\/p>\n<p>In einigen St\u00e4dten w\u00e4hlten die streikenden Arbeiter R\u00e4te, die neben den Streiks die Verwaltung der gesamten Stadt \u00fcbernahmen. Die R\u00e4te stellten auch bewaffnete Gruppen von Arbeitern zusammen, die verhinderten, dass die Polizei die Streikenden niederschoss.<\/p>\n<p>In einigen Fabriken wurde die Produktion wieder aufgenommen, um die Streikenden zu versorgen. Die Eisenbahnergewerkschaft organisierte die Anlieferung des notwendigen Materials.<\/p>\n<p>Die Bosse f\u00fcrchteten eine Revolution. Ein Vertreter einer Transportfirma rief bei den Fiat-Werk in Turin an und wollte den Manager sprechen:<\/p>\n<p><em>\u201e<\/em><em>Hallo. Wer ist da?<\/em><em>\u201c<\/em><\/p>\n<p><em>\u201e<\/em><em>Hier ist der Fiat-Sowjet.<\/em><em>\u201c<\/em><\/p>\n<p><em>\u201e<\/em><em>H<\/em><em>\u00e4\u00e4\u00e4<\/em><em>??? <\/em><em>\u2026<\/em><em>Entschuldigung <\/em><em>\u2026<\/em><em> Ich rufe wieder zur<\/em><em>\u00fc<\/em><em>ck.<\/em><em>\u201c<\/em><\/p>\n<p>Doch die Arbeiter bekamen kein Geld f\u00fcr die G\u00fcter, die sie herstellten und konnten sich nicht ern\u00e4hren. Der Staat kontrollierte noch die Banken, den Au\u00dfenhandel und alles andere, was notwendig ist, um die Wirtschaft zu organisieren.<\/p>\n<p>Die Arbeiter mussten den Staat im ganzen Land vollst\u00e4ndig entmachten oder zur\u00fcckweichen. Um die Revolution zu gewinnen, h\u00e4tten alle Fabrikkomitees wie in Turin, stadt- und landesweite R\u00e4te w\u00e4hlen und bewaffnete Arbeitergruppen organisieren m\u00fcssen. Damit h\u00e4tten die Menschen sich gegen die Armee und die Bosse verteidigen und den Staat st\u00fcrzen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Doch diese Ideen verbreitete lediglich L\u2019Ordine Nuovo in Turin. In den anderen St\u00e4dten vertrauten die meisten Arbeiter der Sozialistischen Partei Italiens (PSI). Sie war trotz ihres Namens die sozialdemokratische Partei Italiens, hatte aber, anders als ihre Schwesterparteien in Deutschland, Frankreich oder Gro\u00dfbritannien, den Ersten Weltkrieg abgelehnt.<\/p>\n<p>Die F\u00fchrung der PSI bezeichnete sich selbst als revolution\u00e4r und marxistisch, lehnte 1920 aber die Arbeiterrevolution in Italien ab, als es keine andere M\u00f6glichkeit gab. W\u00e4hrend Karl Marx die Aufgabe von Sozialisten darin sah, die Welt zu ver\u00e4ndern, erkl\u00e4rte Giacomo Serrati, ein F\u00fchrer der PSI: \u201eWir Marxisten interpretieren Geschichte, wir machen sie nicht!\u201c<\/p>\n<p>Weil die PSI nichts unternahm, sahen viele Arbeiter keine M\u00f6glichkeit, die Herrschenden zu schlagen. Die Streiks wurden einer nach dem anderen abgebrochen.<\/p>\n<p>Die Bosse unterst\u00fctzten von da an die faschistische Bewegung Mussolinis. Sie wurde nach der Niederlage der Revolution schnell st\u00e4rker. 1922 marschierte Mussolini mit seiner Partei-Armee in Rom ein. Er wurde Diktator und machte Italien im Zweiten Weltkrieg zum wichtigsten Verb\u00fcndeten von Nazi-Deutschland.<\/p>\n<p>Doch die \u201eZwei Roten Jahre\u201c zeigen, dass Arbeiter Krieg und Kapitalismus \u00fcberwinden k\u00f6nnen, wenn sie dagegen k\u00e4mpfen und sich organisieren.<\/p>\n<p>Quelle: <a href=\"https:\/\/diefreiheitsliebe.de\/gesellschaft\/die-roten-jahre-als-italienische-arbeiter-ihre-fabriken-besetzten\/\">diefreiheitsliebe.de&#8230;<\/a> vom 9. September 2016<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Titus Kegevara. Wie sieht echte Demokratie aus? 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