{"id":1493,"date":"2016-09-11T08:47:47","date_gmt":"2016-09-11T06:47:47","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=1493"},"modified":"2016-09-11T08:47:47","modified_gmt":"2016-09-11T06:47:47","slug":"die-postkoloniale-theorie-als-antiaufklaerertum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=1493","title":{"rendered":"Die postkoloniale Theorie als Antiaufkl\u00e4rertum"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die Anh\u00e4nger der postkolonialen Theorie distanzieren sich von den Begriffen Kapitalismus, Klasse und Universalismus. Stattdessen \u00adsehen sie nur kulturelle Unterschiede und haben unter Linken \u00adreichlich Verwirrung gestiftet. <\/strong><!--more--><\/p>\n<p><strong>Im Juni 2016 ist im K\u00f6lner Papy Rossa Verlag der von Felix Wemheuer herausgegebene Sammelband \u00bbMarx und der globale S\u00fcden\u00ab erschienen. Wir drucken daraus vorab und stark gek\u00fcrzt den Aufsatz von Vivek Chibber, der dort unter dem Titel \u00bbKapitalismus, Klasse und Universalismus \u2013 Auswege aus der Sackgasse postkolonialer Theorie\u00ab ab. <\/strong><\/p>\n<p><em>Vivek Chibber.<\/em> Nach einer langen, scheinbar endlosen Pause ist der globale Widerstand gegen den Kapitalismus zur\u00fcckgekehrt. Es ist mehr als vier Jahrzehnte her, seit antikapitalistische Bewegungen mit solcher Wucht auftraten. Sicher gab es ab und zu Ersch\u00fctterungen, kurze Episoden, die das neoliberale Projekt zeitweise aus der Bahn warfen, aber nicht so wie wir es in den letzten beiden Jahren in Europa, dem Nahen Osten und in den Amerikas erlebt haben. Wie weit sich die Bewegungen entwickeln und wie tief ihre Auswirkungen sein werden, ist noch nicht vorhersehbar, aber die linken Diskurse haben sie bereits ver\u00e4ndert. Pl\u00f6tzlich steht das Thema Kapital und Klasse wieder auf der Tagesordnung, nicht als abstrakte oder theoretische Diskussion, sondern als dr\u00e4ngende politische Frage.<\/p>\n<p>Die Wiederkehr der Bewegungen zeigt jedoch, dass der R\u00fcckzug der letzten drei Jahrzehnte einen Tribut gefordert hat. Die f\u00fcr arbeitende Menschen verf\u00fcgbaren politischen Ressourcen sind in den letzten Jahrzehnten nie geringer gewesen. Die Organisationen der Linken \u2013 Gewerkschaften und politische Parteien \u2013 sind ausgeh\u00f6hlt oder schlimmer noch, sie wurden zu Komplizen des Austerit\u00e4tsmanagements. Die Schw\u00e4che der Linken zeigt sich jedoch nicht nur politisch oder organisatorisch \u2013 sie reicht bis in die Theorie. Die Niederlagen der letzten Jahrzehnte waren von dramatischen Verwerfungen an der intellektuellen Front begleitet. Es gab zwar keine Abkehr von radikaler Theorie oder dem Einsatz f\u00fcr eine radikale Agenda, und an vielen Universit\u00e4ten gibt es wohl immer noch beeindruckend viele selbsternannte progressive oder radikale Intellektuelle, wenigstens in Nordamerika. Die Bedeutung von Radikalismus hat sich jedoch ver\u00e4ndert. Dank des Einflusses poststrukturalistischen Denkens gelten sozialistische Konzepte entweder als suspekt oder werden schlichtweg abgelehnt. Um nur ein Beispiel zu nennen: Die Vorstellung, dass der Kapitalismus eine reale Struktur besitzt, die Akteuren reale Zw\u00e4nge auferlegt, dass Klasse in realen Ausbeutungsbeziehungen wurzelt oder dass die Arbeiter ein reales Interesse an kollektiver Organisation haben \u2013 Vorstellungen, die fast zwei Jahrhunderte lang in der Linken allgemein anerkannt wurden \u2013, gelten als hoffnungslos veraltet.<\/p>\n<p>Diese Kritik an Materialismus und politischer \u00d6konomie kam aus allen Teilen des poststrukturalistischen Milieus, fand jedoch einen besonders scharfen Ausdruck in der neuesten Sch\u00f6pfung dieser Str\u00f6mung, die als postkoloniale Theorie bekannt wurde. Der Angriff auf Materialismus und politische \u00d6konomie wurde in den letzten Jahrzehnten nicht von der frankophonen philosophischen Tradition angef\u00fchrt, sondern interessanterweise von einer Schar von Theoretikern aus S\u00fcdasien und anderen Teilen des globalen S\u00fcdens. Die vielleicht bedeutendsten und einflussreichsten darunter sind Gayatri Chakravarty Spivak, Homi Bhabha, Ranajit Guha und die Gruppe Subaltern Studies, aber auch der kolumbianische Anthropologe Arturo Escobar, der peruanische Soziologe Anibal Quijano und der argentinische Literaturtheoretiker Walter Mignolo und andere mehr geh\u00f6ren dazu. H\u00e4ufigstes Ziel ihrer Kritik ist nat\u00fcrlich die marxistische Theorie, aber ihr Zorn richtet sich auch gegen die Aufkl\u00e4rung als solche.<\/p>\n<p>Der dort anzutreffende Universalismus \u2013 also der Anspruch auf G\u00fcltigkeit bestimmter Katego\u00adrien unabh\u00e4ngig von Kultur und Region \u2013 erregt die Vertreter der postkolonialen Theorie am meisten. Laut ihrer Analyse zeigt der Marxismus das t\u00f6dliche intellektuelle Erbe der Aufkl\u00e4rung in dieser Hinsicht am deutlichsten. F\u00fcr Marxisten haben bestimmte Kategorien wie Klasse, Kapitalismus, Ausbeutung und dergleichen \u00fcber die Kulturen hinweg G\u00fcltigkeit. Diese Kategorien beschreiben ihrer Meinung nach \u00f6konomische Praktiken nicht nur im christlichen Europa, sondern auch im hinduistischen Indien und im moslemischen \u00c4gypten.<\/p>\n<p>Anh\u00e4nger der postkolonialen Theorie halten diesen universalisierenden Eifer f\u00fcr \u00e4u\u00dferst problematisch \u2013 als Theorie und, ebenso wichtig, als Leitfaden f\u00fcr politisches Handeln. Die Besorgnis \u00fcber den Gebrauch universaler Kategorien sitzt so tief, dass sie oft nicht als Kritik unzul\u00e4ssiger oder falscher Verallgemeinerungen ge\u00e4u\u00dfert wird, sondern als deren komplette Ablehnung. Die Postkoloniale Theorie pr\u00e4sentiert sich selbst nicht blo\u00df als Kritik der radikalen Aufkl\u00e4rung, sondern als deren Alternative.<\/p>\n<p><strong>Angriff auf den Universalismus <\/strong><\/p>\n<p>In einem der am h\u00e4ufigsten zitierten Texte der postkolonialen Studien erkl\u00e4ren die Herausgeber die Gr\u00fcnde f\u00fcr den Angriff gegen universalisierende Kategorien. Die europ\u00e4ische Beherrschung der kolonisierten Welt beruhe teilweise auf dieser Art von Konzepten. \u00bbDie Annahme des Universalismus\u00ab, so wird uns erz\u00e4hlt, \u00bbist grundlegendes Merkmal der Konstruktion kolonialer Macht, weil die \u203auniversalen\u2039 Merkmale der Menschheit die Eigenschaften derer sind, die Positionen politischer Herrschaft innehaben.\u00ab Der Universalismus leiste kolonialer Beherrschung Vorschub, indem er einige \u00e4u\u00dferst spezifische Momente europ\u00e4ischer Kultur auf die Stufe genereller Eigenschaften der Menschheit hebe, die auf globaler Ebene gelten sollen.<\/p>\n<p>Kulturen, die diese \u00e4u\u00dferst spezifischen Eigenschaften nicht bes\u00e4\u00dfen, w\u00fcrden als r\u00fcckst\u00e4ndig eingestuft. Ihnen m\u00fcsse angeblich Zivilisation beigebracht werden, da sie nicht in der Lage w\u00e4ren, sich selbst zu regieren. Laut den Herausgebern des hier zitierten Buches \u00bbist der Mythos der Universalit\u00e4t somit eine grundlegende Strategie imperialer Kontrolle [\u2026], basierend auf der Annahme, dass \u203aeurop\u00e4isch\u2039 gleichzusetzen ist mit \u203auniversal\u2039.\u00ab<a href=\"http:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-admin\/post-new.php#_edn1\" name=\"_ednref1\">[i]<\/a><\/p>\n<p>Wir erkennen in dieser Argumentation zwei der unter Vertretern der postkolonialen Theorie am meisten verbreiteten Ansichten. Die erste ist eine formale, metatheoretische Vorstellung, nach der Behauptungen einer Universalit\u00e4t an sich verd\u00e4chtig seien, weil sie soziale Heterogenit\u00e4t leugneten. Deswegen wendet sich die Kritik des Universalismus in derartigen Texten oft gegen dessen homogenisierende, gleichmachende Wirkung. Es wird bef\u00fcrchtet, dass er Unterschiedlichkeit ignoriert und damit jede Praxis oder soziale Konvention missachtet, die nicht mit dem \u00fcbereinstimmt, was auf die Stufe der Universalit\u00e4t gehoben wird. Und diese Missachtung sei ein Akt der Unterdr\u00fcckung, der Aus\u00fcbung von Macht. Die zweite Ansicht ist von weitreichender Bedeutung, n\u00e4mlich dass die Universalisierung in besonderer Weise an der europ\u00e4ischen Herrschaft beteiligt gewesen sei. Dies sei eine Folge der extremen Dominanz westlicher Theorien in der intellektuellen Welt. In dem Ma\u00dfe, in dem sie zum begrifflichen Rahmen f\u00fcr Untersuchungen oder zur Anleitung politischer Praxis werden, statteten sie diese mit einem hartn\u00e4ckigen Eurozentrismus aus. Die auf die Aufkl\u00e4rung zur\u00fcckgehenden begrifflichen Ger\u00fcste und Theorien tr\u00fcgen das Mal ihrer geographischen Herkunft.<\/p>\n<p>Antiuniversalismus ist unter Vertretern der postkolonialen Theorie aufgrund der dem Universalismus zugeschriebenen Mitwirkung an kolonia\u00adler Herrschaft zur Losung geworden. Wegen des enormen Einflusses der postkolonialen Theorie auf die akademische Kultur geh\u00f6rt der Antiuniversalismus zudem unter vielen Linken zum allgemeinen Grundverst\u00e4ndnis ebenso wie die Ablehnung der \u00bbgro\u00dfen Erz\u00e4hlungen\u00ab, die mit Marxismus und progressivem Liberalismus zusammenh\u00e4ngen. Heutzutage spiele sich das Geschehen im \u00bbFragment\u00ab ab, an den R\u00e4ndern, in Br\u00e4uchen und kulturellen Konventionen, die einer besonderen Umgebung eigen sind und nicht einer verallgemeinernden Analyse untergeordnet werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>Generelle Zw\u00e4nge des Kapitals <\/strong><\/p>\n<p>Gerade Begriffe wie Kapitalismus oder Klasseninteresse werden als Musterbeispiele f\u00fcr all das ausgemacht, was an der marxistischen Theorie verd\u00e4chtig sein soll. Gyan Prakash von der Gruppe Subaltern Studies bringt diese Meinung in einer seiner Breitseiten gegen das aufkl\u00e4rerische (marxistische) Denken genau auf den Punkt. Werden soziale Formationen durch das Prisma des Kapitalismus betrachtet, f\u00fchre das zwangsl\u00e4ufig zu eine Art Reduktionismus, behauptet er. Alle sozialen Ph\u00e4nomene erschienen als blo\u00dfe Reflexe \u00f6konomischer Verh\u00e4ltnisse. \u00bb[D]en Kapitalismus zum grundlegenden Thema [historischer Analyse] zu machen\u00ab, laufe deswegen darauf hinaus, \u00bbdie Geschichtsabl\u00e4ufe zu homogenisieren, die in sich heterogen bleiben\u00ab, schreibt er.<a href=\"http:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-admin\/post-new.php#_edn2\" name=\"_ednref2\">[ii]<\/a> Diese Tendenz mache Marxisten blind f\u00fcr die Besonderheit lokaler sozialer Verh\u00e4ltnisse. Entweder entgingen ihnen Br\u00e4uche und Konventionen, die von kapitalistischen Dynamiken unabh\u00e4ngig sind, oder sie n\u00e4hmen einfach an, dass irgendeine vorhandene Eigenst\u00e4ndigkeit sich schnell verfl\u00fcchtigen w\u00fcrde. Mehr noch, die blo\u00dfe Vorstellung, dass soziale Formationen unter dem Gesichtspunkt ihrer \u00f6konomischen Dynamik \u2013 ihrer Produktionsweise \u2013 analysiert werden k\u00f6nnten, sei nicht nur falsch, sondern auch eurozentristisch und diene der imperialen Herrschaft. \u00bbWie viele andere europ\u00e4ische Ideen des 19. Jahrhunderts\u00ab, notiert Prakash, \u00bbsollte die Inszenierung der eurozentristischen Erz\u00e4hlung von Produktionsweisen als \u203aGeschichte\u2039 als das Gegenst\u00fcck zum territorialen Imperialismus im 19. Jahrhundert erkannt werden.\u00ab<\/p>\n<p>In seinem einflussreichen Buch \u00bbProvincializing Europe\u00ab hat der indische Historiker Dipesh Chakrabarty dieser Argumentation Struktur gegeben.<a href=\"http:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-admin\/post-new.php#_edn3\" name=\"_ednref3\">[iii]<\/a> Die Vorstellung eines universalisierenden Kapitalismus, so schreibt er, mache sich zweier S\u00fcnden schuldig. Erstens werde die Geschichte nichtwestlicher Gesellschaften verleugnet, indem sie in ein von der europ\u00e4ischen Erfahrung abgeleitetes Schema hineingepresst werde. Statt die Autonomie und Besonderheit regionaler Erfahrungen zu respektieren, w\u00fcrden Marxisten regionale Geschichte in eine Unzahl von Variationen eines Themas verwandeln. Jedes Land werde nach dem Ausma\u00df der \u00dcbereinstimmung mit oder der Abweichung von einem idealtypischen Begriff des Kapitalismus eingestuft. Somit k\u00f6nnten die Geschichtsabl\u00e4ufe von Regionen nie mehr sein als Fu\u00dfnoten der europ\u00e4ischen Erfahrung. Das Telos aller nationalen Geschichtsabl\u00e4ufe bleibe dasselbe, mit Europa als Endpunkt. Der zweite mit der Vorstellung von Kapitalismus verbundene Fehler bestehe in der Eliminierung jeglicher Kontingenz aus der historischen Entwicklung. Ihr Glaube an die universalisierende Dynamik des Kapitalismus mache Marxisten blind f\u00fcr \u00bbDiskontinuit\u00e4ten, Br\u00fcche und Verschiebungen im geschichtlichen Prozess\u00ab, so Chakrabarty. Befreit von St\u00f6rungen durch menschliche Handlungsmacht werde Zukunft vorhersehbar, auf ein bestimmbares Ende zulaufend.<\/p>\n<p>In \u00bbProvincializing Europe\u00ab best\u00e4tigt Chakrabarty, dass der Kapitalismus ungef\u00e4hr im Verlauf des letzten Jahrhunderts tats\u00e4chlich global wurde. W\u00e4hrend er die Tatsache der Globalisierung anerkennt, bestreitet er jedoch, dass dies gleichbedeutend ist mit dessen Universalisierung. Das erlaubt ihm und den seiner Denkweise folgenden Theoretikern, die offensichtliche Tatsache anzuerkennen, dass die Marktabh\u00e4ngigkeit in die entferntesten Ecken der Welt vorgedrungen ist, w\u00e4hrend sie weiterhin bestreiten, dass die Kategorie Kapitalismus f\u00fcr deren Analyse eingesetzt werden kann.<\/p>\n<p>Die Anh\u00e4nger der postkolonialen Theorie machen einen kleinen, aber entscheidenden Fehler. Sie stimmen Marx zwar zu, wenn dieser den Kapitalismus anhand des ihm innewohnenden Antriebs zur Ausdehnung bestimmt. Der indische Historiker Ranajit Guha fasst Marx\u2019 Argumentation wie folgt zusammen: \u00bbDiese [universalisierende] Tendenz geht auf die Selbstausbreitung des Kapitals zur\u00fcck. Seine Funktion besteht in der Schaffung eines Weltmarktes, der Unterwerfung aller vorhergehenden Produktionsweisen und der Ersetzung aller rechtlichen und institutionellen Begleitformen solcher Produktionsweisen und allgemein des gesamten Geb\u00e4udes vorkapitalistischer Kulturen durch Gesetze, Institutionen, Werte und andere Elemente einer Kultur, die der b\u00fcrgerlichen Herrschaft dienlich sind.\u00ab<\/p>\n<p>Marx behauptet aber gar nicht, dass das Kapital alle Institutionen grundlegend transformieren muss, sondern dass die eingesetzten Institutionen diejenigen sein werden, die \u00bbder b\u00fcrgerlichen Herrschaft dienlich sind\u00ab. Es stimmt, dass dies die Aufl\u00f6sung gro\u00dfer Teile der vorkapitalistischen rechtlichen und normativen Konventionen verlangt. Ob dies jedoch geschieht oder nicht und wie weit die Aufl\u00f6sung gehen muss, h\u00e4ngt davon ab, was der Kapitalismus braucht, um sich zu reproduzieren \u2013 um seine Selbstausbreitung fortzusetzen. Es ist durchaus m\u00f6glich, dass die Akkumulation weitergeht, w\u00e4hrend das Ancien r\u00e9gime weitgehend intakt bleibt.<\/p>\n<p>Kapitalisten streben nach Profiten, weil sie im Falle eines Scheiterns ihrer Firma von Marktrivalen \u00fcberholt werden. Wohin der Kapitalismus auch geht, dieser Imperativ wird ihm folgen. Alles, was er braucht, um sich zu reproduzieren, ist, dass \u00f6konomische Akteure diesem Imperativ Folge leisten \u2013 dem Imperativ der Unternehmen, nach gr\u00f6\u00dferen M\u00e4rkten und h\u00f6heren Profiten zu streben, indem sie ihre Rivalen aus dem Feld schlagen. Wenn nun die Kapitalisten gedr\u00e4ngt werden, nichts anderes zu tun als zu akkumulieren, werden sie kulturelle und rechtliche Institutionen daran messen, ob diese der Erreichung dieses Ziels f\u00f6rderlich sind. Wenn die vorhandenen Institutionen die Kapitalakkumulation bremsen, das Privateigentum nicht respektieren oder die Arbeitskr\u00e4fte vom Zwang, Arbeit zu suchen, abschotten, wird das Kapital gegen sie zu Felde ziehen. Kapitalisten streben nach einer Ausweitung ihrer Unternehmungen und der bestm\u00f6glichen Rendite, und solange ihre Unternehmungen problemlos verlaufen, interessieren sie die vorgefundenen Konventionen und Gebr\u00e4uche einfach nicht.<\/p>\n<p><strong>Allgemeine Widerstandsgr\u00fcnde <\/strong><\/p>\n<p>Der Kapitalismus breitet sich in alle Ecken der Welt aus, angetrieben von seinem unstillbaren Hunger nach Profit, und indem er das tut, indem er einen immer gr\u00f6\u00dferen Teil der Weltbev\u00f6lkerung unter seine Herrschaft bringt, schreibt er eine wahrhaft universale Geschichte, die Geschichte des Kapitals. Anh\u00e4nger der postkolonialen Theorie m\u00fcssen sich das eingestehen, auch wenn sie das als sachlich falsch erachten. Noch mehr st\u00f6rt sie die zweite Komponente der materialistischen Analyse, die die Urspr\u00fcnge des Widerstands betrifft. Es ist unbestritten, dass der Kapitalismus im Zuge seiner Ausbreitung auf Gegenwehr trifft \u2013 von Arbeitern, Bauern, die um ihr Land k\u00e4mpfen, indigenen Bev\u00f6lkerungsgruppen usw. Der positive Bezug auf diese K\u00e4mpfe kann als Art Visitenkarte von Verfechtern postkolonialer Theorie gelten. In diesem Punkt scheinen sie sich mit Vertretern eines marxistischen Verst\u00e4ndnisses kapitalistischer Politik einig zu sein, aber die \u00c4hnlichkeit der Herangehensweise ist nur oberfl\u00e4chlich. W\u00e4hrend Marxisten Widerstand von unten als Ausdruck realer Interessen von Arbeitern verstehen, vermeidet die postkoloniale Theorie typischerweise jede Erw\u00e4hnung objektiver, universaler Interessen. Aus dieser Sicht sind die Urspr\u00fcnge des Kampfes lokal, der Kultur der Arbeiter eigen, sie ergeben sich aus den Besonderheiten des Ortes und der jeweiligen Geschichte \u2013 und sie sind nicht Ausdruck von Interessen, die auf bestimmte universale Grundbed\u00fcrfnisse zur\u00fcckgehen.<\/p>\n<p>Analysen, die den Widerstand als Ausdruck gemeinsamer, universaler Triebkr\u00e4fte sehen, werden angefeindet, weil sie den Akteuren ein Bewusstsein unterstellten, das f\u00fcr den entwickelten Westen bezeichnend sei. K\u00e4mpfe auf materielle Interessen zur\u00fcckzuf\u00fchren bedeute, Arbeitern \u00bbmit einer bourgeoisen Rationalit\u00e4t auszustatten, weil nur in einem solchen System der Rationalit\u00e4t der \u203a\u00f6konomische Nutzen\u2039 einer Handlung (oder eines Objektes, einer Beziehung, einer Institution etc.) ihre Sinnhaftigkeit bestimmt\u00ab.<a href=\"http:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-admin\/post-new.php#_edn4\" name=\"_ednref4\">[iv]<\/a> All dies geht auf die poststrukturalistische Philosophie zur\u00fcck und soll verhindern, dass essentialisierte, von der Aufkl\u00e4rung weitergegebene Kategorien verwendet werden. Arturo Escobar erkl\u00e4rt, dass \u00bbuns die poststrukturalistische Theorie des Subjektes [\u2026] zwingt, die liberale Vorstellung des Subjektes als selbstbeschr\u00e4nktes, autonomes, rationales Individuum aufzugeben. Das Subjekt wird in einer Vielzahl von Bereichen mittels historischer Diskurse und Praktiken \u2013 und in ihnen \u2013 geschaffen.\u00ab<a href=\"http:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-admin\/post-new.php#_edn5\" name=\"_ednref5\">[v]<\/a><\/p>\n<p>W\u00e4hrend Marxisten und Vertreter materialistische Theorien also an einem Konzept menschlicher Bed\u00fcrfnisse, auf deren Grundlage sich Widerstand formiert, festhalten, lehnen heutige Anh\u00e4nger des Poststrukturalismus \u2013 mit der postkolonialen Theorie als prominentester Vertreterin \u2013 diese Vorstellung ab und bevorzugen eine, nach der sich Individuen vollkommen durch Diskurse, Kultur, Br\u00e4uche etc. konstituieren. Insoweit es Widerstand gegen Kapitalismus gebe, m\u00fcsse dieser als Ausdruck lokaler und spezifischer Bed\u00fcrfniskonzepte verstanden werden. In Chakrabartys Worten wird der Kampf gegen das Kapital durch \u00bbunendliche Inkommensurabilit\u00e4ten\u00ab lokaler Kulturen angetrieben, steht also au\u00dferhalb der universalisierenden Erz\u00e4hlungen der Aufkl\u00e4rung.<\/p>\n<p>Die Frage ist nun, ob es unzul\u00e4ssig ist, Akteuren verschiedener Kulturen und Zeitperioden universale Bed\u00fcrfnisse und Interessen zuzuschreiben. Zweifellos sind von Menschen gesch\u00e4tzte und angestrebte Dinge gr\u00f6\u00dftenteils kulturell bestimmt. In diesem Punkt sind sich F\u00fcrsprecher der postkolonialen Theorie und Progressive einig. Hat Escobar jedoch recht, wenn er behauptet, dass Akteure von Diskursen und Br\u00e4uchen nicht nur beeinflusst, sondern ganz und gar in ihnen geschaffen werden? Nat\u00fcrlich k\u00f6nnen wir sehen, dass viele \u2013 wenn nicht sogar die meisten \u2013 Werte und Meinungen kulturell gepr\u00e4gt sind; es ist jedoch auch ein Kern von Werten und Meinungen zu erkennen, der Menschen verschiedener Kulturen gemein ist. Um ein wichtiges Beispiel zu geben: Es existiert keine Kultur auf der Welt, noch hat es je eine solche gegeben, in der die Akteure nicht auf ihr physisches Wohlergehen achten. Die Sorge um die Befriedigung bestimmter Grundbed\u00fcrfnisse \u2013 Lebensmittel, Unterkunft, Sicherheit etc. \u2013 war und ist Teil des normativen Repertoires von Menschen, unabh\u00e4ngig von Ort und Zeit. Nie hat es eine dauerhafte Kultur gegeben, welche die Absicherung der Grundbed\u00fcrfnisse ignoriert oder aufgegeben h\u00e4tte, weil die Befriedigung dieser Bed\u00fcrfnisse Voraussetzung f\u00fcr die Reproduktion einer Kultur ist.<\/p>\n<p>Erst die Sorge der Menschen um ihr Wohlergehen verankert den Kapitalismus in jeder Kultur, in die er sich eingeschleust hat. Marx beobachtete, dass \u2013 sobald sich kapitalistische Verh\u00e4ltnisse etabliert haben und die Akteure deren Anforderungen unterworfen sind \u2013 schon der \u00bbstumme Zwang der \u00f6konomischen Verh\u00e4ltnisse\u00ab die Arbeiter veranlasse, sich ausbeuten zu lassen. Das gilt ungeachtet der Kultur und Ideologie \u2013 wenn sich Menschen in der Position eines Arbeiters oder einer Arbeiterin befinden, werden sie sich der Arbeit zur Verf\u00fcgung stellen.<\/p>\n<p>Die gleiche Sorge um das Wohlergehen, das Arbeiter in die Arme von Kapitalisten treibt, bringt sie auch dazu, gegen die Bedingungen ihrer Ausbeutung zu k\u00e4mpfen. Das erbarmungslose Streben der Unternehmer nach Profit findet seinen unmittelbarsten Ausdruck im st\u00e4ndigen Versuch, die Produktionskosten zu minimieren. Die offensichtlichsten sind nat\u00fcrlich die L\u00f6hne. H\u00f6here Profitmargen setzen deren Senkung voraus, was zwangsl\u00e4ufig zu einer Verschlechterung des Lebensstandards der Arbeiter f\u00fchrt, also zu einem mit unterschiedlicher Intensit\u00e4t durchgef\u00fchrten Angriff auf ihr Wohlergehen.<\/p>\n<p>Wenn wir nun das Streben der Unternehmer nach Kontrolle \u00fcber andere produktionsbezogene Kosten hinzunehmen \u2013 die verl\u00e4ngerte Nutzung \u00fcberalterter Maschinerie und die damit verbundenen erh\u00f6hten Verletzungsgefahren, die Erh\u00f6hung von Arbeitstempo und -intensit\u00e4t, Verl\u00e4ngerung des Arbeitstages, Angriffe auf die Altersversorgung usw. \u2013, k\u00f6nnen wir sehen, dass die Akkumulation systematisch mit dem Interesse der Arbeiter an einer Erhaltung ihres Wohlergehens kollidiert. Arbeiterbewegungen sind oft darauf ausgerichtet, diese grundlegenden Bedingungen der Reproduktion abzusichern, und nicht etwa auf die Durchsetzung eines h\u00f6heren Lebensstandards.<\/p>\n<p>Die Sorge um ihr Wohlergehen ist es also, die die Proletarier zun\u00e4chst dazu bringt, sich ausbeuten zu lassen, um dann aber sp\u00e4ter den Kampf um die Bedingungen ihrer Ausbeutung aufzunehmen. Dieser besondere Aspekt ihrer menschlichen Natur h\u00e4lt sie in einer antagonistischen, wechselseitigen Abh\u00e4ngigkeit vom Kapital gefangen. Es ist in ihrem Interesse, Besch\u00e4ftigung zu suchen, damit sie sich reproduzieren k\u00f6nnen; Bedingung f\u00fcr die Sicherung einer Besch\u00e4ftigung ist jedoch, dass sie sich der Autorit\u00e4t des Unternehmers unterwerfen, der ihr Wohlergehen gef\u00e4hrden wird, auch wenn er gleichzeitig ihre Arbeitsaktivit\u00e4t nutzt. Die erste Dimension dieses Prozesses \u2013 ihre Unterwerfung unter den Arbeitsvertrag \u2013 zeigt, warum der Kapitalismus in allen Ecken des Globus Fu\u00df fassen und sich festigen konnte. Die zweite Dimension \u2013 der Kampf um die Bedingungen ihrer Ausbeutung \u2013 zeigt, warum die Klassenreproduktion in jeder Region, in der sich der Kapitalismus etabliert hat, Klassenkampf hervorgebracht hat. Die Kehrseite der Universalisierung des Kapitals ist der universale Kampf der Arbeiter um die Sicherung ihres Wohlergehens.<\/p>\n<p><strong>Wegbereiter des Exotismus <\/strong><\/p>\n<p>Seit mehr als f\u00fcnf Jahren versetzt eine gewaltige Wirtschaftskrise die globalen M\u00e4rkte in Aufruhr und ersch\u00fcttert National\u00f6konomien von den USA bis Ostasien, von Nordeuropa bis zum s\u00fcdlichen Afrika. Sollte je ein Zweifel daran bestanden haben, dass das Kapital universal geworden ist, so k\u00f6nnen wir ihn jetzt gewiss begraben. In gleicher Weise sind auf der ganzen Welt Bewegungen gegen den Neoliberalismus entstanden, deren Forderungen sich auf bemerkenswert wenige Anliegen konzentrieren: \u00f6konomische Absicherung, mehr Rechte, die Aufrechterhaltung grundlegender Versorgungsleistungen und Schutz vor den erbarmungslosen Anforderungen des Marktes.<\/p>\n<p>Es wirkt bizarr, dass wir uns in einer solchen Zeit mit einer Theorie herumschlagen m\u00fcssen, die sich durch das Niederrei\u00dfen eben jener begrifflichen S\u00e4ulen einen Namen gemacht hat, die uns dabei helfen, die politische Situation einzusch\u00e4tzen und eine effektive Strategie zu entwerfen. Die Verfechter postkolonialer Theorie haben eine Menge Tinte versch\u00fcttet in ihrem Kampf gegen Windm\u00fchlen, die sie selbst schufen. Indem sie dies taten, leisteten sie einer massiven Wiederkehr von Nativismus und Orientalismus Vorschub. Es geht nicht nur darum, dass sie mehr Wert auf das Lokale legen als auf das Universale. Ihre Aufwertung des Lokalen, ihre Fixierung auf kulturelle Besonderheiten und vor allem ihr Beharren auf Kultur als Quelle von Handlungsmacht hat genau dem Exotismus den Weg bereitet, den die Linke einst an kolonialen Darstellungen des Nichtwestens verabscheute.<\/p>\n<p>Im gesamten 20. Jahrhundert war es der Fixpunkt antikolonialer Bewegungen, wenigstens der linken, dass Unterdr\u00fcckung falsch ist, wo auch immer sie stattfindet, weil sie grundlegenden menschlichen Bed\u00fcrfnissen widerspricht \u2013 der W\u00fcrde, der Freiheit, dem elementaren Wohlergehen. Jetzt hat die postkoloniale Theorie im Namen des Antieurozentrismus jedoch genau den kulturellen Essentialismus wiederauferstehen lassen, den Progressive \u2013 zu Recht \u2013 der ideologischen Rechtfertigung imperialer Herrschaft bezichtigten. Wenn Menschen ihre Rechte vorenthalten werden, gibt es daf\u00fcr dann keine bessere Rechtfertigung, als die blo\u00dfe Vorstellung von Rechten und universalen Interessen als kulturell befangen anzugreifen? Die Wiederbelebung einer internationalen und demokratischen linken Bewegung wird nur dann m\u00f6glich sein, wenn wir die beiden Universalismen anerkennen \u2013 unsere gemeinsame Menschlichkeit und deren Bedrohung durch einen brutal universalisierenden Kapitalismus.<\/p>\n<p>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.jungewelt.de\/2016\/06-06\/051.php\"><em>Junge Welt vom 6. Juni 2016<\/em><\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-admin\/post-new.php#_ednref1\" name=\"_edn1\">[i]<\/a> Bill Ashcroft, Gareth Griffiths, Helen Triffin (Hg.): The Postcolonial Studies Reader, London 1995<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-admin\/post-new.php#_ednref2\" name=\"_edn2\">[ii]<\/a> Gyan Prakash: Postcolonial Criticism and Indian Historiography, in: <em>Social Text<\/em>, Nr. 31\/32 (1992)<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-admin\/post-new.php#_ednref3\" name=\"_edn3\">[iii]<\/a> Dipesh Chakrabarty: Provincializing Europe, Princeton 2007<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-admin\/post-new.php#_ednref4\" name=\"_edn4\">[iv]<\/a> ders.: Rethinking Working Class History: Bengal 1890\u20131940, \u00adPrinceton 1989<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-admin\/post-new.php#_ednref5\" name=\"_edn5\">[v]<\/a> Arturo Escobar: After Nature: Steps to an Anti-essentialist Political Ecology, in: <em>Current Anthropology<\/em>, 40 (1), Februar 1999<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Anh\u00e4nger der postkolonialen Theorie distanzieren sich von den Begriffen Kapitalismus, Klasse und Universalismus. Stattdessen \u00adsehen sie nur kulturelle Unterschiede und haben unter Linken \u00adreichlich Verwirrung gestiftet. <\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,6],"tags":[25,14],"class_list":["post-1493","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-debatte","category-geschichte-und-theorie","tag-arbeiterbewegung","tag-postmodernismus"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1493","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1493"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1493\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1494,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1493\/revisions\/1494"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1493"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1493"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1493"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}