{"id":14951,"date":"2024-10-16T15:16:34","date_gmt":"2024-10-16T13:16:34","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=14951"},"modified":"2024-10-16T18:48:20","modified_gmt":"2024-10-16T16:48:20","slug":"14951","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=14951","title":{"rendered":"Zwischen Ost- und Westdeutschland: Abkehr von entt\u00e4uschten Hoffnungen"},"content":{"rendered":"<p><strong>\u00a0<\/strong><em>Heinrich Leitner. <\/em><strong>Ein Hafttagebuch aus dem Hier und heute. \u00dcber einen, der sich seinen fr\u00fcheren Opportunismus nicht verzeihen kann. Von einem Mann aus dem Osten: Birk Meinhardt. &#8211; Eine Rezension.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Birk Meinhardt? \u201eKenn ich nicht?!\u201c Na der hat zum Beispiel den Beststeller \u201eWie ich meine Zeitung verlor\u201c geschrieben. \u201eAch so, ja. Hab\u2018 davon geh\u00f6rt. Nee, den kenn ich nicht.\u201c Das ist ein Fehler, denn er hat Abkehr geschrieben, ein tolles Buch, das so vieles \u00fcber den Osten, vor allem aber auch \u00fcber den gesamt- oder gro\u00dfdeutschen Westen erz\u00e4hlt.<\/p>\n<p>Ich hatte von Birk Meinhardt geh\u00f6rt. Einer aus dem Osten, der im Westen gefeiert und vielfach ausgezeichnet wurde, sich dann aber querstellte und wieder auf die schiefe Ostbahn gekommen sein soll. \u00dcber seine Sicht auf den deutschen Qualit\u00e4tsjournalismus schrieb er 2020 ein Buch: <em>Wie ich meine Zeitung verlor.<\/em> \u201eSeine Zeitung\u201c, das war die <em>S\u00fcddeutsche<\/em>, f\u00fcr die er von 1996 bis 2012 gearbeitet hat. Darin bringt er, so las ich, seine Entt\u00e4uschung zum Ausdruck, in den \u201efreien\u201c Qualit\u00e4tsmedien des Westens nicht das finden zu k\u00f6nnen, was er, der ostdeutsche Journalist, sich vom Westen erhofft hatte. Es gilt als ein \u201ekluges\u201c und durchaus \u201eselbstkritisches\u201c Buch: er hatte von der Freiheit des Westens zu viel zu erwartet; das Gesch\u00e4ft der Medien misst er an seinem Ideal, will sich nicht anpassen und auch nicht den Kampf f\u00fchren, die Dinge seinen Vorstellungen anzuschmiegen. Wenn er bei \u201eseiner\u201c Zeitung nicht so schreiben konnte, wie er schreiben wollte, dann musste man sich eben trennen. Was ich dar\u00fcber gelesen hatte, schien mir plausibel. Mein zustimmendes Nicken kam aber ohne eigene Lekt\u00fcre aus. Von einem Spiegel-Bestseller erwartete ich eh\u2018 keine gro\u00dfen Einsichten.<\/p>\n<p>Wenn mich also vor zwei Wochen jemand gefragt h\u00e4tte, ob ich Birk Meinhardt kenne, h\u00e4tte ich wohl den Kopf gesch\u00fcttelt und erst nach Erw\u00e4hnung des \u201eBestseller\u201c-Titels mit \u201eAch den meinst Du?! Nee, kenn ich nicht\u201c geantwortet.<\/p>\n<p>Nun wurde ich aber von <a href=\"https:\/\/www.manova.news\/artikel\/abkehr-versus-eingliederung\">Michael Meyen<\/a> auf Birk Meinhardt gesto\u00dfen. Birk Meinhardt hat jetzt im August 2024 ein Buch ver\u00f6ffentlicht, das ich nun dank Michael Meyens Empfehlung gelesen habe: Abkehr. Ein Hafttagebuch. Ich hatte noch ein anderes Ossi-Buch auf meiner Leseliste, Lutz Seilers <em>Kruso<\/em>, ein Roman \u00fcber die Wende, der im Westen m\u00e4chtig gefeiert wurde. Wie Lutz Seiler und Birk Meinhardt kommt Michael Meyen aus dem Osten und wei\u00df, wovon er spricht: \u201eJa, der <em>Kruso<\/em> sei schon lesenswert, aber \u2026\u201c Und Recht hatte er! Jetzt, nachdem ich beide gelesen hab, steht mein Sinn ganz auf Abkehr. Ein beklemmendes Hafttagebuch, das mich sofort in seinen Bann geschlagen hat. Es ist keine leichte, keine fr\u00f6hliche Lekt\u00fcre, die auf den Leser wartet. Aber es ist ein Buch, das Wirklichkeit erschlie\u00dft \u2013 auch die im \u201eOsten\u201c, vor allem aber die im gesamtdeutschen \u201eWesten\u201c.<\/p>\n<p><strong>Untersuchungshaft<\/strong><\/p>\n<p><em>Ich sitze im Gef\u00e4ngnis. Der Gedanke ist mir fremd, fremd wie die vor mir liegende Hand, die gerade schreibt. Doch es ist Tatsache, ich sitze im Gef\u00e4ngnis\u2026<\/em><\/p>\n<p>So beginnt Birk Meinhardts Hafttagebuch. Schreiben l\u00e4sst er es von Erich Werchow, \u201eHeld\u201c auch der beiden B\u00e4nde, die Birk Meinhardt 2013 und 2017 zur Wende-Zeit ver\u00f6ffentlicht hat. (1) Wir werden damit an einen anderen, ber\u00fchmten ersten Satz erinnert: <em>\u201eJemand mu\u00dfte Josef K. verleumdet haben, denn ohne da\u00df er etwas B\u00f6ses getan h\u00e4tte, wurde er eines Morgens verhaftet.\u201c<\/em> Wie in Kafkas Prozess legt sich eine geheimnisvolle, alles beherrschende Macht \u00fcber das Leben. <em>\u201eIch bin nicht verurteilt, ich bin in U-Haft. Heute vormittag eingeliefert.\u201c<\/em><\/p>\n<p><em>\u201eIn der Zelle drin ist\u2019s noch ein Sanatorium, das wei\u00df ich jetzt. Aber drau\u00dfen auf den G\u00e4ngen kann es die H\u00f6lle sein\u2026\u201c<\/em> Wenn die T\u00fcr sich \u00f6ffnet \u2013 beim Aufschluss (2) \u2013 dr\u00e4ngen sich andere heran, H\u00e4ftlinge, die sich in Gruppen ordnen, \u201eAraber, Tschetschenen, Russen. Dann Vietnamesen. Hintendran die Deutschen.\u201c Hierarchien, in die man sich ein- und unterordnen, denen man dienen muss. Er lernt, wie schnell man sich an einer Trinkflasche t\u00f6dlich verschlucken kann. Es wird gepr\u00fcgelt und erniedrigt. Wir werden ins Gef\u00e4ngnisleben hineingezogen. Aber das Leben im Gef\u00e4ngnis ist \u2013 nach \u00d6ffnung der Zellengrenze \u2013 ein Abbild einer mehr und mehr verwahrlosten Gesellschaft. Der H\u00e4ftling, der nicht recht wei\u00df, wie ihm geschieht, blickt auf sich selbst und versucht sich durch Schreiben zu retten. Er f\u00fchrt ein Hafttagebuch, in dem er von der Haft und dem Leben schreibt, das ihn schlie\u00dflich ins Gef\u00e4ngnis gebracht hat. Wir erfahren langsam die Vorgeschichte seiner Untersuchungshaft. Er erinnert sich an seine Jugendjahre noch im alten Staat und sein Hin\u00fcbergleiten in den neuen.<\/p>\n<p><strong>Die eigene Schuld<\/strong><\/p>\n<p>Im alten Staat, noch vor dem \u201eAufschluss\u201c, hatte er sich, um sein Au\u00dfenhandelsstudium nicht zu gef\u00e4hrden, von der Schwester distanziert, die \u201eden\u201c 1976 ausgeb\u00fcrgerten Liedermacher anhimmelt und deshalb ins Visier der Staatssicherheit ger\u00e4t. So kann er \u2013 anders als die Schwester \u2013 sein Studium fortsetzen und wird <em>\u201ein der Weltwerbung\u201c<\/em> eingesetzt, freilich nur <em>\u201eals Messebetreuer f\u00fcr ausschlie\u00dflich die sozialistischen L\u00e4nder\u201c<\/em>. Er will sich seinen Opportunismus nicht verzeihen. Das bestimmt auch sein Handeln im neuen Staat. Als das Tor zur Freiheit sich 1989 \u00f6ffnet, scheint zun\u00e4chst alles gro\u00dfartig. Jenseits der beschr\u00e4nktspie\u00dfigen Ost-Beh\u00f6rde er\u00f6ffnet sich jetzt die gl\u00e4nzende Welt der freien Wirtschaft. Er \u201edarf\u201c, so der westliche Neusprech, f\u00fcr eine Agentur mit dem sprechenden Namen <em>Generosis<\/em> \u201et\u00e4tig sein\u201c, die seine Ost-Kontakte f\u00fcr die Osterweiterung ihres Gesch\u00e4fts nutzen will. Schon bald wird ihm klar, dass er sich wieder verbiegen m\u00fcsste, wollte er einer von <em>Generosis<\/em> werden. Er muss f\u00fcr die vorsorgliche Einnahme eines reichlich \u00fcberfl\u00fcssigen Psychopharmakas durch Gesunde werben, denn <em>\u201eBeschwerdefreiheit\u201c<\/em> sei lediglich als <em>\u201ePr\u00e4-Erkrankungsphase\u201c<\/em> zu werten. Auch wir haben gelernt, dass gerade die (scheinbar) symptomfreien Krankheiten zu den schwersten z\u00e4hlen, die deshalb so einschneidende Ma\u00dfnahmen erzwingen, dass auch Grundrechte ihnen angepasst werden. Und tats\u00e4chlich wird die weitere Selbstbesinnung im Hafttagebuch durchaus zeigen, dass die neue \u201eBeschwerdefreiheit\u201c in Wahrheit doch die Vorstufe einer schweren Erkrankung ist, deren schmerzliche Symptome bald sp\u00fcrbar werden. Es gibt sie schon, die Symptome einer schleichenden Erkrankung und Deformation, ohne dass sie von den Betroffenen gesp\u00fcrt w\u00fcrden.<\/p>\n<p><strong>Ein Trauerredner<\/strong><\/p>\n<p>Der sp\u00e4tere H\u00e4ftling k\u00fcndigt bei Generosis und beginnt tr\u00fcbsinnig zu werden. Seine Frau hilft ihm \u201eetwas Neues zu finden\u201c. Sie stellt die entscheidenden Fragen: <em>\u201eWo liegen deine St\u00e4rken, ich meine, die ureigensten? Welche ausgepr\u00e4gten F\u00e4higkeiten kannst Du einsetzen?\u201c<\/em> Seine Frau meint, er k\u00f6nne mit Menschen umgehen und <em>\u201egenauso mit der Sprache, dir gelingt es doch immer, die rechten Worte zu finden.\u201c<\/em> Deshalb schl\u00e4gt sie ihm vor, Trauerredner zu werden. Und das wird er dann auch und ist darin erfolgreich. Er erz\u00e4hlt die Geschichten der Toten, von <em>\u201eihren verl\u00e4sslichen Freundschaften, von ihrem erf\u00fcllten Leben\u201c.<\/em><\/p>\n<p>Nach der Wende wird alles anders. Was konnte man da noch von den Toten erz\u00e4hlen. Fragte er die Angeh\u00f6rigen,<\/p>\n<p><em>dann lautete die Antwort, der Vater, die Mutter, der Bruder, die Schwester haben wirklich noch eine sehr sch\u00f6ne Zeit gehabt. Sie sind mit Schmidt nach Amsterdam gefahren, nach Paris und sogar bis in die Toskana. Schmidt?, frage ich. Na das Busunternehmen hier. [\u2026] Die fr\u00fcheren Melker, Zerspaner, Agrotechniker, Metallfacharbeiter sind alle mit Bussen nach Amsterdam und Paris gefahren, und sie waren erst F\u00fcnfzig! Erst F\u00fcnfzig, und sonst nichts mehr in ihrem Leben. Keine sinnvolle T\u00e4tigkeit mehr, kein Gebrauchtwerden in einem gr\u00f6\u00dferen Sinn. Kein selbstverdientes Geld. Kein Stolz auf die H\u00e4nde, die noch fest waren und noch so vieles gekonnt h\u00e4tten, das war es, was mich, je mehr Einzelne aus dieser stillgelegten Generation ich durch die Berichte ihrer Nachfahren kennenlernte, mit immer tieferer Trauer und bald mit Schmerz erf\u00fcllte.<\/em><\/p>\n<p><strong>Die St\u00e4rke der Wiedererkennung<\/strong><\/p>\n<p>Der erfolgreiche Trauerredner wird dar\u00fcber tr\u00fcbsinnig, gibt auf und bleibt sich darin treu. Schon vorher hatten wir erfahren, worin er eine besondere St\u00e4rke sieht, die ihn vor anderen Zeitgenossen auszuzeichnen scheint. Er nennt es <em>\u201eWiedererkennung\u201c<\/em>. Er erkennt als B\u00fcrger des <em>\u201einzwischen abgeschafften Staats\u201c<\/em> Krankheitssymptome wieder, die anderen unscheinbar bleiben. Er hat sie so oder so \u00e4hnlich schon einmal erlitten. Er h\u00f6rt in dem Gesprochenen, das darin Gemeinte. Unliebsame Internet-Seiten zum Beispiel werden nicht einfach \u201egel\u00f6scht\u201c, sondern \u201edeaktiviert\u201c, Meinungsfreiheit wird verteidigt, indem man abweichende Meinungen als \u201eDesinformation\u201c, \u201eDelegitimation\u201c oder \u201eVerh\u00f6hnung\u201c des Staats entlarvt und unter Strafe gestellt. Das gilt vor allem, wenn man es wagt, die neu entwickelten Instrumente zum Schutz von Staat und Demokratie mit denen von \u201ealten, inzwischen abgeschafften\u201c Staaten zu vergleichen. Demokratie ist, was im Sinn der herrschenden Partei(en) ist. Der \u201eFraktionszwang\u201c zum Beispiel, der die frei gew\u00e4hlten und nur ihrem Gewissen verantwortlichen Abgeordneten im Bundestag und in den Landesparlamenten unter existentiellen Druck gleichschaltet, ist nichts als l\u00f6bliche \u201eFraktionssolidarit\u00e4t\u201c, die nat\u00fcrlich nicht zum Nachteil der Solidarischen ausschl\u00e4gt. Alles andere ist b\u00f6swillige Delegitimation.<\/p>\n<p><em>Was einem alles einf\u00e4llt, wenn man erstmal beim Notieren ist: Unsere Menschen, haben die Politiker im dann abgeschafften Staat st\u00e4ndig gesagt, wohingegen die Politiker im heute existierenden Staat immer sagen, die Menschen da drau\u00dfen. Das eine Vereinnahmung, das andere Abschottung, einst Umklammerung, heute das Fortweisen \u2026<\/em><\/p>\n<p>Was einst \u201edem deutschen Volke\u201c verpflichtet war, kennt jetzt nur noch Wahlb\u00fcrger, deren Rechte in ihrem (Wohl-)Verhalten gr\u00fcnden. <em>\u201eWer die Werte, die im Land vermittelt w\u00fcrden, nicht vertrete, k\u00f6nne<\/em> [ja] <em>jederzeit das Land verlassen\u201c<\/em> und sich \u201eausb\u00fcrgern\u201c. <em>\u201eDas sei die Freiheit jedes Deutschen.\u201c<\/em> Fl\u00fcchtlinge dagegen werden unbedingt und grenzenlos willkommen gehei\u00dfen, ohne auf ihre Werte befragt zu werden. Und <em>\u201eFl\u00fcchtlinge haben ohne jeden Zweifel ihre Heimat\u201c<\/em>, eine kulturelle Heimat, aus der sie sich zu fl\u00fcchten gen\u00f6tigt sehen. Wohin sie fliehen, ihre neue Heimat, ist allerdings eine, die es gar nicht gibt, die nur Rechtsradikale f\u00fcr sich reklamieren. In Wahrheit ist es eine multikulturelle Heimat, eine Heimat der Heimatlosen. Heimat <em>\u201eist die Sprache, in der ich mich ausdr\u00fccken kann\u201c<\/em>, ist das Vertraute, das mir erlaubt, Unvertrautem zu begegnen und mich ihm zu \u00f6ffnen. Heimat ist das, worin das f\u00fcr mich Selbstverst\u00e4ndliche wohnt, das ich gerade in der Begegnung mit anderen Kulturen als das erkenne, was mich im Innersten ausmacht und mich von ihnen unterscheidet. Man will bunte Vielfalt ohne Farbunterschiede. Aber Unterschiede sind verd\u00e4chtig. Gleichberechtigung wird zur Gleichheit.<\/p>\n<p><strong>Genau<\/strong><\/p>\n<p>Wer nach etwas gefragt wird, l\u00e4sst seine Antwort mit einem <em>\u201egenau\u201c<\/em> beginnen und zeigt damit, dass Fragen inzwischen nichts Fragliches mehr haben, sondern Aufforderungen sind, sich zu dem zu bekennen, was in der Frage behauptet wurde und f\u00fcr alle Gutmeinenden \u201ealternativlos\u201c ist. Ist es dann noch verwunderlich, dass man sich gern in immer gr\u00f6\u00dferen Autos fortbewegt, deren Scheiben immer kleiner werden: Verspiegelte Sehschlitze in zivilen Panzern, die nicht erlauben, sich nach rechts und links umzusehen, sondern aufs Vorankommen fokussieren und ihre Tauglichkeit darin zeigen, st\u00f6rende Hindernisse aus dem Weg zu r\u00e4umen.<\/p>\n<p><strong>Nichts zu verbergen<\/strong><\/p>\n<p>Manchmal ist das, was Erik Werchow wahr-nimmt, an der Grenze zum Paranoiden. Er erinnert sich in der Zelle daran, dass er und seine Frau einmal erschraken, als im Wohnzimmer pl\u00f6tzlich etwas zu surren begann. Aber es war \u201enur\u201c die Funkuhr, die begann, sich neu zu justieren. Ihnen kam der <em>\u201eirritierende Gedanke\u201c<\/em>, <em>\u201eeine unsichtbare fremde Hand schalte und walte, wie sie wolle\u201c.<\/em> Das ist ein nur eine Metapher auf ein verunsichertes Dasein.<\/p>\n<p><em>Nur weil du paranoid bist, hei\u00dft das nicht, dass sie nicht hinter dir her sind.<\/em><\/p>\n<p>Ich erinnere mich dabei an einen Kollegen, der sich einmal \u00fcber seine Mutter lustig gemacht hatte, die Amazons <em>Alexa<\/em> misstrauisch be\u00e4ugte, deren Leistungen ihr der Sohn stolz pr\u00e4sentierte. \u201eSie glaubt\u201c, so der Kollege damals, \u201ewohl wie manche Spinner, dass sie von Alexa belauscht werde.\u201c Aber, so der aufgekl\u00e4rte Kollege, <em>Alexa<\/em> reagiert ja erst, wenn sie ihren Namen h\u00f6rt. Wie sie ihren Namen h\u00f6ren kann, ohne dauerhaft zu horchen, schien ihm kein Problem. Und dass die NSA und das britische GCHQ breitfl\u00e4chig unsere Mobilfunkkommunikation abgeh\u00f6rt haben und es vermutlich noch tun, lie\u00df ihn v\u00f6llig unbeeindruckt, er habe ja nichts zu verbergen.<\/p>\n<p><strong>Alles eine Ermessensfrage<\/strong><\/p>\n<p><em>Niemand kommt ins Gef\u00e4ngnis, nur weil er seine Meinung ge\u00e4u\u00dfert hat? Das mag vor ein paar Jahren noch gegolten haben, aber heute? Ich sitze doch. Und ich hab noch nichtmal meine Meinung ge\u00e4u\u00dfert. Hab ich nicht, aber man hat es schon als Meinungs\u00e4u\u00dferung genommen, was ich mit meinem Gesicht gemacht hab, und hat mich deswegen und aus keinem Grund sonst in die hiesige Anstalt verbracht, so war es doch, oder!<\/em><\/p>\n<p>Birk Meinhardt Hafttagebuch spielt in einer nicht fernen Zukunft. Er berichtet von Dingen, die gerade passieren oder passiert sind. Einiges wird zugespitzt, aber alles ist so, dass es auch heute geschehen k\u00f6nnte. Neun Monate sa\u00df der Querdenken Initiator Michael Ballweg mit fadenscheinigen Anschuldigungen in Untersuchungshaft: betr\u00fcgerische Veruntreuung von Spenden und Geldw\u00e4sche wurden im vorgeworfen. Die Staatsanwaltschaft konnte nichts liefern, korrigierte schlie\u00dflich die Anschuldigung und nach neun Monaten wurde er aus der U-Haft entlassen. Noch immer hat er bei gesperrten Konten keinen Zugriff auf sein Verm\u00f6gen. Frei gelassen muss er von fremden Zuwendungen leben. Niemanden interessiert das. Selber schuld.<\/p>\n<p><strong>Alte Muster in neuer Gestalt<\/strong><\/p>\n<p>Auch Birk Meinhardts Erik Werchow ist dem Ermessen des \u201eneuen Staats\u201c hilflos ausgeliefert. Aber er schreibt in seinem Hafttagebuch dagegen an. Seine Geschichte hatte ihn darauf vorbereitet. <em>\u201eAls die Pandemie begann, war ich l\u00e4ngst immunisiert.\u201c<\/em> Ja, die Pandemie spielt eine gewisse Rolle <em>(\u201eRechne mit allem, wenn Millionen B\u00fcrger ihre Maske allzeit bereit am Ellbogen tragen.\u201c)<\/em>, aber die <em>Abkehr<\/em> ist grundlegender, geht tiefer. Er erlebt alte Muster in neuer Gestalt und zitiert einen italienischen Sozialisten, der <em>\u201eprophezeite, wenn der Faschismus wiederkehrt, wird er nicht sagen, ich bin der Faschismus. Er wird sagen, ich bin der Antifaschismus.\u201c<\/em> Das will kaum jemand h\u00f6ren, von Erik Werchow nicht und auch nicht von Birk Meinhardt.<\/p>\n<p>Der fr\u00fchere, preisgekr\u00f6nte Star der schreibenden Zunft, findet f\u00fcr seine \u201eTrauerrede\u201c keinen Verlag mehr, der das ver\u00f6ffentlichen will. Also gr\u00fcndet er kurzerhand einen eigenen, um seine Abkehr den Leuten nahezubringen. Ein trauriger, erschreckender Vorgang: niemand wird in Abrede stellen k\u00f6nnen, dass hier jemand schreiben kann. Aber wor\u00fcber er schreibt, das will niemand zug\u00e4nglich machen. Und nat\u00fcrlich will nun auch niemand \u00fcber die Abkehr reden, die sich einfach verbietet.<\/p>\n<p>Ein anderer Star der Zunft, Harald Martenstein, der sich ebenfalls kritisch \u00fcber die Verengung des Sagbaren ge\u00e4u\u00dfert hat, ist eine Ausnahme, eine, die ungewollt die Regel best\u00e4tigt.<\/p>\n<p><em>Vor ein paar Wochen schrieb ich \u00fcber kluge Autoren, die in Deutschland nur in kleinen Nischenverlagen erscheinen k\u00f6nnen. Und zwar deshalb, weil sie von irgendwem als \u00bbrechts\u00ab gebrandmarkt wurden. Damit, dass es nur eine einzige gesellschaftlich akzeptierte Denkweise gibt, ob nun die linke oder welche andere auch immer, darf man sich in einer Demokratie nicht abfinden. Auch als Linker nicht, \u00fcbrigens. Daraufhin bekam ich Post von einem Kollegen. Es gebe B\u00fccher, die in Deutschland \u00fcberhaupt niemand mehr zu verlegen wage. Er habe so eins geschrieben. Um es herauszubringen, habe er eigens einen Verlag gr\u00fcnden m\u00fcssen. Sein Buch Abkehr, Untertitel Ein Hafttagebuch, lag bei. Der Absender war kein Niemand, sondern ein mehrfach preisgekr\u00f6nter Reporter, zeitweise ein Star unserer Branche, Birk Meinhardt, geboren in Berlin-Pankow, in der DDR junger Sportreporter.<\/em><\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich verweist Martenstein auf Meinhardts Medienkritik-Bestseller \u00fcber seine verlorene Zeitung, den er gut fand. Aber <em>\u201eAbkehr ist ein radikalerer Text als der \u00fcber die S\u00fcddeutsche.<\/em> [\u2026] <em>Ich war voreingenommen, ich wollte Abkehr gut finden, unter anderem wegen des Autors.\u201c<\/em> Aber richtig gut, kann Martenstein die Abkehr nicht finden. Seine Abkehr ist weniger \u201eradikal\u201c. Beim Tagesspiegel ausgestiegen, schreibt er weiter f\u00fcr Die Zeit und Die Welt \u2013 es muss ja weitergehen und es droht publish or perish, finanziell und symbolisch.<\/p>\n<p><strong>Wo sind die interessanten Schurken?<\/strong><\/p>\n<p>Martenstein st\u00f6rt <em>\u201edie Verbitterung, die aus fast jeder Zeile sprach, die Wut auf den Westen, der hier nur noch f\u00fcr L\u00fcge, Niedergang und Denunziation steht. In einem guten Roman sollte es auch interessante Schurken geben. Das fehlt.<\/em> [\u2026] <em>Es ist eines dieser B\u00fccher, in denen von vornherein klar ist, wer die Guten sind und wer die B\u00f6sen. War es denn nicht genau das, was Birk Meinhardt an der S\u00fcddeutschen gest\u00f6rt hat?\u201c<\/em> Nun also doch Kritik handwerklicher M\u00e4ngel? Ein zu simpel gestricktes Buch, das keine Graut\u00f6ne kennt, sondern dem SchwarzWei\u00df-Populismus fr\u00f6nt? W\u00fcrde man das auch Solschenizyns <em>Archipel Gulag<\/em> oder Orwells <em>1984<\/em> vorwerfen? M\u00f6chte man auch da von <em>\u201einteressanten Schurken\u201c<\/em> lesen, die ob ihrer Vielschichtigkeit unsere Sympathie gewinnen? Im \u00dcbrigen gibt es diese Charaktere in der Abkehr. Erik Werchow ist selbst so einer, aber auch sein Anwalt Dreisinger, seine Frau Carla und der Mitinhaftierte Genja. Selbst der brachiale deutsche Gef\u00e4ngnis-Pate Ed oder seine fr\u00fcheren Kollegen Gudemark und Grapp umweht ein nebul\u00f6ses Grau.<\/p>\n<p>Martenheim wirft Meinhardt Inkonsistenz vor und f\u00fchrt sie selbst vor: nicht \u00fcber die Person, die etwas sagt, sollte geurteilt werden \u2013 und schon gar nicht \u00fcber ihre Kontaktschuld \u2013 , sondern \u00fcber das, was sie sagt. Martenstein \u00e4u\u00dfert sich nun freilich nicht \u00fcber die Sache, <em>\u201eL\u00fcge, Niedergang und Denunziation\u201c<\/em>, Zensur, Willk\u00fcr und antifaschistischen Faschismus. Er m\u00f6chte lieber von \u201einteressanten Schurken\u201c lesen und findet die \u201eVerbitterung\u201c verst\u00f6rend, da sie ihm nun doch die Laune verdirbt.<\/p>\n<p><strong>Der abdriftende Osten<\/strong><\/p>\n<p>Aber Martenstein bekommt schlie\u00dflich doch die Kurve: <em>\u201ewichtig\u201c<\/em>, meint er, sei die <em>\u201eAbkehr schon. All das an Zorn, was demn\u00e4chst bei den Landtagswahlen in Ostdeutschland wahrscheinlich seinen Ausdruck findet, steht ungefiltert und wuchtig drin. Wobei Birk Meinhardt eher aus der Wagenknecht-Ecke kommt als aus der AfD-Ecke. Man m\u00fcsste ihn in die Talkshows einladen, dachte ich, man m\u00fcsste sich mit ihm auseinandersetzen, weil er f\u00fcr viele im Osten steht und weil er klug ist. Aber das wird nicht passieren, f\u00fcrchte ich, man wird Abkehr wohl entweder totschweigen oder Meinhardt mit Dreck bewerfen. So l\u00e4uft es meistens.\u201c<\/em> Es w\u00e4re politisch hilfreich, sich auch mit Meinhardt zu besch\u00e4ftigen, damit der Osten nicht endg\u00fcltig abdriftet. Ja, ja, der abdriftende Osten. Wir m\u00fcssen der Desinformation Einhalt gebieten, nicht die Dinge \u00e4ndern.<\/p>\n<p>Ich empfehle die Abkehr, nicht weil sie die merkw\u00fcrdige Vorstellungswelt des Ostens begreifbar macht. Sie versucht zu sagen, was ist. Das mag einem gefallen oder nicht. Ein wichtiges Buch, f\u00fcr das ich dem Autor dankbar bin. Also bitte: Lesen!<\/p>\n<p>Birk Meinhardt, \u201cAbkehr. Ein Hafttagebuch\u201d, Vabanque Verlag, 284 Seiten, 22 Euro<\/p>\n<p><strong>Fu\u00dfnoten<\/strong><\/p>\n<p>(1) Birk Meinhardt, <em>Br\u00fcder und Schwestern, Die Jahre 1979-1989<\/em>, 2013 und <em>Br\u00fcder und Schwestern, Die Jahre 1989-2001<\/em>, 2017.<\/p>\n<p>(2) <em>\u201eAufschluss hei\u00dft es, wenn die H\u00e4ftlinge raus d\u00fcrfen, also nicht auf den Hof\u201c<\/em> oder gar in die Freiheit, <em>\u201esondern innerhalb ihrer Station\u2026\u201c<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.hintergrund.de\/feuilleton\/literatur\/abkehr-von-enttaeuschten-hoffnungen\/\"><em>hintergrund.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 16. Oktober 2024<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0Heinrich Leitner. Ein Hafttagebuch aus dem Hier und heute. \u00dcber einen, der sich seinen fr\u00fcheren Opportunismus nicht verzeihen kann. Von einem Mann aus dem Osten: Birk Meinhardt. &#8211; Eine Rezension.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":14952,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[6],"tags":[87,23,39,113,45],"class_list":["post-14951","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-geschichte-und-theorie","tag-arbeitswelt","tag-buecher","tag-deutschland","tag-kultur","tag-neoliberalismus"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/14951","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=14951"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/14951\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":14954,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/14951\/revisions\/14954"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/14952"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=14951"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=14951"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=14951"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}