{"id":15018,"date":"2024-11-04T10:56:32","date_gmt":"2024-11-04T08:56:32","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=15018"},"modified":"2024-11-04T10:56:33","modified_gmt":"2024-11-04T08:56:33","slug":"gaza-ein-krieg-ohne-ende","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=15018","title":{"rendered":"Gaza: Ein Krieg ohne Ende?"},"content":{"rendered":"<p><em>Nathan Deas.<\/em> Die Ermordung Sinwars stellt nach der Ermordung Hassan Nasrallahs einen weiteren taktischen und milit\u00e4rischen Erfolg f\u00fcr die Netanjahu-Regierung dar, die in den letzten Monaten ihre Offensive gegen die Hamas, die Hisbollah und andere mit dem Iran verb\u00fcndete Milizen beschleunigt hat. Mit dem Tod Sinwars und davor Ismael Haniyehs, der im Juli von Israel<!--more--> in der iranischen Hauptastadt Teheran ermordet wurde, k\u00f6nnte der Hamas eine F\u00fchrungspers\u00f6nlichkeit mit ausreichender Autorit\u00e4t und Erfahrung fehlen, um die Organisation zu leiten \u2013 sowohl ihren milit\u00e4rischen Arm als auch die politische Verwaltung des Gazastreifens, die nach einem Jahr genozidalen Krieges in Tr\u00fcmmern liegt. Doch auch wenn die Ausl\u00f6schung des Hamas-Anf\u00fchrers Anlass f\u00fcr Jubelszenen in den Stra\u00dfen Israels war, wird die Realit\u00e4t bald mit einem lauten Knall wieder hervorkommen. Wer erinnert sich noch an Khalil al-Wazir? Abbas al-Musawi? Fathi Shiqaqi? Oder auch Ahmed Yassin? Sie waren die \u201eMonster\u201c aus Israels Vergangenheit. Khalil al-Wazirs Kriegsname war Abu Jihad und er war zusammen mit Yasser Arafat einer der wichtigsten F\u00fchrer des bewaffneten Arms der Fatah, deren Kr\u00e4fte schlie\u00dflich in der PLO aufgingen. Der Arzt Fathi Shiqaqi leitete den Pal\u00e4stinensischen Islamischen Dschihad, Abbas al-Musawi war vor Hassan Nasrallah Vorsitzender der Hisbollah, und Ahmed Yassin f\u00fchrte die Hamas an, nachdem diese Ende der 1980er Jahre von den pal\u00e4stinensischen Zweigen der Muslimbruderschaft gegr\u00fcndet worden war. Alle wurden nach spektakul\u00e4ren milit\u00e4rischen Geheimdienstoperationen durch Israel ermordet. Diese politischen und milit\u00e4rischen Morde haben jedoch nie zu greifbaren Erfolgen gef\u00fchrt \u2013 und die aktuelle Situation wird keine Ausnahme sein.<\/p>\n<p>Obwohl es schwierig ist, genau zu wissen, was von der unbestreitbar geschw\u00e4chten Hamas \u00fcbrig geblieben ist (die IDF-Propaganda behauptet, dass mehr als die H\u00e4lfte ihrer K\u00e4mpfer tot sei), scheint die Organisation immer noch zu existieren. Dies zeigt sich vor allem in der Fortsetzung der K\u00e4mpfe im Gazastreifen, die den Charakter eines Krieges geringer Intensit\u00e4t angenommen haben, der angesichts der maximalistischen Ziele, die sich der israelische Staat gesetzt hat, endlos ist. Wichtiger noch: Obwohl es in Kriegszeiten sehr schwierig ist, die \u00f6ffentliche Meinung zu erforschen, gibt es Anzeichen daf\u00fcr, dass sich an der Unterst\u00fctzung, die die Hamas vor den Angriffen vom 7. Oktober 2023 in Gaza genoss, wenig ge\u00e4ndert hat. Im Westjordanland hat sie sogar erheblich zugenommen. Laut den Ergebnissen der letzten Umfrage, die das Pal\u00e4stinensische Zentrum f\u00fcr Politik- und Umfrageforschung (PSR) zwischen dem 26. Mai und dem 1. Juni 2024 durchf\u00fchrte, hielten 57 Prozent der Pal\u00e4stinenser:innen im Gazastreifen die Entscheidung, Israel am 7. Oktober anzugreifen, f\u00fcr richtig, was demselben Prozentsatz wie im Dezember 2023 entspricht. Im Westjordanland stieg die Zustimmung auf 73 Prozent, ein leichter R\u00fcckgang im Vergleich zum Dezember 2023, als 82 Prozent der Bewohner des Westjordanlands den Angriff f\u00fcr gerechtfertigt hielten. In einer Art Ausweichbewegung scheint jede Partei auch dort an Popularit\u00e4t zu gewinnen, wo sie nicht regiert: Im Westjordanland finden 82 Prozent der Bev\u00f6lkerung, dass die Hamas in dem Konflikt zufriedenstellend gehandelt hat, w\u00e4hrend Abbas\u2018 Handeln nur 8 Prozent und das der Fatah 25 Prozent Zustimmung finden. Im Gazastreifen bleibt die Popularit\u00e4t der Hamas-Bewegung weiter hoch, da 64 Prozent der Bev\u00f6lkerung der Meinung sind, dass die Hamas zufriedenstellend gehandelt hat. Die Popularit\u00e4t der Fatah stieg dort ebenfalls an, von 21 Prozent auf 32 Prozent zwischen Dezember und M\u00e4rz, und blieb im Juni bei 23 Prozent. Indem sie die Gebiete wiedervereinigt und es der Hamas erm\u00f6glicht, sich in den Gebieten zu etablieren, aus denen die Pal\u00e4stinensische Autonomiebeh\u00f6rde sie vertrieben hatte, k\u00f6nnte die Partei, die den Gazastreifen regiert, ihre W\u00e4hler:innenbasis vergr\u00f6\u00dfern und ihre Hegemonie \u00fcber die pal\u00e4stinensische Politik vertiefen.<\/p>\n<p>Eine Handvoll Hypothesen, wie Ryan Bohl f\u00fcr <a href=\"https:\/\/worldview.stratfor.com\/article\/future-hamas-gaza-gauging-political-resilience-part-2\">Stratfor<\/a> festh\u00e4lt, ermutigen sogar zu der Annahme, dass ein Sieg der Hamas auf politischem Gebiet wahrscheinlicher ist. Wie die US-amerikanischen Pr\u00e4zedenzf\u00e4lle in der Region steht auch Israel vor der Sackgasse eines neuen asymmetrischen Krieges \u201egegen den Terror\u201c. Noch nie in der Geschichte war eine intensive Bombenkampagne eines Besatzers gegen einen Besetzten von Erfolg gekr\u00f6nt. Die USA haben diese Taktik wie in Vietnam, in Nordkorea und w\u00e4hrend des Golfkriegs viele Male ausprobiert \u2013 immer ohne Erfolg. Vor diesem Hintergrund ist es zweifellos m\u00f6glich anzunehmen, dass es der Hamas nicht nur gelingen wird, nach dem Krieg eine Position in Gaza zu behalten, sondern dass sie \u2013 gest\u00e4rkt durch ein gewisses \u201ePrestige\u201c \u2013 zu einem Bestandteil der F\u00fchrung eines breiteren Kampfes werden k\u00f6nnte, der ohne konsequente politische Opposition seitens der Fatah vom Westjordanland, dem Libanon und Syrien aus gef\u00fchrt wird. Die Hamas-Bewegung hat \u00fcbrigens die Integration in die PLO zu einem ihrer Hauptziele erkl\u00e4rt und setzt sich aktiv f\u00fcr die Abhaltung allgemeiner Wahlen in allen pal\u00e4stinensischen Gebieten ein, um aus ihrer gro\u00dfen Popularit\u00e4t im Westjordanland Kapital zu schlagen und sich an die Spitze der Pal\u00e4stinensischen Autonomiebeh\u00f6rde zu setzen. Dies ist die strategische Bedeutung der in Peking unterzeichneten Vereinbarungen zwischen vierzehn pal\u00e4stinensischen Fraktionen \u00fcber die Bildung einer Regierung der nationalen Einheit nach dem Krieg. Diese M\u00f6glichkeit ist umso wahrscheinlicher, als die IDF ihre Ziele im Gazastreifen bisher nicht erreichen konnte, w\u00e4hrend Israel die milit\u00e4rische Repression im Westjordanland mit t\u00e4glichen t\u00f6dlichen Razzien, Massenverhaftungen und einer beispiellosen Intensivierung des Siedlungsbaus versch\u00e4rft hat. Diese Situation droht mehr denn je in einen Zweifrontenkrieg zu eskalieren (die offene Front im Libanon nicht mitgerechnet), obwohl Tel Aviv seit Jahren daran arbeitet, Gaza von den besetzten Gebieten zu trennen. Es liegt damit nahe, dass die israelische Armee wahrscheinlich weiterhin unfreiwillig der Hamas helfen wird, ihren Plan zu verwirklichen: eine Verbindung von Gaza mit dem globalen Kampf zur Befreiung Pal\u00e4stinas herzustellen.<\/p>\n<p>Vor diesem Hintergrund und im R\u00fcckblick auf das vergangene Jahr scheint es schwierig, die Analyst:innen \u2013 ebenso wie die Erkl\u00e4rungen westlicher Politiker:innen \u2013 ernst zu nehmen, die versucht haben, Sinwars Tod zu einem Wendepunkt und Ausgangspunkt f\u00fcr eine \u201eDeeskalation\u201c zu machen. Wahrscheinlich hat sich sogar gerade das genaue Gegenteil ereignet. W\u00e4hrend die IDF am Tag nach dem 7. Oktober 2023 den Tod des Hamas-Anf\u00fchrers zu einem \u201eentscheidenden\u201c Ziel gemacht hatte, tr\u00e4gt seine Ermordung paradoxerweise dazu bei, die Widerspr\u00fcche in Israel zu verst\u00e4rken. Netanjahu steht vor einer Entscheidung, die er bislang nicht treffen musste: Einerseits k\u00f6nnte der Druck f\u00fcr die R\u00fcckkehr der Geiseln und die gewaltigen Mobilisierungen der letzten Monate, insbesondere in Tel Aviv, wieder zunehmen und verst\u00e4rkt werden. Diese stellen weder den kolonialen Charakter des Gaza-Krieges noch die Ausweitung der israelischen Operationen auf den Libanon in Frage, k\u00f6nnten aber dazu beitragen, Netanjahu innenpolitisch zu schw\u00e4chen. Andererseits k\u00f6nnten die USA und andere imperialistische M\u00e4chte versucht sein, die Gelegenheit zu nutzen, um ein solches Ziel zu unterst\u00fctzen und zu versuchen, einen Waffenstillstand zu erzwingen. Im Zusammenhang mit dem Libanon sind in den letzten Wochen im westlichen imperialistischen Block erste Risse in Bezug auf die bedingungslose Unterst\u00fctzung Israels aufgetreten. Diese Reibungen zeugen davon, dass sich die Politik Israels ver\u00e4ndert und in l\u00e4ngerfristigen Ver\u00e4nderungen bez\u00fcglich seiner Stellung im imperialistischen System verwurzelt ist, da seine Position als Schl\u00fcsselgarant der westlichen Interessen in der Region geschw\u00e4cht wird. Da der Architekt des 7. Oktober 2023 nun ermordet wurde, k\u00f6nnten diese Risse sich vertiefen.<\/p>\n<p>Die US-Regierung versucht zwar, Netanjahu eine gewisse Zur\u00fcckhaltung aufzuerlegen, aber die absolut vorrangige Natur der strategischen Allianz mit Israel und der hegemoniale Niedergang der USA begrenzen ihre F\u00e4higkeit, Druck auf den israelischen Premierminister auszu\u00fcben. Dies gilt umso mehr vor dem Hintergrund, dass Sinwars Ermordung keines der Probleme der IDF gel\u00f6st hat. Der Tod eines Anf\u00fchrers ist nicht der Beginn einer politischen L\u00f6sung. Die Situation erinnert an den Beginn des Jahrhunderts, als die Hybris der USA in Afghanistan und im Irak die Phantasie von einem Regimewechsel zugunsten der Interessen des US-Imperialismus befl\u00fcgelte. In dem Glauben, ein politisches und milit\u00e4risches Problem mit einem Sturm aus Feuer und Blut l\u00f6sen zu k\u00f6nnen, waren die USA in langwierige und letztlich erfolglose Besatzungen hineingezogen worden, die mangels einer politischen L\u00f6sung immer mehr Massaker, aber auch Widerstand hervorriefen. W\u00e4hrend die menschlichen Kosten immens waren, haben zwei Jahrzehnte milit\u00e4rischer Aggressionen weder Demokratie noch die Ausrottung des Terrorismus gebracht \u2013 der Islamische Staat hat sich gerade auf den Ruinen der beiden L\u00e4nder eingenistet, w\u00e4hrend die Taliban in Afghanistan wieder an die Macht gekommen sind. Im Falle Israels und seines \u201einneren\u201c Kolonialkriegs (der Unterschied ist bemerkenswert und radikalisiert die Feststellung) sind Sinwars Tod, die Unterst\u00fctzung der Westm\u00e4chte f\u00fcr diesen neuen \u201eKrieg gegen den Terror\u201c und der Status quo der israelischen Sackgasse in Gaza ein weiteres Versprechen f\u00fcr die Aufrechterhaltung der laufenden Trends. Eine Sackgasse, die mehr denn je untrennbar mit den Dynamiken verbunden ist, denen der laufende Konflikt folgt.<\/p>\n<p><strong>Vom Sumpf in Gaza zu einer unvermeidlichen erweiterten Konfrontation<\/strong><\/p>\n<p>Israels Antwort auf den iranischen Raketenangriff vom 1. Oktober 2024 lie\u00df fast einen Monat lang auf sich warten. Nach einer Vielzahl von Drohungen und Ank\u00fcndigungen konnte man von Israel eine heftige Antwort erwarten, die vor allem auf die strategischen Interessen des Irans, die \u00d6l- und sogar die Nuklearinteressen, abzielte. Die israelische Antwort nahm schlie\u00dflich die Z\u00fcge einer kalkulierten und ma\u00dfvollen Reaktion an. Dies geschah zweifellos unter dem Druck seines US-amerikanischen Verb\u00fcndeten, der besorgt war, dass der Konflikt im Vorfeld der Wahlen ernsthaft eskalieren k\u00f6nnte, und vielleicht auch aufgrund der Zur\u00fcckhaltung des israelischen Staates selbst, der sich an mehreren Fronten im Kampf befindet und dessen betr\u00e4chtliche milit\u00e4rische Macht allm\u00e4hlich ersch\u00fcttert werden k\u00f6nnte. Israel scheint an drei gro\u00dfen Standorten etwa 20 Ziele anvisiert zu haben, darunter Produktionsst\u00e4tten f\u00fcr Raketen und Flugabwehrbatterien. Israel scheint seinen Schlag also mit der Absicht geplant zu haben, die Zahl der Opfer m\u00f6glichst gering zu halten und die Auswirkungen auf einem Niveau zu halten, das es dem Iran erm\u00f6glichen w\u00fcrde, gr\u00f6\u00dfere Sch\u00e4den zu leugnen und die Situation einzud\u00e4mmen. Es handelt sich dabei um eine in gr\u00f6\u00dferem Ma\u00dfstab durchgef\u00fchrte Art desselben Gegenschlags, den Israel im April gestartet hatte, als die IDF das Zentrum des Iran ins Visier nahm.<\/p>\n<p>Der Krieg, den Israel in Gaza und im Libanon f\u00fchrt, treibt den israelischen Staat offensichtlich zu einer gr\u00f6\u00dferen Konfrontation mit dem Iran. Weder Israel noch der Iran wollen derzeit einen regionalen Krieg, aber die Dynamik der Zerst\u00f6rung, die Israel nach dem 7. Oktober 2023 in Gang gesetzt hat, l\u00e4sst den israelischen Staat ohne Kriegsziel und ohne eine andere Perspektive als die der schlichten Vernichtung der Pal\u00e4stinenser:innen zur\u00fcck. Es ist dieses politische Vakuum, das den Vertreter:innen der radikalsten ethnisch-rassistischen Rechten, die unverbl\u00fcmt zum Krieg gegen den Iran und im weiteren Sinne gegen jeden aktuellen oder potenziellen Feind aufruft, jede Menge Spielraum bietet. Der Minister f\u00fcr innere Sicherheit, Itamar Ben Gvir, erkl\u00e4rte am Tag nach dem israelischen Gegenschlag, der Angriff auf den Iran sei wichtig \u201eals erster Schlag, um die strategischen Interessen des Iran zu sch\u00e4digen, und [dies] m\u00fcsse der n\u00e4chste Schritt sein\u201c. In der Tat ist es wahrscheinlich, dass die Spannungen in den n\u00e4chsten Wochen wieder abflauen werden. Gleichzeitig scheint es jedoch, dass der Verlauf des Konflikts den Akteuren, insbesondere Israel, weitgehend entgleitet.<\/p>\n<p>Seit dem Ersten Golfkrieg zwischen Iran und Irak (1980-1988) \u2013 einem Konflikt, in dem sich die K\u00e4mpfe haupts\u00e4chlich entlang der Grenze zwischen den beiden L\u00e4ndern abspielten \u2013, hatte der Iran noch nie einen Angriff dieser Gr\u00f6\u00dfenordnung erlebt. Unabh\u00e4ngig davon, ob es zu einem Krieg zwischen Israel und dem Iran kommt oder nicht, hat der Austausch gegenseitiger Angriffe bereits zu einer neuen regionalen geopolitischen Gleichung gef\u00fchrt, die weit \u00fcber die aktuelle Situation hinaus andauern wird. Vier Punkte scheinen dabei besonders entscheidend zu sein. Erstens k\u00f6nnte die Schw\u00e4chung seiner \u201eStellvertreter\u201c den Iran dazu ermutigen, sich notgedrungen allm\u00e4hlich auf eine neue Form der konventionellen milit\u00e4rischen Abschreckung zu verlassen, deren Umrisse der Angriff vom 1. Oktober 2024 skizziert hat. Dieser Prozess scheint bereits im Gange zu sein, wie der Austausch von Schl\u00fcsselfiguren in der iranischen Milit\u00e4rorganisation und die Rhetorik des iranischen milit\u00e4rischen Oberkommandos vom April \u00fcber die sogenannte <a href=\"https:\/\/legrandcontinent.eu\/fr\/2024\/04\/14\/pourquoi-liran-a-attaque-israel-comprendre-la-doctrine-de-la-nouvelle-equation\/\">\u201eneue Gleichung\u201c<\/a> belegen, nach der der Iran auf jeden Angriff gegen ihn direkt und ohne Umweg \u00fcber Mittelsm\u00e4nner reagieren w\u00fcrde. Zweitens sieht sich der Iran gezwungen, seine Haltung der \u201estrategischen Geduld\u201c, die er nach dem blutigen Krieg mit dem Irak eingenommen hatte, aufzugeben. Trotz seines offensichtlichen Widerwillens, k\u00fchne Entscheidungen zu treffen, griff der Iran Israel zweimal direkt an und offenbarte am 1. Oktober 2024 einige Schwachstellen in der Verteidigung eines Staates, der als unbesiegbar galt. Drittens wurden in diesem Zusammenhang alle bisherigen roten Linien umgesto\u00dfen. Viertens schlie\u00dflich k\u00f6nnte die Situation die radikale Ver\u00e4nderung der Teheraner Atompolitik vollenden und den iranischen Versuch beschleunigen, Atomwaffen zu erwerben, um sein abschreckendes Arsenal zu erweitern. All dies darf nat\u00fcrlich nicht \u00fcber die Schw\u00e4chen des iranischen Regimes hinwegt\u00e4uschen, sowohl in politischer als auch in milit\u00e4rischer Hinsicht. Das Regime ist zunehmend delegitimiert, wie der Einbruch der Wahlbeteiligung bei den letzten Wahlen (Parlamentswahlen und vorgezogene Pr\u00e4sidentschaftswahlen) zeigt, und muss sich mit einer feindseligen Bev\u00f6lkerung und einer durch internationale Sanktionen erstickten Wirtschaft auseinandersetzen. Auf milit\u00e4rischer Ebene kann sich der Iran nur auf sein leistungsf\u00e4higes und umfangreiches ballistisches Arsenal verlassen, das jedoch nur die Folge einer praktisch nicht vorhandenen Luftwaffe ohne Kapazit\u00e4ten ist. Aber gerade diese Schw\u00e4chen sind es, die den unberechenbaren Charakter der Situation im Nahen Osten offenbaren oder darauf hinweisen.<\/p>\n<p>In diesem Zusammenhang wird das Fehlen politischer Auswege, die Tendenz zu einem langwierigen und zerm\u00fcrbenden Konflikt mit der Hamas, aber vor allem mit der Hisbollah, weitere, auch unkontrollierte Eskalationen beg\u00fcnstigen. Diese Glut wird unter dem anhaltenden Atem der israelischen extremen Rechten und ihres historischen \u201eProjekts\u201c eines \u201eGro\u00df-Israel\u201c, das nun vom israelischen Generalstab selbst zur Schau gestellt wird,\u00a0 immer weiter angefacht<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/gaza-ein-krieg-ohne-ende\/#c08cb099-8800-48cb-a724-dc09f8179134\"><sup>1<\/sup><\/a>. All dies kann mittelfristig nur die bestehenden Tendenzen zu einer allgemeinen Konfrontation anheizen. Die westlichen M\u00e4chte sind im \u00dcbrigen die Hauptverantwortlichen f\u00fcr diese Situation. Abgesehen von einigen Posen haben sie weder im Kontext des genozidalen Krieges in Gaza und der Ausweitung der Besiedlung des Westjordanlandes noch angesichts der Ausweitung des Konflikts auf den Libanon versucht, von dem abzuweichen, was seit dem 7. Oktober letzten Jahres ihre Linie ist: die bedingungslose Unterst\u00fctzung Israels. Das endg\u00fcltige Scheitern des Oslo-Prozesses in diesem Zusammenhang, aber auch die zunehmende regionale Isolierung Israels \u2013 symbolisiert durch die Abk\u00fchlung der Beziehungen zu Saudi-Arabien, dessen Kronprinz Mohammed bin Salman erkl\u00e4ren musste, dass es keine Anerkennung des Staates Israel ohne \u201edie Schaffung eines unabh\u00e4ngigen pal\u00e4stinensischen Staates mit Ost-Jerusalem als Hauptstadt\u201c geben w\u00fcrde \u2013 haben wieder ins Rampenlicht ger\u00fcckt, dass die Stabilisierung des Nahen Ostens nicht ohne eine L\u00f6sung der pal\u00e4stinensischen Frage auskommen kann. Und dass diese unter den derzeitigen Koordinaten die Kriegstendenzen nur noch verst\u00e4rken w\u00fcrde. Der Krieg hat seit der Gr\u00fcndung Israels immer eine zentrale Rolle in der Politik des Landes gespielt. Aber vielleicht war er noch nie so sehr die einzige Perspektive.<\/p>\n<p><strong>Ein Krieg ohne Ende<\/strong><\/p>\n<p>Als Benjamin Netanjahu nach der Ermordung Nasrallahs von der M\u00f6glichkeit sprach, \u201edas jahrelange Kr\u00e4ftegleichgewicht in der Region zu ver\u00e4ndern\u201c, waren einige begeisterte Anh\u00e4nger:innen Israels versucht, in der Situation einen m\u00f6glichen Vergleich mit dem Sechstagekrieg von 1967 zu sehen \u2013 ein pl\u00f6tzlicher und unerwarteter israelischer Sieg, der das Kr\u00e4ftegleichgewicht im Nahen Osten ver\u00e4nderte. Doch w\u00e4hrend es eindeutig Chancen f\u00fcr Israel gibt, bleiben die Widerspr\u00fcche und Risiken enorm. Die strategische Landschaft des Nahen Ostens mit Gewalt neu zu gestalten, ist eine alte israelisch-amerikanische Idee, die der israelische Staat zumindest offiziell f\u00fcr sich beansprucht. Als der damalige Verteidigungsminister Ariel Sharon 1982 seine Truppen in den Libanon einmarschieren lie\u00df, wollte er nicht nur die Fedajin (M\u00e4rtyrer:innen) von Yassir Arafat zerschlagen, die vom S\u00fcden des Libanons aus Guerilla-Aktionen und Anschl\u00e4ge in Israel durchf\u00fchrten. Er wollte auch seinen lokalen Verb\u00fcndeten Baschir Gemayel, den Anf\u00fchrer der christlichen Kata\u00ebb-Partei (Phalangen), in Beirut an die Macht bringen und die syrischen Streitkr\u00e4fte aus dem seit 1976 besetzten libanesischen Gebiet vertreiben.<\/p>\n<p>Die Fantasie einer Neugestaltung der Levante tauchte 2003 im Zuge der US-Invasion im Irak wieder auf. Und erneut 2006 im Zusammenhang mit dem zweiten Krieg gegen den Libanon. In allen drei F\u00e4llen war das Ergebnis das Gegenteil von dem, was man sich erhofft hatte. Die israelische Offensive im Libanon von 1982 war weit davon entfernt, die syrischen Truppen nach Damaskus zur\u00fcckzuschicken, sondern trug dazu bei, dass sie sich bis 2005 dauerhafter im Libanon festsetzten. Zwar mussten die PLO-K\u00e4mpfer den Libanon unter den Schl\u00e4gen Israels evakuieren, doch ihr Abzug erleichterte die Entstehung einer neuen Miliz, die Israel ebenso feindlich gesinnt war \u2013 die Hisbollah. Mit dem Sturz des Baath-Regimes von Saddam Hussein geriet der Irak in die iranische Umlaufbahn, und die Operation von 2006 konnte die Hisbollah nicht \u201ezerst\u00f6ren\u201c, geschweige denn ihr eine politische Niederlage zuf\u00fcgen. Schlie\u00dflich hatte der Sechstagekrieg 1967 zwar die regionale geopolitische Gleichung ver\u00e4ndert und Jahre sp\u00e4ter zu dem vom US-Imperialismus unterst\u00fctzten Friedensabkommen mit \u00c4gypten gef\u00fchrt, aber er bedeutete nicht das Ende der nationalen pal\u00e4stinensischen Sache, die den Verrat der arabischen Nationalismen \u00fcberlebte und dann durch die Intifada in den besetzten Gebieten wieder an die Oberfl\u00e4che kam.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend sich im Hintergrund eine breitere Dynamik der Fragmentierung der internationalen Ordnung abzeichnet, die die M\u00f6glichkeiten einer kriegerischen Eskalation verst\u00e4rkt, funktioniert die (radikalisierte) Reaktivierung der \u201eBush-Doktrin\u201c des <em>Greater Middle East<\/em> \u2013 des ber\u00fchmten Paradigmas der Barbarei gegen die Zivilisation im Namen des \u201eKriegs gegen den Terror\u201c \u2013 im aktuellen Konflikt als ideologisches Dispositiv (das vor allem im Westen noch relativ wirksam ist). Diese Rhetorik, die bei weitem nicht nur ein Privileg von Netanjahus Likud-Partei ist, ist in erster Linie der zynischste Ausdruck des Imperialismus im Nahen Osten. W\u00e4hrend die Entwicklungen im Jemen und im Irak ebenfalls mit neuer Aufmerksamkeit verfolgt werden m\u00fcssen, ist die Situation bereits dabei, eine Reihe von vereinfachenden Erz\u00e4hlungen \u00fcber das \u201eEnde des Nahen Ostens\u201c in der US-Politik in Frage zu stellen.<\/p>\n<p>Der aktuelle Konflikt weist jedoch deutliche Unterschiede zu fr\u00fcheren Konflikten und insbesondere zur imperialistischen Doktrin der USA auf. Israel scheint derzeit nicht darauf aus zu sein, im Libanon oder gar im Gazastreifen ein Regime zu installieren, das seinen Interessen mehr entgegenkommt. Vielmehr geht es darum, das innenpolitische Gleichgewicht im Libanon neu zu ordnen, selbst mit (und durch) die Gefahr eines neuen B\u00fcrgerkriegs nach dem von 1975-1990. Israel versucht, seinen Staatsaufbau durch eine vermeintlich endg\u00fcltige L\u00f6sung des \u201ePal\u00e4stinenserproblems\u201c zu vollenden. Israel gestaltet den Nahen Osten durch einen Kollateralschock um und bringt die regionalen Gleichgewichte durcheinander, nicht durch die Verfolgung eines bestimmten politischen Ziels. Dieses Unterfangen zwingt nach und nach alle Akteure in der Region, einzugreifen oder sich zu \u00e4u\u00dfern, und verschiebt die westlichen Gro\u00dfm\u00e4chte wieder in Richtung der Achse Persischer Golf-Levante, wo Teheran seinerseits seine Verbindungen zu Moskau und Peking verst\u00e4rkt hat. Diese Dynamik ist bereits dabei, die Geopolitik und die imperialistischen M\u00e4chte im Nahen Osten teilweise neu zu zentrieren. Der Iran-Israel-Konflikt ist ein erster Ausdruck davon, aber er ist auch bei weitem nicht das letzte Kapitel einer sich beschleunigenden Dynamik. Anfang Oktober entsandten die USA erstmals Truppen nach Israel, und der Westen beteiligt sich bereits an Milit\u00e4roperationen im Roten Meer und im Persischen Golf, sei es gegen die Houthis oder gegen die iranischen Salven.<\/p>\n<p>Das <em>Wall Street Journal<\/em> vom 24. Oktober berichtete, dass der Kreml die Houthis \u00fcber den Iran mit Satellitendaten versorgt habe. W\u00e4hrend Russland in den letzten Monaten vermehrt milit\u00e4rische Partnerschaften mit dem Iran und Nordkorea eingegangen sein soll, um im Gegenzug Ausr\u00fcstung und Personal <a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/unterstuetzung-fuer-russland-wird-nordkorea-kriegspartei\/\">f\u00fcr die Fortsetzung des Konflikts in der Ukraine<\/a> zu erhalten, sieht sich Wladimir Putin immer mehr gezwungen, seinem iranischen Verb\u00fcndeten zu helfen. Anfang Oktober trafen sich der neue iranische Pr\u00e4sident Massud Peseschkian und sein russischer Amtskollege zum ersten Mal. Ein weiteres Symbol der Ann\u00e4herung zwischen den beiden L\u00e4ndern, das ein st\u00e4rkeres Engagement des Kremls bedeuten k\u00f6nnte. W\u00e4hrend der Iran Drohnen und ballistische Raketen zur Unterst\u00fctzung der Invasion in der Ukraine transferiert, soll das Land ein Auge auf die hochentwickelte russische Milit\u00e4rtechnologie (insbesondere Su-35-Kampfflugzeuge und S-400-Luftabwehrsysteme) geworfen haben.<\/p>\n<p>Das von Israel verfolgte maximalistische Ziel, das \u201ePal\u00e4stinenserproblem\u201c schlicht und einfach zu beenden, tendiert aufgrund seines barbarischen und zugleich unm\u00f6glichen Charakters dazu, alle geopolitischen Vermittlungen (angefangen nat\u00fcrlich mit den Stellvertretern des Iran), jede Diplomatie und jede regionale Zusammenarbeit aufzul\u00f6sen, auch wenn sie derzeit noch \u201ehalten\u201c. Der Krieg, so Carl von Clausewitz, ist die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln. Im Falle Israels tendiert diese Fortsetzung der Politik im Krieg dazu, zu ihrer schlichten und einfachen Verneinung zu werden: In dem Ma\u00dfe, wie der israelische Staat in die Leere seines mythischen und ethnisch-rassistischen Projekts Gro\u00df-Israel versinkt, untergr\u00e4bt er die eigentlichen Bedingungen seiner Existenz innerhalb einer arabischen und persischen Welt, deren V\u00f6lker (gegen ihre kriminellen, komplizenhaften oder passiven Staaten) den verlorenen Faden der Politik und der pal\u00e4stinensischen Sache wieder aufnehmen k\u00f6nnten.<\/p>\n<p><strong>Fu\u00dfnoten<\/strong><\/p>\n<ol>\n<li>Israelische Funktion\u00e4r:innen haben in internationalen Foren Karten von Israel vorgelegt, bei denen bemerkenswert ist, dass alle diese Karten keinen Hinweis auf einen pal\u00e4stinensischen Staat oder ein pal\u00e4stinensisches Gebiet enthalten.<\/li>\n<\/ol>\n<p><em>#Titelbild: Die Ermordung des Hamas-Anf\u00fchrers Sinwar ist weit davon entfernt, den Krieg zu beenden, sondern offenbart im Gegenteil die Flucht nach vorn des israelischen Regimes, das in einen immer brutaleren genozidalen Krieg verwickelt ist. <\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/gaza-ein-krieg-ohne-ende\/\"><em>klassegegenklasse.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 4. November 2024<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nathan Deas. Die Ermordung Sinwars stellt nach der Ermordung Hassan Nasrallahs einen weiteren taktischen und milit\u00e4rischen Erfolg f\u00fcr die Netanjahu-Regierung dar, die in den letzten Monaten ihre Offensive gegen die Hamas, die Hisbollah und andere &#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":15019,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[6],"tags":[87,18,35,11,49,46,17,33],"class_list":["post-15018","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-geschichte-und-theorie","tag-arbeitswelt","tag-imperialismus","tag-palaestina","tag-rassismus","tag-repression","tag-usa","tag-widerstand","tag-zionismus"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/15018","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=15018"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/15018\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":15020,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/15018\/revisions\/15020"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/15019"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=15018"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=15018"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=15018"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}