{"id":15032,"date":"2024-11-08T10:54:33","date_gmt":"2024-11-08T08:54:33","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=15032"},"modified":"2024-11-08T10:54:34","modified_gmt":"2024-11-08T08:54:34","slug":"die-oekonomie-von-besatzung-und-genozid","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=15032","title":{"rendered":"Die \u00d6konomie von Besatzung und Genozid"},"content":{"rendered":"<p><em>Daniel Kipka-Anton.<\/em><strong> Nach weit \u00fcber 40.000 Toten f\u00e4llt ein n\u00fcchterner Blick auf langfristige Pl\u00e4ne der israelischen Politik schwer. Und doch ist die Frage wichtig, denn ihre Antwort gibt Hinweise auf polit-\u00f6konomische Interessen hinter dem Genozid und der gro\u00dffl\u00e4chigen Zerst\u00f6rung der pal\u00e4stinensischen Gebiete.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Im Windschatten der israelischen Bombardierung und dem Einmarsch im Libanon geht das aktuelle Vorgehen der sogenannten Israel Defence Forces (IDF) im Gazastreifen in den deutschen Nachrichten nahezu unter. Der Blick dorthin ist weiterhin nicht nur n\u00f6tig, um den gegenw\u00e4rtigen Genozid zu verstehen, sondern auch, um eine Prognose f\u00fcr die Zukunft der Besatzung und der beabsichtigten Nachkriegsordnung zu wagen. Denn diese besteht nicht allein aus Zerst\u00f6rung, Vertreibung und ethnischer S\u00e4uberung, sondern auch aus einer gef\u00e4hrlichen Mischung aus Kontrolle, \u00f6konomischen Interessen und politischen Wahnideen.<\/p>\n<p><strong>Die Entv\u00f6lkerung des n\u00f6rdlichen Gazastreifens<\/strong><\/p>\n<p>Die IDF konzentrieren sich aktuell vor allem auf den Norden des Gazastreifens. So ist dieser Tage vor allem das Fl\u00fcchtlingslager Dschabalija mit seinen tausenden Einwohner:innen Ziel israelischer Attacken. Wie aus allen anderen Phasen seit <a href=\"https:\/\/www.marx21.de\/saat-der-gewalt-die-ursachen-des-7-oktober-palaestina-gaza-israel-hamas-krieg\/\">Oktober 2023<\/a> bekannt, wird kein Unterschied zwischen milit\u00e4rischen Zielen, Wohnh\u00e4usern und Krankenh\u00e4usern gemacht. Wie im bisherigen Verlauf werden Frauen, Kinder und Alte zu Zielen.<\/p>\n<p>Dschabalija gilt als gr\u00f6\u00dftes Fl\u00fcchtlingslager innerhalb Pal\u00e4stinas und der laufende Einsatz skizziert, was Israel in naher Zukunft anstrebt: ein zun\u00e4chst entv\u00f6lkertes und schlie\u00dflich vollst\u00e4ndig und dauerhaft milit\u00e4risch besetztes Gebiet. Diese Strategie wurde Anfang September in israelischen Medien als \u00bbGeneral\u2019s plan\u00ab lanciert. Neu ist die Idee einer weiteren und noch st\u00e4rkeren Aufteilung und Zersplitterung des Gazastreifens, welcher seit 2007 unter einer hermetischen Blockade steht, aber nicht. Bereits zu Beginn des Jahres 2024 entstand inmitten der Milit\u00e4roperation der sogenannte \u00bbHighway 749\u00ab, eine von israelischen Bulldozern und Panzern geschaffene Stra\u00dfe, die das zerbombte Gebiet s\u00fcdlich von Gaza-Stadt bis zum Mittelmeer durchpfl\u00fcgt und damit beste Voraussetzungen f\u00fcr eine Teilung in einen n\u00f6rdlichen und s\u00fcdlichen Teil des Gazastreifens schafft.<\/p>\n<p>Auch hier ist das Muster klar: Wer nicht get\u00f6tet wurde und sich nicht vertreiben l\u00e4sst, muss mit noch h\u00e4rterer Kontrolle rechnen und mit weiteren Dem\u00fctigungen. Ob Netanjahus Plan aufgeht, ist offen: Die extreme Rechte kann aber zufrieden sein, weil weitere potenzielle Gebiete f\u00fcr j\u00fcdische Siedlungen erschlossen werden und f\u00fcr das erweiterte rechte Spektrum bleibt die Perspektive auf einen noch h\u00e4rter kontrollierten und geteilten Gazastreifen.<\/p>\n<p>Ideologisch steckt hinter diesem Vorgehen die Idee von einem \u00bbGro\u00df-Israel\u00ab. Das ist keine Phantasterei des \u00e4u\u00dfersten rechten Rands des politischen Spektrums in Israel. Der Ministerpr\u00e4sident Benjamin Netanjahu selbst kokettiert bei \u00f6ffentlichen Auftritten \u2013 unter anderem bei den Vereinten Nationen \u2013 regelm\u00e4\u00dfig mit dieser Idee, indem er beispielsweise eine Karte Israels ohne die pal\u00e4stinensischen Gebiete zeigt. \u00bbFrom the river to the sea\u00ab ist hier l\u00e4ngst ein politisches Programm. Was im Westjordanland seit Jahrzehnten passiert, sch\u00e4lt sich also immer weiter auch als Ziel der Kriegsf\u00fchrung seit dem 7. Oktober heraus. Israelische Kabinettsmitglieder sprechen offen vom Ziel der teilweisen oder vollst\u00e4ndigen Vertreibung bzw. <a href=\"https:\/\/www.zdf.de\/nachrichten\/politik\/ausland\/israel-gazastreifen-aushungern-finanzminister-100.html\">Vernichtung<\/a> der pal\u00e4stinensischen Bev\u00f6lkerung und der damit einhergehenden Vergr\u00f6\u00dferung des israelischen Staatsgebiets.<\/p>\n<p><strong>Zahlt sich der Genozid aus?<\/strong><\/p>\n<p>Doch die planm\u00e4\u00dfige Zerst\u00f6rung pal\u00e4stinensischen Lebens ist nicht nur ein ideologisches Gro\u00dfprojekt, sondern auch eine finanziell lukrative Idee. Israelisches und internationales Kapital zeigt teils unverhohlenes Interesse an einem ges\u00e4uberten und noch st\u00e4rker durch Israel kontrollierten Gazastreifen. Vor einigen Wochen schw\u00e4rmte der Schwiegersohn Donald Trumps, Jared Kushner, in einem Interview vom m\u00f6glichen Wert der Grundst\u00fccke an Gazas K\u00fcste und verband diese Feststellung mit dem Ratschlag: <a href=\"https:\/\/www.theguardian.com\/us-news\/2024\/mar\/19\/jared-kushner-gaza-waterfront-property-israel-negev\">\u00bbI would do my best to move the people out and then clean it up\u00ab<\/a> \u2013 ein offener Aufruf zugunsten von Immobilienspekulation den Genozid in Kauf zu nehmen.<\/p>\n<p>Kushner ist mit diesen Pl\u00e4nen kein Sonderling, sondern f\u00fcgt sich in ernsthafte Planungen gro\u00dfer Immobilienriesen ein, die damit beginnen, sich um die Kriegsbeute zu streiten. Kaum beachtet hierzulande und auch abseits der Waffenlieferung von Rheinmetall &amp; Co. will auch das deutsche Kapital Profite mit den ges\u00e4uberten Immobilien machen, so beispielsweise der Axel-Springer-Verlag. Nach <a href=\"https:\/\/theintercept.com\/2024\/02\/05\/axel-springer-israel-settlement-profit\/\">Recherchen<\/a> des Journalisten Hanno Hauenstein besitzt der Verlag das gr\u00f6\u00dfte israelische Anzeigenportal \u00bbYad2\u00ab, welches nicht nur Wohnungen in den illegalen Siedlungen im Westjordanland an Interessent:innen aus Israel vermittelt, sondern erst vor wenigen Monaten mit ganzseitigen Anzeigen Werbung unter dem Titel \u00bbFrom the river to the sea\u00ab platzierte.<\/p>\n<p>Der Spruch, in Deutschland kriminalisiert, wenn von Pal\u00e4stina-solidarischen Menschen benutzt, wird hier in Kombination mit einer Karte von Israel verwendet, auf der die pal\u00e4stinensischen Gebiete schlicht nicht sichtbar sind. Selbst f\u00fcr einen Verlag wie Springer ist ein solcher Grad an Zynismus krass. Einer \u00f6konomischen Grundlage entbehren die Ideen aber leider keineswegs und sie sind eine konsequente Fortsetzung des israelischen <a href=\"https:\/\/www.marx21.de\/nahostkonflikt-schlimm-dass-man-dazu-mut-braucht-interview-mit-helga-baumgarten\/\">Siedlerkolonialismus<\/a>, der sich lange vor dem 7. Oktober, vor allem im Westjordanland, Bahn brach.<\/p>\n<p><strong>Deutsche Profiteure und Komplizen<\/strong><\/p>\n<p>Die weiteren Kriegspl\u00e4ne sind somit auch blutige Investitionsm\u00f6glichkeiten. Die Chancen stehen gut, dass auch hier deutsche Unternehmen von der m\u00f6glichen Nachkriegsordnung und dem Wiederaufbau unter israelischer \u00c4gide profitieren werden. \u00bbHeidelberg Materials\u00ab fr\u00fcher \u00bbHeidelberg cement\u00ab, eines der gr\u00f6\u00dften Baustoffunternehmen der Welt, hat auch in der Westbank keine Probleme, in besetzten Gebieten Rohmaterialien abzubauen und <a href=\"https:\/\/taz.de\/Protest-gegen-deutsches-Unternehmen\/!5730381\/\">Baustoff f\u00fcr illegale Siedlungen<\/a> zu liefern. Betongold kennt keine Menschenrechte und es gibt wenig Hinweise darauf, warum das deutsche Kapital pl\u00f6tzlich Skrupel entwickeln sollte.<\/p>\n<p>Der Immobilienmarkt ist jedoch bei weitem nicht das einzige Gesch\u00e4ftsfeld, das von der israelischen Politik und damit von der Unterdr\u00fcckung der pal\u00e4stinensischen Bev\u00f6lkerung profitiert. Der Waffen- und R\u00fcstungshandel zwischen Deutschland und Israel war schon in der j\u00fcngeren Vergangenheit stark, bl\u00fcht aber sp\u00e4testens seit dem 7. Oktober in ungekanntem Ausma\u00df auf: Seit dem Angriff der <a href=\"https:\/\/www.marx21.de\/eine-kurze-geschichte-der-hamas\/\">Hamas<\/a> haben sich die deutschen Waffenexporte an Israel verzehnfacht, auf \u00fcber 300 Millionen Euro. Damit kommen 30 Prozent der Gesamtimporte Israels an Waffen und R\u00fcstungsg\u00fctern aus deutschen Waffenschmieden. Rheinmetall und Co. sind direkte Profiteure des israelischen Kriegs, ihre B\u00f6rsenwerte gingen seit Kriegsbeginn durch die Decke.<\/p>\n<p>Ein bisher ungehobener Schatz schlummert zudem unter dem Mittelmeer vor dem Gazastreifen. <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Gaza_Marine\">\u00bbGaza Marine\u00ab<\/a> ist ein massives Gasfeld 35 Kilometer vor der K\u00fcste. Von der britischen BG Group im Jahr 2000 entdeckt, hat Israel zwar bisher noch nicht direkt versucht, das Feld zu erschlie\u00dfen, aber durch die von Israel gezogene Seegrenze um den Gazastreifen ist es ebenso wenig m\u00f6glich, dass Pal\u00e4stina dort Gas f\u00f6rdert. Einmal mehr ist also die Einhegung Gazas mit m\u00f6glichen Milliardenprofiten verbunden.<\/p>\n<p><strong>Was steckt hinter Israels Genozid?<\/strong><\/p>\n<p>Es w\u00e4re eindimensional und falsch, den V\u00f6lkermord auf Profitinteressen zu reduzieren. Er ist \u2013 unter anderem \u2013 Resultat der geopolitischen Interessenlage der USA und der EU, praktisches Testfeld f\u00fcr die globale R\u00fcstungsindustrie, Ergebnis der <a href=\"https:\/\/www.marx21.de\/israel-palaestina-und-der-weg-zum-frieden-in-nahost\/\">kolonialen Geschichte des Zionismus<\/a> und Folge des Appeasement der arabischen Nachbarstaaten. Ihm wohnt eine starke historische und ideologische Komponente inne, ganz besonders aus deutscher Sicht.<\/p>\n<p>Aber es ist trotzdem wichtig aufzuzeigen, wer hinter der Nebelwand aus Staatsr\u00e4son, \u00bbeinziger Demokratie im Nahen Osten\u00ab und biblischer Schein-Legitimation vom Vorgehen der israelischen Regierungen profitiert: eine illustre Runde an Kapitalist:innen aus aller Welt, die auf jeden Cent warten, den dieser Krieg und die Nachkriegspl\u00e4ne abwerfen. Sie sind die gr\u00f6\u00dften Feinde der dort lebenden Menschen, egal ob Muslim:innen oder J\u00fcd:innen, denn der Krieg ist ihr Gesch\u00e4ft.<\/p>\n<p>Die Begr\u00fcndung ist zwar im Zweifelsfall egal, wenn die Profite stimmen. Am besten aber l\u00e4sst sich das simple Streben nach Profit mit einem moralischen \u00dcberlegenheitsgef\u00fchl durchf\u00fchren und das gr\u00fcndet sp\u00e4testens seit dem 11. September 2001 auf dem andauernden Kampf des vermeintlich aufgekl\u00e4rten, demokratischen Westens gegen die Barbarei der muslimischen Welt.<\/p>\n<p>F\u00fcr den Widerstand gegen Krieg und Besatzung bedeutet das hierzulande \u2013 bei aller richtigen moralischen Entr\u00fcstung \u00fcber Israels Krieg \u2013 die ganz n\u00fcchternen Interessen, auch ganz besonders die deutscher Unternehmen, in den Blick zu nehmen. Denn bisher scheint der Anteil von Bauunternehmen, Waffenh\u00e4ndlern, IT und Logistik an der Besatzungspolitik in Pal\u00e4stina n\u00e4mlich haupts\u00e4chlich eins zu sein: von der deutschen Staatsr\u00e4son gedeckt.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.marx21.de\/die-oekonomie-von-besatzung-und-genozid\/\"><em>marx21.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 8. November 2024<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Daniel Kipka-Anton. 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