{"id":1505,"date":"2016-09-26T11:35:34","date_gmt":"2016-09-26T09:35:34","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=1505"},"modified":"2016-09-26T11:35:34","modified_gmt":"2016-09-26T09:35:34","slug":"polizeigewalt-in-paris-wir-werden-dich-vergewaltigen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=1505","title":{"rendered":"Polizeigewalt in Paris: &#8222;Wir werden dich vergewaltigen\u2026&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><strong>Gestern bin ich von der Polizei kontrolliert worden.&#8220; Dieser anonyme Erfahrungsbericht \u00fcber selbst erlebte Polizeigewalt wurde seit seiner Erstver\u00f6ffentlichung auf <a href=\"http:\/\/www.revolutionpermanente.fr\/Violences-policieres-On-va-te-violer-on-va-venir-chez-toi-on-va-venir-a-la-Sorbonne-vous-exterminer\">RevolutionPermanente.fr<\/a> Zehntausende Male gelesen.<\/strong><!--more-->Am Abend verlie\u00df ich einen Vorortbahnhof mit einer Freundin. Am Drehkreuz h\u00f6rt man Geschrei. Kein gew\u00f6hnliches Schreien, sondern ein intensives Schreien vor Schmerz und man versteht sofort, dass da was passiert. Wie alle anderen Umstehenden, ist auch mein Blick von dem gefesselt, was sich da zu unserer Linken abspielt. Einer schwarzen Frau, um die 50 Jahre alt, werden Handschellen angelegt. Es ist sie, die schreit, dass die Handschellen ihr die H\u00e4nde zerquetschen und dass sie nicht mehr kann. Zwischen ihr und der kleinen Menschenansammlung, die sich gebildet hat, sind um die 30 Polizist*innen, die noch dazu einen Polizeihund haben.<\/p>\n<p>Die Leute sind besorgt, die Stimmung ist sehr angespannt. Alle fragen sich, was passiert: Warum foltern sie diese Frau mitten auf der Stra\u00dfe? Die Szene ist wirklich pr\u00e4gend, sie \u00e4hnelt der nach dem <a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/tausende-protestieren-fuer-adama-traore-ein-opfer-rassistischer-polizeigewalt-in-frankreich\/\">Mord an Adama Troar\u00e9<\/a> oder den Bildern aus den Vereinigten Staaten: Eine Reihe Polizist*innen steht einer anderen Reihe aus Anwohner*innen gegen\u00fcber. Letztere, das ist klar, haben \u00fcberhaupt kein Vertrauen. Ein Mann erz\u00e4hlt, dass sein Bruder grundlos festgenommen wurde, er in Gewahrsam genommen und dann verletzt wurde. Die Polizist*innen sagen uns, dass sie uns \u201ebrechen\u201c wollen.<\/p>\n<p>Ich hatte Angst um das Opfer dieser Festnahme, Angst vor dieser rassistischen Szene, ich dachte, die Polizei w\u00fcrde v\u00f6llig au\u00dfer Kontrolle geraten. Ich nahm mein Handy heraus, um zu filmen, ich sagte mir, ich k\u00f6nnte die Dinge einfangen und das Niveau der Straflosigkeit senken. Aber das hat nicht l\u00e4nger als eine Minute gedauert. Einer der Bullen fasst mich an der linken Schulter und dreht mich um: <em>\u201eDu da, mit dir machen wir eine Identit\u00e4tskontrolle.\u201c<\/em> Ich frage warum, er entrei\u00dft mir mein Handy. Ich sage ihm, dass er ohne Durchsuchungsanordnung nicht das Recht habe, mein Handy zu untersuchen.<\/p>\n<p>Aber dann geht alles sehr schnell: Nachdem sie es geschafft haben, mich auf ihre Seite hinter die Polizeikette zu ziehen, setzten sie sich zu zweit auf mich und machen mir eine Schelle an jede Hand. Ein wahnsinniger Schmerz durchzieht meine Gelenke. Meine beiden Arme sind am R\u00fccken festgebunden, die zwei Typen, in diesen Positionen, die sie gelernt haben, nehmen ihre ganze Kraft, um mich gegen dem Boden zu dr\u00fccken. Mehrmals ziehen sie mich ein bisschen zur\u00fcck, dann werfen sie mich wieder auf den Boden, damit ich mich sto\u00dfe. Zuerst dachte ich, dass es darum ginge, mich einzusch\u00fcchtern und auf Abstand zu halten. Aber sie geben nicht nach. Mein Atem stockt und ich protestiere nicht mehr, ich denke, dass sie mich mitnehmen wollen wegen \u201eBeleidigung\u201c oder \u201eWiderstand\u201c und dass sie dabei sind, Beweise zu schaffen.<\/p>\n<p>Das Schlimmste war in Wirklichkeit nicht der Schmerz. Die beiden Bullen auf mir sind \u00fcberaufgeregt. Und sie lassen sich gehen. Glatze und blitzende Augen, ich kann mir kaum vorstellen, dass die Szene reell ist. <em>\u201eWir werden dich t\u00f6ten, du bist tot, wir machen dich fertig, ich t\u00f6te dich in zehn Minuten auf dem Platz.\u201c<\/em> Nach und nach weiten sich die Knorpel unter dem Druck aus, sie dr\u00fccken meine Handgelenke wieder in den R\u00fccken und erh\u00f6hen den Druck nochmal. Der linke legt seine Hand auf meinen Po. <em>\u201eHast du geglaubt, dass du mit der Polizei spielen k\u00f6nntest? Schau, wie wir mit dir spielen werden.\u201c<\/em> Er gibt mir einen ersten Knietritt. <em>\u201eWir werden dich vergewaltigen, gef\u00e4llt dir das? Ich werde dich vergewaltigen und danach werden wir sehen, ob du die Polizei nochmal filmst!\u201c<\/em><\/p>\n<p>Es geht weiter. <em>\u201eDu unterst\u00fctzt den IS, stimmt\u2019s?\u201c \u201eWenn sie kommen, was machst du dann?\u201c \u201eBl\u00e4st du ihnen einen?\u201c \u201eMan sollte nicht weinen und glauben, dass wir dich besch\u00fctzen.\u201c<\/em> Mir wurde erst sp\u00e4ter klar, dass sie \u00fcber den IS sprachen, um ihr Vorgehen gegen\u00fcber einer rassistisch diskriminierten Frau, die ihre Monatskarte vergessen hatte, zu rechtfertigen.<\/p>\n<p>Sie \u00f6ffnen meine Tasche und meine Brieftasche und leeren sie auf meinem R\u00fccken aus. Sie nehmen mir meine Kippen und sagen mir, ich solle mich darauf setzen. Sie finden meinen Ausweis als prek\u00e4re Lehrkraft an der Uni. <em>\u201eDu bist Lehrer? Wenn der Islamische Staat an die Sorbonne kommt, wirst du sie anschauen und dir einen runter holen?\u201c<\/em> Der linke sagt: <em>\u201eSchau mich an, dreckiger Schwuler. Dreckige Schlampe. Du wohnst dort, oder<\/em> (er deutet auf das Geb\u00e4ude, in dem ich wohne)<em>? Ich werde zu dir kommen, eine Maske aufsetzen und dich vergewaltigen.\u201c<\/em> Ich bin wirklich v\u00f6llig sprachlos, ich glaube, er hat dieselben Bedrohungen an die zwanzig Mal wiederholt. Ich habe mit politisierten Bullen zu tun, mit Bullen des dauerhaften Notstandes, die sich wie in einem Krieg gegen den IS benehmen, einen IS, den sie in jeder rassistisch diskriminierten Person erkennen und mit denen ich paktiert habe, indem ich mich solidarisch gezeigt habe.<\/p>\n<p>Jetzt wird es noch eine Stufe schlimmer. <em>\u201eJetzt werden wir dir ein paar Schl\u00e4ge mit dem Taser verpassen, du wirst sehen, wie sehr das sticht.\u201c<\/em> Und, immer noch der linke, jagt mir eine Ladung in den Arm. Ich zucke zusammen und zittere. Ich versuche es nicht zu zeigen, ich sage nichts, ich denke daran, dass die Situation jetzt v\u00f6llig eskalieren k\u00f6nnte. Dass sie mir noch eine Schelle anlegen oder dass sie mich mit ihrem Schlagstock verdreschen werden und dann mitnehmen. <em>\u201eDu wirst sterben.\u201c \u201eIch werde dich in den Arsch ficken.\u201c<\/em> Immer noch mit Ber\u00fchrungen. Und immer noch der Schmerz im Arm, in den Schultern, im R\u00fccken, ich denke, dass ich mich darauf einstellen muss, dass meine Gelenke nachgeben.<\/p>\n<p>Hinten h\u00f6re ich die Freundin, mit der ich gekommen bin, die schreit, dass sie mich loslassen sollen. Ich w\u00fcrde ihr gerne sagen, dass sie es bleiben lassen soll. Ich habe ein mulmiges Gef\u00fchl im Bauch: Was machen diese Schwachsinnigen, wenn sie mich erst festgenommen haben? Aber in der Zwischenzeit hat sich vielleicht die Menschenansammlung vergr\u00f6\u00dfert und die Gruppe von Polizist*innen m\u00fcsste wissen, dass diese Situation nicht unendlich andauern kann. Der, der mir den rechten Arm verdreht, sagt mir: <em>\u201eWir m\u00fcssen die Frau mitnehmen und sie wegen Widerstandes anzeigen.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Ich h\u00f6re, dass sie untereinander diskutieren. Einer der beiden l\u00e4sst meinen Arm los und sagt mir: <em>\u201eDu schaust den Boden an, du bewegst dich nicht, wenn doch, dann machen wir dir den Sch\u00e4del auf.\u201c<\/em> Ich bewege mich nicht. <em>\u201eWir werden zur Sorbonne kommen und euch vernichten, dich und deine Kolleg*innen, dreckige Linke.\u201c<\/em> Dann drehen sie mich um und ich befinde mich vor den hervorstechenden Augen des Polizisten, der meinen linken Arm hielt. <em>\u201eDu bist im \u00f6ffentlichen Dienst, dreckiger Bastard? Du wirst einen gesalzenen Bericht bekommen, deinen Titel kannst du vergessen.\u201c<\/em> Ich sage nichts. Sie st\u00fctzen sich auf meine Brust. <em>\u201eJetzt entschl\u00fcsselst du dein Handy und l\u00f6schst das Video.\u201c<\/em> Ich leiste dem Folge und sage mir, dass es in meinem Kopf ist, was gerade passiert ist und nicht auf den Bildern der statischen Menschenansammlung. Er nimmt mir das Handy weg, \u00f6ffnet das Fotodossier und schaut sich alles an.<\/p>\n<p>Dann pl\u00f6tzlich, k\u00fcmmert sich der Rest ihrer Gruppe um die Anwohner*innen, die sich angesammelt haben. Es geht schnell und \u00e4u\u00dferst gewaltt\u00e4tig. Ich sehe ihren Hund, wie er sich in die Leute wirft und ihre Pfefferspraydosen und ihre Schlagst\u00f6cke. Alle fliehen in Panik, darunter auch die \u00e4lteren Leute. Die beiden Polizist*innen, die mich angegriffen haben, werfen mir meine Brieftasche und deren Inhalt hin und rennen weg. Ich habe Angst um meine Freundin, ich sehe sie nicht. Aber ich sehe sie schlie\u00dflich, sie kommt zur\u00fcck und hatte es geschafft zu entkommen. Jetzt nichts wie nach Hause, den Bauch voll Wut und den Oberk\u00f6rper voller Schmerz und steif. Ich sage mir, dass diese rassistische Polizei noch viel weiter gegangen w\u00e4re, wenn ich selbst rassistisch diskriminiert w\u00fcrde. Ein Mann erz\u00e4hlt uns, dass das so seit dem Morgen in der ganzen Stadt sei. <em>\u201eIhr seht, wir machen nichts, aber sie verdreschen die Leute zuf\u00e4llig, um Probleme zu verursachen.\u201c<\/em> Wir best\u00e4rken uns gegenseitig, sprechen uns Mut zu. Das braucht es auch, aber daran fehlte es auch nicht.<\/p>\n<p>Auf dem Heimweg denke ich an ein Lied von D\u2019 de Kabal, das genau dieselbe Geschichte erz\u00e4hlt:<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/youtu.be\/Wt_dSGDmVmM\">D&#8216; de Kabal &#8211; ETAT D&#8217;URGENCE (Prod : Raan Rashane)<\/a><\/p>\n<p><em>Quelle\u00a0: \u00a0<\/em><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/polizeigewalt-in-paris-wir-werden-dich-vergewaltigen-wir-werden-dich-und-deine-kolleginnen-ausloeschen\/\">klassegegenklasse.org&#8230;<\/a><em>vom 26. September 2016<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gestern bin ich von der Polizei kontrolliert worden.&#8220; Dieser anonyme Erfahrungsbericht \u00fcber selbst erlebte Polizeigewalt wurde seit seiner Erstver\u00f6ffentlichung auf RevolutionPermanente.fr Zehntausende Male gelesen.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[7],"tags":[34,61],"class_list":["post-1505","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-international","tag-faschismus","tag-frankreich"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1505","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1505"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1505\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1506,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1505\/revisions\/1506"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1505"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1505"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1505"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}