{"id":15184,"date":"2025-01-06T12:59:38","date_gmt":"2025-01-06T10:59:38","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=15184"},"modified":"2025-01-06T12:59:39","modified_gmt":"2025-01-06T10:59:39","slug":"nord-stream-terroranschlag-wer-ist-verantwortlich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=15184","title":{"rendered":"\u201eNord-Stream-Terroranschlag \u2013 Wer ist verantwortlich?\u201c"},"content":{"rendered":"<p><em>Florian Warweg. <\/em><strong>Die wirtschaftlichen Motive der USA: <\/strong>Noch vor wenigen Jahren herrschte in der LNG-Branche der USA Katastrophenstimmung. Der Fracking-Boom Ende der 2010er-Jahre hatte f\u00fcr ein massives \u00dcberangebot von Erdgas gesorgt. Ab Beginn der 2020er-Jahre sank der Spotmarktpreis am US-Knotenpunkt Henry Hub auf unter f\u00fcnf Euro pro Megawattstunde. Zum Vergleich,<!--more--> derzeit (Stand Mitte Dezember 2024) liegt der Spotmarktpreis f\u00fcr Erdgas in der EU zwischen 43 und 50 Euro pro Megawattstunde. Die mit vielen Milliarden US-Dollar vom Finanzsektor ausgestattete US-Fracking-Branche und in logischer Folge auch signifikante Teile des US-Finanzsystems standen angesichts dieser Preisentwicklung <a href=\"https:\/\/reneweconomy.com.au\/climate-friend-or-carbon-bomb-global-gas-market-faces-1-3trn-stranded-asset-risk-80593\/\">vor dem Bankrott<\/a>. Denn die Investitionen waren, wie im Big Business der USA \u00fcblich, mit wenig Eigen-, aber sehr viel Fremdkapital get\u00e4tigt worden.<\/p>\n<p>Zur Verhinderung des sich anbahnenden Zusammenbruchs gab es eigentlich nur eine M\u00f6glichkeit: Expansion auf den EU-Markt und hier insbesondere auf den mit Abstand gr\u00f6\u00dften Erdgasimporteur mit einem j\u00e4hrlichen Bedarf von ungef\u00e4hr 100\u00a0Milliarden Kubikmeter: die Bundesrepublik Deutschland. Doch welches Interesse sollte Deutschland und sein Industriesektor haben, US-amerikanisches LNG-Gas zu importieren, welches (wohlgemerkt vor Kriegs- und Sanktionsbeginn) um den Faktor\u00a07 teurer war als das via Pipeline ins Land str\u00f6mende russische Erdgas? Auf freiwilliger und rationaler Entscheidungsgrundlage nat\u00fcrlich erst mal gar keins.<\/p>\n<p>Wie unter anderem der auf Energiefragen spezialisierte Journalist Jens Berger (Transparenzhinweis: zugleich mein NachDenkSeiten-Kollege) bereits umfassend <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=90151\">darlegte<\/a>, hat erst seit der Eskalation des Ukrainekrieges und den damit verbundenen EU-Sanktionen gegen Russland der Preis f\u00fcr Fracking-Gas ein Niveau erreicht, das es den US-Energiekonzernen erm\u00f6glicht, Geld zu verdienen und nicht\u00a0\u2013 wie die Jahre zuvor\u00a0\u2013 massiv Geld zu verlieren.<\/p>\n<p>Doch selbst diese Entwicklung stand bis Sommer 2022 noch auf einer nicht besonders nachhaltigen wirtschaftlichen Grundlage. Erst die Sprengung der Nord-Stream-Pipelines hat letzten Endes den Weg frei gemacht, um die EU und insbesondere Deutschland langfristig zu Abnehmern der US-amerikanischen Erdgas-\u00dcbersch\u00fcsse zu machen und den Preis auch langfristig auf einem f\u00fcr US-Frackinggas-Produzenten profitablen Niveau zu halten. Die damit verbundene neue Erdgas-Abh\u00e4ngigkeit ihres EU-\u201ePartners\u201c passt den US-Amerikanern fraglos ebenfalls ins globalstrategische Dominanz-Konzept. Nach einer Studie des Energiewirtschaftlichen Instituts an der Universit\u00e4t K\u00f6ln (EWI) werden die USA bereits vor 2030 mit einem <a href=\"https:\/\/www.ewi.uni-koeln.de\/cms\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/EWI_Endbericht_Zukunft_Gas_Globale_Gasmaerkte_2022-09-21.pdf\">antizipierten Exportvolumen nach Deutschland von rund 40\u00a0Prozent<\/a> dieselbe dominante Rolle einnehmen wie Russland vor dem Ukraine-Krieg.<\/p>\n<p>Soviel auch zur \u201eReduzierung\u201c der energiepolitischen Abh\u00e4ngigkeit der EU, die Washington ja angeblich so am Herzen liegt.<\/p>\n<p>Vieles deutet vor diesem Hintergrund auf eine T\u00e4terschaft der USA hin. Der renommierte US-amerikanische Investigativjournalist Seymour Hersh, der unter anderem das My-Lai-Massaker der US-Armee in Vietnam aufdeckte, ver\u00f6ffentlichte am 8.\u00a0Februar 2023 einen aufsehenerregenden Artikel unter dem Titel \u201eWie Amerika die Nord-Stream-Pipeline ausschaltete\u201c. Die meisten von Ihnen werden diesen Artikel kennen. Mit Verweis auf einen Whistleblower legt er <a href=\"https:\/\/seymourhersh.substack.com\/p\/how-america-took-out-the-nord-stream\">detailliert dar<\/a>, wie die USA und Norwegen die Sprengung der Nord-Stream-Pipelines durchf\u00fchrten. Der US-Auslandsgeheimdienst CIA dementierte erwartungsgem\u00e4\u00df und erkl\u00e4rte: \u201eDiese Behauptung ist v\u00f6llig und vollkommen falsch.\u201c Wie unkritisch dieses CIA-Narrativ dann von deutschen Leitmedien bis heute wiedergek\u00e4ut wird, ist nochmal ein ganz eigenes Thema, auf das ich sp\u00e4ter auch noch eingehen werde.<\/p>\n<p>Doch ganz unabh\u00e4ngig davon, ob die USA f\u00fcr die Sprengung von Nord Stream verantwortlich zeichnen oder nicht, sie sind nachweislich die gr\u00f6\u00dften wirtschaftlichen Profiteure der Tat. Vor diesem Hintergrund erlangt die Bemerkung von US-Au\u00dfenminister Blinken wenige Tage nach dem Anschlag noch mal eine ganz andere Relevanz. Blinken hatte am 30.\u00a0September 2022 auf einer Pressekonferenz anl\u00e4sslich des Besuches seiner kanadischen Amtskollegin M\u00e9lanie Joly die Zerst\u00f6rung der Nord-Stream-Pipelines unumwunden zu einer \u201eenormen strategischen Chance\u201c f\u00fcr die USA <a href=\"https:\/\/www.state.gov\/secretary-antony-j-blinken-and-canadian-foreign-minister-melanie-joly-at-a-joint-press-availability\/\">erkl\u00e4rt<\/a>.<\/p>\n<p>Ich zitiere:<\/p>\n<p><em>\u201eWir sind jetzt der f\u00fchrende Lieferant von Fl\u00fcssigerdgas f\u00fcr Europa\u00a0[\u2026]. Dies ist auch eine enorme Chance. Es ist eine enorme Chance, die Abh\u00e4ngigkeit von russischer Energie ein f\u00fcr alle Mal zu beseitigen. Das ist sehr bedeutsam und bietet eine enorme strategische Chance f\u00fcr die kommenden Jahre.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Worin die \u201eenormen strategischen Chancen\u201c f\u00fcr die USA bestehen, habe ich ja bereits skizziert, will das aber noch kurz konkreter ausf\u00fchren, was das f\u00fcr die USA und Europa, insbesondere Deutschland, hei\u00dft. Das, was ich jetzt schildern werde, hat mir Ende letzter Woche in einem Gespr\u00e4ch ein Erdgaslogistiker dargelegt.<\/p>\n<p>Laut ihm w\u00fcrden derzeit von den USA aus jede Woche rund 20 Fl\u00fcssiggastanker nach EU-Europa fahren. Ein einziger Tanker fasst 1,4 Terawattstunden. Erdgas kostet in den USA aktuell etwa 9 Euro\/MWh. Die Umwandlung in Fl\u00fcssigerdgas und der Transport w\u00fcrden zus\u00e4tzlich nochmal mit rund 10 bis 15 Euro\/MWh zu Buche schlagen. Verkauft wird das US-Erdgas an Europa derzeit zu Preisen zwischen 40 bis 50 Euro\/MWh. (F\u00fcr die Kopfrechner hier unter Ihnen, 1000 Megawattstunden = 1 Gigawattstunde (GWh),\u00a01000 Gigawattstunden\u00a0= 1 Terawattstunde (TWh).)<\/p>\n<p>Die USA verdienen also mit ihrem Erdgasexport nach Europa grob gerechnet etwa eine Milliarde Euro pro Woche. Pro Woche! Das hei\u00dft, aus einem langj\u00e4hrigen Minusgesch\u00e4ft haben die USA mittlerweile dank der europ\u00e4ischen und insbesondere deutschen Abnehmer eine Goldgrube gemacht und zugleich ihrer Industrie einen zuvor ungekannten Wettbewerbsvorteil in Bezug auf die europ\u00e4ische Konkurrenz verschafft.<\/p>\n<p><strong>Polen, der untersch\u00e4tzte Akteur in der Causa Nordstream <\/strong><\/p>\n<p>Der Beschluss zum Bau von Nord Stream\u00a01 fiel in den beginnenden polnischen Wahlkampf des Jahres 2005 und wurde insbesondere von der rechtskonservativen Partei \u201eRecht und Gerechtigkeit\u201c (allgemein als PiS bekannt) entsprechend genutzt. Das regierende katholisch-nationale Lager nannte das deutsch-russische Pipelineprojekt wortw\u00f6rtlich eine \u201eExistenzbedrohung\u201c. Die Kaczy\u0144ski-Br\u00fcder sprachen in diesem Zusammenhang von einem \u201eSchr\u00f6der-Putin-Pakt\u201c, in direkter Anspielung auf den \u201eHitler-Stalin-Pakt\u201c von 1939.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich d\u00fcrfte die polnische Ablehnung des gesamten Nord-Stream-Projektes aber weniger von sicherheitspolitischen \u00dcberlegungen bestimmt gewesen sein als von handfesten finanziellen Interessen\u00a0\u2013 getragen von der Sorge, durch Nord Stream perspektivisch die millionenschweren Transitgeb\u00fchren zu verlieren, die Warschau Jahr f\u00fcr Jahr aus Moskau erhielt. Denn unabh\u00e4ngiger will man in Warschau nur von Gas-Importen f\u00fcr den eigenen Verbrauch werden. Beim Transit hat Polen sehr wohl Interesse an m\u00f6glichst hohen Gasmengen aus Russland, denn diese sorgen f\u00fcr entsprechende Geb\u00fchreneinnahmen. Damit wird auch klar, weshalb Polen zwar alles in seiner Macht Stehende tat, um die Ostseepipeline Nord Stream zu verhindern, sich aber gleichzeitig nachdr\u00fccklich f\u00fcr den Ausbau der mit russischem Gas gespeisten landgebundenen Jamal-I-Pipeline mit einem zweiten Strang einsetzte, der nat\u00fcrlich \u00fcber Polen verlaufen sollte.<\/p>\n<p>Zum anderen \u2013 und wohl noch relevanter \u2013 sind die seit Jahren in Warschau gehegten und zum gro\u00dfen Teil schon umgesetzten Pl\u00e4ne, wie etwa die <em>taz <\/em>in einem Artikel von Anfang Februar 2022 mit dem Titel <a href=\"https:\/\/taz.de\/Konflikt-zwischen-Russland-und-Ukraine\/!5830831\/\">\u201ePolen hofft auf Gesch\u00e4ft mit Gas\u201c<\/a> ausf\u00fchrt. Ich zitiere, wohlgemerkt aus der <em>taz<\/em>:<\/p>\n<p><em>\u201ePolen will gemeinsam mit den USA den zentraleurop\u00e4ischen Gasmarkt neu aufrollen und den Deutschen das bisherige Transfergesch\u00e4ft abnehmen. Zu diesem Zweck hat Polen in Norwegen ausgedehnte Gasf\u00f6rderfelder gekauft, baut zurzeit die Baltic Pipe durch die Ostsee und errichtete an der Ostseek\u00fcste bereits gigantische Gaszisternen, in denen das Fl\u00fcssiggas aus den USA wieder in Gas verwandelt und dann vor allem exportiert werden soll. Das seit vielen Jahren geplante Gesch\u00e4ft wird aber nur dann ordentlich Gewinn abwerfen, wenn Nord Stream 2 nicht an den Start geht und so kein g\u00fcnstiges Gas nach ganz Europa liefert.\u201c <\/em><\/p>\n<p>Diese immensen, von Polen mit expliziter US-Unterst\u00fctzung seit Jahren get\u00e4tigten Investitionen in Gas-Infrastruktur hatten, wie die <em>taz<\/em> ja auch ausf\u00fchrt, von Beginn an eigentlich nur wirtschaftliche Erfolgsaussichten, wenn Nord Stream\u00a02 nicht an den Start geht. Und wirklich Gewinn abwerfen k\u00f6nnte dieses Projekt nur, wenn auch Nord Stream\u00a01 nicht mehr in Betrieb w\u00e4re.<\/p>\n<p>Bezeichnenderweise er\u00f6ffneten Regierungsvertreter Polens, D\u00e4nemarks und Norwegens die explizit als Alternativ-Pipeline zu russischem Gas konzipierte \u201eBaltic Pipe\u201c just am 27.\u00a0September 2022, also nur einen Tag nach dem Sabotageakt gegen Nord Stream. Anl\u00e4sslich der Einweihung <a href=\"https:\/\/biznes.wprost.pl\/gospodarka\/infrastruktura\/10878148\/morawiecki-o-wybuchach-w-nord-stream-w-dniu-otwarcia-baltic-pipe-bardzo-dziwny-zbieg-okolicznosci.html\">erkl\u00e4rte<\/a> der polnische Ministerpr\u00e4sident Morawiecki:<\/p>\n<p><em>\u201eDiese Gaspipeline bedeutet das Ende der \u00c4ra der Abh\u00e4ngigkeit von russischem Gas. Sie ist auch eine Gaspipeline der Sicherheit, Souver\u00e4nit\u00e4t und Freiheit nicht nur f\u00fcr Polen, sondern in Zukunft auch f\u00fcr viele andere.\u201c\u200a<\/em><\/p>\n<p>Damit ist wohl der Kern des massiven polnischen Widerstands gegen das Nord-Stream-Projekt offengelegt.<\/p>\n<p><strong>Lasst mich kurz ein Zwischenfazit ziehen: <\/strong><\/p>\n<p>W\u00e4hrend die deutsche und russische Wirtschaft sowie Politik ein nachvollziehbares Interesse hatten, ab Anfang der 2000er-Jahre ihre Energiepartnerschaft zu verst\u00e4rken und mit Nord Stream \u00fcber eine Pipeline zu verf\u00fcgen, die sie unabh\u00e4ngig macht von unzuverl\u00e4ssigen Transferl\u00e4ndern mit ganz eigenen Agenden, sieht es insbesondere im Falle der USA und Polens genau spiegelverkehrt aus. Sowohl in Washington wie in Warschau sah und sieht man eine zunehmende Zusammenarbeit von Berlin und Moskau seit Jahrzehnten mit Argusaugen und versucht alles, um diese zu verhindern.<\/p>\n<p>Wenn Drohungen in der Vergangenheit nicht halfen, wurde auch auf Gewalt zur\u00fcckgegriffen. Erinnert sei nur an die Explosion der sowjetischen Tscheljabinsk-Pipeline im Sommer 1982 aufgrund einer CIA-Operation mit manipulierter Software. Diese brachte die Einstellungen von Pumpen, Turbinen und Ventilen der Gasversorgung so durcheinander, dass die Leitung explodierte. Die Explosion soll eine <a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunkkultur.de\/hacken-im-kalten-krieg-von-den-anfaengen-des-cyberwars-100.html\">Sprengkraft von vier Kilotonnen<\/a> gehabt haben. Zuvor hatten die USA ab Februar 1982 der Bundesrepublik Deutschland massiv mit Konsequenzen gedroht, w\u00fcrde man das im November 1981 mit der Sowjetunion abgeschlossene Industrieabkommen zum Bau von Pipelines und der Lieferung von sibirischem Erdgas im Gesamtvolumen von j\u00e4hrlich 16\u00a0Milliarden Mark nicht aufk\u00fcndigen. Der Unterschied zu heute?<\/p>\n<p>Der damalige Kanzler Helmut Schmidt lie\u00df sich nicht einsch\u00fcchtern und erkl\u00e4rte an die USA gewandt:<\/p>\n<p><em>\u201eDa k\u00f6nnen andere noch so viel quaken, es bleibt bei dem Gesch\u00e4ft.\u201c <\/em><\/p>\n<p>Jetzt bin ich weit davon entfernt, einen Helmut Schmidt zu idealisieren, aber der Unterschied zur Reaktion des derzeit noch amtierenden Kanzlers ist eklatant.<\/p>\n<p>Aufschlussreich ist \u00fcbrigens auch die damalige <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/der-unverziehene-strang-nach-osten-a-7e646f14-0002-0001-0000-000014337181\">Hauptbegr\u00fcndung<\/a> des US-Kongresses f\u00fcr das Missfallen an dem Deal:<\/p>\n<p><em>\u201eUnsere Gesch\u00e4ftsleute werden aus dem \u00f6stlichen Markt heraus sein.\u201c\u200a<\/em><\/p>\n<p>Und damit sind wir auch wieder bei einem der Schl\u00fcsselergebnisse der Zerst\u00f6rung von Nord Stream und des Sanktionsregimes gegen Russland. Es f\u00e4llt ins Auge, dass sowohl das gesamte Business-Modell f\u00fcr das US-amerikanische Frackinggas als auch die im Verlauf der letzten Jahre get\u00e4tigten umfassenden Investitionen auf polnischer Seite in LNG-Infrastruktur mit dem Ziel des weiteren Exports wirtschaftlich eigentlich nur Sinn machen, wenn die entsprechenden Akteure bereits bei der Planung davon ausgingen, dass man zeitnah in der Lage w\u00e4re, den deutschen sowie den weiteren EU-Gasmarkt f\u00fcr sich zu gewinnen. Dieses Ziel war aber nur erreichbar, wenn es Washington und Warschau gelingen w\u00fcrde, Russland als zentralen und etablierten Exporteur aus diesem Markt herauszudr\u00e4ngen. Was vor wenigen Jahren noch in den Augen vieler Experten als US-amerikanischer und polnischer Wunschtraum galt, ist nach den Ereignissen des 24.\u00a0Februar und 26.\u00a0September 2022 zu einer Tatsache geworden.<\/p>\n<p>Das ber\u00fchmte i-T\u00fcpfelchen ist dann nat\u00fcrlich die Ende November bekannt gewordene Tatsache, dass der bekannte US-Investor Stephen P. Lynch (wie zuerst die\u00a0<em>Washington Post<\/em>\u00a0<a href=\"https:\/\/archive.ph\/tyuv7#selection-7405.152-7427.264\">berichtet<\/a>\u00a0hat) einen Antrag beim US-Finanzministerium gestellt hat, um den verbliebenen Strang von Nord Stream 2 zu kaufen. Lynchs Argumentation gegen\u00fcber dem US-Finanzministerium und US-Senatoren lautete wie folgt \u2013 ich zitiere kurz:<\/p>\n<p><em>\u201eDies ist eine einmalige Gelegenheit, die europ\u00e4ische Energieversorgung f\u00fcr den Rest der \u00c4ra der fossilen Brennstoffe zu kontrollieren. Dies dient den langfristigen Interessen der USA\u201c.<\/em><\/p>\n<p>Bereits im Februar 2024 hatte Lynch beim US-Finanzministerium eine Lizenz beantragt und auch erhalten, die es ihm erm\u00f6glicht, mit Unternehmen, die derzeit US-Sanktionen unterliegen, \u00fcber den Kauf der Pipeline zu verhandeln. Hintergrund ist das derzeit laufende Insolvenzverfahren gegen die in der Schweiz ans\u00e4ssige Nord Stream AG, in deren Besitz sich Nord Stream 2 befindet.<\/p>\n<p>F\u00fcr das Schweizer Insolvenzverfahren gilt eine \u201eharte Frist\u201c bis Januar 2025, danach steht die Liquidation und Versteigerung von Nord Stream 2 an. Es d\u00fcrfte nach Ende des Krieges, so die weitere Argumentation des US-Investors gegen\u00fcber dem US-Finanzministerium, sowohl f\u00fcr Russland als auch f\u00fcr die ehemaligen Kunden in Deutschland und allgemein in Europa \u201everlockend\u201c sein, die Pipeline wieder in Betrieb zu nehmen, unabh\u00e4ngig davon, wem sie geh\u00f6rt.<\/p>\n<p>Aus dem politischen Raum in Washington ist zu h\u00f6ren, dass der k\u00fcnftige US-Pr\u00e4sident Donald Trump sich durchaus an dem Kauf interessiert zeigt, gerade auch vor dem Hintergrund, bei Verhandlungen mit Moskau \u00fcber einen weiteren Trumpf in der Hinterhand zu verf\u00fcgen. Als ich vorletzte Woche in der BPK Regierungssprecher Hebestreit ansprach, wie denn die Bundesregierung gedenkt, auf dieses Kaufvorhaben der USA zu reagieren, <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=125377\">erkl\u00e4rte<\/a> dieser:<\/p>\n<p>\u201e<em>Da muss ich mich schlau machen. Ich habe zu dem, was Sie erw\u00e4hnen, auch Meldungen gelesen, aber da habe ich keinen aktuellen Stand, da muss ich mich schlau machen.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Es er\u00fcbrigt sich wohl zu erg\u00e4nzen, dass dazu von Hebestreit nichts mehr \u201enachgereicht\u201c wurde.<\/p>\n<p><strong>Und damit kommen wir jetzt auch zur medialen und politischen Aufkl\u00e4rung bzw. Nicht-Aufkl\u00e4rung in der Causa Nord Stream.<\/strong><\/p>\n<p>Zun\u00e4chst f\u00e4llt auf, dass au\u00dfer der Linkspartei, dann sp\u00e4ter BSW und der AfD keine weitere Bundestagsfraktion Interesse an einer Aufkl\u00e4rung zeigt. Entsprechende Anfragen an die Bundesregierung kommen nur von diesen kleineren Oppositionsparteien. Wobei die meisten Fragen der MdBs und genannten Fraktionen bzw. Gruppen, wie etwa nach entsprechenden Radaraufnahmen der Bundesmarine, von der Bundesregierung mit Verweis auf \u201eGeheimhaltungsinteressen\u201c oder \u201eStaatswohlgef\u00e4hrdung\u201c schlicht nicht beantwortet werden. Die mit Abstand gr\u00f6\u00dfte Oppositionsfraktion im Bundestag, die CDU\/CSU, hat keine einzige Anfrage zu Nord Stream an die amtierende Bundesregierung formuliert.<\/p>\n<p>Die Gr\u00fcnen zeigen sich, obwohl das von ihnen gef\u00fchrte Bundesumweltministerium auf Anfrage erkl\u00e4rte, dass das aus den Pipelines entwichene Gas wohl zu Emissionen von 7,5 Millionen Tonnen CO2-\u00c4quivalenten f\u00fchrte, ebenso wenig an Aufkl\u00e4rung interessiert.<\/p>\n<p>Sinnbildlich f\u00fcr die Haltung der Ampelkoalition ist die Aussage des SPD-Bundestagsabgeordneten Timon Gremmels, der am 28. September 2022 im Namen der Ampel-Koalition anl\u00e4sslich einer wegen der Zerst\u00f6rung der Nord-Stream-Pipelines einberufenen \u201eAktuellen Stunde\u201c erkl\u00e4rte \u2013 ich zitiere:<\/p>\n<p>\u201e<em>Es ist v\u00f6llig gleichg\u00fcltig, ob Nord Stream 1 und Nord Stream 2 nun Lecks haben, wie diese Lecks entstanden sind, ob das Anschl\u00e4ge waren, wer hinter den Anschl\u00e4gen steckt, weil aus der einen Pipeline noch nie Gas gekommen ist und es aus der anderen seit Wochen kein Gas mehr gegeben hat. \u2013 Das ist v\u00f6llig irrelevant.\u201c <\/em><\/p>\n<p>Das muss man \u2013 so finde ich, erstmal sacken lassen. Der Vertreter der gr\u00f6\u00dften Regierungspartei erkl\u00e4rt im Rahmen einer extra einberufenen Aktuellen Stunde im Bundestag wegen eines mutma\u00dflichen Terroranschlags gegen zivile Infrastruktur wortw\u00f6rtlich:<\/p>\n<p>\u201e<em>Es ist v\u00f6llig gleichg\u00fcltig, wer hinter den Anschl\u00e4gen steckt.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Und an dieser Haltung h\u00e4lt man in der Ampel, bzw. was davon \u00fcbrig ist, bis heute fest.<\/p>\n<p>Die Justiz verh\u00e4lt sich \u00e4hnlich indifferent. Hier sei beispielhaft darauf verwiesen, dass im Oktober 2022 die russische Generalstaatsanwaltschaft die BRD um Zusammenarbeit bei der Aufkl\u00e4rung des Nord-Stream-Anschlags ersucht hat. In einer diplomatischen Provokation, die ihresgleichen sucht, hat das deutsche Justizministerium zun\u00e4chst erstmal drei Monate gar nicht reagiert und dann ein Schreiben aufgesetzt, in welchem eine Zusammenarbeit abgelehnt wird. Begr\u00fcndung: \u201eBeeintr\u00e4chtigung wesentlicher Interessen der Bundesrepublik\u201c. Diese Haltung besteht bis heute. Den sehr aufschlussreichen Schriftverkehr zwischen deutschen und russischen Beh\u00f6rden bzgl. der NordStream-Ermittlungen kann man im Dokumentensystem der UN nachlesen. Dar\u00fcber, dass dieser Schriftverkehr im UN-Dokumentensystem ver\u00f6ffentlicht wurde, zeigte sich das deutsche AA \u00fcbrigens sehr emp\u00f6rt.<\/p>\n<p><strong>Medial sieht das Aufkl\u00e4rungsinteresse nicht besser aus<\/strong><\/p>\n<p>Monatelang zeigten sich bundesdeutsche \u201eLeitmedien\u201c komplett desinteressiert an der Aufkl\u00e4rung des Terroranschlags gegen eines der teuersten zivilen Infrastrukturprojekte Europas. Das \u00e4nderte sich schlagartig, als am 8. Februar 2023, wie bereits erw\u00e4hnt, der bekannte Investigativjournalist Seymour Hersh eine\u00a0<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=93548\">Recherche<\/a>\u00a0ver\u00f6ffentlichte, in welcher er nachzeichnete, wie laut seinen Informationen US-Spezialeinheiten auf direkten Befehl von US-Pr\u00e4sidenten Joe Biden die Sprengung durchf\u00fchrten. Danach gab es kein Halten mehr. Erst wurde versucht, Hersh und seine Recherche zu\u00a0<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=93624\">diffamieren,<\/a>\u00a0dann wurde mit eigenen \u201eRecherchen\u201c nachgelegt. Keine \u201eTheorie\u201c war zu abwegig, Hauptsache die USA waren nicht mehr als potenzielle T\u00e4ter im Fokus. Sie kennen alle die von Tagesschau und Zeit als \u201einvestigativ\u201c verkaufte Segelschiff-Nummer (Andromeda) mit zwei Tauchern, die dann direkt nach Ver\u00f6ffentlichung korrigiert werden musste, weil man \u201epl\u00f6tzlich\u201c nach Leserhinweisen u.a. bemerkte, dass die unter Verweis auf angeblich mehrere Quellen angegebene Route \u00fcber den Bodden am Wieck am Dar\u00df mit einer maximalen Wassertiefe von 2 Metern bei einem Boot mit einem Tiefgang von 2,3 Meter schlicht unm\u00f6glich war. Die Segelschiffnummer inklusive der auf dem Tisch der Andromeda versehentlich vergessenen Sprengstoffreste ist bis heute das dominante Narrativ in den Leitmedien und auch die Ergebnisse des Generalbundesanwalts weisen angeblich in diese Richtung.<\/p>\n<p>Den mit Abstand absurdesten Erkl\u00e4rungsansatz pr\u00e4sentierte im M\u00e4rz 23 dann die S\u00fcddeutsche, die mit Verweis auf \u201enordische Geheimdienste\u201c erkl\u00e4rte, ein ukrainischer Oligarch h\u00e4tte sich den Terrorakt anl\u00e4sslich seines Geburtstages am 26. September geg\u00f6nnt und privat organisiert und finanziert. Der einzige bekannte ukrainische Oligarch, der an diesem Tag Geburtstag hat, ist \u00fcbrigens der ehemalige ukrainische Pr\u00e4sident Poroschenko. Danach wurde angefangen, ausgehend von <em>t-online<\/em>, mit erneutem Verweis auf nordische Geheimdienste, den Finger wieder ganz direkt auf Moskau zu richten, denn \u201erussische Kriegsschiffe\u201c h\u00e4tten sich in mittelbarer Tatortn\u00e4he befunden. Betitelt wird das Ganze dann mit \u201eSpuren des Anschlags f\u00fchren nach Russland\u201c. Als Seymour Hersh dann Ende September 2023 wiederum nachlegte und mit Verweis auf CIA-Quellen, erkl\u00e4rte, dass Kanzler Olaf Scholz \u201evoll im Bilde\u201c gewesen sei \u201e\u00fcber die geheimen US-Pl\u00e4ne zur Zerst\u00f6rung der Pipeline\u201c herrschte wieder mehrheitlich Schweigen im bundesdeutschen Bl\u00e4tterwald.<\/p>\n<p>Auf meine diesbez\u00fcglichen Fragen in der Bundespressekonferenz gibt es die Standardantwort, die Bundesregierung sei nicht zust\u00e4ndig, ich solle mich doch an den Generalbundesanwalt wenden, der sei zust\u00e4ndig. Herr Warweg, Sie wissen doch wir leben hier in einer Demokratie mit Gewaltenteilung. Und diese \u201eAntwort\u201c kommt, egal was ich frage. Dies auch bei Fragen f\u00fcr die eindeutig die BR zust\u00e4ndig ist, etwa ob die BR dem Vorschlag China zustimme, die Untersuchungen zu Nord Stream international unter Aufsicht der Vereinten Nationen durchzuf\u00fchren. Wenn man auf die Rolle der USA verweist, und lediglich fragt, ob die Bundesregierung denn Informationen hat, die einen T\u00e4terschaft der USA ausschlie\u00dfen, dann hei\u00dft es, diese Unterstellung werde mit \u201eAbscheu und Emp\u00f6rung\u201c zur\u00fcckgewiesen. Und w\u00e4hrend es etwa zur Lage in Gaza durchaus kritische Fragen von Kollegen in der BPK gibt, wird das Thema Nordstream erstaunlicher Weise wirklich von keinem anderen Journalisten in der BPK aufgegriffen.<\/p>\n<p><strong>Fazit:<\/strong><\/p>\n<p>Der Umgang mit dem Nord Stream-Terrorakt wirft ein erschreckendes Licht auf den Zustand der deutschen Medienlandschaft. ARD, ZDF, ZEIT, S\u00fcddeutsche, Der SPIEGEL, kurz gesagt das gesamte Spektrum der deutschen \u201eLeitmedien\u201c, hat sich im Zuge der Nord Stream-Ermittlungen daf\u00fcr instrumentalisieren lassen, von Geheimdiensten und anderen staatlichen Beh\u00f6rden durchgestochene \u201eInformationen\u201c in die \u00d6ffentlichkeit zu streuen, ohne dies in irgendeiner Form kritisch zu reflektieren. Im Gegenteil, die genannten Medien haben sogar die Unverfrorenheit, das allem Anschein nach v\u00f6llig unverifizierte Durchreichen von Informationen \u201eaus Ermittlerkreisen\u201c (siehe das schon erw\u00e4hnte Beispiel \u201eWieck am Dar\u00df\u201c) dem Leser als eigene \u201eRecherche\u201c und \u201eExklusiv\u201c zu verkaufen.<\/p>\n<p>Dass staatliche Beh\u00f6rden und insbesondere Geheimdienste ihre ganz eigenen Agenden haben und daf\u00fcr auch im Zweifel Journalisten missbrauchen, scheint den sonst so auf ihre Reputation bedachten Redaktionen in Berlin, Hamburg oder M\u00fcnchen nicht in den Sinn zu kommen. Doch muss man sich mittlerweile fragen, ob das wirklich nur Naivit\u00e4t ist, oder ob sich hier ein signifikanter Teil der Medienschaffenden bewusst instrumentalisieren lie\u00df und l\u00e4sst.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=126797\"><em>nachdenkseiten.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 6. Januar 2025<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Florian Warweg. Die wirtschaftlichen Motive der USA: Noch vor wenigen Jahren herrschte in der LNG-Branche der USA Katastrophenstimmung. Der Fracking-Boom Ende der 2010er-Jahre hatte f\u00fcr ein massives \u00dcberangebot von Erdgas gesorgt. 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